Türchen 22: Mats Hummels

Mats Hummels ist einer der besten deutschen Innenverteidiger. Diese Aussage wäre im Sommer 2018 umstritten gewesen; nach den vergangenen Monaten ist sie es aber nicht mehr. Während seiner Karriere hat Hummels für Bayern München, Borussia Dortmund und die deutsche Nationalmannschaft in der Innenverteidigung hervorragende Leistungen abgeliefert und sich als geborener Abwehrchef entpuppt. Trotzdem kamen immer mal wieder Diskussionen auf, warum er nicht im zentralen Mittelfeld eingesetzt wird. Warum eigentlich?

Bis zu seinem 15. Lebensjahr spielte Hummels noch als Stürmer. Dann wurde er zum Defensivspieler umfunktioniert. Als er die große Bühne – sprich die erste Mannschaft des FC Bayern – erreicht hatte, war er bereits als großes Innenverteidigertalent etabliert. Lediglich in der Reservemannschaft spielte Hummels gelegentlich im zentralen Mittelfeld. Sein Wechsel zum BVB sollte jedoch eine größere taktische Flexibilität von ihm abverlangen.

Denn in der Endphase der Thomas-Doll-Zeit beim BVB kam Hummels nicht sofort als Stammkraft für die Innenverteidigung in Frage. Er mäanderte umher innerhalb der Dortmunder Formation. In den ersten Partien flankierte er noch das Abwehrduo Christian Wörns und Martin Amedick auf der rechten Seite. Dann verschob sich sein Einsatzgebiet unter Doll und später Jürgen Klopp auf die Abwehrzentrale – mit gelegentlichen Ausflügen auf die Sechserposition. Dort erfüllte er den defensiven Part neben Antreiber Tinga oder Passgeber Nuri Şahin.

Deutschland gegen England im Finale der U21-Europameisterschaft 2009

In den ersten eineinhalb Jahren beim BVB waren es jedoch lediglich zwei Einsätze auf der Sechs in der Bundesliga. In seiner dritten Saison in Dortmund 2009/10 setzte ihn Klopp interessanterweise fünfmal in der Bundesligahinrunde auf eben jener Position ein. Vielleicht hatte sich Borussias Cheftrainer auf diese Idee zurückbesonnen, weil Hummels beim U21-Europameisterschaftsfinale gegen England, das die Deutschen mit 4:0 gewannen, neben Sami Khedira der Balancegeber im Mittelfeld war. Vielleicht lag es schlichtweg daran, dass der junge Sven Bender noch reifen musste. Vielleicht lag es an der Rollenverteilung in der damaligen Raute des BVB, in welcher Hummels mehrfach den Mittelfeldlibero gab.

Einen Sieg in der Liga konnten die Dortmunder mit Hummels auf der Sechs jedoch nie erreichen. Stattdessen kassierten sie eine Klatsche gegen die Bayern und eine Heimniederlage im Revierderby mit Schalke.

Die Sehnsucht nach dem spielmachenden Abräumer

Nichtsdestotrotz geisterte die Idee weiterhin durch den Fußballäther. Und die Gründe liegen eigentlich auf der Hand. Hummels etablierte sich frühzeitig als sehr passstarker Innenverteidiger, der zudem den Spielaufbau mit Vorstößen belebte. Er brachte von Beginn an die notwendige Physis und die Lust an proaktiver Zweikampfführung mit. Also sprach vieles dafür, dass Hummels einerseits der wichtige Anker in der Spieleröffnung ist, der entweder die Innenverteidiger unterstützt oder diesen dabei hilft, die erste Pressinglinie zu überwinden.

Andererseits könnte er mit seiner Defensivdenkweise gegnerische Spielzüge – gerade die schnellen Umschaltangriffe – unterbrechen oder zumindest deren Dynamik minimieren. Immerhin entspricht es eher Hummels‘ Instinkt, nach vorn zu gehen und frühzeitig eine Defensivaktion zu forcieren, als sich nach hinten fallen zu lassen, um den Raum abzudecken. Auf der Sechs hätte er zusätzliche Absicherung hinter sich und seine teils missglückten Versuche würden weniger stark ins Gewicht fallen; seine erfolgreichen Balleroberungen wären aber umso wertvoller, wenn wir davon ausgehen, dass diese weiter vorn erfolgen als in seiner Innenverteidigerrolle.

Es gibt aber natürlich auch triftige Argumente dafür, dass Hummels seit dem Sommer 2010 nicht mehr auf der Sechserposition eingesetzt wurde. „Im Mittelfeld“, sagte Hummels in jenem Jahr, „geht es etwas schneller als in der Defensive zu. Da hast du von vorn und hinten Druck. In der Abwehr dagegen hast du das ganze Spiel vor dir.“[ Damals hatte er sich zusammen mit Neven Subotić in der Dortmunder Innenverteidigung eingespielt und sah keinen Grund für eine langfristige Rückkehr.

Die doppelte Drucksituation war immer ein Element, das gegen den Sechser Hummels sprach. Er war von seiner Spielweise keiner, der diese allumfassende Übersicht konstant besaß. Hummels konnte nicht unbedingt antizipierend in jede Himmelsrichtung die anbahnenden Herausforderungen analysieren und dementsprechend seine Anschlusshandlungen infolge einer Ballannahme anpassen. Gerade als erste offensive Anspielstation für die Innenverteidiger hätte er häufiger aufdrehen müssen, um eben nicht das harmlose und teils unproduktive weiterleitende Zuspiel auf den Flügel zu wählen und den Druck lediglich zum noch weniger bewegungsfähigen Außenverteidiger umzuleiten.

Für Hummels war es gewiss von Vorteil, einige Wettbewerbspartien auf der Sechs zu absolvieren, um die Wahrnehmungen derjenigen Mitspieler, mit denen er ständige Passkommunikation betreiben müsste, besser zu verstehen. Gleichzeitig waren die Einsätze im Mittelfeld für den seit jeher selbstbewussten Hummels eine gute Erfahrung, um noch konkreter seine eigenen Stärken auszuloten. Hummels sah sich frühzeitig als Stratege aus dem Rückraum, als ruhender Pol, der dosiert und strategisch klug Impulse setzt und als jemand, der situativ auch mit langen Bällen das gegnerische Pressing direkt ins Leere laufen lässt.

Für Hummels ist es seit Beginn seiner Karriere wichtig, wie er sich selbst und seine Rolle innerhalb einer Mannschaft wie auch im größeren Kontext des deutschen Fußballs definiert. Auf dem Rasen entschied er sich für die Rolle des wohlüberlegten Abwehrstrategen. Dass er seit seinen Anfangsjahren im Profigeschäft zudem noch ein paar Kilogramm zulegte und brachialer wirkte, erschwerte auch von einem physischen Aspekt eine etwaige Rückkehr auf die Sechserposition. Ihm fehlte letztlich die Spritzigkeit, für explosive Bewegungen bei Ballannahmen und auch für das laufintensive Spiel, das selbst mit einem Box-to-Box-Spieler wie Stefan Reinartz oder Jens Hegeler an seiner Seite von ihm gefordert wurde.

Eine Rückkehr möglich?

Für den mittlerweile 31-Jährigen scheint der Verlauf seiner noch bevorstehenden Karriere auf höchstem Niveau vorgezeichnet. Eine Rückkehr auf die Sechs ist heute unrealistischer denn je. Das Sechserspiel hat sich 2010 noch einmal weiterentwickelt und lebt noch stärker von Explosivität und 360-Grad-Wahrnehmung. Hummels spielt seit vielen Jahren mit einem ähnlichen Blickfeld, das sich allenfalls ändert, wenn er mal von der halblinken Vierer- auf eine zentrale Dreierkettenposition versetzt wird.

Wie Hummels‘ Karriere verlaufen wäre, hätte er sich stärker – und entgegen der Ansinnen von Klopp und anderen – auf die Sechs konzentriert, unterliegt der Spekulation. Am Ende trafen er und die Verantwortlichen wohl die richtige Entscheidung, weil eben Hummels vor allem ein sehr starker 180-Grad- und ein nur guter 360-Grad-Spieler ist und in den letzten zehn Jahren gewesen wäre.

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