How to Raumdeuter: Thomas Müller beim dritten Tor gegen Portugal

4:2

Deutschlands 3:1-Treffer gegen Portugal war ein Musterbeispiel für die „unorthodoxen Laufwege“ des Raumdeuters Thomas Müller. Wir analysieren einmal im Detail, wie Müller das macht.

Ich bin eigentlich kein Fan davon, Müllers Laufwege als „unorthodox“ zu bezeichnen, weil das am Kern der Sache völlig vorbeigeht. Es suggeriert, Müllers Stärke wäre ein Überraschungseffekt und eine Seltsamkeit, die in irgendeiner Weise sogar unlogisch wäre. Es schwingt sogar ein bisschen mit, Müllers Erfolg wäre glücklich und seine Spielweise „eigentlich“ falsch.

Müller bewegt sich aber hochgradig logisch. Seine Laufwege sind schlichtweg sehr effektiv und passend zur Situation und zwingen den Gegner immer wieder vor Entscheidungen und in nachteilige Verteidigungssituationen. Wenn das unorthodox ist, dann nur deshalb, weil so wenige Spieler das so gut können.

Und tatsächlich sind all seine Bewegungen natürlich welche, die auch andere Spieler machen. Müller macht sie nur häufiger, präziser, besser getimed, mit besserem Spielverständnis, mit klarerer Vorstellung vom Spielzug und besserer Kommunikation. (So wie ja auch andere Spieler als Lionel Messi dribbeln können – nur halt nicht so oft und so gut.)

Sechs Positionswechsel in 20 Sekunden

Das dritte Tor gegen Portugal war ein Musterbeispiel dafür, welches auch den Unterschied zwischen Müllern und anderen Spielern demonstrierte. Müller wechselte in diesem Spielzug sechs Mal seine Grundposition: Er startete als linker Zehner…

  • kam auf die zentrale Achterposition zurück…
  • ging weiter in eine halbrechte Acht…
  • setzte den Lauf auf die halbrechte Zehn fort…
  • ging als halbrechter Stürmer kurz in die Schnittstelle tief…
  • kam dann wieder auf die halbrechte Zehn zurück…
  • und kombinierte sich mit Kimmich in eine zentrale/halblinke Zehnerposition.

Währenddessen hielten alle anderen (!) DFB-Spieler ihre Position in Relation zu Mit- und Gegenspielern bis zum auslösenden Vorwärtspass und danach waren es nur Kimmich und Gnabry, die kurz zum Ball kamen, und dann Havertz, Gnabry und Gosens, die den Strafraum attackierten. Müller bewegte sich also in diesem Spielzug effektiv mehr als das gesamte restliche Team zusammen.

Phase 1: Spielaufbau

Der Angriff entstand nach einem weggeschlagenen Ball der Portugiesen. Rüdiger lief den Ball ab, dann Rückpass auf Neuer und Aufbau über Hummels, Ginter und Gündogan, weil Ronaldo die linke Aufbauseite etwas versperrte und rechts offen war.

Interessante Randnotiz: Nicht durch einen Positionswechsel innerhalb des Spielzugs, sondern infolge der Staffelung des vorherigen Angriffs besetzt Kimmich hier eine zentralere Position und bewegt sich dann quasi als rechter Mittelstürmer, während Havertz die breite Position besetzt.

Erste Amtshandlung Thomas Müllers: Von Halblinks kommt er auf eine zentrale Position zurückgefallen, um Gündogan eine vertikale Passmöglichkeit zu bieten. Das ist erst mal nichts besonderes und er kann auch nur klatschen lassen, bewegt aber den Gegner ein bisschen durch und sorgt für Spielfluss.

  • Alle drei portugiesischen Mittelfeldspieler bewegen sich zu Müller.
  • Gündogan hat wieder mehr Raum und Zeit nach dem Rückpass.
  • Kroos, Kimmich und Gnabry hätten die Möglichkeit sich in den entstehenden Räumen im Rücken der drei „aktivierten“ Gegenspieler freizulaufen, tun es aber nicht.
  • Folgebewegung von Müller nach halbrechts.

Müller geht nach dem Klatschpass direkt in diagonaler Richtung weg (das ist immer gut) und läuft den Freiraum im Halbraum an („Raumdeuter“). Hier zeigt sich bereits die Bedeutung von Zwischenraumbesetzung: Gegner werden zu Entscheidungen gezwungen.

  • Da Carvalho dem Klatschpass auf Gündogan nachgeht, könnte Müller so schlichtweg für einen erneuten Pass frei werden.
  • Deshalb reagiert Jota und stellt die Innenbahn zu.
  • So bekommt Ginter mehr Raum.
  • Es gibt eine 2-gegen-1-Situation gegen Jota.
  • Durch den gesamten Laufweg von halblinks nach halbrechts hat Müller Pereira recht weit rübergezogen, was Raum für Gnabry öffnet. (Wird gleich noch wichtig.)

Als Jota auf Ginter rausgeht, bekommt Müller wieder Raum und versucht sich dort zu zeigen. Darauf reagiert Carvalho und kommt schnell auf seine Grundposition zurück. Dadurch geht wieder der Pass auf Gündogan auf.

Müller erkennt nun hervorragend, was hier die Bewegung ist, die der Gegner nicht kontrollieren kann:

  • Carvalho kommt aus höherer Position, weshalb er gegen Müller bei jeder Vorwärtsbewegung einen Nachteil hat.
  • Müller zieht Carvalho zunächst noch weiter von Gündogan weg,…
  • …dann zwingt er ihn aber auch die Verfolgung aufzugeben, weil Carvalho nicht bis in die letzte Linie zurückfallen will.
  • Vor ihm sind zwei gegnerische Verteidiger, die beide gebunden sind. Dias hängt an Kimmich, Guerreiro an Havertz. Mit der Vorwärtsbewegung erzeugt er ein 3-gegen-2 und ist daher entweder selber frei oder sorgt dafür, dass Kimmich oder Havertz frei werden. (Stellt sich raus: beides.)

Phase 2: Angriffsspiel

Guerreiro fällt zurück, um Müller aufzunehmen, Dias orientiert sich auf einen möglichen tiefen Ball. (Müller dreht sofort seine Körperposition auf, um so einen Ball zu fordern.) Carvalho orientiert sich erneut auf Gündogan.

  • Portugal hat es nun mit einer 4-gegen-5-Unterzahl in der letzten Linie zu tun.
  • Durch Müllers vorherige Bewegungen können sie die logisch resultierende Überzahl im Mittelfeld aber nicht ausnutzen.
  • Pereira und Carvalho sind beide von Müller in einen luftleeren Raum gezogen worden.
  • So hat Deutschland quasi ein 5-gegen-3 im Aufbau und ein 5-gegen-4 im Angriff.

Im Ausspielen des Angriffs hat Deutschland dadurch jetzt mehrere Möglichkeiten. Müller zeigt dabei übrigens mit der Hand den Pass auf Havertz an, den Gündogan dann auch spielt. (Er realisiert also wieder sofort, dass Guerreiro sich nun auf ihn konzentriert und nicht mehr auf seinen Mitspieler.)

  • Kimmich kann sich etwas von Dias absetzen, weil dieser nun die Tiefe sichern muss. Dadurch wäre ein anspruchsvoller Schnittstellenpass auf ihn möglich.
  • Gnabry setzt sich etwas ab und wäre diagonal anspielbar und könnte dann sehr gut aufdrehen und andribbeln. Noch verfolgt ihn Pepe aber lose.
  • Der direkte Ball auf Gosens und dann 1-gegen-1 oder 2-gegen-1 mit Gnabry ist die simpelste Option.
  • Wofür sich Gündogan entscheidet: Havertz anspielen und damit auch die hergestellte 2-gegen-1-Situation gegen Guerreiro ausnutzen.

Sehr gutes Detail hier von Gündogan: Er dribbelt vor dem Pass noch kurz an, sodass er Carvalho wieder rauszieht. Das schafft dann etwas zusätzlichen Raum für Havertz, Müller und Kimmich beim Weiterspielen.

Havertz spielt dann mit dem ersten Kontakt an Guerreiro vorbei in die Mitte, wo Müller nun endgültig zum zweiten Mal an den Ball kommt.

Weil Carvalho von Gündogan rausgezogen wurde und Dias zuvor die Tiefe sichern musste, hat Kimmich eine vorteilhafte Position zu Dias und Müller etwas Raum, bevor Pereira auf ihn durchschieben kann. Die beiden spielen Pereira mit einem einfachen Doppelpass aus und Müller läuft in ein 3-gegen-2 auf die linke Angriffsseite zu.

  • Weil Kimmich sich von Dias gelöst hat, schiebt Pepe durch und lässt Gnabry stehen.
  • Gnabry geht dann hinter Pepe tief, weswegen Semedo aktiv wird und versucht, Gnabry zu übernehmen.
  • Deshalb hat Gosens am Ende so extrem viel Raum.
  • Bemerkenswert auch, dass Havertz nach dem Klatschpass in die Mitte sofort im Vollsprint zum Tor startet. (Viele klassische Flügelspieler würden hier einfach die Breite halten, sodass Gosens nicht sofort einen Abnehmer für die Hereingabe finden würde.) Das schafft auch eine weitere Passmöglichkeit für den tiefen Pass von Kimmich oder Müller.

Ein Tor ohne Dribbling

Das Tor ist auch eins der raren Beispiele für einen reinen Passen-und-Bewegen-Treffer und dafür, das Prinzip des freien Spielers bis zum Ende durchzudrücken. An keiner Stelle hat sich ein Spieler wirklich durch individuelle technische oder athletische Überlegenheit durchgesetzt, es gab kein einziges Dribbling. Fünf der sechs Angriffsaktionen wurden mit dem ersten Kontakt gespielt, nur Müllers finaler Pass ging noch ein zweiter Kontakt voraus.

So kann man nur treffen, wenn man keine Schwachstelle in der Mannschaft hat und zumindest ein paar Spieler, die sich mit überragendem Spielverständnis durch die Offensive bewegen.

Diese Analyse soll aber auch ein Stück weit verdeutlichen, dass „einfache Tore“ und „einfaches Spielen“ auf dem Feld wesentlich komplexer sind, als sie aussehen. Man muss die Mit- und Gegenspieler immer wieder unter höchstem Zeitdruck korrekt lesen und die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Das ist nicht unbedingt leichter, als einen Verteidiger mit einer Finte auszuspielen. (Es ist nur eher eine kognitive Anforderung als eine koordinative oder athletische.)

Mit Dribblings bzw. „Einzelaktionen“ lassen sich Tore tendentiell eher leichter erzielen. In Verbindung mit individueller Durchsetzungsfähigkeit sind auch Müllers Bewegungen noch effektiver.

How to deut the raum

Jedenfalls demonstriert hier Müller sehr gut, wie man Offensive ohne Ball spielt, ganz und gar nicht „unorthodox“ sondern schlichtweg absolut logisch und zielgerichtet:

  • Immer versuchen, eine gute Passoption zu bieten.
  • Wenn man nicht frei werden kann, sich so bewegen, dass man möglichst mehrere Spieler bindet und sich nicht ein Gegner auf einen konzentrieren kann.
  • Zu diesem Zweck gegnerische Freiräume anlaufen, dadurch gegnerische Entscheidungen erzwingen und 2-gegen-1 herstellen.
  • Permanent nach Möglichkeiten zum Vorwärtsspiel suchen und diese mit den Mitspielern kommunizieren.
  • Keine Mitspieler in ihrer Position blockieren oder zuschieben.

Also einfach korrekt den Raum deuten.

Emmanuel 4. September 2021 um 15:57

Müller geht nach dem Klatschpass direkt in diagonaler Richtung weg (das ist immer gut)
Warum ist immer gut?

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tobit 4. September 2021 um 16:42

1. Diagonale Bewegung ist immer gut, weil sie den Gegner zu mehr Abwägungen und Übergabemomenten zwingt als andere (oder gar keine) Bewegungen.
Und man kann aus einer diagonalen Bewegung viel leichter in eine andere Bewegungsrichtung wechseln (was der Gegner in seine Abwägungen einbeziehen muss). Müller fällt z.B. erst diagonal zurück und bewegt sich dann diagonal nach vorne. Wäre er nur vertikal entgegengekommen, hätte er sich für eine Bewegung wieder nach vorne viel weiter drehen (und wahrscheinlich abstoppen) müssen.

2. Bei so einem Klatschpass zieht man Aufmerksamkeit auf sich (oder man spielt ihn, wenn man eh schon unter Druck ist). Durch Bewegung wird man entweder an anderer Stelle wieder frei (weil der Gegner den alten Ort „bewacht“ oder den Empfänger anläuft) oder öffnet das Passfeld für den Mitspieler (weil der Gegner einem folgt). Daraus kann dann der Mitspieler oft in eine höhere Linie spielen als beim ursprünglichen Klatschpass.
Was man auf jeden Fall schafft, ist dem Mitspieler etwas Zeit zu geben, weil sich der Gegner entscheiden muss, welchen Referenzrahmen er verfolgen will: Ball (anlaufen des Ballempfängers), Raum (im Passfeld bleiben) oder Gegner (mich weiter verfolgen). Wenn ich stehen bleibe, kann er alle drei aufeinmal abdecken, indem er mich beim Anlaufen des Empfängers im Deckungsschatten behält.

3. Klatschpässe werden in aller Regel aus Positionen gespielt, aus denen kaum eine sinnvolle Angriffsfortsetzung möglich wäre. Sei es weil sie vom Gegner kompakt bewacht werden oder der weil der Klatschspieler sie nur in ungünstiger Körperstellung anlaufen kann, oder was auch immer. Es ist also kein Position, die zu halten sich für mehr als diesen Klatschpass lohnt.
Oft kann man diese Position als Klatschspieler durch das Wegbewegen dann aber für den Empfänger (oder andere Mitspieler) öffnen. Der kann dann z.B. erst diese Position andribbeln und dann von dort mit wesentlich besserer Körperstellung und/oder weniger kompakter Bewachung den Angriff fortsetzen. Oder er besetzt die Position nach einem Pass und schiebt damit die eigene Formation effektiv nach vorne.

Es kann natürlich auch mal sinnvoll sein nach einem (längeren) Klatschpass die Position zu halten, z.B. wenn man durch die Bewegung in die Klatschposition einen schnell anspielbaren Raum oder Mitspieler geöffnet hat und man durch weitere Bewegung davon weg den Gegner nicht vor eine Abwägung (verfolgen oder zurück orientieren) stellen würde.

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Emmanuel 4. September 2021 um 17:08

https://streamable.com/he43h5

Kannst du Punkt 1 mit diesem Video noch einmal erklären? sorry if my German is wrong; I’m slowly learning the language!

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tobit 4. September 2021 um 21:45

Zuerst bewegt sich Pedri diagonal nach vorne und drückt Barella nach hinten. Dadurch kann dieser nicht zum doppeln auf den ballführenden Alba rausschieben.
Gleichzeitig beginnen Verratti und Jorginho die Höhe zu tauschen. Verratti übergibt den von rechts rüberlaufenden Busquets in den Raum um sich nicht zu weit rüberziehen zu lassen und fällt in den Sechserraum zurück. Jorginho löst sich explosiv aus seiner Manndeckung auf Olmo um in den linken Halbraum rauszurücken.

Dann ändert Pedri brutal explosiv die Richtung, läuft jetzt diagonal nach hinten. Dadurch hat er den auf eine Weiterbewegung in die Tiefe spekulierenden Barella ein Stück abgeschüttelt (und das sogar obwohl er erst noch den Schiri umlaufen muss). Das hier ist DAS Beispiel für Punkt 1 in der Sequenz.
Er wird von Alba angespielt. Aber er hat ein beschissenes Sichtfeld und Momentum und hat auch keinen Schulterblick gemacht um zu wissen wann und von wo Barella kommt. Außerdem rückt auch noch Jorginho mit Tempo auf seine Position vor. Also kann er es nicht riskieren, sich für einen Pass auf Busquets zu drehen. Den Ball nach außen mitzunehmen ergibt keinen Sinn, der Rückpass zu Laporte ist unnötig, da sich Alba DIAGONAL nach hinten in die Mitte bewegt. => Klatschpass

Busquets ist frei im Zentrum angekommen, da sich Jorginho zuerst Richtung Pedri orientiert hat. => Einkontakt-Querpass mit rechts von Alba
Jorginho ändert die Richtung um Busquets anzulaufen, kommt aber zu spät, da er bei Albas erstem Pass Richtung Pedri unterwegs war.
Pedri bewegt sich weiter diagonal nach hinten (wird von Barella etwas verzögert verfolgt). Chiesa ist völlig verwirrt, ob er seinen nominellen Gegner Alba innen endlich stellen oder doch lieber Pedri auf den Flügel verfolgen soll. Dadurch hat Alba im Halbraum Zeit und Platz den Ball von Busquets zurückzuerhalten.
Gleichzeitig bewegt sich Olmo frei durch den Zwischenlinienraum nach links, Jorginho passt seinen Lauf nochmal an um Alba zu stellen und Busquets bleibt stehen (PUNKT 4).

Alba hat dank Pedris diagonaler Bewegung Zeit, Raum und ein offenes Blickfeld, aber es hängen auch drei (vier) Spieler in seinem Passfeld.
– Der LA ist hinter Barella schwierig anzuspielen obwohl er frei wäre (Olmo hatte mit Andeutung eines diagonalen Tiefenlaufs den italienischen AV am engen Verfolgen gehindert).
– Die Halbraumverlagerung auf Koke wird von Immobile sehr eng belauert. Aber die Option (und Insignes sehr hohe, lasche Positionierung) hält Verratti vom Rüberschieben ab, da Spanien dort sonst einen Gleich-/Überzahldurchbruch mit Koke, RV und RA gegen Chiellini und den LV (+evtl. Insigne) forcieren könnte.
– Olmo ist an der Kante zum Deckungsschatten von Jorginho und Chiesa.
Alba entscheidet sich für den Risikopass gegen einen der besten Ballabfänger der Welt und kommt haarscharf durch.

Olmo bekommt frei den Ball, weil alle gegnerischen Mittelfeldspieler von den Klatschpässen rausgezogen wurden. Dadurch kann sich ein Stück drehen bevor ihn Bonucci und der RV aus zwei Richtungen ansprinten und kann sie ausspielen.

Olmos und Busquets im Prinzip horizontale Laufwege sind auch sehr interessant zu beobachten, weil beide immer wieder leicht die Richtung ändern und diagonale Bewegungen andeuten. Insbesondere Olmos Bewegung als sich Jorginho von ihm löst sei hier genannt.

Ich hoffe, ich konnte dir helfen.

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Emmanuel 5. September 2021 um 15:47

Ja danke.

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Paul Bauer 22. Juni 2021 um 09:48

Wirklich schöne Analyse. Ich freue mich immer, wenn jemand den Fokus neben den Ball legt. Allerdings glaube ich nicht, dass jeder Spieler hier sich genau das gedacht hat, was hier beschrieben wird, bevor er diese oder jene Aktion durchgeführt hat. Aber wenn nur 60% der Überlegungen tatsächlich stattgefunden haben und der Rest Intuition, Erfahrungen und Automatismen sind, macht dies in jedem Fall Lust auf mehr.

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Koom 22. Juni 2021 um 13:59

> Allerdings glaube ich nicht, dass jeder Spieler hier sich genau das gedacht hat, was hier beschrieben wird, bevor er diese oder jene Aktion durchgeführt hat

Jaein. Ich glaube nicht, dass dort immer ganz bewusst gedacht (quasi „Im Kopf gesagt“) wird, was dieser Laufweg bringen soll. Idealerweise, wenn es kein Megatalent ist, der sowas instinktiv vielleicht macht, dann tut er es, weil er es im Training 1000mal bereits gemacht hat. Vielleicht versteht der Spieler nicht mal, was es konkret bringt, aber er vertraut dem Training und letztlich gibt der Erfolg dieser Maßnahme recht.

IMO muss man immer bedenken, dass hier auf SV.de viele Leute (nicht nur Autoren) schreiben, die sehr analytisch über den Fußball reden. Wenn man böse will, dann erklären sie oft, warum ein Stein exakt so vom Berg runtergerollt ist, und nicht anders. Dem Stein wirds irgendwo egal sein, er hat das halt gemacht.

Oder anders: Viele Erfindungen (vor allem große) basieren auch auf Zufall. Das Spülmittel kippte in den Eimer mit anderen Chemikalien und plötzlich entstand was neues tolles. Auf dem Fußballfeld passiert sowas auch. Und Sportanalysten wie hier liefern dann die konkrete chemische Begründung und versuchen das auch oft zu adaptieren, so dass man diese „Erfindung“ wiederholen und trainieren kann.

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MR 22. Juni 2021 um 16:18

Ich glaube, es hat noch nie irgendein Mensch irgendetwas „genau so gedacht“ wie es beschrieben wurde. Denken ist schlichtweg sehr schnell und sehr komplex und bezieht unbewusst viele Referenzpunkte ein, wenn es um schnelles Handeln in komplexen Situationen geht.

In dieser Situation trifft aber niemand außer Müller komplexe Entscheidungen. Alle Portugiesen denken lediglich „welchen Spieler verteidige ich“, die deutschen Spieler denken primär „wer ist frei“ bzw „kann ich mich hier freilaufen“. In dem Artikel steht fast nichts, was anspruchsvoll ist. Komplex wird es nur dadurch, dass der Gedankenprozess von 22 Spielern (oder hier eher ~15 Spielern) gleichzeitig beschrieben wird.

Der komplexeste Gedanke in dem Spielzug, ist glaub ich, Müllers Entscheidung, von halbrechts tief zu gehen, was aber auch nur auf zwei relativ simplen Beobachtungen basiert:
a) Mein Gegenspieler kommt von hinten. -> Also geh ich nach vorne.
b) Vorne ist freier Raum bzw. beide Verteidiger dort haben einen Mitspieler von mir hinter sich. Die Idee von a) ergibt also Sinn.

„Idealerweise, wenn es kein Megatalent ist, der sowas instinktiv vielleicht macht, dann tut er es, weil er es im Training 1000mal bereits gemacht hat. Vielleicht versteht der Spieler nicht mal, was es konkret bringt, aber er vertraut dem Training und letztlich gibt der Erfolg dieser Maßnahme recht.“

Dem würd ich nicht zustimmen. Idealerweise hat ein Spieler im Training gelernt, Situationen gut zu deuten. Wenn Spieler etwas tun, ohne es zu verstehen, dann führt das langfristig immer zu Fehlern, weil sie es dann auch in Situationen tun, in denen es keinen Sinn ergibt.

Ich würde zB sagen, Sanches hält in dieser Szene seine Position, weil er gelernt hat, dass er das tun soll. Müller würde in der gleichen Situation voraussichtlich verstehen, dass er da einen Raum verteidigt, den der Gegner überhaupt nicht nutzen kann, und würde seine Position irgendwie anpassen (tiefer, enger, höher) und würde sicherstellen, dass die Gefahr in seinem Rücken (Gosens) irgendwie kontrolliert werden kann.

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studdi 22. Juni 2021 um 16:50

Ich bin kein Experte was das gehirn und die Denkweise von Menschen betrifft, aber ich glaube das Problem wieso man sich eben nicht vorstellen kann das jemand das alles Denkt und aus einem bestimmten Grund die Laufwege macht ist das man so schnell denkt das es einem selbst erstmal gar nicht bewusst ist das man das alles gedacht hat. (Weis nicht wie ich es besser beschreiben soll)
Man erfasst ja eine Situation und reagiert darauf und dieses reagieren entsteht ja durch einen Gedankengang der eben sehr Schnell geschieht.
Ich selbst habe z.B. früher in der Innenverteidigung gespielt. Ich habe sehr oft Pässe gespielt wie sie oben Gündogan spielt entweder zum 6er oder zum AV nur damit er Sie wieder prallen lässt. Darauf hat der Gegner ja reagiert und man konnte danach Raum bespieln der evtl. frei geworden ist.
In meinen Anfangsjahren als Trainer im Amateurbereich haben das viele Innenverteidiger nicht gemacht worauf ich Ihnen gesagt habe das Sie diese Pässe spielen sollen. Sie meinten dann meistens „Warum? Sie können doch nichts anderes machen als zurückprallen lassen.“
Und erst auf diese Nachfragen hin habe ich mir dann bewusst gedanken gemacht „wieso machst du das eigentlich?“ dann wurde mir klar: gegner muss verschieben gegner locken raum wird frei etc…
So konnte ich dann meine gedanken gänge den Spielern erklären. Wirklich bewusst das ich das alles Gedacht habe war mir das allerdings bis zu diesem Zeitpunkt nicht.
Wie MR sagt denken ist eben sehr schnell, komplex und unbewusst.

Hoffe es ist einigermaßen verständlich was ich sagen möchte 😀

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Koom 22. Juni 2021 um 17:00

@MR Das ist ja auch ein bisserl das, was ich meine. Der eine Spieler kann es intuitiv oder hat es via Training gelernt. Der andere Spieler verfolgt einen vom Trainer verabreichten Auftrag, versteht aber nicht, worauf es dabei konkret ankommt. Der erstere Spieler wäre dabei Müller, der zweitere Sanches.

Räumliches Denken und Antizipierfähigkeit sind auch sehr wichtige Fähigkeiten – die nicht jeder hat.

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CHR4 25. Juni 2021 um 01:19

Ob etwas unbewußt oder bewußt entschieden udn ausgeführt hängt auch von den Faktoren Zeit und Stresslevel ab.

generell würde ich mir auch Spieler wünschen, die immer wissen warum sie etwas tun, es ist aber möglich durch häufige Wiederholung im Training (auch garniert mit leichten Variationen) einen unbewußten Automatismus einzubauen, der die Merhzahl der vorkommenden Fälle abdeckt. In einer kleinen Zahl der Fälle, kann das aber wie von MR beschrieben dann nciht passen …
Der Vorteil des automatisiereten udn unbewußten ist, dass diese Entscheidungsfindung sehr schnell und stressstabil ist.
Nachteile:
– past in Sondernsituationen nicht und liefert dann falsche Resultate.
– evtentuell zu unflexibel und für den Gegner bei guter analyse evt. ausrechen- und provozierbar (Stress erzeugen und bestimmte Situation herstellen, die das automatisierte Verhalten auslöst)

Wird die Entscheidung bewußt gertoffen ist hierfür erstmal etwas mehr Zeit notwendig.
Dies hat man nicht immer – und je schneller das Spiel wird umso weniger.
Die höher der zeitliche Stress, die körüerliche Belastung und der psychische Stress umso anstrengender wird es, die richtige bewußten Entscheidungen zu treffen.
Vorteile:
– flexibel anpassbar, auch bei unbekannten und ungewöhnlichen Situationen
– Eigenmotivation des Spieler steigt, wenn er weiß, warum er etwas tut.

mein Idealbild: viele automatisierten unterbewußt verfügbar abgespeicherte Verhaltens- und Bewegungs-Muster, die trotzdem auch bewußt ewählt werden können (z.B. durch Trigger)

Übungsform, die das thema besonders klar herausstellt:
– Spieler absolviert kurzes hochbelastendes Intervalltraining
– in den körperlichen Intervallpausen, bekommt er auf einem Bildschirm eine kurze Videosequenz (einige sec.) gezeigt und muss dann eine Lösung anklickenbzw- „touchen“

gutes Beispiel sind derzeit unser 8er/10er, die 6er spielen sollen:

die wissen genau, was zu tun ist und beide sind intelligente Spieler, die auch verstehen, warum
da die Muster (Position halten im 6er Raum …) aber nicht im Unterbewußtein abgelegt sind, ist städnige „Denkarbeit“ nötig
das ist aber nicht komplett über 90 min. aufrecht zu erhalten, das kostet selbst über 60 min. zu viele „Körner“ im Kopf – dazu kommt dann noch der zumindest phasenweise hohe Stresspegel
es kann also gar nicht ausbleiben, dass die besser verankerten Muster (z.B. abkippen) irgendwann durchkommen
et voila: wir haben ein Loch im 6er-Raum!

ähnlich wie die Verhaltenskette vor dem Gosens Tor löst das dann verhängnisvolle Folgereaktonen aus (z.B. IV müssen das Loch im DM stopfen AV müssen die Mitte schieben => Flügel offen)

(alles andere dazu wurde ja 2018 und auch vor dem Frankreich-Spiel hier oft genug geschrieben)

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rb 21. Juni 2021 um 10:18

Was für ein toller Artikel!

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Christian 21. Juni 2021 um 11:06

Kann mich dem nur anschließen, vielen Dank!

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joakina 21. Juni 2021 um 12:09

ich auch, super, danke!

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Koom 21. Juni 2021 um 13:13

Da häne ich mich auch mit dran. Schön, wieder von diversen Autoren wieder Stoff zu lesen (und die schönen Diskussionen im Kommentarbereich dazuzubekommen). 🙂

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CHR4 25. Juni 2021 um 00:45

Wow! Vielen Dank! genau solche Artikel habe ich hier vermisst!

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CT 20. Juni 2021 um 21:31

Danke für die detaillierte Analyse!
Was hätte eurer Meinung nach Portugal anders machen können um das Tor zu verhindern?

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Studdi 21. Juni 2021 um 00:05

Ich würde sagen beim Rückpass von Ginter zu Gündogan könnte könnte Fernandes Gündogan anlaufen und carvahlo könnte somit etwas tiefer bleiben und mit richtigen timing und anlaufwinkel ist kross im deckunsschatten(notfalls könnte Ronaldo noch nachschieben). Somit ist Deutschland auf de Seite festgespielt und Gündogan müsste den tiefen Ball hinter die Kette spielen oder zurück auf Hummels passen.

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Taktik-Ignorant 21. Juni 2021 um 17:47

Es sieht so aus, als hätten die vorderen Spieler Portugals nur sehr begrenzt Anweisungen (außer ein wenig zurückschieben) gehabt, wie sie defensiv zu arbeiten haben.

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otto-k 21. Juni 2021 um 10:08

Pereira ist nach der Ablage von Havertz wie in der Analyse detailliert beschrieben in einer ungünstigen Situation für den Zweikampf – hier könnte er dann aber mehr Risiko gehen, damit sich Müller nicht im Zehnerraum aufdreht und zur Not das Foul riskieren.

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rum 20. Juni 2021 um 18:59

Also Goosens war ja schon recht häufig sehr frei. Was mich sehr gewundert hat. Hat die deutsche Mannschaft da dauernd für Verschiebechaos in der beschriebenen Art gesorgt? Da würde ich dann noch einen weiteren Hut ziehen.

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MR 20. Juni 2021 um 19:10

Hat auch was mit den Formationen und deren Interpretation zu tun. Die Flügelläufer-Position ist mit Viererreihen-Formation erst mal schwer abzudecken. Normalerweise will man das kompensieren, indem man die Vorteile im Zentrum nutzt und die Bälle auf die Flügel verhindert (hat Portugal nicht geschafft aus mehreren Gründen) oder gezielt den Ball auf die Flügel zulassen und diesen isolieren (dafür hat Deutschland zu gut Passoptionen am Flügel geschaffen).

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rum 20. Juni 2021 um 23:40

Ah, danke! Das gibt mir nochmal einen neuen Betrachtungsansatz.

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Koom 22. Juni 2021 um 14:01

Da war Frankreich mit der (durchaus eher defensiven) Viererkette und einer Dreierkette davor – alles bestückt mit Leuten, die auch und gerade gut defensiv sind – natürlich das ideale Gegenmittel gehabt für Deutschlands „Fünfersturm“.

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Jaques Lacan 20. Juni 2021 um 17:24

Du hast völlig recht. Der Müller kann halt was, was andere nicht können. Das schwierige ist ja nur immer, dass man es nur schwer beschreiben kann was er da tut. Dir ist das hier hervorragend gelungen.
Es gibt im Fußball keine Orthodoxie. Insofern zeigt der Ausdruck „unorthodoxe Spielweise“vor allem davon, dass man etwas beschreiben soll, das man nicht versteht.

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Klaus 24. Juni 2021 um 14:31

> Der Müller kann halt was

Der Prototyp eines Müller-Angriffs ist für mich das mit Kloses Rekord-Treffer abgeschlossene 2:0 im 2014er Halbfinale gegen Brasilien. Da dümpelt er gerade noch gemütlich 5m über Strafraumhöhe an der linken Außenlinie herum, spielt einen scheinbar belanglosen Pass zum auf gleicher Höhe im Zwischenraum geparkten Toni Kroos, den mit kurzer Handgeste darauf vorbereitet, dass gleich was passiert, was kein Brasilianer ahnen kann … nämlich dass der der Doppelgänger des zeitgleich an der Außenlinie stehenden Müller gleich am Elfmeter-Punkt ein Steilpass aufnehmen, die Abwehr binden und Klose seinen 16. WM-Treffer auf dem Silbertablett servieren wird. Das im Artikel beschriebene „müllern“ war natürlich komplexer … aber für unsere Laien-Augen dürfte das Halbfinal-Tor prototypischer und einfacher zu verstehen sein. Grüße.

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Taktik-Ignorant 20. Juni 2021 um 17:22

Danke für die schöne und detaillierte Beschreibung. Ich weiß aber nicht, ob ich hier größere kognitive Fähigkeiten am Werk sehen würde. Die ganzen Abläufe geschehen extrem schnell, und m.E. ist viel Instinkt dabei. Das 3:1 war insgesamt ein sehr ordentliches Mannschaftsspiel. Nur eine Frage hätte ich: Ist es wirklich so schwer, gegen solche Situationen das eigene Tor zu verteidigen oder fehlte es der portugiesischen Defensive nicht insgesamt auch an einer gewissen Konsequenz, um nicht zu sagen Aggressivität gegen den Ball? Pereira scheint ja die ganze Entwicklung über sich ergehen zu lassen und auch Sanches hätte einrücken können, schon allein um Semedo zu entlasten.

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MR 20. Juni 2021 um 18:31

Es gibt m.E. keine „Instinkte“ im Spiel, Fußballfähigkeiten sind ja nicht evolutionär geprägt. Was du meinst, ist Intuition. Intuition ist aber kein magischer Zufall, sondern einfach schnelles, implizites Denken. Fast alle menschlichen Handlungen sind eine Mischung aus rationalem und intuitivem Denken, da bilden Spielhandlungen im Fußball keine Ausnahme.

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WVQ 23. Juni 2021 um 17:59

Nun ja, freilich gibt es im Sport allgemein keine (oder zumindest nur an weit weniger betrachtungsrelevanten Stellen) Instinkthandlungen im evolutionsbiologischen Sinn; aber genauso wenig gibt es bei Torhüter-Paraden Reflexe im medizinischen Sinn. Trotzdem finde ich es in beiden Fällen okay, die Begriffe zu gebrauchen. Eine Instinkthandlung im Sport ist halt eine, die auf einem schnellen, unbewußten Denk- oder vielleicht besser gesagt Entscheidungsprozeß beruht (und ein (Sport-)Reflex ist im wesentlichen dasselbe, nur zeitlich noch stärker gestaucht). Denke nicht, daß man da groß mißverstanden wird, wenn man sich einmal klarmacht, daß man hier gerade weder Verhaltensbiologie noch medizinische Diagnostik macht, sondern eben taktische Sportanalyse.

Gegen den von Dir stattdessen verwendeten Begriff der Intuition bzw. intuitiven Handlung könnte man aus handlungstheoretischer Sicht auch einiges einwenden, etwa daß Intuitionen eigentlich keine Handlungen sind und auch oft gar nicht (oder nicht notwendig) mit Handlungen assoziiert sind bzw. solche nicht verursachen, sondern zuerst einmal – als klar verständlicher Begriff – in die Sphäre der Überzeugungen fallen. Aber auch hier stört es mich nicht, wenn man von intuitiven Handlungen oder Entscheidungen spricht, da im Kontext klar ist, daß niemand sagen will, Müller forme hier spontan lauter (artikulierbare) Überzeugungen darüber, wie nun am besten weiterzuspielen sei, sondern weil einfach spontane kognitive Prozesse stattfinden, die in Bewegungen münden und klarerweise nicht zufällig oder unüberlegt sind, sondern eben zielgerichtet („intentional“ würde der Handlungstheoretiker sagen) und sinnhaft und im Kontext der Taktikanalyse gerade der entscheidende Grund dafür, daß sich der beschriebene Spielzug genau so entwickelt hat (während viele andere Spielzüge aus vergleichbaren Konstellationen heraus – insbesondere solche ohne Müller – dies nicht tun).

Und genau, weil Du letzteres so wunderbar herausgestellt hast, meinen herzlichen Dank für den Artikel. Es findet da auf dem Platz (selbst wenn nur ein einziger Spieler mal außergewöhnliche bzw. außergewöhnlich gute Dinge macht) derart viel in derart kurzer Zeit statt, daß man es ohne gut geschultes Auge und zigfaches erneutes Anschauen in seiner Gänze und Bedeutung als „normaler“ bzw. auch analytisch interessierter Zuschauer oft gar nicht wahrnehmen kann. Nach Lesen Deiner Analyse wiederum wirkt alles komplett einfach und klar und sinnvoll und man ist gerade deswegen beeindruckt und hat zugleich auch sehr anschaulich vor Augen, welch großen Einfluß ein paar schlaue Bewegungen auf ein Fußballspiel nehmen können – und wie selten dieses Mittel andererseits tatsächlich genutzt wird bzw. wie wenige Fußballer dazu (jedenfalls im beschriebenen Maße) überhaupt in der Lage sind.

Das ist in meinen Augen tatsächlich auch das beste, was eine taktische Analyse leisten kann, für Experten wie für Laien: Wenn man danach eben nicht nur gesehen hat, was in welcher Abfolge passiert ist, sondern auch komplett verstanden hat, WARUM sich die Spielsituation in der gegebenen Weise entwickelt hat – vor welchen Entscheidungen die beteiligten Spieler standen, welche Bewegungen einfach naheliegend waren, welche Spielintelligenz erforderten und worin diese dann genau bestand etc. pp. Und ich mag hier auch explizit den Fokus auf die konkrete Spielsituation; eine noch so lange Analyse eines gesamten Spiels kann – aus den verschiedensten Gründen – niemals in derselben erhellenden Weise klären, was warum passiert ist. Daher sehr gerne mehr davon!

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WVQ 23. Juni 2021 um 18:07

PS: Die Idee der Instinkthandlung bzw. des Instinkts im allgemeinen ist meines Wissens auch in der Biologie keineswegs arg klar oder eindeutig definiert, geschweige denn unstrittig, und erst recht problematisch, wenn man sie auf den Menschen anwendet – ganz anders etwa als die des Reflexes. (Ggf. anwesende Biologen mögen mich korrigieren, falls ich falsch liege.) Und in Bezug auf Fußball kann man wiederum zumindest nicht verleugnen, daß alle Fähigkeiten, die im Spiel zur Anwendung kommen, in der einen oder anderen Weise evolutionär geprägt sein MÜSSEN (mit variierender Spezifizität für das Spiel). Was letztlich nur nochmal dafür spricht, daß das Wichtige nicht ist, ob die korrekte Bezeichnung des Geschehens jetzt X oder Y lautet, sondern was man denn mit X und Y konkret meint. (Wie das, meines Erachtens, überhaupt in der Wissenschaft immer der Fall ist und eigentlich sogar überall.)

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savona 25. Juni 2021 um 00:00

Volle Zustimmung, besonders zum dritten Absatz.

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savona 25. Juni 2021 um 00:02

Bezieht sich natürlich auf den 1. der beiden Kommentare.

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