Türchen 12: Virgil van Dijk

Womöglich wirkt Virgil van Dijk auf den ersten Blick nicht wie eine selbstverständliche Wahl für das Thema des diesjährigen Adventskalenders. Aber der Abwehrchef von Liverpool ist auf seine Art ein Risikospieler. Angesichts der hohen Erfolgsquote van Dijks mag das gewiss nicht so vordergründig zum Vorschein kommen.

Die Karte mit seinen Defensivaktionen aus der Toolbox von Twenty3

Darüber hinaus ist das Spiel des englischen Meisters teils derart dominant, dass die Innenverteidiger gar nicht in die Lage versetzt werden, großartiges Risiko eingehen zu müssen. Das frühe Pressing und Leiten in die „toten“ Mittelfeldräume sowie das intensive Gegenpressing durch Spieler wie Fabinho und Gini Wijnaldum sorgt für genügend defensive Stabilität, ohne das ein Ausnahmeverteidiger wie van Dijk überhaupt eingreifen muss.

Und trotzdem ist der Niederländer mit seinen Fähigkeiten hin und wieder gefragt. Dann muss van Dijk zumeist aus einer hohen Position heraus einen Tempoangriff wegverteidigen oder sich sogar als letzte Bastion Liverpools einer Konterattacke erwehren. Seine Defensivfähigkeiten sind einerseits sehr klassisch, da er sich etwa bei Standardsituationen oder Flanken in der Luft sehr gut behaupten kann, und andererseits doch recht speziell.

In Eins-gegen-Eins-Situationen attackiert van Dijk den Gegenspieler nicht unbedingt unmittelbar, sondern schafft es selbst bei hohem Tempo noch, mit klugen Bewegungen seinen Kontrahenten in ungünstige Schusspositionen zu bringen. Beispielsweise öffnet er einem Rechtsfuß bewusst die äußere Bahn, wenn dieser über halblinks auf van Dijk zuläuft. Er geht also vorsätzlich ein gewisses Risiko ein, dass der Gegenspieler zum Torabschluss kommen könnte, verringert aber die Erfolgsaussichten des Stürmers, weil dieser mit seinem schwachen Fuß abschließen muss. Zudem hält van Dijk stets so viel Kontakt zum Schützen, sodass er im letzten Moment noch Druck ausüben kann und dem Angreifer nicht erlaubt, eine optimale Körperhaltung einzunehmen.

Mit dieser Art des Verteidigens ist eine psychische Komponente verbunden. Van Dijk hat sich über einige Jahre hinweg einen Ruf als schier unüberwindbarer Zweikämpfer erarbeitet. Mittlerweile gehen Stürmer einem direkten Duell lieber aus dem Weg und versuchen den Niederländer am besten zu umkurven. Zur gesamten Historie van Dijks gehört auch, dass er lange Zeit ein sehr kontaktorientierter Verteidiger war, der vielleicht selten zum Grätschen zu Boden ging, aber dafür solche fundamentale Elemente wie den gekonnten Hüftcheck und das Hakeln gegen das Standbein des Angreifers sehr gut beherrschte.

Ein zweites wichtiges Element, das van Dijk zu einem disruptiven Verteidiger macht, betrifft seine Fähigkeit, Pässe abzufangen. Der 29-Jährige ist eine wahre „Interception Maschine“, allerdings gar nicht mal unbedingt im offenen Feld, sondern verstärkt im letzten Spielfelddrittel. Natürlich kann van Dijk auch Passwege antizipieren und entsprechend Zuspiele unterbindet. Aber noch viel wichtiger für seine Stärke in der Endverteidigung ist die Art und Weise, wie er finale Pässe negiert.

Van Dijk gegen Heung-Min Son im Champions-League-Finale von 2019. Foto: Clive Rose/Getty Images

Dabei nutzt er die Inaktivität von Passempfängern zu seinem Vorteil aus. Nicht wenige Stürmer neigen dazu, wenn sie sich in einer vermeintlich aussichtsreichen Position befinden, dem Ball nicht entgegenzukommen. Das erscheint nicht unlogisch, denn in dem Moment, in dem sie sich dem Ball nähern, entfernen sie sich womöglich schon wieder vom Tor und müssen im Anschluss aus größerer Distanz schießen. Van Dijk vermeidet es zuweilen, Stürmer frühzeitig zu bedrängen und zu mehr Aktivität zu drängen. Stattdessen wartet er bis unmittelbar zum Augenblick der Ballannahme, um dann entweder direkt vor den Stürmer zu treten und den Ball zu klären oder aber den Stürmer direkt nach dem ersten Kontakt zu attackieren und im besten Fall abzudrängen. Da sich der Angreifer zuvor noch im Zustand relativer Passivität befand, ist er unweigerlich in einem Dynamiknachteil gegen den sich bereits in Bewegung befindlichen van Dijk.

Aber auch diese Vorgehensweise ist trotz der hohen Erfolgsquote mit Risiko verbunden. Van Dijk lässt teilweise einen Stürmer im oder am Strafraum bewusst an den Ball ankommen. Das kann natürlich manches Mal dazu führen, dass Liverpools Abwehrchef ausgespielt wird und einen Schuss erlaubt. Allerdings ist das Spiel des 29-Jährigen ein Spiel mit den Wahrscheinlichkeiten. Er minimiert bewusst die Erfolgsaussichten des Gegners, weshalb seine Vorgehensweise über einen längeren Zeitraum eine effektive ist.

Van Dijk mag nicht das Chaotische und Wilde manch anderer Risikospieler verkörpern, aber auch in seiner manchmal maschinell wirkenden Spielweise steckt eine bewusste Risikoabwägung. Erst wird mit dem Kopf verteidigt und anschließend mit dem Rest des Körpers.  

AG 12. Dezember 2020 um 08:25

Das ist natürlich ein Knaller, van Dijk hätte ich nicht erwartet, auch wenn er sicher einen Artikel hier verdient hat. Danke Euch!

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