Heftige Dynamik bei Portugals Hauptstadtklubs

1:0

Die 3-4-3-Formationen von Sporting und Benfica liefern sich ein hochklassiges und sehr ausgeglichenes Duell im Stadtderby. Zwei spezielle Komponenten spielten für die hohe Intensität eine besondere Rolle: Sprints und Auftaktbewegungen.

In der Nachspielzeit gewinnt Sporting ein intensives Stadtderby gegen Benfica und baut damit den Vorsprung an der Tabellenspitze der portugiesischen Liga weiter aus. Zwischen den zwei 3-4-3-Ausrichtungen ging es hoch her: Bereits weil sich die Formationen spiegelten, entstanden viele direkte Duelle.

Beide Kontrahenten arbeiteten sehr geschlossen und zügig in der Rückzugsbewegung, mit der sie sich nach vertikalen Aktionen wieder zusammenzogen. Die Flügelläufer verteidigten häufig, beispielsweise bei langen Bällen und Abprallern, flexibel ins Zentrum hinein. Teilweise rückten sie auch diagonal auf zurückfallende gegnerische Offensivspieler heraus, wenn diese sich sehr weit im ballnahen Halbraum nach hinten begaben.

Sprintfestival mit vielen Bewegungskünstlern

Darüber hinaus trugen zwei weitere besondere Charakteristika der Partie zu deren enormer Intensität bei, die das schnelle mannschaftliche Nachschieben grundsätzlich beförderten, es aber auch aushebeln konnten: Erstens war dieses Derby ein kleines Festival der Sprints.

Selten sieht man Begegnungen, in denen von prinzipiell möglichen Sprints derart viele auch tatsächlich gezogen und ausgeführt werden. Nicht zuletzt wirkte das Tempo auf dem Feld phasenweise deshalb fast absurd hoch, weil sich bei diesem Aufeinandertreffen eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Akteuren mit starker Lauftechnik auf einen Schlag versammelten.

Zweitens spielte besondere individuelle Qualität auch auf einer anderen Ebene eine wichtige Rolle: Ballsicherheit. Im zentralen Mittelfeld und auf den Offensivpositionen verfügten beide Mannschaften fast nur über Spieler, die sich mit herausragenden Auftaktbewegungen und starker Koordination aus 1gegen1-Duellen selbst in schwierigen Dynamiken herauswinden konnten.

Diese Akteure stachen mit besonderer Körperbeherrschung hervor. Sie kombinierten die Grundtechnik in der Ballbearbeitung mit explosiven, gut trainierten Bewegungsabläufen. Diese erlaubten es ihnen oft, in höchstem Tempo Bälle festzumachen und sich ballsichernd in Freiräume – seitlich oder nach hinten – abzusetzen.

Immer wieder sah man spektakuläre individuelle Bewegungen als Mittel gegen die Kombination aus Mannorientierungen und aggressivem Nachschieben. Da viele sehr junge Spieler aus den eigenen Akademien der beiden Hauptstadtklubs auf dem Platz standen, weckte die Partie einen Eindruck, wie gut Portugal im Nachwuchsbereich derzeit aufgestellt scheint.

Starke Rückzugsbewegung, auch als Gegengewicht zu Rochaden

Die für die enorme Intensität dieses Derbys entscheidende Rückzugsbewegung war auf Seiten Benficas noch etwas stärker als beim späteren Sieger. Gerade die offensiven Außen bzw. Zehner, Rafa Silva und Cervi, schlossen sehr sauber über den Halbräumen an und konnten dort viele lokal kompakte Staffelungen herstellen.

Im Mittelfeld war das Team besonders gefordert, da Sporting eher mal 3-4-1-2-hafte Verteilungen durch die flexible Rolle von Pedro Goncalves herstellte: Dieser pendelte weiträumig durchs Zentrum und ging besonders häufig mit in den anderen Halbraum. Flexible Unterstützung von den Offensivpositionen oder durch die Flügelläufer erlaubte Benfica, die eigenen losen Mannorientierungen anzupassen, situativ aufzulösen und/oder neu anzuordnen.

Die meisten Ansätze des Gegners wurden letztlich noch gestoppt, nachdem die Gastgeber zunächst quantitativ häufiger die Halbräume bedienen konnten als Benfica selbst. Das lag auch daran, dass Sporting die Staffelungen im Aufbau stärker variierte. Der Tabellenführer von Trainer Rúben Amorim ließ gelegentlich Zentralverteidiger Coates ins defensive Mittelfeld vorrücken, um so alternativ in einer Viererkette aufzubauen. Situativ traten kleine Asymmetrien zwischen den Außenverteidigern hinzu.

Zumindest in der Anfangsphase brauchten Benficas Offensivspieler eine kurze Zeit, um ihre Bewegungen und speziell die Winkel im Anlaufen zu schärfen. Da es vor allem um Feinheiten ging, konnte Sporting davon nur in einem leichten Ausmaß profitieren: Eine längere Ballzirkulation in der ersten Linie konnten ihre Umformungen nicht befördern, aber sporadisch entstand immerhin der eine oder andere diagonale Passweg direkt ins offensive Mittelfeld.

Längere Bälle, Überladungen und manchmal zu wenig Folgeunterstützung

Benfica operierte besonders ausgeprägt mit längeren Pässen der Halbverteidiger in die Tiefe, wie sie grundsätzlich für beide Teams ein wichtiges Mittel darstellten. Diese Zuspiele wurden meistens jeweils hinter die gegnerischen Flügelläufer geschlagen, um Laufduelle oder Dribblingmöglichkeiten gegen die Dreierketten zu provozieren.

Die Gäste versuchten es zudem präsenter mit Überladungen der Seite, bevorzugt der linken, wo abwechselnd der Mittelstürmer auswich oder einer der Sechser unterstützte. Vor allem die beiden Zentrumsspieler Sportings schoben dagegen oft sehr sauber herüber und ergänzten die Fünferkette geschickt.

Letztlich kamen die Überladungsversuche Benficas nur selten gefährlich durch, zumindest ergab sich dadurch aber eine stabile Ausgangslage für das Gegenpressing und zur Absicherung. Zu Beginn der zweiten Halbzeit gelang es den Mannen von Jorge Jesus, der sich in Quarantäne befand und von seinem Co-Trainer vertreten wurde, zwischenzeitlich häufiger, von den Außenbahnen Verlagerungsoptionen auszulösen. Sie nutzten die Überladungen verstärkt auch über rechts und konnten gelegentlich auf den ballfern nachstoßenden Flügelläufer öffnen.

Insgesamt blieb es letztlich über die gesamte Spieldauer dabei, dass die intensive Rückzugsbewegung beider Stadtrivalen die jeweiligen Offensivansätze des Gegners weitgehend auffraßen. Gerade nach Ausweichbewegungen erfolgte die weitere Unterstützung für die Folgeaktionen mitunter eher zurückhaltend, um ausreichend eigene Spieler hinten zu halten. Allerdings war es aufgrund der hohen Qualität des Nachschiebens und Nachsetzens einfach auch schwierig für die gerade angreifende Mannschaft.

Schlussworte

So nahmen sich die beiden Kontrahenten nicht viel und die Begegnung gestaltete sich enorm ausgeglichen. Der späte Siegtreffer für Sporting war kein systematisches Produkt des Spielverlaufs und bahnte sich keinesfalls an. Es gab auch kaum Torchancen. Aber es war sehr hochwertiger Fußball (auch von der Intensität her nochmals stärker als manch früheres Derby), mit den mitunter übermäßigen längeren Vorwärtspässen entlang der Linie hinter die Flügelläufer als kleiner Einschränkung. Vor allem ließ sich die Partie, auch trotz eben jener kleinen Einschränkung, sehr gut anschauen.

woody10 3. Februar 2021 um 08:54

Sporting holt unter Amorim sehr viel heraus.
Für mich eines der drei am besten anzusehenden Teams außerhalb der europäischen Topligen.
Benfica eh seit Jahren auch durchaus sehenswert und wenn ich mir die Besetzung so ansehe, dann werde ich dieses Spiel wohl heute nachschauen müssen.

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