Unterkühltes Defensivduell mit stabilem Sieger

3:0

Gegen den Ball setzte RB Leipzig auf Stabilität im Zentrum und eine relativ passive Herangehensweise. Und auch Bayer Leverkusen wählte in der Defensive einen ähnlichen Weg. Weil Leipzig aber auch einen Plan in der Offensive hatte, geht der Sieg von RB in Ordnung.

Schon vor der Partie sprachen sowohl Bayer-Trainer Heiko Herrlich als auch RB-Übungsleiter Ralf Rangnick davon, das Hauptaugenmerk in dieser Partie auf eine etwas passivere Herangehensweise in der Defensive zu legen. Der Grundgedanke dabei war wohl, der jeweils anderen Mannschaft den Großteil des Ballbesitzes zuzuschanzen und dann selbst aus Umschaltaktionen nach Ballgewinnen zu Torchancen zu kommen. Eine Partie, die vom Potential her eigentlich eine intensive Pressingschlacht hätte werden können, wurde so über weite Strecken vor allem eines: unspektakulär.

Leipzig mit dem Ball: Überladungen der linken Seite

Aufstellungen und Offensivmuster in der Anfangsphase

Im Spiel mit Ball agierte RB Leipzig aus einer 3-1-4-2-Grundordnung. Neben Zentralverteidiger Ilsanker kamen darin Konate als rechter und Upamecano als linker Halbverteidiger zum Einsatz. Interessant: Konate stieß dabei auf seiner Seite oftmals mit Ball nach vorne und rückte im Anschluss an dieses Vorstoßen im späteren Angriffsverlauf sogar noch weiter im Halbraum auf. Demme agierte auf der alleinigen Sechserposition als tiefer Balance- und Verbindungsspieler. Davor komplettierten Kampl und Sabitzer als Achter das Mittelfeldtrio. Mit Werner und Poulsen gab es zwei Akteure in vorderster Linie, mit Klostermann und Halstenberg zwei gar nicht so klassische Akteure auf dem Flügel, weil beide zwar grundsätzlich breit und linear agierten, aber auch immer wieder vertikale Läufe im Halbraum einstreuten.

Gerade in der Anfangsphase der Partie waren Überladungen der linken Seite durch RB typisch. Leipzig nutzte diese Seite entsprechend häufig, um kombinativ aufzurücken, wohingegen die rechte Seite eher für Verlagerungen diente. Weil Sabitzer von dort häufig weit in die Mitte rückte, war es vor allem Klostermann, den diese Verlagerungen erreichten. Als Anspielstation in der Tiefe fungierte auf dieser Seite Poulsen.

Leverkusen gegen den Ball: Zunächst unpassend – nach der Anfangsphase verbessert

Leverkusen begegnete dieser Spielweise der Leipziger im Spiel gegen den Ball aus einer 5-2-3-Grundordnung heraus. Bayer interpretierte diese als Mittelfeldpressing. Im Wesentlichen hatte dieser Art der Raumaufteilung den Vorteil, dass Leverkusen den drei zentralen Leipziger Aufbauspielern drei direkte Gegenspieler zuordnen konnte. Zudem konnte Volland als zentraler Akteur der Dreierreihe in vorderster Linie Leipzigs Sechser Demme einfach lose zustellen und beim Anlaufen von Ilsanker in seinem Deckungsschatten verschwinden lassen. Nachteilig war allerdings, dass Leipzig dahinter im Zentrum eine numerische Überzahl aufweisen konnte und diese gerade im Auf- und Übergangsspiel im Rahmen der Überladungen der linken Seite auch zu nutzen wusste. Weil Bayer Leipzig kaum einmal hoch presste, entwickelte die Werkself wenig Dynamiken im Pressing und hatte vor allem Probleme, wenn Leipzig die erste Linie überspielt hatte.

Herrlich erkannte die Problematik und passte die Grundordnung seiner Mannschaft noch in der ersten Halbzeit an, sodass sich im Spiel gegen den Ball zumeist 4-4-2- / 4-2-2-2-Staffelungen ergaben, wenn Leipzig das Spiel aufbaute. Der bisherige linke Halbverteidiger Jedvaj wechselte dafür auf die Position des rechten Verteidigers, während der bisherige Rechtsverteidiger Weiser eine Position nach vorne rückte. Brandt behielt seine Position auf dem linken Flügel bei, Havertz besetzte die Position neben Volland. Durch die veränderte Raumaufteilung mussten Havertz und Volland zwar nun im Zentrum weitere Wege gehen, um Leipzigs Dreierreihe im Aufbau anzulaufen, allerdings konnten sie über die Sicherung der Schnittstelle zwischen sich auch Demme einfach aus dem Spiel nehmen. Dahinter hatten Bender und Aranguiz in den beiden Leipziger Achtern klare Gegenspieler, sodass Bayer Leipzig die Anbindung an das Zentrum nehmen konnte, wenn Bayer die Heimelf einmal auf dem Flügel festgedrückt hatte. Weil Bayer auch weniger erste Zuspiele in den eigenen Defensivblock zulassen musste, wirkten die Gäste in dieser Phase deutlich kompakter.

Leverkusen mit dem Ball: Wenig bis keine Durchschlagskraft

Auch nach der Umstellung der Grundordnung fehlte Leverkusen im Spiel mit Ball die Durchschlagskraft. Dies war schon zu Beginn der Partie so gewesen. Zu diesem Zeitpunkt agierte Leverkusen noch aus einer Grundordnung mit Dreierkette. Davor gab es aber mit Bender und Aranguiz eine Doppelsechs sowie mit Wendell und Weiser zwei klassische Außenbahnspieler. In der vordersten Linie agierte mit Brandt, Volland und Havertz eine enge Dreierreihe, die die Leipziger Abwehr im Zentrum binden sollte. Aranguiz und Lars Bender agierten im Aufbau zunächst relativ hoch und kippten kaum ab. Eine längere Ballzirkulation im Aufbau war wohl nicht vorgesehen, wenn auch gegen Leipzigs passive Spielweise nicht immer unausweichlich. Eines der wenigen charakteristischen Muster waren lange Anspiele und ausweichende Bewegungen von Volland oder Brandt auf die linke Seite, um von dort aus die Tiefe zu attackieren.

Dass Leipzig im Spiel gegen den Ball aus einer 5-3-2-Grundordnung heraus agierte und zumeist ein nach Außen steuerndes Mittelfeldpressing spielte, kam Leverkusen nicht entgegen. Denn Leipzig hatte so nahezu immer eine extrem hohe personelle Präsenz in letzter Linie und konnte Leipzig durch ein Nach-Vorne-Verteidigen aus der letzten Linie sowie aufgrund der Überzahl im Mittelfeldzentrum zumeist am Flügel isolieren und Verbindungen in die Mitte kappen. Durch die Umstellung der Grundordnung verstärkten sich diese Probleme in der Offensive noch. Leverkusen hatte dabei in den meisten Phasen der Partie Probleme den Aufbau an die Offensive anzubinden.

In der Offensive belegte man zwar nach der Umstellung Leipzigs Abwehrkette mit bis zu vier Akteuren und im Aufbau kippte Aranguiz auch immer wieder passend zentral ab. Aber: Mit Bender gab es nur einen Verbindungsspieler im Zentrum. Anspiele aus der ersten Aufbaureihe in die vorderste Linie waren hingegen aufgrund der großen vertikalen Streckung Leipzigs nicht erfolgsstabil möglich und dort auch nicht durchgehend sicher zu verarbeiten. Leverkusen kam aufgrund dieser strategischen Konstellation kaum konstruktiv ins Übergangsspiel und musste häufig aus dem Aufbauspiel direkt hinter Leipzigs letzte Linie spielen, wobei sich dort dann zumeist Unterzahlsituationen ergaben.

Der Spielverlauf: Strategisches Übergewicht entscheidet die Partie

Im Wesentlichen lagen so alle strategischen Vorteile bei Leipzig: Gegen den Ball konnte man Leverkusen verhungern lassen. Im Spiel mit Ball war man im Aufbau selbst stabil und kam selbst immer wieder zu Torchancen.

Zur Halbzeit versuchte Herrlich die entstandenen Muster zu durchbrechen, indem er Bailey für Jedvaj brachte. Der rückte auf den rechten Flügel. Weiser agierte stattdessen als rechter Verteidiger. An der 4-2-3-1-Grundordnung im Spiel mit Ball änderte sich nichts. Wohl aber an deren Interpretation: Leverkusen störte Leipzig im Aufbau jetzt früher, ohne an den Abläufen etwas zu ändern. Auch Wendell und Weiser rückten nun im Spiel mit Ball schneller, häufiger und weiter nach vorne – so wurden Bailey und Brandt öfter schon im Spielaufbau von ihren eigentlichen Aufgaben befreit und konnten freier agieren. Insgesamt tat sich Leverkusen so leichter, stabiler im Spielaufbau zu agieren und leichter, lokale Ballungen am Flügel zu bilden, woraus man kombinativ nach vorne aufzurücken konnte – eine konstante Anbindung an die Mitte fand man aber trotzdem nicht.

Fazit

Der Sieg für Leipzig geht in Ordnung. Er fällt zwar zu hoch aus, war aber letztlich ein extrem sicheres Ding. Das lag weniger daran, dass Leipzig durch Leverkusen extrem gefordert gewesen wäre, sondern schlichtweg daran, dass Bayer auf den guten Leipziger Plan A keinen passenden Plan B oder Plan C fand. Einzig und allein die Umstellungen zur Pause erweckten für wenige Minuten den Anschein, dass in dieser Partie für Leverkusen mehr hätte drin sein können.

CHR4 6. Januar 2019 um 20:47

vorweg:
Ich bin mitnichten ein Schmidt-Fan: weder mag ich sein Auftreten (-> Pöbeleien gegen Nagelsmann …), noch seine Art Fußball spielen zu lassen (-> hat mir wohl das häßlichste Spiel auf CL-Niveau beschert: Atletico-Leverkusen 2015 Achtelfinal-Rückspiel)
aber: dass Schmidts (häßlicher) Fußball nicht funktioniert hat, würde ich so nicht behaupten – 14/15 und 15/16 waren für Leverkusener Verhältnisse von den Ergebnissen her doch recht erfolgreich

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tobit 7. Januar 2019 um 18:09

Schmidt war so lange erfolgreich, wie seine Mannschaften Lösungen gegen tiefstehende Gegner fanden. Im Winter sah es da oft eher mau aus und die Saison wurde im Frühjahr mit einer Siegesserie gerettet. Wie viel Anteil er an diesen Lösungen hatte, finde ich recht schwer zu beurteilen, da da häufig geniale Einzelleistungen und Formhochs von Kampl und Brandt zusammenfielen. Die beiden können halt an guten Tagen jede Abwehr filettieren, ihnen fehlt leider bis heute die absolute Konstanz.

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Ernie Berenbroek 5. Januar 2019 um 16:55

Ich mache mich große Sorgen um Bayer Leverkusen mit Peter Bosz als neuer Haupttrainer. Seine einseitigen Auffassungen zeigt mein Landsmann neulich wieder in einem Interview in der niederländischen Fachzeitschrift Voetbal International. Darin wird das verlorene Europa League-Finale 2017 von Ajax gegen Manchester United gründlich analysiert. Bosz sagt daß er jetzt wieder mit genau derselben Spielweise und Taktik (4-1-2-3) antreten würde.

Erstens hatte Ajax das Endspiel nicht nur mit attraktiven Angriffsfußball erreicht, aber auch mit viel Ach und Krach. Der kriselnde FC Schalke 04 trat im Viertelfinale in Amsterdam sehr schwach auf (2:0). Trainer Markus Weinzierl wurde immerhin wenig später entlassen. Im Rückspiel führte Schalke in der Verlängerung 3:0, kassierte in den Schlußminuten allerdings noch zwei Gegentore. Im Halbfinale gegen Lyon nutzte Ajax zuhause alle vier Torchancen (4:1), kam im Rückspiel aber erneut unter die Räder und konnte gerade noch mit einer 3:1 Niederlage ins Endspiel steigen.

Darin überraschte Mourinho mit dem kopfstarken Fellaini als Zehner im 4-2-3-1. Ajax spielte im 4-1-2-3 mit nur einem Sechser, dem technisch begabten aber kämpferisch schwachen Dänen Lasse Schöne. Er verlor gegen Fellaini selbstverständlich sämtliche Luftduelle. Bosz griff nicht ein, wodurch Manchester United im Mittelfeld überlegen blieb. Ajax zeigte hauptsächlich ein trages Kurzpaßspiel und gelang kaum einen Torschuß. Auch die beiden Achter (Davy Klaassen und Hakim Ziyech) konnten sich nicht durchsetzen. Mittelstürmer Kasper Dolberg stand vorne völlig isoliert, auch weil ein echter Zehner fehlte, wie es in den letzten Jahren bei niederländischen Mannschaften üblig war.

Bosz behauptet im Interview daß seine Taktik in Ordnung gewesen sei und daß die Niederlage zurück zu führen sei auf Pech, individuellen Fehler und einige Spieler, die nicht ihre Normalleistung brachten. Een Plan B sei nicht nötig gewesen; sein Plan A hätte bloß besser ausgefürt werden sollen. Mittlerweile haben Ajax, PSV Eindhoven und Oranje das 4-1-2-3 ergänzt durch 4-2-3-1. Zusammen mit der Entwicklung einiger neuen Starspieler wie Frenkie de Jong und Matthijs de Ligt hat dies zum heutigen Aufwärtstrend geführt. Auch Bayern München und Manchester United unter Solksjær haben neulich mehr Gleichgewicht in der Mannschaft mit 4-2-3-1 statt 4-1-2-3. Bosz wird in Leverkusen bei Mißerfolgen seinen Still nicht ändern, sowie er das auch in Dortmund ablehnte.

Interview mit Peter Bosz auf:
vi.nl/pro/overig/hoe-peter-bosz-met-ajax-een-finale-verloor-en-het-toch-precies-weer-zo-zou-aanpakken/share/89eaa38983?fbclid=IwAR2mn1L_T71i1c4Hbt6NNpovO5lWjg7Csg5kNkGONrdazeWCsJDDGLPEfMY

Grafiken zum 2017er Finale auf: Grafiken zum 2017er Finale auf:
lineups-footballfinals.jimdo.com/europa-league/

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Daniel 24. Dezember 2018 um 12:40

So, bei Leverkusen ist Herrlich nun also Geschichte, Nachfolger wird Bosz. Durchaus eine etwas seltsame Wahl, wie ich finde. Sein radikaler Fokus auf sehr hohes und intensives Pressing hat bei Bayer in nur etwas anderer Form unter Schmidt schon überhaupt nicht funktioniert-warum sollte das jetzt anders sein? Auch den Kader finde ich mit Akteueren wie Volland, Brandt, Havertz, Aranguiz, Baumgartlinger eigentlich eher für einen ballbesitzorientierten Stil geeignet als für ein Umschaltfestival (einer der Gründe für Schmidts Scheitern). Konkret seh ich bei Bayer auch einige Spielertypen nicht, die für Boszs System kritisch sind: Bosz arbeitet am liebsten mit einem Neuner, der viele Ablagen spielt und dafür von den Verteidigern gesucht wird. Da seh ich momentan keinen im Kader von Leverkusen, der dafür in Frage kommt. Auch einen RV nach Boszs Geschmack erkenn ich nicht in diesem Kader: unter Bosz bleiben die Verteidiger tief und breit, das passt zum Beispiel überhaupt nicht zum sehr vertikalen Charakter von Mitchell Weiser. Im Mittelfeld könnte es dafür besser klappen. Dennoch fällt es mir schwer, mir Spieler wie Weiser, Aranguiz, Brandt, Volland unter Bosz gut eingebunden vorzustellen.

Auch generell werd ich aus dieser Entlassung nicht so recht schlau: Bayer ist als Gruppensieger in die Zwischenrunde der EL eingezogen (in einer zugegebenermaßen sehr leichten Gruppe), steht nach einem spektakulären 5:0 auswärts in Gladbach (!) im Achtelfinale des Pokals und steht in der Liga nur einen Punkt hinter dem Qualifikationsplatz für die EL. Sicher: in der BL konnte man sich mit einiger Berechtigung mehr erhoffen und das Abschneiden dort ist sicher eine Enttäuschung. Aber dass man da jetzt unbedingt den Trainer rausschmeißen muss seh ich dann eigentlich doch nicht (hab Bayer aber auch kaum gesehen). Jedenfalls nicht, wenn man dann als Alternative einen Trainer holt, der vor gerade mal einem Jahr in der Bundesliga ziemlich spektakulär gescheitert ist und dabei keine gute Figur gemacht hat.

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