PSG wagt sich langsam aus der Deckung

0:2

Leicht unkompakte erste Linien bringen PSG nur anfangs in Bedrängnis. Das eigene Positionsspiel kommt immer besser in Fahrt.

Vom Grundsatz eine defensive Besetzung und zunächst auch Herangehensweise bildete für Thomas Tuchel die bevorzugte Wahl in der Einstellung seines Teams nach den prominenten Ausfällen. Die Gäste hielten im Old Trafford viel Personal hinten und waren in der Verteidigungsarbeit sehr darauf bedacht, in passenden Ausgangslagen für etwaiges Zurückfallen in tiefere Positionen zu bleiben. Auf den vorderen Flügelpositionen hatten die Pariser gegen den Ball mit Daniel Alves und di María zwei Spieler, die viele Wege in der Rückwärtsbewegung machen konnten.

Erste Linien des Blocks nicht so kompakt

Allerdings bekamen sie ihr Konstrukt in den vorderen Linien nicht so kompakt. Unmittelbar zwischen Mbappé und Draxler gab es immer mal größere horizontale Abstände, wenn Letzterer sich druckvoller einbringen wollte und sein Nebenmann eher die Passivität suchte. Der deutsche Nationalspieler hielt sich häufiger an möglichen Passwegen durch den Halbraum auf Pogba, der meistens bereits von Marquinhos verteidigt und fast schon in eine echte Manndeckung genommen wurde.

United mit Ball, PSG ohne Ball

In dieser Orientierung ließ sich Draxler jedoch mitunter etwas breiter ziehen, so dass sich der diagonale Passweg auf Matic innerhalb der Formation öffnete. Wenn dieser wiederum sich tiefer in den Aufbau einband und hinter Shaw herauskippte, rückte Draxler erneut recht weit ins Pressing heraus. Über längere Diagonalläufe von Ander Hererra in Richtung des gegenüberliegenden Halbraums versuchte United dann dahinter zu kommen. Der rechte Achter übernahm bei tieferen Positionierungen Matic´ den eigentlichen Grundraum Pogbas, der sich gegen Marquinhos stärker zur Mitte begab.

United mit Schwung zu Beginn

Insgesamt gelang es Manchester zunächst einmal auf Höhe des defensiven Mittelfelds recht gut, in den gegnerischen Block hinein zu spielen. Von dort konnten sie dann insbesondere nach rechts viele öffnende Verlagerungen anbringen und sich so nach vorne schieben. Darum kam es zu jenem großen Schwung der Gastgeber in der Anfangsphase mit den vielen Szenen im und am Strafraum. Auch über links gab es vereinzelte Ansätze durch Überladungsversuche mit Ausweichen Pogbas oder durch dessen Dribblings, mit denen er sich mal gegen Marquinhos lösen und eine kurzzeitige Überzahlsituation schaffen konnte. Allerdings war die Entscheidungsfindung bei United insgesamt zu ungeduldig und dadurch fahrig, es wurde zu frühen Abschlüssen oder schnell zu attackierenden Aktionen gegriffen.

Wechselhaft gestaltete sich nach den vielen Verlagerungen auf rechts die Unterstützung für Young auf der Seite: Lingard rückte insgesamt recht früh ein, manchmal konnten dadurch die Anschlussverbindungen abreißen. Diese Bewegungen erfolgten aber als Rochaden im Zusammenwirken mit Rashfords Ausweichen, der teilweise den Flügel übernahm und teilweise mit dem Rechtsaußen überlud, um ballnahes Nachschieben innerhalb der letzten Linie und so mögliche Horizontallücken bei PSG zu provozieren. Ganz generell konnten die Gäste nicht zuletzt aber wieder auf ihre starke Strafraumverteidigung setzen, die einiges ausmachte.

Im Zuge der weiträumigen Bewegungen des Mittelfelds versuchte es United auch mit vielen Dribblings oder diagonalen Wechseln der Achter. Im Anschluss an jene Verlagerungen geschah das beispielsweise über unterstützende Anschlussläufe Pogbas bis in den dortigen Halbraum, woraufhin wieder Einzelaktionen in der Folge möglich waren, wenn sich die passenden Voraussetzungen mit entsprechender Dynamik aus der Vorbereitung ergeben hatten. United versuchte viel, insgesamt zeigte sich letztlich aber eine vielleicht etwas zu ambitionierte Wahl der Aktionen. Gerade den Bereich halbrechts bekam PSG mit der Zeit auch besser verteidigt, nachdem di María in engeren Kanälen nach hinten schob.

Hoch zugestellt und zu früh in den Übergang

Während dieser zügigen Aufrückmomente Uniteds nach vorne drohte in der Anfangsphase für PSG noch die Konstellation, insgesamt zu wenig Präsenz zu erhalten. Sie wurden auch im Aufbau früh mannorientiert zugestellt, wenn eine durch den tiefer bleibenden Kehrer als Ergänzung formierte erste asymmetrische Dreierreihe sich den drei Angreifern Uniteds gegenübersah. Dahinter verfolgten vor allem deren Achter mit Physis eng und herausrückend gegen die Doppel-Sechs. Entsprechend der in der ersten Linie begonnenen Asymmetrie bildeten eher Daniel Alves und Bernat in versetzter Anordnung die Breitengeber, Draxler pendelte in einer Halbposition halbrechts.

Über die äußeren Akteure entwickelte PSG die ersten Ansätze, um sich zu befreien: Mit halblangen Lupfern hinter die zweite Reihe konnten sie sich bei gutem Timing einige Male lösen, wenn United mit dem Nachschieben aus der Abwehr gezögert hatte. Die Gäste brauchten während der ersten Halbzeit etwas Zeit, um die richtigen Entscheidungsmuster zu finden, für die Partie ihr Dynamikgefühl in der Einschätzung von Situationen zu entwickeln und schließlich den eigenen Rhythmus entsprechend anzupassen.

Anfangs spielten sie noch viele Übergänge zu direkt und versuchten das gegnerische Pressing mit teilweise überambitionierten Schnellangriffe zu attackieren. Insbesondere suchten sie zu früh Mbappé zurückfallend schon in Verbindungsräumen beispielsweise für Dribblings zur Überbrückung nach vorne. Ohne ergänzende Präsenz in der Spitze konnte sich das Personal Uniteds aber voll auf solche dann zu tief stattfinden Bewegungen konzentrieren. Unter diesen Umständen blieben einige der Dribblingversuche zu Beginn in zu klaren Unterzahlen gegen das 4-1-4-1/4-3-3 im linken Halbraum hängen.

PSG erspielt sich Präsenz, auch über die Sechser

Später machten es die Gäste beispielsweise recht geschickt, sich mit beiden Sechsern etwas zur halbrechten Seite zu ziehen und sich dort auch voreinander zu staffeln. So konnte dann mal Marquinhos kurz Raum für Pirouetten Verrattis blocken, damit deren verzögernder Effekt womöglich neue Passwinkel erschließen oder neue Freilaufbewegungen eines Kollegen aktivieren würde. Alternativ sorgten diese Anordnungen dafür, das Zentrum einem Mitspieler für kurze Rückstöße anzubieten. Anschließende Weiterleitungen von dort mit der Bewegungsrichtung zurück nach halbrechts konnten dann wiederum auf den jeweils anderen Sechser oder den sich einrückend einschaltenden Daniel Alves in den Raum gehen.

Generell war es eine sich natürlich mit der Zeit ergebende Entwicklung, dass United seltener im höheren Angriffspressing aktiv sein konnte und häufiger in den Rückzug gehen musste. Dieser fand in seiner ersten Phase eigentlich sehr aufmerksam und sauber statt in horizontal kompakte 4-1-4-1- und punktuell gar 4-5-1-Staffelungen hinein. Lokal konnte das Team von Ole Gunnar Solskjaer darin viel Präsenz aufbieten und zeigte in dieser dichten Reihung einige stärkere Momente in der Passwegsverstellung. So geschickt sie sich jedoch in der Rückorientierung positionierten und die Bereiche hinter ihnen abschirmten, zeigte sich die Zugriffsorganisation nach vorne weniger klar ausgebildet und ermöglichte nur wenig Druck auf das Mittelfeld zu machen.

Dort konnte PSG dagegen zunehmend Ballsicherheit betonen, sich Präsenz aufbauen und die Zirkulation fokussieren. Gerade die Sechser hatten vor der zweiten gegnerischen Formationslinie erst einmal etwas Raum. Einige Male zogen bei United die Flügelstürmer zwar in eingeschobenen Positionen als Teil der Mittelfeldkette und damit innerhalb geschlossener Gruppenbewegung nach hinten. Aber oft machten sie aus dem zweiten Drittel den weiteren mannschaftlichen Rückzug nicht vollends bzw. im Gleichklang mit, sondern sollten in etwas erhöhten Positionen im Halbraum schon auf Konter lauern. Im Vergleich mit dem ersten Szenario waren das gar nicht einmal so unähnliche Zonen, eben ein Stück weiter vorne.

Von Sauberkeit in den Zwischenräumen zur Interaktion

Wenn United schon in tiefere Zonen zurückgefallen war und die Außenstürmer etwas höher blieben, konnten sich in diesen Konstellationen die jeweiligen „defensiven“ und „offensiven“ Grundformationen etwa so ergeben

Für die Verteidigung des Flügels wurden daher in den meisten Phasen vor allem die Außenverteidiger zuständig, die situativ gegen die Breitengeber der Pariser nach außen gingen. Sie führten gewissermaßen das Verschieben in seitliche Positionen an, der jeweilige Achter unterstützte ballnah versetzt als zweiter Akteur, etwas enger und in einer diagonalen Linie zur Mitte. Er sollte die unmittelbare Anbindung an den Halbraum blockieren und den Gegner eher zu den Rückpasswegen leiten. Teilweise standen die Außenverteidiger aber schon in der Grundstellung – also vor dem Einsetzen des gemeinsamen Verschiebens – recht breit oder zu breit. So ergaben sich größere Abstände innerhalb der Abwehrkette, in denen sich gerade halblinks Mbappé gefährlich bewegte.

Überhaupt hatte PSG viele Ansätze für Bewegungen in die Zwischenräume, im Zuge der steigenden Kontrolle wurde neben dem zuverlässigen Anspiel zunehmend das Thema entscheidender, wie die verschiedenen Offensivakteure zusammenzubringen waren. Zwischen den Linien hielten sie sich horizontal sauber aufgereiht, di María und Draxler blieben aber fast komplett auf ihre jeweiligen Verbinungszonen und -wege fokussiert. Im Verhältnis zu den Momenten, in denen sie kompakter das gegenseitige Zusammenspiel forcierten, zogen Mbappé und di María mitunter wild raumschaffend auseinander. Erst mit der Zeit nahmen schließlich die über längere Strecke bis nach halbrechts vorne durchgezogenen Diagonal- bzw. Horizontalläufe des Angreifers zu.

United mit Konteransätzen

Potentiell boten sich für United über die eingerückt positionierten Offensivspieler Umschaltmöglichkeiten durch den Halbraum. Diese konnten sie in erster Instanz eigentlich auch einige Male auslösen, es stellten sich letztlich aber doch manche Hindernisse. So schien mitunter die frühe Unterstützung der offensiv mit nachrückenden Achter fast etwas zu forsch und dadurch tendenziell die Struktur numerisch zu überfüllen. Gleichzeitig hatte auch PSG personell eine recht präsente Absicherung, mit den Akteuren aus der ersten Linie und normalerweise auch Marquinhos davor.

Auf Seiten der Gäste stellte sich die Konstellation mit drei Restverteidigern also als nützlich dar: Das Herausrücken gegen die gegnerischen Flügelstürmer erfolgte sehr frontal in deren initiale Bewegungsrichtung und damit explosiver. Wenn die Abwehrspieler sich also zu vielen und frühen vertikalen Bewegungen entschlossen, auch eher mal die etwas riskanter wirkende Entscheidung trafen, hatte das gegen Manchesters enge Ausgangsstaffelungen recht große Wirkung als Raumverknappung und erschwerte United die Sauberkeit. Durch diesen Einsatz der Pariser Tiefenpräsenz mussten die Gastgeber in den Anschlussaktionen oft erst einmal nach außen weichen und verloren im Nachrücken an Gleichklang zwischen Ballführendem und Mitspielern.

Nicht zuletzt gab es bei PSG aus der geplanten positionellen Struktur heraus eine entsprechend gute und organisierte Rückzugsbewegung nach klaren und meistens gleichbleibenden Mustern. Dies half, viele gut begonnene Konteransätze Uniteds im Verlauf noch abzufangen. Insbesondere die Breitengeber in der konstant angelegten Flügelbesetzung konnten sich durch die eindeutige Anordnung sauber und auch recht frühzeitig auf mögliche Rückzugsbewegungen vorbereiten, hatten zwar lange Wege, aber trafen „unbemerkter“ außerhalb gegnerischer Sichtfelder im zweiten Drittel ein. Nach diagonalen Läufen in die Halbräume schlossen Daniel Alves und Bernat einige Räume und fingen noch ein, zwei Mal das Leder direkt ab.

PSG-Dominanz im zweiten Durchgang

Die zweite Halbzeit sollte dann ganz im Zeichen eines ausgebreiteten Positionsspiels der Mannen von Tuchel stehen. Der frühe Führungstreffer zum 0:1 fiel noch nach einer Standardsituation, deutete in der Entstehung des Eckballs aber schon die Richtung an und bald danach hatte der Gast die Begegnung spätestens eindeutig im Griff. Schon mit kleineren Unsauberkeiten, wie sie bei United an einigen Stellen auftraten, kommt man dagegen wesentlich schwerer in die Defensivarbeit. Die Flügelstürmer standen häufiger eher zwischen den beiden Staffelungsvarianten, hatten dann weniger Zugriff und drohten im luftleeren Raum zu hängen.

Wenn sie von dort aus gegen Verlagerungen und eröffnende Pässe nach außen hinterher schoben, waren die Wege von diesen Startpositionen zu lang und lohnten sich nicht mehr. In gewisser Weise wurden sie in jenem Bereich aber schon gefordert, wollte United in der letzten Linie horizontal kohärenter bleiben und die Außenverteidiger weniger herausrücken lassen. Sobald die Klarheit in den positionellen Entscheidungen individuell und untereinander geringer wurde, konnte sich das schnell in schwächerem Zugriff in mehrere Richtungen und in der Folge auch noch weitergehend auswirken, dann etwa auf die Raumabdeckung der Achter.

Vor allem die Flügelakteure befanden sich gewissermaßen in der Linie zwischen Uniteds Reihen. Daneben bildeten auch situative Besetzungen der Achterräume neben Matic, der da nicht immer so weit horizontal verschieben wollte oder konnte, über kurze Läufe die Ausgangspunkte für PSG, um einen freien Spieler zu finden und von dieser Grundlage die Ballstafetten starten zu können. Nachdem die Gastgeber einmal eine offene Position angeboten hatten und der gegnerische Motor in Gang gekommen war, kam United in den unmittelbaren Folgeaktionen entsprechend zu spät und musste erst einmal lange hinterherlaufen.

Präsent als Einleitungsspieler blieb vor allem der linke Sechser, Verratti bzw. später Paredes begaben sich nun etwas breiter in den Halbraum, um die diagonalen Passwinkel in die Formation nutzen zu können. Das war eine sinnvolle Maßnahme der Gäste in jener Phase. Hinzu kamen für die starke zweite Halbzeit auch noch einige weitere kleine positionelle Anpassungen im Team von Tuchel: Beispielsweise spielte Daniel Alves etwas präsenter und sorgte für etwas mehr Einrückbewegungen bei laufender Dynamik. Links hielt sich Bernat tiefer und di María wurde dafür Breitengeber, zog häufiger erst nachträglich mit Dynamiken nach innen, wenn er etwa Verlagerungen mitnehmen konnte. Auch eine solche Alternativbesetzung stellte United vor die Herausforderung, wie sie diese aufnehmen würden.

Fazit

Für die vergleichsweise defensivstarke Besetzung war das in den ersten Linien nicht so kompakte Pressingverhalten bei PSG fast etwas dünn, aber über die Momente im tiefen Abwehrpressing konnten sie das noch auffangen. Mit guter Organisation im Aufbau entwickelte United zunächst viel Schwung, kam umgekehrt aber vorne dann nicht zu entscheidender Klarheit. Das Positionsspiel der Gäste fand schließlich im Laufe der Begegnung zunehmend zur Entfaltung und konnte im zweiten Durchgang über Phasen stark beeindrucken. Tuchel passte viele Kleinigkeiten an, im Freilaufverhalten der Sechser, bei der Ausrichtung der Asymmetrie, in der Besetzung der Halbräume.

Eigentlich hatte Solskjaers Team einen kohärenten Plan mit guten Abfolgen in den Übergängen: vom hohen Zustellen mit drei Stürmern ins horizontal sehr kompakte 4-1-4-1 im zweiten Drittel und dann schließlich oft in diagonale Anordnungen eher 4-3-2-1-artiger Rollenverteilung mit breiteren Außenverteidigern, unterstützenden Achtern und Umschaltstürmern. Als sie zunehmend tiefer verteidigen mussten, kam das aber schon nicht mehr so gut zur Geltung. Eigentlich mussten die „Red Devils“ sich entscheiden, wie viel sie in solche Konterrollen investieren und wie viel Risiko sie im Verhalten der letzten Defensivlinie dafür gehen wollten. Ganz eindeutig wurde das letztlich nicht aufgelöst und so zeigte sich die Ausrichtung später etwas verwaschen.

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