Leverkusener Glanzpunkte

6:1

Das Leverkusener 6:1 war durch die letzten Frankfurter Wochen mit begünstigt. Aber Bayer verdiente sich den hohen Sieg auch durch ein starkes Spiel und eine systematische Überlegenheit gegenüber der diesmal anders angepassten Ausrichtung von Adi Hütter. Eine Aspektanalyse zu einigen entscheidenden Vorteilen der Gastgeber, mit denen sie das gegnerische Konstrukt aufhebelten.

Aus einem 6:1 nach der ersten Halbzeit macht sich nicht leicht ein eindeutiges Thema. Ein Spiel wie diesen Kantersieg der Leverkusener im direkten Duell um die internationalen Ränge gegen die unter besonderen Umständen antretenden Frankfurter kann man schon als Extremfall bezeichnen. Die Gründe für ein solches Szenario scheinen gleichzeitig klar wie auch komplex vielfältig. Verschiedene Faktoren speisten das Zustandekommen des 6:1 nach nur gut 35 Minuten: Rechnung zu tragen ist dem starken Auftritt der Bayer-Elf ebenso wie der fehlenden Frische der Gäste nach den anstrengenden Europapokalwochen, schließlich auf Basis dessen einigen günstigen Fügungen im Abschluss und ebenso konkreten taktischen Vorteilen in den Wechselwirkungen der mannschaftlichen Grundausrichtungen. Eine Vielfältigkeit beteiligter Faktoren soll jeweils angenommen und vorausgesetzt, wenn im Folgenden einige spezielle Aspekte genauer beleuchtet werden.

Das Problem bei den Spielanteilen

Ein erstes Problem aus Sicht der Frankfurter war zunächst einmal, dass sie wenig eigene Ballbesitzmomente generieren konnten. Aus dem Aufbau heraus operierten sie häufig mit risikoarmen langen Bällen, staffelten sich jedoch zurückhaltend und brachten nur geringe Präsenz in die vorderen Linien. So standen sie zwar vorerst stabil für den Fall, dass Leverkusen die entstehenden Abpraller erhalten würde, aber genau das geschah eben auch oft, da die Eintracht vorne numerisch nicht so viel entgegenzustellen vermochte, zumal in der eher „defensiven“ personellen Besetzung.

Eine Rolle spielte auch das Gegenpressing der Leverkusener. Auf Basis der guten Zentrumsbesetzung mit der Dreierkette in Ballbesitz und eigentlich vier Mittelfeldspielern setzte die Elf von Peter Bosz immer wieder sehr intensiv und geschlossen nach, eroberte so viele Bälle zurück. Zwar gab es in der Anfangsphase noch einige ausgeglichene Dynamikszenen schneller Ballwechsel, in der sich die Mannschaften bei hohem Tempo gegenseitig die Bälle abjagten. Aber das vollzog sich nur eben in jeweils sehr kurzen Intervallen und dauerte daher von der quantitativen Gesamtzeit her nicht so „lange“.

Schematische Funktionsweise des Herausrückens aus der Anfangsphase, bei anschließendem Freilaufen Brandts nach außen, wenn die drei Aufbauspieler durch enges Vorrücken der Frankfurter Außen zugestellt wurden. Gewissermaßen ließ sich Brandt in den Bereich daneben fallen oder herauskippen. Touré rückte von außen nach innen heraus und versuchte den Ballführenden durch dieses Anlaufen nach innen zu drängen. Die breite Position Vollands beantwortet Abraham dann mit einem sehr breiten Herausrücken. In dieser Konstellation hatte Leverkusen durch Brandts Zurückfallen weniger Präsenz im linken Halbraum, entweder Havertz – der sich alternativ in den seinen Halbraum für Verlagerungen absetzen konnte und dann durch Herausrücken Hintereggers verteidigt werden sollte – oder Aránguiz mussten also ohnehin herüberschieben. Bei der Entstehung des frühen 1:0 lief Aránguiz einmal einfach in den großen Raum zwischen Abraham und Hasebe durch. An einigen Stellen des Frankfurter Spiels fehlte es an gleichmäßigem Nachschieben gegenüber zu starker Verharrung in positionellem Verhalten, das sich an gegnerischen Positionierungen ausrichtete

Hütters Ansatz gegen den Ball

Hatte anschließend eines der Teams das Leder mal gesichert, konnten die Leverkusener es insgesamt besonders stark durch die eigenen Reihen laufen lassen. Letztlich befand sich die Partie also sehr oft in der Situation, dass die Gastgeber aus dem Ballbesitz agierten und Frankfurt dagegen verschieben musste. Die Gastgeber sollten gute Techniken ausbilden, sich Ausweichräume in der Zirkulation zu erschließen. Dass die Frankfurter in ihrer Arbeit gegen den Ball diesmal kaum Phasen des Angriffspressings hatten, bedeutete nicht, sie hätten weniger aggressiv gespielt als sonst.

Das Team von Adi Hütter formierte sich aus einem oft leicht erhöhten Mittelfeldpressing heraus, lief auf dieser Höhe in den ballnahen Zonen lokal jeweils intensiv an. Vor allem da Costa und Kostic – normalerweise die eigentlichen Flügelläufer – machten als offensive Außen einer 5-4-1/3-4-3-Formation viele lange Wege, hauptsächlich sehr fokussiert durch die Halbräume. Sie versuchten jeweils, die gegnerischen Halbverteidiger zuzustellen. Teilweise starteten sie diese Bewegungen im Umkreis der Sechser und konnten dann versuchen, diese im Folgenden mit zu versperren.

Dahinter schoben die Flügelläufer seitlich nach, um mögliches Freilaufen aus dem Leverkusener Mittelfeld diagonal vor den ballführenden Abwehrspieler in die äußeren Halbräume aufzunehmen. Erhielt beispielsweise Brandt dort den Ball, ging Touré gegen ihn ins Pressing. In der vordersten Linie hatte Bayer eine recht breite Besetzung aus drei Spielern, so dass sich das ballnahe Durchsichern der Frankfurter Abwehr – hier dann als pendelnder Viererkette organisiert – entsprechend weiträumig gestalten musste.

(In der) Fünferkette tiefer gehalten

Für die Eintracht war es Pech, dass mögliche Risiken dessen schon in der zweiten Minute zur Entstehung eines Gegentores führten: Indem Abraham sehr weit hinter Volland nachschob, öffnete sich zwischen ihm und Hasebe eine große Diagonallücke, die Aránguiz aus dem Mittelfeld anlief. Im tieferen linken Halbraum war Brandt vom Herausrücken der Frankfurter zwar grundsätzlich bedrängt und die direkt umliegenden Stationen zugestellt, aber kurzzeitig nicht genug unter Druck und konnte daher den Ball in jenes Loch auf seinen Mitspieler lupfen.

Nach dem misslungenen Start mit den ersten beiden Gegentreffern konnte man sehen, wie die Gäste sich insgesamt vorsichtiger verhielten und taktisch das Vorschieben der Flügelläufer auf der ballnahen Außenbahn zurücknahmen. In der Konsequenz bedeutete das, dass Frankfurt gegen den Ball häufiger die Fünferkette in letzter Linie aufrechterhielt. Von beiden Mannschaften gab es verschiedene kleine Variationen und teilweise schnelle Reaktionen darauf. Beispielsweise änderte die Eintracht zwischenzeitlich das genaue Anlaufverhalten, indem da Costa und Kostic noch präsenter das Pressing anführten und ihre Bewegungen in zentralere Räume bis hin auf Sven Bender als Mittelmann der Dreierkette richteten.

Dafür hielt sich Rebic tiefer als zuvor und dichter an Baumgartlinger, als dem konstanter den Sechserraum haltenden Zentrumsspieler. Dessen Kollegen erkannten das gut und reagierten recht aufmerksam: Einige Male gab es in dieser Phase vermehrt ausweichende Bewegungen von Aránguiz im Gegenzug mit zentralen Positionierungen von Brandt oder Havertz, die Unkompaktheiten zwischen einem weiter nach außen weichenden Sechser und dessen Nebenmann suchten, um für den Zentralverteidiger anspielbar zu werden.

Leverkusen erspielt Freiräume um das Mittelfeld – und ballnah zur Abwehr

Überhaupt bewegte sich das Vierermittelfeld der Gastgeber gut um die Frankfurter Reihen herum: Sie passten sich aufmerksam an die Momente an, in denen ein gegnerischer Außenspieler gegen einen Halbverteidiger herausrückte, und stellten in den Anschlussaktionen schnelle Staffelungen her, bevor dieser in die tiefere Linie zurückgekehrt war. Entweder versuchten sie, in lokalen Ballungen Überzahl zu schaffen oder einen sich in den Halbraum absetzenden Kollegen aus einer kompakten Gleichzahl horizontal neben dem Mittelfeld anzuspielen.

Kompakte Ballung bei Leverkusen, Frankfurts Herausrücken gegen Havertz: In diesem Fall durch Ndicka, der aus breiter Position eher nach innen startet und letztlich versuchen würde, Lars Bender im Deckungsschatten zu halten.

In den ballfernen Zonen reagierte darauf die Frankfurt wiederum gut, besonders gegen den etwas höher ausgerichteten Havertz: Lief sich dieser diagonal hinter Kostic frei, ging Hinteregger oft weit nach vorne, um ihn aufzunehmen, teilweise rückte auch Ndicka schräg nach innen und versuchte Lars Bender im Deckungsschatten zu halten – und das geschah eben gerade in ballfernen Bereichen. Umgekehrt galt das weniger: Wenn Frankfurt aus einer ballnah kompakten Situation wieder den Druck auf die erste Linie erhöhen wollte, rückten sie zu sehr allein über das Mittelfeld heraus.

Mit klugen Bewegungen bespielte Leverkusen das: Vom Halbraum spielten sie auf eine Freilaufbewegung ins Zentrum, ein anderer Mittelfeldakteur ging hinter die Schnittstelle zwischen ballnahem Sechser und dem daneben herausgerückten Außenspieler der Eintracht. Das funktionierte in den wichtigen Phasen deshalb so gut, weil Frankfurt eben eigentlich die Fünferabwehr tiefer halten wollte als zu Anfang und aus jener daher die zweite Reihe nicht mehr unterstützen konnte. Diese blieb im Mittelfeld allein gegen Leverkusens Bewegungen im Schaltzentrum des Ballbesitzspiels.

In der Entstehung des 4:1: Brandt hatte zuvor schon einmal breit den Ball gehabt, gegen da Costa auf Wendell zurückgespielt und dieser schließlich das Leder zu Aránguiz gepasst. Frankfurt ist zwar sehr kompakt im Zentrum und zwischen den eigenen Mittelfeldleuten durch das leichte Herausrücken des ballferneren Akteurs auch nicht schlecht positioniert gegen Baumgartlinger und Havertz, aber Leverkusen kann durch die Lücke diagonal zwischen Außenspieler und Sechser herausspielen. Sobald der äußere Verteidiger in der Abwehr tief bleibt und noch da Costa sich zu weit nach vorne gegen Wendell orientiert, wird Brandt frei.

Auf der Seite von Brandt blieben die Frankfurter ohnehin etwas zurückhaltender als gegenüber, vermutlich um durch ein Vorrücken Tourés nicht kleine Möglichkeiten gegen Volland anzubieten. Nur vereinzelt rückte der rechte Flügelläufer heraus, auch eher in jenen Kontexten, wenn seine Seite gerade die ballferne Bahn war. Angedeutetes Vorschieben konnte die Leverkusener in manchen Szenen bereits vom Anspiel auf Brandt abhalten. Aber dieser kam in seinem Halbraum trotzdem noch häufig neben dem Mittelfeld frei und gerade von halblinks wurden die Treffer der Bayer-Elf mehrheitlich eingeleitet.

Eine sehr ähnliche Szene, nur etwas tiefer: In diesem Fall zieht sich auch Gelson Fernandes etwas zu stark in die eine Richtung zu Aránguiz, nicht das einzige Auftreten übermäßig enger Gegnerorientierungen. Hier kann Brandt aus dem offenen Raum diagonal auf die Abwehr zudribbeln. Zwischenzeitlich machte sich Hinteregger kurzzeitig bereit für ein weiträumiges Herausrücken durch den Halbraum bei einer etwaigen Einbindung Havertz´.

Die Frankfurter Mittelfeldreihe wiederum hatte es durch die guten Auftaktbewegungen der Leverkusener auch besonders schwer und lebte bei nur kurzem Verfolgen gefährlich, nicht das entscheidende Stück zu weit zum Ball herüber gezogen zu werden und eine Verlagerung zu ermöglichen. Im Allgemeinen setzten die Gastgeber gerade kurze Rückstöße sehr gut um: Wenn Frankfurt in einer Szene mit Ballbesitz im Halbraum um die Mittellinie zentral mit zwei gegen zwei Spielern etwa gegen Brandt und einen Sechser stand, kam mehrmals dessen gerade offensiverer, zuvor aufgerückter Nebenmann aus seiner höheren Position zurück statt vorne zu verharren und begab sich geschickt in kleine Freiräume um diese Konstellation herum.

Fazit

Letztlich fand Leverkusen also entscheidende Vorteile in einer spezifischen Zone: in den Halbräumen hinter den sehr vertikal durch selbigen agierenden offensiven Außen, damit in den diagonalen Anbindungen zu den später tiefer spielenden Flügelakteuren dahinter. Einerseits hatte Frankfurt zwar Mechanismen, diese zu füllen, aber inkonstant und phasenweise stategisch zu vorsichtig, nicht so vielfältig wie Bayer, schließlich im Timing und in der Entscheidungsfindung durch die Müdigkeitserscheinungen nicht scharf und sauber genug.

Andererseits zeigten sich die Mannen von Peter Bosz in der Besetzung eben dieser Bereiche sehr flexibel: personell durch gute gruppentaktische Bewegungen vor allem aus dem Mittelfeld, nur situativ über Aufrücken der Halbverteidiger; systematisch als Ausweichraum für die Zirkulation, wie auch als Ausgangsraum für Angriffe. Es war eine in diesen Punkten sehr starke Leistung der Leverkusener, mit vielen guten und aufmerksamen Positionierungen der Einzelspieler. Vor diesem Hintergrund ist die Bayer-Elf nun, zumal das Restprogramm des Teams sich vergleichsweise günstig darstellt, unter den Konkurrenten um das internationale Geschäft der Favorit mindestens auf Platz fünf.

Peda 13. Mai 2019 um 15:37

„Zwar gab es in der Anfangsphase noch einige ausgeglichene Dynamikszenen schneller Ballwechsel, in der sich die Mannschaften bei hohem Tempo gegenseitig die Bälle abjagten. Aber das vollzog sich nur eben in jeweils sehr kurzen Intervallen und dauerte daher von der quantitativen Gesamtzeit her nicht so „lange“.“

Peak Tim Rieke! 😀

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