Türchen 10: Dani Alves

Für eine halbe WM spielte Brasilien mit seinen zwei Weltklasse-Rechtsverteidigern gleichzeitig auf dem Feld. Dunga fand 2010 eine exzellente Antwort auf eine schmerzliche Verletzung.

Zwischen den großen schillernden Namen war ein stiller Arbeiter eine der Entdeckungen des Turnierstarts: Bei Brasiliens WM-Auftakt 2010 in Südafrika machte Mittelfeldallrounder Elano durch sein Spiel in die Spitze auf sich aufmerksam. Er traf in der ersten und danach auch in der zweiten Gruppenpartie, durch seine äußerst präzise ausgeführten Tiefenläufe sorgte er in dieser Phase für wichtige Durchschlagskraft beim insgesamt gut, aber noch nicht ganz optimal gestarteten Mitfavoriten. Taktisch nahm Elano in seiner Mischrolle aus rechtem Flügel- und Halbspieler in Brasiliens asymmetrischem 4-3-1-2/4-2-3-1-Konstrukt von Trainer Carlos Dunga ohnehin eine Schlüsselposition ein, seine gute Form in Strafraumnähe erhöhte seinen Wert nochmals.

Die Wahl des Rechtsverteidigers

Nur stellte sich für den Coach nach den ersten beiden Partien in diesem Kontext auch ein Problem: Der plötzliche Star des Turnierauftakts fiel wegen einer Verletzung aus. In der Frage, wie Elano im Folgenden ersetzt werden sollte, entschied sich Dunga überraschend nicht für die nominelle Alternative, den jungen Ramires, der im Vorjahr beim Gewinn des Confeds-Cup als laufstarker rochierender Allrounder auf jener Mischposition als Stammkraft agiert hatte. Stattdessen fand er eine schicke Variante, mit der sich gleichzeitig noch eine ganz andere personelle Thematik angehen ließ: Zu jenem Turnier 2010 reisten die Brasilianer mit zwei der stärksten Rechtsverteidiger der Welt an, jenem des frischgebackenen Champions-League-Siegers und jenem des entthronten Titelträgers, der wiederum im darauffolgenden Sommer mit seinem Team den Pokal gewinnen sollte.

Erstgenannter, Maicon, hatte nach einer Monster-Saison mit Inter seinen Status als Stammspieler definitiv gefestigt. Im Zusammenspiel mit zwei weiteren Teamkollegen führte er eine kleine Blockbildung im Nationalteam an: Untereinander aus ihrem Verein abgestimmte Defensivleute konnten Dunga nur recht sein, zumal wenn der Klub in einer solch erfolgreichen Saison besonders für Defensivstabilität bekannt geworden war. Während Maicon genau dieser Ausdruck der Stabilität und Konstanz anhaftete, wurde bei Brasiliens zweitem herausragenden Rechtsverteidiger, Dani Alves von Barcelona, gemunkelt, er sei seinem Nationalcoach in letzter Instanz nicht – wahlweise defensiv oder allgemein taktisch – diszipliniert und nicht zuverlässig genug.

Brasiliens Grundformation mit Daniel Alves bei der WM 2010, hier am Beispiel des Viertelfinals gegen die Niederlande

Wie schon beim Confed-Cup blieb für Letztgenannten daher zunächst nur der Platz auf der Bank. Als dann schließlich wegen der Verletzung von Elano eine neue Besetzung für die Hybridposition im Mittelfeld gesucht wurde, sollte Daniel Alves letztlich doch ins Team rücken – Dunga entschied sich für ihn, eine interessante und vielversprechende Wahl. In dieser nominell höheren Rolle schien der Trainer keine eventuellen Bedenken, wie sie für die Viererkette bestanden haben sollen, zu hegen. Nachdem es im dritten Gruppenspiel aufgrund des bereits gesicherten Weiterkommens für die Mannschaft „nur“ noch um die Absicherung des ersten Platzes ging, wurde das Achtelfinale zum ersten größeren Aufritt für diese Besetzung mit Daniel Alves halbrechts.

Kurze „Kombinationspartikel“

In diesem konkreten Einzelspiel, in dem Brasilien auf den kleinen Geheimfavoriten Chile traf, zeigten sich die individuelle Interpretation, mit der der nominelle Rechtsverteidiger die Mischposition füllen könnte, und mögliche spielerische Synergien der Einbindung. Verglichen mit Elanos recht rationaler und kühler Interpretation, war Daniel Alves in dieser Rolle nicht so sehr auf die Sauberkeit der Bewegungen fokussiert, sondern agierte etwas ankurbelnder und war in den Übergangsräumen präsenter. Konkret suchte er vor allem immer wieder ein extrem kombinatives Engenspiel – in dieser Begegnung gegen Chile ganz besonders.

Wie sehr ihm kleinräumiges Antreiben liegt, ließ sich nicht zuletzt bei seiner „Renaissance“ im brasilianischen Nationalteam nach seiner schwachen WM 2014 im unmittelbaren Vorlauf zur WM 2018 hin beobachten, als er von seiner gewohnten Rechtsverteidigerposition gute gruppentaktische Tiefenüberladungen initiierte und sogar zum Schlüsselspieler der gesamten Mannschaft wurde. In jener Hybridrolle bei seiner ersten Turnierteilnahme 2010 konnte er diese Qualitäten und gerade die Diagonalität durch den Halbraum sofort in Angriffsaktionen und nicht nur für Übergänge einbringen, dies jedoch wiederum aus für das Offensivspiel etwas tieferen Starträumen. Gegen die Chilenen fand er oftmals gute Momente für diagonal und horizontal einschiebende Bewegungen ins Mittelfeld hinein.

Szene aus dem Spiel gegen Chile: Nach Pass von Kaká auf Ramires spielt dieser quer auf den einrückenden Daniel Alves. Der lässt mit dem ersten Kontakt zurück prallen und bindet kurzzeitig Vidal, während Ramires besser mittig in den Kanal innerhalb der chilenischen Staffelung ziehen kann. In anderen Szenen solcher Art verzögerte Daniel Alves gelegentlich den Pass subtil, um so den gegnerischen Zugriff nochmals zu erschweren.

In den darauf folgenden Anschlussaktionen startete er – teilweise mit schwierigem Sichtfeld aufgrund der Vorbereitung von halblinks aus – die kleinräumigen Kombinationen nach vorne. Gerade die unmittelbare Direktheit dieser Einleitungen stach heraus: Der Übergang in das Zusammenspiel oft mit dem ersten Kontakt erfolgte fast bruchlos aus dem vorigen Freilaufverhalten. Trotzdem gelangen Daniel Alves im Einzelfall noch individualtaktisch starke kurze Verzögerungen bei den entsprechenden Pässen. Immer wieder sorgte er plötzlich für gewissermaßen spontane Kombinationspartikel. Im Laufe der Partie ließ die Wirksamkeit dieser herausragenden Spielzüge etwas nach, da er mitunter zu direkt zu spielen neigte und einige grundsätzlich gute, situativ aber zu ambitionierte Entscheidungen für den Gegner zu leicht zu antizipieren wurden.

Vom Grundsatz eine ähnliche Szene aus dem folgenden Spiel gegen die Niederlande: Daniel Alves bewegt sich diagonal entgegen der Spieldynamik, macht den Pass fest und lässt ihn für Kaká liegen. Der kann so durch das komplette Mitttelfeld durchbrechen, macht Raumgewinn und zieht am Ende das Foul – ein Beispiel für die diagonal pendelnde Charakteristik der Hybridrolle.

Auf- und Nachrückverhalten und bestimmte Laufwege

Flexible Defensivbewegungen anhand des Niederlande-Spiels (hier bezogen auf ein Szenario in dessen weiteren Verlauf nach gegnerischen Umstellungen)

Im Allgemeinen eignete sich Daniel Alves für diese Rolle vor allem wegen seines starken Auf- und Nachrückverhaltens sehr gut. Aus tieferer und eingerückter Position jeweils diagonal Räume zu belaufen bzw. zu füllen, liegt ihm und kommt den Dynamiken seiner Bewegungsabläufe und seiner physischen Konstitution, außerdem seiner Orientierung und seinen Präferenzen beim Timing entgegen. Wenn er – wie in einer solch asymmetrischen Mischrolle – für verschiedene Teilzonen zuständig ist, erkennt er die jeweiligen Notwendigkeiten für entsprechende Laufwege recht passend, mit wie auch gegen den Ball. So kann etwa die aggressive Rückzugsbewegung durch Halbräume im Mittelfeld sehr effektiv sein. Insgesamt ist er beispielsweise sehr geschickt darin, sich so zu bewegen, dass er einem Mitspieler Raum öffnen kann – und zumeist auch einen solchen Raum, der zur Dynamik der Szene passt.

Grundsätzlich kann man Daniel Alves schon als einen taktisch anpassungsfähigen Roleplayer einordnen, zum damaligen Zeitpunkt ganz besonders. Vor etwa einer Dekade machte sich dieses vielfältig ergänzende Element noch weit ausgezeichneter bemerkbar, zumal in Verbindung mit seiner enormen und in jüngeren Jahren beeindruckenden Ausdauer. Dies erlaubte es Daniel Alves auch, bei seinem Verein in einem sehr spezifisch angelegten System zu agieren und dort einen entscheidenden Beitrag zu leisten. Bei Barcelona unter Pep Guardiola konnte er als Rechtsverteidiger beispielsweise unterschiedliche unterstützende Bewegungsprofile, Offensivhöhen oder strategische Konstellationen jeweils im Zusammenhang mit der genauen Einbindung Lionel Messis im Halbraum vor ihm oftmals recht hochwertig, schnell und spielstark umsetzen.

Im selben Maße wie für den Erfolg seiner kurzfristigen Halbraumrrolle in Dungas System bei der WM 2010 bildeten dafür wiederum das Auf- und Nachrückverhalten sowie die grundsätzliche, kombinationsorientierte Spielstärke entscheidende Grundlagen.

studdi 10. Dezember 2019 um 13:51

Naja zumindest mit Dani Alves hatte ich recht. Die Position stimmte dann nicht so ganz. Aber ich finde die Bezeichnung taktisch anpassungsfähiger Roleplayer ganz schön. Bei Tuchel hatte er ja letzte Saison teilweise auch ZM gespielt, bei irgendeiner Copa glaube ich auch als LV in dieser Zeit als Maicon gesetzt war und unter Pep auch als RA im 3 Raute 3. Alves ist generell einer meiner Lieblingsspieler und wurde in der Öffentlichkeit glaube ich immer nur zu stark als Konditionsstarker RV und Linienläufer wahrgenommen.

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studdi 10. Dezember 2019 um 14:08

Ok habe gerade nochmal gegoogelt die Copa die ich im Kopf hatte mit der „ungewöhnlichen“ Position war 2007 im Finale. Da ist er allerdings auch für Elano eingewechselt worden weis auch nicht wieso ich da LV im Kopf hatte. Wusste nur noch das er auf ner ungewöhnlichen Position gespielt hatte und das Spiel mit entschieden hat ( Eigentor „provoziert“ und ein Tor selbst geschossen).

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