Türchen 14: Carli Lloyd

Drei Tore in einem WM-Finale? Und das in 16 Minuten? Wer hat das schon geschafft? Carli Lloyd! Die US-Amerikanerin verbirgt sich hinter unserem 14. Türchen.

Es ist so eine Sache mit der „Golden Ball“-Auszeichnung der Fifa. Eigentlich soll damit der beste Spieler einer Weltmeisterschaft gekrönt werden. Aus prozeduralen Gründen müssen viele Medien-Vertreter ihre Stimme bereits vor dem Finale abgeben. So konnte es passieren, dass Oliver Kahn 2002 zum besten Spieler gewählt wurde, obwohl er das Finale mit seinen Patzern entschied.

Nur selten kommt es vor, dass die meist bereits im Vorfeld feststehende Entscheidung der Journalisten durch das Finale bestätigt wird. Eigentlich fällt mir im modernen Fußball nur ein einziger Fußballer ein, dem dies gelang: Carli Lloyd. Die US-Amerikanerin war mit ihren starken Leistungen im Viertelfinale (1:0 gegen China) und im Halbfinale (2:0 gegen Deutschland) bereits als beste Spielerin der WM 2015 gesetzt. Dann machte sie jedoch etwas Seltenes in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften: Die ohnehin dominante Spielerin des Turniers hob ihre beste Performance für das Finale auf.

Drei Tore in elf Minuten

16 Minuten. Vier Tore. Game Over. So einfach lässt sich das Finale der WM 2015 zusammenfassen. Noch ehe die Japanerinnen wussten, wo sie gerade eigentlich sind, hatten die Amerikanerinnen das Spiel bereits entschieden. Die Japanerinnen hatten versucht, die Amerikanerinnen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen: hohes Pressing, schnelles Spiel in die Spitze. Ein Spiel, das sie nicht gewinnen konnten. Dass die Japanerinnen später noch zwei Tore erzielten und die Partie somit am Ende 2:5 ausging, muss ihnen noch angerechnet werden. Dennoch: Es war nicht der Abend des Weltmeisters von 2011.

Stattdessen war es der Abend von Carli Lloyd. 3. Minute: 1:0 durch Lloyd nach einer flach getretenen Ecke. Zwei Minuten später: 2:0 durch Lloyd, diesmal nach einem flach getretenem Freistoß. Und elf Minuten später ihr Magnus Opum: Ein Fernschuss von der Mittellinie, der Ball senkt sich hinter Japans Torhüterin Ayumi Kaihori ins Tor.

Drei Tore in dreizehn Minuten, und das auch noch in einem großen Finale: In der Geschichte des Fußballs gab es solch eine Glanzleistung noch nie. Geoff Hurst gelangen im WM-Finale 1966 drei Treffer, er benötigte dafür jedoch 102 Minuten. Der große Ferenc Puskas kommt noch am Ehesten ran: 1960 schaffte er im Landesmeister-Pokalfinale in 26 Minuten vier Treffer. Zwei Jahre selber gelangen ihm drei Treffer in 21 Minuten. Bei den Frauen erzielte Inka Grings mal drei Treffer in einem Champions-League-Finale, und zwar in 27 Minuten. Alle brauchten mehr Zeit als Lloyd.

Von der Spielgestalterin zur Spielentscheiderin

Die Ironie des Ganzen: Lloyd war zum Zeitpunkt des Finales nicht als ausgewiesene Stürmerin bekannt. Noch während der Vorrunde der Weltmeisterschaft lief sie als Sechserin auf. Aus dem zentralen Mittelfeld nach vorne stoßen, die Stürmerinnen mit Pässen füttern oder gewagte Dribblings durch das Zentrum starten: Das war eigentlich ihr Spiel.

In Teilen war Lloyds Positionierung immer noch ein Relikt der alten Frauenfußball-Zeiten. In den vergangenen zehn Jahren gab es im Frauenfußball eine rasante technische wie taktische Entwicklung. Hohes Pressing sowie ein ausgeklügelteres Flachpass-Spiel lösten langsam, aber sicher das alte Mantra vom physischen Fußball ab. Lloyd war stets eine äußerst physische Spielerin. Technisch agiert sie zwar ebenfalls auf hohen Niveau, schwankt aber in ihrer Entscheidungsfindung. Und auch defensiv löst sie Aktionen lieber mit ihrem Körper als mit ihrem Auge.

WM-Finale 2015: Japan gegen USA mit Lloyd als Zehnerin

So richtig rund lief es bei der WM 2015 aber nicht mit Lloyd in der Rolle als Sechserin. Sie selbst hat nach eigenen Angaben ihre Trainerin Jill Ellis nach der Gruppenphase gebeten, fortan in einer höheren Position spielen zu dürfen. Sie wollte ihren Zug zum Tor stärker ausspielen und sich im Pressing in einer höheren Position einbringen. Ab dem Halbfinale gegen Deutschland durfte sie das auch. In dieser Partie erzielte sie das 1:0 selbst per Elfmeter, das 2:0 bereitete sie vor.

Tatsächlich verbesserte sich die Struktur des amerikanischen Spiels, nachdem Lloyd eine Reihe weiter vorgerückt ist. Die USA wechselten damit von einem 4-4-2- auf ein 4-2-3-1-System. Lloyd ließ sich etwas öfter fallen als die zuvor aufgestellte Stürmerin Amy Rodriguez. Dennoch konnte das äußerst vertikal angelegte Spiel der Amerikanerinnen auch mit Lloyd fortbestehen. Läufe in die Spitze waren bereits als Sechserin Teil von Lloyds Spiel. Zudem brachte sie die nötige Kopfballstärke mit, um lange Bälle weiterleiten zu können.

Zweimal per Standard, einmal per Genialität

Nun markiert spätestens das Finale die Abkehr der mitspielenden Lloyd. Eigentlich war sie in diesem Spiel kaum präsent. Immer mal wieder ließ sie sich in den Zehner- oder Achterraum fallen und jagte lange Bälle hinter die Abwehr. Meist lauerte sie jedoch nur in den ballfernen Räumen, um im entscheidenden Moment in den Strafraum sprinten zu können.

Genau dieser Fähigkeit verdankt sie ihre ersten beiden Treffer. In der Vorbereitung auf das Finale hatten die Amerikaner ruhende Bälle explizit trainiert. Es war kein Einserabschluss in der Trainerausbildung nötig, um zu erkennen, dass die einen Kopf größeren Amerikanerinnen hier einen Vorteil hatten gegenüber den zierlichen Japanerinnen. Doch genau hier überraschten die US-Damen: Statt den Ball hoch in den Strafraum zu flanken, wie von den Japanerinnen erwartet, führten sie ihre Ecken flach aus. Die Japanerinnen taten ihnen den Gefallen, den Rückraum völlig frei zu lassen.

Auftritt Lloyd. Sie postierte sich nicht bei ihren Treffern nicht im Strafraum, stand scheinbar abseits des Geschehens. Doch sobald der Ball flach in Richtung Tor rauschte, sondierte sie ihre Optionen. Hier zeigte sich ihre Vergangenheit als vorrückende Mittelfeldspielerin: Sie erkannte die Lücke in der japanischen Verteidigung, sprintete mit Vollgas rein. Vor dem Kasten veredelte sie ihre passgenauen Läufe mit präzisen Abschlüssen. Die Raumfindung einer Box-to-Box-Sechserin, die Kaltschnäuzigkeit einer Stürmerin: Das war die neue Lloyd.

Diese Grafik hat keinen analytischen Wert. Doch das 4:0 von Lloyd war so schön, es hat einfach eine eigene Grafik verdient.

Und dann gibt es da natürlich noch dieses sagenumwobene dritte Tor. Den Ball in einem WM-Finale von der Mittellinie aus auf das Tor zu jagen – dazu braucht es dicke Eier, würde man bei den Herren sagen. An Mut hat es Lloyd jedoch nie gemangelt. Sie hatte bereits den Ruf weg, unmögliche Aktionen zu wagen, die dazu auch meistens schiefgehen: Fernschüsse aus weitester Ferne, Dribblings gegen drei Gegnerinnen, Schnittstellenpässe dorthin, wo keine Schnittstelle ist. Doch in diesem Punkt ähnelt Lloyd dem großen Zinedine Zidane: Je wichtiger das Spiel, umso erfolgreicher ihre Aktionen. Dieses Tor zum zwischenzeitlichen 4:0 sollte die größte Aktion ihrer Karriere werden. Es ist vielleicht sogar eins der größten Tore, die je in einem WM-Finale geschossen wurden.

Und wenn sie nicht gestorben sind…

Auch wenn Lloyd zum Zeitpunkt des Finales bereits 32 war, bedeutete die Wahnsinns-Performance nicht das Ende ihrer Karriere. Lloyd möchte auch bei der WM 2019 auflaufen, dann im zarten Alter von 36 Jahren. In den vergangenen Jahren hat sich ihre Karriere weiter gewandelt: Mittlerweile wird sie hauptsächlich als Stürmerin eingesetzt, meistens von der Bank. Aber auch das zeichnet letztlich ja große Fußballer aus: dass sich ihre taktische Rolle im Verlauf der Karriere wieder und wieder wandelt. Wer weiß, vielleicht hat Lloyd ja noch einen Pfeil im Köcher. Eine ganz große Performance, so wie 2015 im WM-Finale. Auch wenn an diese Leistung so schnell kein Fußballer mehr herankommen dürfte.

tobit 14. Dezember 2018 um 16:08

Der Artikel ist mir irgendwie zu wenig. Drei Tore in absurd kurzer Zeit sind besonders – aber vom Rest ihres Spiels weiß ich jetzt nur, dass sie in Ballbesitz kaum präsent war und für Abschlüsse gerne aus der Tiefe in den Strafraum ging.
Schade, so bleibt für mich das Gefühl, dass sie nur wegen ihres Tors zum 4:0 als „Quotenfrau“ im Kalender gelandet ist, obwohl das ihrem Spiel wahrscheinlich nicht gerecht wird.

Der Link zum Wikipedia-Artikel über den goldenen Ball führt übrigens zum Männer-Artikel, den gibt’s auch für Frauen.

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*