Die Ruhe macht den Sturm

0:3

In einem sehr intensiven und hart umkämpften Nachholspiel entscheidet die zweite Halbzeit zu Frankfurter Gunsten. Nach leichten Bremer Vorteilen vor der Pause, auch wegen der Ausrichtung des Offensivtrios, spielt Werder später immer ungeduldiger in die Spitze. Demgegenüber bereitet die Eintracht die Übergänge nach vorne in Durchgang zwei kontrollierter vor.

Bereits die Grundzutaten der Partie stellten die Weichen für die enorme Intensität und teilweise Zerfahrenheit und Härte zwischen Bremern und Frankfurtern in diesem Nachholspiel: die Ausgangslage für die beiden abstiegsbedrohten Teams, der vertikale und weiträumige Stil der Eintracht, womöglich die akustische Untermalung von der Bank der Grün-Weißen auch für viele kleine gelungene Aktionen.

Die Intensität des Kampfspiels

Die Formationen trugen ebenso ihren Teil zum fahrigen Zug der Begegnung bei: Frankfurt spielte die eigene Dreierkette oft als solche – mit den Flügelverteidigern in der zweiten Linie, die dementsprechend viel Präsenz ins Mittelfeld brachten. Auf Bremer Seite sorgte die Hybridrolle Vogts – zusätzlicher Verteidiger bei gegnerischem und tiefer Sechser bei eigenem Ballbesitz – für viele Übergangssituationen in der Grundordnung, aus denen sich plötzliche Folgedynamiken ergeben konnten. Generell neigt man gegen Dreierkettenstaffelungen etwas eher dazu, schnell und damit vertikal die Räume neben den jeweiligen Halbverteidigern versuchen anzuvisieren.

Es gab ausgeprägte direkte Zuteilungen und daraus folgend einige intensive 1gegen-Duelle, diese resultieren vor allem aus Momenten des frühen Anlaufens und waren ansonsten stärker durch die formativen Spiegelungen bestimmt, weniger durch übermäßig mannorientierte Grundhaltungen. Mitunter konnte man das Gefühl haben, die Gesamtdynamik lasse den einen oder anderen Akteur Gefahr laufen, sich zwischendurch in kleinen Einzelscharmützeln zu verlieren oder in ein, zwei Momenten zu sehr auf das Herausholen eines Fouls zu setzen. Das schwächte punktuell den Spielfluss oder im taktischen Fortgang einer konkreten Situation zumindest mal die Kompaktheit.

Ein weiteres Puzzleteil für die hohe Intensität der Partie bildete das Verhalten der Flügel- bzw. auch Außenverteidiger, da diese häufig auch nach innen verteidigten. Das kam nicht nur im Gegenpressing vor, sondern auch als schnelle und geschickte Reaktion aus dem geordneten hohen Zustellen heraus, falls dort beispielsweise die erste Pressinglinie überspielt zu werden drohte. Auf Seiten der Frankfurter vollzog sich als besonders systematischer Ablauf, dass Touré im rechten Halbraum Klaassen aufnahm, wenn Vogt sich gegen Gacinovic sehr weit zurückfallen ließ und der niederländische Achter daraufhin zur Besetzung des Verbindungsraumes eilte.

Neigung zur Hektik

Während beide Teams unter den verschiedenen Umständen im Feldzentrum nicht die letzte Klarheit herstellen konnten, hatten sie jeweils viel Bewegung aus dem zweiten Drittel in die Spitze, hauptsächlich durch Vorstöße der Mittelfeldakteure. Bei Werder agierten die drei Offensivkräfte grundsätzlich flexibel, aber noch etwas enger aneinander als bei der Eintracht. Dort waren Kamada und Gacinovic enorm umtriebig, hatten für sich vielversprechende Ansätze bei der Besetzung des Zwischenlinienraums, verloren in ihren ambitionierten Bewegungen aber häufiger den Kontakt zueinander und bekamen somit Schwierigkeiten, aus diesen Vorleistungen wirklich etwas machen zu können.

In Strafraumnähe rückten die unmittelbar beteiligten Spieler beider Teams ohnehin sehr aggressiv vor. Einerseits gestaltete sich die Grundlage also eigentlich schwierig, um die Vorwärtsläufe jeweils in Szene zu setzen. Andererseits brachten deren Vielzahl und Aktivität die Spieler in letzter Instanz oftmals doch dazu, ein entsprechendes Zuspiel zu versuchen. So wurde die Begegnung von einigen überambitionierten Pässen durchzogen, die das häufige und vertikale Hin und Her zusätzlich „festigten“. Diese Gesamtsituation bildete den Nährboden für den späteren Knackpunkt der zweiten Halbzeit aus Bremer Sicht: Werder nahm sich nach der Pause durch überhastetes Vorwärtsspiel selbst aus der Partie. Das Team von Florian Kohfeldt funktioniert zwar allgemein über anspruchsvolle Eröffnungen, die gelegentlich vorschnell erfolgen. Aber in diesem Fall ging es nicht (nur) um den konkreten Übergang aus dem Aufbau.

Seine Mannen agierten auch in höheren Bereichen überengagiert und verloren allgemein in der Entscheidungsfindung die Ruhe. Vermehrt versuchten sie aus dem Mittelfeld Pässe direkt in die Spitze zu bringen, wenn die Situation es noch nicht hergab und die nötigen Positionen oder die entsprechenden Strukturen für mögliche Folgeaktionen noch nicht hatten eingenommen bzw. vorbereitet werden können. Durch die fehlende Ruhe schenkten die Bremer viele Momente her, aus denen sich später vielleicht noch manche Ansätze ergeben hätten. Die zunehmende Ungeduld machte sich in vielen kleinen Einzelsituationen bemerkbar: Mehrmals wurden etwa Freistöße schnell ausgeführt, um einen bestimmten und grundsätzlich interessanten Passweg anzuvisieren, der beispielsweise bald geschlossen zu werden drohte, aber bereits nur noch sehr „instabil“ nutzbar war.

Bremen sucht (nicht immer) Raum hinter dem Flügelverteidiger

Bereits vor dem Übergang in Strafraumnähe streuten die Mittelfeldakteure beider Seiten weiträumige Vorwärtsläufe ein – bei Frankfurt abwechselnd durch einen Sechser, teilweise überraschend über die Positionen von Kamada und Gacinovic hinweg, insgesamt am häufigsten in Person von Klaassen für Werder. In diesem Fall bemühten sich Kohfeldts Mannen darum, durch ihren raumüberbrückenden Allrounder gezielt den Raum hinter Touré zu attackieren. Wenn dieser am Flügel gegen Friedl ins Pressing musste, versuchte sich Klaassen diagonal nach außen zu lösen und seitlich neben dem Deckungsschatten entlang der Linie anspielbar zu werden. Alternativ variierten die genauen Muster je nach Situation, mit verschiedenen stets gegenläufigen Bewegungen und dazu beispielsweise schnellen Doppelpassversuchen im gruppentaktischen 2gegen2.

Das Frankfurter Timing im Nachrücken funktionierte in der ersten Halbzeit nicht so gut, so dass sich aus solchen Szenen einige Ansätze ergaben. Gegen die Athletik der Frankfurter Verteidiger war es für Bremens individuell nicht so starke Offensive aber schwierig, daraus saubere finale Durchbrüche zu machen. Osako agierte ohnehin insgesamt etwas enger als Bartels. Vielleicht war es zudem eine explizite Anweisung Kohfeldts an die Offensivabteilung, sich bei diesen Abläufen mittiger zu halten, damit Abraham zunächst kompakt gebunden wurde und nicht so frühzeitig zum Halbraum nachschieben konnte.

Das verschaffte Klaassen in den ersten Momenten mehr Platz, aber letztlich nicht so viel Entlastung, dass er mal klar und offen direkt auf die Kette hätte zudribbeln können. Vielmehr wurde bei Werder in anderen Spielsituationen mitunter die Aktivität aus der Offensivabteilung heraus zu gering: Kam es im linken Halbraum beispielsweise aus Konterszenen oder schnellen Verlagerungen zu einem Vorstoß, hätte erneut der Raum zwischen Abraham und Touré attackiert werden können. Sowohl Selke als auch Bartels deuteten solche Laufwege von halbrechts aus in manchen Momenten an, brachen sie jedoch letztlich mehrfach noch ab statt im Rücken des Frankfurter Halbverteidigers diagonal in die Tiefe durchzulaufen.

Gefahr durch enge Staffelungen

Trotzdem bedeutete die enge Staffelung des vorderen Trios bei Werders einen kleinen Vorteil in der ersten Halbzeit. Sie bereitete der Frankfurter Verteidigung Schwierigkeiten, wenn die Flügelläufer sich in einer höheren Linie einreihten. Grundsätzlich kann eine Viererkette einer engen Dreieroffensive wesentlich stabiler begegnen als eine echte Dreierkette, über die rein numerischen Verhältnisse hinaus auch von der Methodik her: Herausrückbewegungen eines Spielers in kompakten Situationen lassen sich sauberer absichern und speziell Dreiecke dafür in der Dynamik einfacher organisieren. Bei schnellen Vertikalpässen im Zentrum oder einzelnen langen Bällen hatte Frankfurt daher Probleme mit den Abprallern.

Weil die Eintracht den drei vorderen Bremer Akteuren mit geringer Absicherung begegnen musste, strahlte deren dichte Anordnung somit Gefahr aus. Im Schatten von Selke lauerte Osako in etwas tieferer Position, um schnell anzuschließen. Hinzu kamen die aggressiven Vorstöße von Klaassen, der punktuell die Lücken neben der Dreierkette vor dem Rückzug der Flügelverteidigung attackierte, ansonsten aus dem Rückraum für zusätzliche Präsenz sorgte. Seine unterstützenden Aktionen konnte die Eintracht über die verbesserte Rückzugsbewegung der Sechser mit der Zeit zwar auffangen. Weiterhin mündeten aber die Positionen des Offensivtrios gelegentlich in plötzlichen Abschlusssituationen nach Abprallern, wie bei Bartels´ Versuch in der Nachspielzeit von Durchgang eins.

Seltene Aufrückmomente über André Silvas Ausweichen

Womöglich setzte Adi Hütter sein Vertrauen in die athletischen Vorteile seiner Defensive. Viererkettenstaffelungen gab es nur sehr selten und hauptsächlich als asymmetrisches Ergebnis ungleichmäßiger Rückzugsbewegungen, demgegenüber sogar häufiger bei eigenem Ballbesitz. Häufig ließ sich im Aufbau einer der Sechser, zumeist Rode, zu den drei zentralen Verteidigern zurückfallen, die entsprechend weiträumig auffächerten. So gab es etwas mehr Ruhe gegen die drei vorderen Bremer Spieler und die kompakt nachrückenden Achter (bzw. gegen den Ball theoretisch Sechser). Möglichkeiten zum Andribbeln blieben gegen diesen dichten Fünferblock aber schwierig, gegen den die Eintracht noch mehr hätte zirkulieren sollen.

Vorne bewegten sich die Spieler vielseitig und fanden grundsätzlich gut die Zwischenräume, dabei aber oft genug nicht die Verbindung zueinander oder zu Kohr ins Mittelfeld. Selbst wenn Hasebe oder Rode doch mal andribbeln konnten, kam es so bei den Folgeoptionen aus dem Übergangsbereich zu Problemen. Das Zurückfallen des Frankfurter Sechsers in die erste Aufbaulinie geschah fast immer auf halblinks. Aus diesem Bereich entwickelten sich die vor der Pause einzigen klaren Offensivansätze der Gäste, eingeleitet über längere Pässe. Wenn Rode mit Ball den Weg nach vorne suchte, Bremen entsprechend ins Pressing vorzurücken begann und Gebre Selassie Kostic zustellte, waren etwaige Tiefenbewegungen von Gacinovic bzw. Kamada im dortigen Halbraum potentiell entscheidend:

Hinter den aggressiven Mittelfeldspielern provozierten sie Veljkovic, sich präventiv nach vorne zu orientieren, um schnell herausrücken zu können. Bewegte sich der Bremer Verteidiger zu forsch, ergab sich auf der linken Frankfurter Angriffsseite viel Raum für ausweichende Läufe von André Silva, der viele Bälle forderte und sie technisch gut festmachen konnte. Sofern der ballführende Sechser schnell genug reagierte, war das weite Zuspiel auf den Torjäger der Eintracht möglich, der seinem Team auf diese Weise zumindest manchen Aufrückmoment verschaffte. Im Angriffsdrittel kamen die Gäste aber kaum dazu, sich auch mal festzusetzen, sondern suchten viele Einzelaktionen und die nachrückenden Akteure liefen häufig direkt und unbedacht in den Sechzehner durch.

Frankfurts Verbesserungen nach der Pause

Diese Bewegungsmuster prägten bei beiden Teams auch spätere Phasen der Partie, aber in der zweiten Halbzeit entwickelte die Eintracht eine stärkere Ballzirkulation – ein entscheidender Schlüssel in Durchgang zwei. Vornehmlich betraf dies das zweite Drittel und die Übergangszonen: Zum einen nutzten sie die breiten Anordnungen der Verteidiger, speziell Abrahams hohes und breites Aufrücken bei tieferen Positionen Rodes, um den Ball horizontal großräumiger laufen zu lassen und Bremen noch mehr ins Verschieben zu zwingen.

Zum zweiten verhielten sich die Spieler geschickter, wenn es darum ging, diese Zirkulation auszuführen bzw. in der Folge weiter nach vorne zu kommen. Vor allem nach Verlagerungen gab es nun häufiger kurze Dribblings in freie Räume, oft entgegen der Verschieberichtung, mit denen mehr Ruhe in die Übergänge der Frankfurter hineinkam. Wenn Seitenwechsel mit dem ersten Kontakt nach innen mitgenommen wurden, wich ein ballnaher Mitspieler zudem oft gegenläufig zur Seite aus, konnte dadurch im ersten Moment einen Gegner binden bzw. wegziehen und so den ballführenden Kollegen zusätzlich entlasten.

Insgesamt führte das einfach dazu, dass Frankfurt nach der Pause allgemein besser im Spiel war und längere Ballpassagen verbuchte. Ein solch deutlicher 3:0-Sieg musste daraus keineswegs die notwendige Konsequenz sein. Der wichtige Führungstreffer wurde nicht aus der Zirkulation, sondern einer Balleroberung eingeleitet und bei den weiteren Treffern kam die alte Bremer Standardschwäche zum Tragen. Zumindest in diesen Fällen könnte man anführen, dass die längeren Frankfurter Ballbesitzphasen die Wahrscheinlichkeit wesentlich erhöhten, überhaupt zu Standardsituationen zu kommen und vor allem im vorderen Drittel oder zumindest an der Grenze dorthin zu Standardsituationen zu kommen.

Fazit

Dank einer Verbesserung in der zweiten Halbzeit sicherte sich die Eintracht letztlich einen verdienten Sieg, der sie aus der akuten Abstiegsnot heraus hievt. Insgesamt fand Adi Hütter in der Pause einige treffende Feinjustierungen. Für Werder bedeutet die Niederlage – nach dem zu ungeduldigen Auftritt nach dem Seitenwechsel – einen Rückschlag. Aber insgesamt bestätigte sich der Eindruck aus den vorigen Partien, dass die Gesamtanlage des Teams stimmt. Darauf kann sich Bremen für die letzten Spiele stützen.

Daniel 7. Juni 2020 um 16:51

Weiß jemand etwas, ob vor der Saison in Bremen der Athletiktrainer gewechselt wurde oder dergleichen? Ich fand es noch nie bei einem Bundesligisten so auffallend, dass er einfach physisch nicht auf der Höhe ist und von den Gegnern regelmäßig überpowert wird. Die Zahl der Kopfballgegentore kommt schon nicht von ungefähr. Dabei sind die Staffelungen meist gar nicht so schlecht und die Mannschaft ist eigentlich auch recht groß
Bremen hat in meinen Augen überhaupt nicht die Spieler, um das angestrebte System erfolgversprechend umsetzen zu können. Die Dreierkette in Verbindung mit der eng gestaffelten Offensive überlässt es ausschließlich den Flügelverteidigern, offensiv Breite zu geben. Leider sind aber sowohl Gebre Selassie als auch Friedl (letzterer ist sogar gelernter IV) sehr klare Defensivspieler, die auf sich allein gestellt kaum für Gefahr sorgen können. Augustinsson ist offensiv etwas stärker, aber für die gestellten Aufgaben auch nicht ausreichend.

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McHanson 9. Juni 2020 um 20:32

Siehe Probleme in der Athletik:
Die hohe Anzahl an (Muskel-) Verletzungen ist auch auffällig

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