Koemans Debüt bei Barca

Zum Einstand des neuen Trainers zeigt sich das Ballbesitzspiel sauber und weitgehend kollektiv. Die Frage des Pressings wird auf Sicht aber die eigentliche Herausforderung sein, wenn es um das Erreichen der Spitzenqualität geht.

Durch seine Vorgeschichte als Spieler in den 90er-Jahren geht Ronald Koeman nach seiner Anstellung als neuer Trainer des FC Barcelona mit einer besonderen Note an dieses Amt heran. Für die Aufgabe bei Barca gibt der niederländische Coach die Möglichkeit auf, mit der Nationalelf seines Heimatlandes – und dabei nicht zuletzt einer gut besetzten Auswahl – an der EM im kommenden Jahr teilzunehmen.

Obwohl oder vielleicht gerade weil in der Mannschaft noch keine größeren personellen Veränderungen auf die lauten Umbruchsdikussionen nach der enttäuschenden Vorsaison folgten, gab es in der Gesamtkonstellation zum Debüt des neuen Trainers eine interessante Gemengelage. In dessen erster Startformation fand sich Leih-Rückkehrer Coutinho, ansonsten kein anderer wirklicher Neuzugang.

Zum Einstand traf Koeman mit dem traditionell spielstarken Villarreal, aktuell unter Unai Emery, auf einen reizvollen Gegner im Camp Nou. In einem gut organisierten und horizontal kompakten 4-4-2/4-2-2-2 – also der klassischen Grundordnung des „gelben U-Boots“ – starteten die Gäste damit, das Zentrum eng zu halten. Barcas Doppel-Sechs aus Busquets und dem nach halblinks versetzten Frenkie de Jong war im Sechseck aus Stürmern, engen Außen und Sechsern nur schwierig einzubinden. Die beiden äußeren Akteure Villarreals bewegten sich sehr diszipliniert vor den Schnittstellen zu den Angreifern und schoben die direkten Passwege in den Zwischenlinienraum geschickt zu.

Mit Aufrückmomenten langsam anfangen

Strategisch verhielt sich Barca dagegen in passendem Maße pragmatisch: Die Katalanen irkulierten geduldig über die Außenverteidiger und konzentrierten sich im Zweifel darauf, erst einmal über mehrere Durchläufe durch die erste Aufbaulinie langsam an Höhe gegen den Block zu gewinnen. Schließlich mussten die Flügel Villarreals nach den Eröffnungen zur Seite im ersten Moment stets den direkten diagonalen Anschlussweg weiter in den Zwischenlinienraum zulaufen und dafür zwangsläufig auch etwas zurückweichen. So erhielt Barca immer wieder kleine Räume, um Stück für Stück nach vorne zu schieben.

Die Stürmer Villarreals davor agierten im Anschluss an diese Situationen wechselhaft, so dass bei den Gastgebern die Sechser grundsätzlich von den seitlichen Zonen aus in den weiteren Ballvortrag integriert werden konnten. Teilweise schaltete sich de Jong auch tiefer ein, kippte seitlich heraus und trug von halblinks außerhalb der Formation zunächst einmal zu den ersten Aufrückmomenten bei.

Im weiteren Verlauf kam Barcelona aus jenem Halbraum – also grundsätzlich dem Bereich schräg neben den gegnerischen Stürmern – häufiger zwischen die Linien als halbrechts. Oft hielt sich auf der linken Seite Ansu Fati breit auf dem Flügel. Jordi Alba nutzte das – mit zunehmender Dauer immer häufiger – für engere Positionierungen und fand dafür recht passende Momente. Wichtig waren bei diesen Übergangsaktionen über links zwei Punkte: Zum einen sorgte die asymmetrische Anordnung der Sechser für frühzeitige Präsenz de Jongs in jenem Bereich, bereits während etwaiger Verlagerungen dorthin. Seine ergänzende Position im Halbraum konnte ohne große Vorbereitung umgehend und reibungslos genutzt werden und den ballnahen Stürmer binden.

Offensivübergange halblinks – vor allem in den Raum zwischen den gegnerischen Sechsern

Zum anderen war es wichtig, dass Coutinho sich immer wieder für kleine Pärchenbildungen mit auf diese Seite begab – genauer gesagt „schlich“, in einem eher langsamen, aber letztlich oft passenden Tempo. Konkret zog er in den Halbraum, aber auch mal weiter auf den Flügel. Gerade gegen besonders breite Positionierungen Ansu Fatis musste der offensive Außenspieler Villarreals meistens schon sehr kompakt doppeln.

Lenglet überspielt de Jong auf Alba, zunächst einmal keine wirkliche Verbindung zwischen den Halbräumen. Coutinho kommt mit nach links, bietet sich kurz an und lässt auf de Jong klatschen. Nach dem Pass zieht er zusätzlich mit auf den Flügel. In der Folgesituation bindet er dort zum einen den Rechtsverteidiger, zum anderen zieht er die Konzentration des ballnahen Sechsers auf sich, der den Passweg nach außen zu sperren versucht.

Da der schleichende Coutinho seinen genauen Aufenthaltsort kleinräumig und mit zwar gleichförmiger, aber hoher Wiederholungsrate variierte, zog es auch den ballnahen Sechser eng herüber. Dieser wurde von der katalanischen Präsenz auf links stark gefordert, musste er nah an seinem Mitspieler auf außen doch entweder den Passweg zur Seite – falls Coutinho komplett mit auf den Flügel ging – oder vor der Schnittstelle zum ballnahen Innenverteidiger – sobald Coutinho höher in seinem eigenen Rücken lauerte – schließen.

Fortsetzung der Szene von oben: Coutinho ist mit auf der linken Seite, Ansu Fati setzt sich mit gutem Timing nach innen in den Freiraum zwischen den Sechsern, de Jong spielt zwischen drei Gegnern hindurch. Der Innenverteidiger versucht hastig zu reagieren, die besten Aussichten hat Parejo. Potentiell wäre hier sogar eine Pressingfalle möglich, die den Raum zwischen den Sechsern dynamisch zuschöbe. Ansu Fati macht gegen die zwei herausrückenden Gegner den Ball erst einmal fest und kann über Busquets nach hinten spielen. Die verschobene Mittelfeldaufteilung Barcas löst hier den Druck, Villarreal hat aus dem Block heraus keine saubere Orientierung nach hinten. Diese Situation nutzt Busquets für einen Laserpass in den rechten Halbraum: Als der ballferne Flügelspieler auf die Verlagerung über den rechten Innenverteidiger zu spekulieren beginnt, bringt er stattdessen einen exzellenten Pass durch die Schnittstelle auf Messi, der seinerseits nun in der nächsten Zwischenlücke, diesmal hinter Parejo, eingebunden werden kann.

Über de Jongs Herauskippen in Verbindung mit tieferen Startpositionen Jordi Albas hatte Barca zunächst einmal gute Aussichten, dass Villarreal aus den engen Situationen nahe der Seitenlinie wenig wahrscheinlich in den Zugriffsübergang gehen würde. Hielten die Katalanen in diesen Momenten ruhig genug den Ball, konnten sich Lücken für das Vorwärtsspiel am ehesten im Zwischenraum in der Mitte der beiden gegnerischen Sechser ergeben, nachdem der ballnahe von ihnen weit nach außen schieben musste.

Ansu Fati in breiter Position, Alba etwas enger, Coutinho erst einmal im Deckungsschatten: Der agile Offensivmann besetzt nun den Raum zwischen ballnahen Außen- und Innenverteidigern (rötlich), Ansu Fati spielt zurück auf Alba. Die Spieler Villarreals aus der unmittelbaren Nähe müssen beim langsamen Herausrücken den schleichenden Coutinho und die ähnlich schleichende Folgebewegung Ansu Fatis im Blick behalten. Den Raum (bläulich) seitlich neben dem weit verschobenen ballnahen Sechser, den Coutinho verlässt, besetzt schließlich Messi, um den Ball von Jordi Alba zu erhalten.

Die Einzelkönner bei Barca waren geschickt genug, diese Bereiche sinnvoll zu besetzen. Bei breiten Pärchenbildungen von Ansu Fati im Verbund mit Coutinho gaben die beiden diese Staffelungen in Anschlussmomenten auch mal wieder auf und einer pendelte zurück in den Halbraum. Potentiell konnten auch die zwei anderen Superstars aus der Offensivabteilung die Nutznießer solcher Szenen sein. Als Passgeber hatte neben den Sechsern auch Jordi Alba manch gute Szenen. Insgesamt erspielte sich Barca auf diese Weise mehrere gute Ansätze.

Spätere Messi-Einbindung und (noch) vage Griezmann-Einbindung

Als eine Folge – oder als eine prinzipiell vielversprechende Begleiterscheinung – aus dieser Gemengelage ergab sich, dass Messi insgesamt eher später und punktueller eingebunden wurde, und etwa auch vergleichsweise selten in andribbelnder, antreibender Rolle auf den gegnerischen Block zu. Grundsätzlich erfolgten die Anspiele auf ihn in späteren Angriffsphasen, vor allem über Verlagerungen aus dem anderen Halbraum ins Zentrum oder nach halbrechts, so unter anderem über Laserpässe von Busquets, der als Reaktion auf breitere Positionen de Jongs weiter mit zum Ball hinüber rücken konnte.

Generell präsentierte sich das Ballbesitzspiel der Koeman-Elf für den ersten Auftritt recht sauber und rhythmisch ausgeführt. Einige kleine Feinheiten passten gut gegen Villarreal und können Barca demgemäß für die weitere Entwicklung hoffen lassen. Wenn die offensiven Außenspieler zum Beispiel bei Anspielen auf den Außenverteidiger und geschlossenem Halbraum diagonal vor die gegnerische Mittelfeldreihe zurückfielen, schob der jeweils ballnahe Sechser oft gut davor und diente als einfache Anspielstation für die Folgeaktion.

Dadurch konnte auch eine besonders schnelle Rückwärtsbewegung von Villarreals ballnahem Stürmer aufgelöst werden. Für Ansu Fati und Coutinho bedeutete das Möglichkeiten zum Dribbling, für Griezmann einfach eine Möglichkeit überhaupt zur Einbindung und damit zu mehr Präsenz. Im Falle des Franzosen muss sich demnächst noch zeigen, inwieweit sein Spiel im Gesamtkonstrukt des Teams Platz finden und wie man ihm quantitativ mehr Situationen verschaffen kann.

Das Thema Pressing läuft schon mit

Mit dem klaren 4:0-Heimsieg – mit sämtlichen Treffern bereits in Durchgang eins und mehr Schongang nach der Pause – verlief Ronald Koemans Premiere als neuer Barca-Trainer gelungen. Auf lange Sicht wird bei diesem Projekt nicht zuletzt außerdem mit entscheidend und damit bereits mittelfristig über die nächsten Spiele eine essentielle Frage sein, wie der Niederländer das Thema Pressing angehen kann und wird. Solange die Katalanen dort nicht die notwendige Intensität bzw. Geschlossenheit haben, drohen sie in der aktuellen Lage des Weltfußballs an einer solchen Achillesferse stets in entscheidenden Partien zu viele Spielanteile zu verlieren.

Das erste brenzlige Element besteht darin, dass man mit Messi momentan einen Schlüsselspieler gegen den Ball integrieren muss, der bei genau dieser Defensivarbeit athletisch nicht die höchste Aggressivität einbringen kann. Dies gleicht er teilweise – aber mittlerweile inkonstanter – über gute Positionierungen aus. Jene Situation wird praktikabler, wenn der Superstar dafür wie in dieser Begegnung die nominelle Mittelstürmerposition besetzt und somit insgesamt auch genau eine Position für „Defensivfreiheiten“ in Frage kommt. Zumal nach dem Abgang von Suárez dürften Aufstellungen wie gegen Villarreal vom Prinzip erst einmal auch wahrscheinlich bleiben.

Nun bleibt zu beobachten, ob Koeman einen bestimmten Ansatz findet, um diese potentielle Bruchstelle zu umschiffen. Welche Rollenverteilung wird er wählen? Wäre eine Asymmetrie im Pressingverhalten eine Variante? In welchem Ausmaß kann ein ausgeprägtes „Zocken“ von Offensivspielern gezielt eingesetzt werden? Kommen kurze Intensitätsspitzen gegen den Ball in Frage, indem also die strategische Bandbreite im Defensivmoment möglichst extrem variiert wird?

Gegen Villarreal deutete sich an, dass in der 4-4-1-1-Grundordnung Busquets‘ weite und anführende Herausrückbewegungen bis zum gegnerischen Sechserraum mit Deckungsschattennutzung nicht alleine funktionieren können, wenn Coutinho einen Mittelfeldmann des Gegners zusätzlich mannorientiert verfolgen und zustellen soll. Mit Routinier Parejo als cleverem Ballverteiler hatte Villarreal bereits gute Chancen, um trotzdem Pässe ins zweite Drittel zu bringen. Die seitlichen Achterräume um die Flügelspieler herum konnten Barcas Sechser nicht konstant verdecken.

Demgegenüber bestand ein anderer interessanter Ansatz im weiträumigen Herausrücken der Außenverteidiger ballnah in eine höhere Pressinglinie, wie es derzeit sich bei mehreren Teams in unterschiedlichen Ausprägungen verbreitet hat. Die Kette schiebt in diesen Momenten durch und gerade de Jongs Auffüllen in die Abwehr hinein kam dafür gegen Villarreal zum Zuge. Zumindest punktuell könnte dieser Mechanismus auch mit dem aktuellen Personal eine Option sein.

Die vielleicht wichtigste Erfahrung zur Arbeit gegen den Ball von diesem Saisonauftakt dürfte schließlich strategischer Natur gewesen sein: Die mannschaftliche Entscheidungsfindung, Abstimmung und Umsetzung dieser Entscheidungen funktionierte darin gut, wann man – etwa nach Rückpässen – möglichst einfach und ökonomisch in höhere Pressingmomente aufrücken konnte. Barca erkannte in der ersten Halbzeit recht ausgewogen und treffsicher jene Momente, in denen das Kollektiv bloß an Höhe zu gewinnen brauchte, um dadurch bereits vergleichsweise viel Raum oder viele Optionen zu schließen und unruhige Aktionen gegnerischer Spieler zu provozieren.

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