Türchen 15: Maxi Arnold

In einer teils orientierungslosen Mannschaft gibt der Anführer zumindest ein wenig Halt. Maxi Arnold kommt aus der Tiefe des linken Halbraums und verteilt die Bälle in Manier eines smarten Spielmachers.

Zugegeben, es ist nicht einfach, Maxi Arnold als Systemträger des VfL Wolfsburg auszumachen. Das liegt aber vornehmlich daran, dass die Identifizierung eines Wölfe-Systems alles andere als leicht fällt. Natürlich gab es Phasen unter Oliver Glasner, in denen alles einer nachvollziehbaren Struktur folgte und Spielerrollen klar definiert waren. In dieser Saison kann davon nicht die Rede sein, aber das zunächst nur am Rande.

Maxi Arnold hat sich über Jahre hinweg zu einer Art Toni Kroos der Autostadt entwickelt. Mit seiner Vorliebe für den linken Halbraum, seiner Positionierung tief vor der Abwehr und seinen seitlichen wie auch vertikalen Anspielen über die linke Seite erinnert er schon ein Stück weit an den Strippenzieher von Real Madrid. Manch einer mag deshalb Arnolds Spielstil auch als langweilig oder risikoarm missachten, was Kroos schließlich auch seit seiner Transformation zum Sechser stetig widerfahren ist.

Quelle: Twenty3

Was allerdings bei Arnold – wie auch bei Kroos – gerne übersehen wird: Sie erzielen Raumgewinne und schieben die eigene Mannschaft methodisch, aber eben doch effektiv nach vorn. Und seien es nur die kurzen 15-Meter-Anspiele auf den vor ihn postierten Außenstürmer, meist wird eine Linie so zumindest teilweise überwunden. Gelegentlich ist es sogar die Subtilität, mit der Arnold etwa den nächsten Vorwärtspass spielt, die den Gegner gewissermaßen in Sicherheit wähnt.

Absichern und Andribbeln

Dabei treibt Arnold nicht nur seine Mannschaft voran, sondern schafft Pass- und Ballsicherheit. Er ist durch sein Driften zur linken Seite – gepaart mit seinem starken Umschauverhalten – meist anspielbar, gibt den Innenverteidigern eine Option und kann auch beim Rückwärtspressing des Gegners den Ball unter Kontrolle halten und absichern. Handelt er zudem schnell genug, geht der Angriff direkt weiter und die vorderste gegnerische Pressinglinie ist komplett aus dem Spiel.

Des Weiteren kreiert Arnold einen dezidierten Fokus auf die Wolfsburger linke Seite, wodurch sich in ballfernen Räumen meist weitere Optionen ergeben. Arnold bespielt diese Räume oftmals nicht selbst, sondern bleibt nach Vorwärtspässen lieber als Absicherung etwas tiefer, aber er bereitet zumindest Verlagerungsbälle und ballferne Offensivsprints, für die ein Ridle Baku etwa wie gemacht ist, vor.

Die Grundformation von Wolfsburg gegen Köln gestern Abend.

Dass Arnold zudem als Absicherung zurückbleibt, gibt ihm weitere Handlungsmöglichkeiten, sollte er einen Rückpass erhalten. Normalerweise hat sich dann das Feld vor ihm schon zusammengeschoben. Folglich dribbelt er ein wenig an, provoziert den Druck und die Enge um ihn herum und kreiert erneut Freiräume für Mitspieler. Arnold ist kein selbstloser Spieler, aber eine Art Problemstifter und Optionenproduzent.

Er sorgt für Konstruktivität

Doch die Frage bleibt, weshalb nun gerade Arnold der Systemträger des VfL sein soll. Hierbei ähnelt die Argumentation ein wenig jener vom Text zu Lars Stindl, insofern, dass Arnold einem ansonsten teilweise zahnlosen System signifikant mehr Durchschlagskraft gibt. Die Wolfsburger zeichnen sich nicht durch ihre Spieleröffnung aus und sind sehr schematisch in den ersten Phasen des Spielaufbaus. Deshalb sind Arnolds driftende Bewegungen, seine phasenweise Überlagerung der linken Seite und insgesamt seine spielmacherischen Fähigkeiten von hinten umso gefragter.

Ohne ihn würden die Wölfe womöglich noch viel mehr lange Bälle bolzen und noch weniger konstruktive Angriffe zustande bekommen. Dass Arnold bei weitem noch mehr kann, hat er vereinzelt im Trikot der Nationalmannschaft unter Beweis gestellt, aber dort bieten sich ihm naturgemäß ganz andere Möglichkeiten im Kombinationsspiel. Beim VfL geht es darum, dass er Akzente setzt, den Gegner gegebenenfalls auf eine Seite zieht und Räume für seine Mitspieler kreiert. Er glänzt dadurch nicht immer auf den ersten Blick, ist aber ein wichtiger Träger des Systems.

Daniel 15. Dezember 2021 um 09:57

Arnold würde ich gern nochmal bei einem besseren Verein sehen als Wolfsburg. Kann ihn mir sowohl beim BVB als auch bei RaBa (als Nachfolgern von Kevin Kampl) gut vorstellen.
Dass er hinter diesem Türchen wartet war erwartbar, wobei ich die Toni-Kroos-Allegorie nur in Bezug auf sein Verhalten mit Ball so stehen lassen würde. Gegen den Ball ist Arnold ungleich aggressiver und zugriffsorientierter als Kroos.

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tobit 15. Dezember 2021 um 10:05

Ich glaube nicht, dass Arnold Wolfsburg verlässt (außer sie stürzen komplett ab a la Schalke). Aber ich könnte ihn mir bei allen deutschen Topteams vorstellen. Bei Bayern wäre er einer der besten Backups für die aktuelle Kimmich-Rolle ohne sich mit einem der vorhandenen ZMs zu beißen.

Den Kroos-Vergleich halte ich auch in Ballbesitz nur für begrenzt passend. Arnold zieht sich im Aufbau nicht so dermaßen weit aus der Formation zurück und agiert im Übergangsspiel viel balancierter wo Kroos sich eher wie ein situativ zurückgefallener Zehner verhält.

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Daniel 15. Dezember 2021 um 11:15

Kommt halt drauf an wie groß sein sportlicher Ehrgeiz ist. Als Stammspieler in Dortmund/Leipzig oder Kaderspieler in München könnte er regelmäßig KO-Runde der Champions League spielen und würde sicher auch in der N11 seine Chance bekommen. In Wolfsburg kann er halt noch fünf weitere Jahre zwischen Abstiegskampf und Europa League dem Ruhestand entgegen dümpeln. Sie zahlen sicher gut, aber als Fußballer weißt du, dass du nur ca zehn Jahre fürs Erreichen deiner Ziele hast…da würde mich an seiner Stelle die Wolfsburger Ambitionslosigkeit ziemlich anöden. Aber jeder ist anders, wenn man einfach stressfrei für die Zeit nach dem Fußball finanziell aussorgen will ist es wahrscheinlich ideal.

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tobit 16. Dezember 2021 um 21:56

Ein Wechsel birgt halt auch immer ein Risiko. Eine Stammplatzgarantie hätte er weder in Dortmund, noch in Leipzig. Und so viel weiter als Wolfsburg kommen die in der CL auch nicht unbedingt. Ob Titel sammeln auf der Bayernbank jetzt so unbedingt von sportlichem Ehrgeiz zeugt, will ich nicht diskutieren …

Sportlicher Ehrgeiz kann auch verschiedene Formen annehmen. Manche wollen gerne auf dem höchsten Niveau spielen. Manche wollen zuallererst spielen. Manche wollen bei einem bestimmten Verein spielen. Nur weil man nie für einen Topklub gespielt hat, kann man jemandem ja nicht pauschal den Ehrgeiz absprechen.

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Daniel 17. Dezember 2021 um 10:16

Dortmund und Leipzig kommen nicht weiter in der CL als Wolfsburg? Sie kommen regelmäßig in die CL, das ist der Unterschied zu Wolfsburg.

Aber ansonsten hast du schon recht…mein etwas ungnädiger Kommentar kommt wahrscheinlich daher, dass ich den VfL einfach so sagenhaft langweilig finde…

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tobit 17. Dezember 2021 um 13:46

Klar kommen die oft ein bisschen weiter. Aber garantiert ist die Teilnahme bei denen auch nicht.
Und dann für unwesentlich mehr Geld in ein neues Umfeld mit wahrscheinlich etwas schlechteren Einsatzchancen und praktisch genauso kleinen Titelchancen zu wechseln, ist halt einfach nicht für jeden was.
Zum sportlichen Arbeiten ist ein „langweiliger“ Verein glaube ich auch deutlich angenehmer, weil es weniger Nebengeräusche a la Watzke und Rummenigge/Hoeneß gibt.

Ich würde Arnold ja auch gerne nochmal in einer besseren (und besser funktionierenden) Mannschaft sehen. Dafür muss er aber aktuell wohl ins Ausland, da die großen drei hier ihm das nicht wirklich bieten können.

Daniel 17. Dezember 2021 um 15:20

„Zum sportlichen Arbeiten ist ein „langweiliger“ Verein glaube ich auch deutlich angenehmer, weil es weniger Nebengeräusche a la Watzke und Rummenigge/Hoeneß gibt.“
Sollte man meinen. Die Bilanz von Wolfsburg, Hoffenheim und Leverkusen der letzten Jahre ist aber zu mau, um das wirklich zu behaupten. In guten Jahren schneiden diese Teams in der sportlichen Tabelle so ab, wie sie es in einer „Finanztabelle“ auch täten, meist etwas bis viel schlechter. Leipzig nehm ich noch etwas raus, da noch zu neu.
Zumindest in Hoeneß‘ besseren Tagen war das halt oftmals kalkulierter Theaterdonner, um den Fokus auf sich und weg von der Mannschaft zu lenken, ein bisschen wie bei Mourinho.

tobit 17. Dezember 2021 um 16:27

Da kann ich nicht zustimmen. Viele langweilige Teams schneiden in guten Jahren deutlich oberhalb ihres finanziellen Einsatzes ab. Mainz, Augsburg und Freiburg haben sich nur dadurch überhaupt längerfristig in der Liga etabliert.
Hoffenheim und Wolfsburg sind da nochmal speziell weil sie nicht nur langweilig sondern auch noch finanziell abnormal aufgestellt sind. Die haben sehr lange einfach mehr Geld ausgegeben als nötig, weil ist ja da und kommt immer frisches nach. Und selbst die haben in guten Jahren noch mehr erreicht als das Geld erwarten ließ. Nicht so krass viel mehr und nicht so oft, aber ¯\_(ツ)_/¯

Es gibt in der aktuellen BL genau drei Teams, die in den letzten Jahren nie besser performed haben als ihr finanzieller Einsatz: Bayern (entschuldigt, mehr als Meister geht halt nicht), Dortmund und Leverkusen. Und dann gibt es noch die zutiefst unlangweiligen Nordklubs in der zweiten Liga. Leipzig (die ich gar nicht so langweilig finde) wird sich da bald dazugesellen, weil man auch auf Platz 2 der Geldliste in Deutschland halt maximal den Einsatz wieder rausbekommt. Dann steht es aber immernoch 4:2 für interessante Klubs.

Und ich habe nicht gesagt, dass sportliches Arbeiten = sportlicher Erfolg ist. Als Einzelspieler:in kann man bei einem langweiligen Verein denke ich schon ruhiger an seiner persönlichen sportlichen Entwicklung arbeiten. Das bedeutet halt nicht, dass das jede:r da tut. Und da liegt das Problem der abnormal reichen Langweiler: sie ziehen Spieler:innen (bzw. Vermittler:innen) mit zuallererst finanziellem Interesse an.

Daniel 18. Dezember 2021 um 17:38

Mainz und Freiburg hätte ich da jetzt nicht dazu gezählt. Hatte damit „Sponsorenklubs“ gemeint, die auch insofern langweilig sind, dass für sie der direkte Wettbewerb kaum greift, weil man zur Finanzierung des Kaders nicht auf erfolgsabhängige Prämien angewiesen ist. Und von denen ist Leverkusen die einzige, die halbwegs konstant wenigstens international spielt. Was Wolfsburg und Hoffenheim da abziehen ist einfach desolat.
„Hoffenheim und Wolfsburg sind…finanziell abnormal aufgestellt…Und selbst die haben in guten Jahren noch mehr erreicht als das Geld erwarten ließ.“
Die beiden Sätze beißen sich. Entweder diese Mannschaften sind finanziell abnormal aufgestellt, dann muss da (viel) mehr rauskommen. Oder sie haben mehr Geld ausgegeben als nötig…wann wäre mehr als „nötig“? Wenn sie ein Titelabo hätten vmtl-so gesehen gibt Bayern mehr aus als (für die Buli) nötig. Wolfsburg hat es in diesem Jahrtausend auf drei Teilnahmen in der CL und vier in der EL gebracht, Hoffenheim nach inzwischen 13 Jahren Bundesliga einmal CL und zweimal EL. Abgesehen von Wolfsburgs Viertelfinaleinzug in der CL 2015/16 war keiner dieser Teilnahmen ein nennenswerter Erfolg beschieden. Demgegenüber stehen bei beiden Vereinen mindestens gleich viele Saisons im tiefen Abstiegskampf. Abgesehen von Wolfsburgs lang vergangener Meisterschaft hat bspw Eintracht Frankfurt allein in den vergangenen vier Jahren mit Pokalsieg und EL-Halbfinale mehr erreicht als Wolfsburg und Hoffenheim in ihrer kompletten Vereinsgeschichte. Das ist einfach richtig mies für die finanziellen Möglichkeiten. Beide Vereine haben mit Sicherheit nicht „mehr Geld ausgegeben als nötig“, sowas trifft auf ManCity oder PSG zu aber doch nicht auf Hoffenheim/Wolfsburg. Sie haben nicht mehr Geld ausgegeben als nötig sondern (viel) weniger Erfolg als mit diesen Möglichkeiten möglich…

tobit 18. Dezember 2021 um 20:41

Dann haben wir mit „langweilig“ aneinander vorbei geredet.

Sie sind insofern abnormal aufgestellt, dass sie eben nicht bei einem schlechten Jahr sofort einen massiven Einnahmeverlust haben. Nicht abnormal in der reinen Menge des Geldes. Dafür könnte man eher Bayern und Dortmund kritisieren, die noch dominanter sein müssten angesichts des Abstandes den sie da zum Rest der Liga aufgebaut haben.
„Mehr Geld ausgegeben als nötig“ meine ich so: Sie haben ordentlichen Spielern zu lange, zu gut dotierte (leistungsunabhängige) Verträge gegeben, weil sie eben mit einer gewissen (abnormalen) Stabilität planen können. Wenn das normale Vereine tun, steigen sie wie Schalke oder der HSV ab.

Und ich glaube du überschätzt einfach, wie viel Geld Wolfsburg und Hoffenheim wirklich zur Verfügung haben.

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