Ein Spiel dauert 28 Minuten

0:4

Aufmüpfig zeigten sich die Freiburger gegen die übermächtigen Bayern – zumindest für 28 Minuten. Danach stellen die Bayern ihre taktische und spielerische Klasse unter Beweis.

Die Formationen: Bayern löst sein Flügelproblem mit Bernat, während unter anderen Robben angeschlagen geschont wird, Freiburg kehrt zur Dreierkette zurück

Oft wird über die Bundesliga gesagt, dass sie wegen der Überlegenheit des FC Bayern München nicht spannend – oder sportlich geradezu sinnlos – sei. Das Spiel der Bayern am Sonntagabend in Freiburg widerlegte diese These in gewisser Weise. Denn man sah eine Freiburger Mannschaft, die sich nicht in die eigene Unterlegenheit fügte, die phasenweise die bessere Mannschaft war und die Chancen hatte, in Führung zu gehen.

Aber dieses Spiel dauerte nur 28 Minuten.

Denn dann traf der Serienmeister zwei Mal binnen weniger Minuten und entschieden so das Spiel, dessen Balance schon in den Minuten zuvor zu ihren Gunsten gekippt war. Was hatte Freiburg in den ersten Minuten richtig gemacht? Und wie konnte Bayern das Geschehen wieder bestimmen?

Streich kehrt zur Dreierkette zurück

„Wir haben uns entschieden, nicht hinten rein zu stehen, weil wir das nicht wollten, weil auch die Spieler das nicht wollen. Weil ich lieber raus gehen will, damit sie ihre Energie ausleben können und damit wir ins Pressing kommen,“ sagte Christian Streich nach der Partie über die Ausrichtung seiner Mannschaft. Nachdem man zuletzt im 4231 gespielt hatte kehrte Freiburg zu einer Dreierkette zurück: in einem 3412 schoben die Außenspieler (Flügelverteidiger) recht weit hoch und waren in den ersten Minuten die Akteure mit den meisten Freiheiten. Solange dauerte es, bis Bayern sich darauf einstellte, dass Streich und seine Mannschaft (trotzdem sie hin und wieder nach Ballzirkulation in der Innenverteidigung lange Bälle von Torhüter Schwolow aus spielten) recht in der Annahme hatten, „dass wir es im Spielaufbau mit den Dreien gut hinkriegen und da Freiräume kriegen.“ Diese ergaben sich mit Süyüncüs guten Pässen und für die Freiburger Flügelverteidiger Christian Günter und Pascal Stenzel. Weil die Außen der Bayern (Müller und, in Ermangelung der linken Offensivspieler, Bernat) die Freiburger Halbverteidiger anliefen, die Außenverteidiger aber nicht aggressiv nachrückten und sich der Flügelverteidiger annahmen waren diese frei. Beide waren so aus dem Aufbau heraus im zweiten Drittel anspielbar und konnten versuchen, mit flachen Diagonalbällen Anspielstationen in Freiburgs offensivem Trio aus Nils Petersen, Janik Haberer und Niklas Höler zu finden.

Weil diesen Offensivakteuren nur einmal der letzte Pass gelang, und öfter die vor- oder vor-vor-letzte Aktion zu unpräzise war, fehlte Freiburg das Erfolgserlebnis, das Streich als nötig beschrieb, um das Spiel offen zu halten. Es ist ein (durchaus nicht neuer) Kernbestandteil von Bayerns Dominanz in der Liga, in 1-gegen-1 Situationen überall auf dem Feld überlegen zu sein. Nils Petersen hob insbesondere das starke Antizipieren der Bayern-Verteidiger hervor, das den Angriffen des Gegners besonders hohe Genauigkeit abverlange. Zu den rein fußballerischen Schwierigkeiten kommt noch, dass die (eigentlich) klar unterlegene Mannschaft bewusst ist, ihre vermutlich wenigen Chancen effektiv zu nutzen und so der Druck auf die Aktionen steigt. Diesen Ansprüchen wurde Freiburg nur einmal gerecht: Nach einer doppelten Balleroberung von Koch und Günter kommt Haberer an den Ball und spielt einen langen Schnittstellenpässen auf Höler, der in die von Petersens Lauf geöffnete Lücke startet. Auf seinen Abschluss, den Ulreich sehr gut pariert, entfielen allein 0,34 von Freiburgs 0,47 expected goals.

Während Höler nicht traf, erzielte Bayern ein – O-Ton Streich – „Scheiß-Tor, das natürlich auch clever gemacht war vom Müller.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Bayern im Pressing bereits etwas fallen gelassen, sodass Freiburg anders als in den ersten Minuten keine freien Räume im Mittelfeld mehr fand. Im Gegenzug wurde Freiburgs Pressing etwas passiver. Petersen, Höfler und Haberer hatten sich flexibel die Rollen geteilt, die Innenverteidiger anzulaufen. Nach der Anfangsphase orientierten sich die, in der Wahrnehmung der Freiburger zunächst von deren Präsenz durchaus irritierten, Münchner besser. Vor allem Thiago nutzte den Umstand, dass Freiburg ihn nicht mehr in jeder Situation schnell genug pressen konnte, zu klug verlagernden Pässen, die beiden Toren vorausgingen (beim 1-0 auf Hummels, der einen guten Ball auf den in die Tiefe gelaufenen Müller spielt; beim 2-0 vor Tolissos Abschluss).

Fazit

Mit diesen beiden Toren war das Spiel entschieden – allerdings nur, weil Bayern das Spiel sehr diszipliniert und mit, wie Jupp Heynckes sagte, im Positionsspiel und Pressing einer der besten Leistungen der Saison herunterspielte. So war auch Freiburgs Versuch, mit einer Umstellung auf ein 442 mehr Druck in der vordersten Linie zu entwickeln erfolglos. Freiburg wurde nicht torgefährlicher: vor Müllers Tor stand es nach Schüssen 4-4, am Ende 5-17. Stattdessen gewann Bayern auch offensiv mehr Zweikämpfe auf den Außen und kam zu gezielten, gefährlichen Flanken.

Die weiteren Tore waren die folgerichtige Konsequenz aus der nun vollkommenen Überlegenheit auf dem Zug einem weiteren der Bayern-Siege, die die Liga so unspannend machen.

CHR4 18. März 2018 um 19:50

könnte wetten da kommt bald eine taktische Analyse zum heutigen Spiel Rasenball-Bayern …

Antworten

Daniel 21. März 2018 um 13:32

Sieht nicht so aus. Es sei denn MR schreibt die Analyse, dann sollte sie Ende des Jahres kommen 😉

Gegen den Ball überraschte Leipzig mit einer Dreierkette statt des üblichen 4-4-2, was sich in meinen Augen ausgezahlt hat-der zusätzliche Spieler in der defensiven Zentrale war in der Absicherung des aggressiven Pressings der Außenverteidiger und des Mittelfelds sehr wertvoll. Zu Leipzigs Bewegungen im Spielaufbau kann ich nicht viel sagen-teils weil das nur selten eintrat, teilweise auch, weil ich die Spieler von RB nicht so gut kenn und oft nicht sicher wusste, wer da grad eigentlich wo ist.

Das Spiel und die Probleme des FCB war im Grunde für regelmäßige Beobachter wenig überraschend. Vor allem das lückenhafte Pressing und das unter Druck unsichere Positionsspiel sind ja schon die ganze Saison ein Problem, das meist von der sehr guten zentralen Defensive um Martinez und die IV sowie der allgemein hohen individuellen Klasse kaschiert wird. Ursächlich dafür war (auch das ein regelmäßiges Phänomen) ein schlecht harmonierendes und überdies völlig uneingespieltes zentrales Mittelfeld um Rudy, Vidal und James. Rudy und Vidal, das sollte dieses Spiel sehr deutlich machen, harmonieren überhaupt nicht auf der Doppelsechs. Rudy ist ein eher zweikampfschwacher Spieler mit guter defensiver Antizipation. Im besten Fall ist er relativ pressingresistent, wenn er ausreichend nahe Anspieloptionen hat. Um seine beste Leistung abrufen zu können braucht er Kombinationsspieler in seiner Nähe, mit denen er ein schnelles Kurzpasspiel aufziehen kann und die gegen den Ball mit ihm die Räume im defensiven Mittelfeld verengen. Vidal tut weder das eine noch das andere: im Spielaufbau rückt er oft weiträumig aus dem Mittelfeld heraus, anstatt dort ein Kurpassspiel zu inszenieren (wofür ihm auch das Umblickverhalten und das technische Vermögen fehlt) und auch im Pressing hält er seine Position nicht, sondern orientiert sich zumeist am ballführenden Gegner und hinterlässt im zentralen Mittelfeld ein Loch. Das mündete gestern dann darin, dass im bayrischen Sechserraum/Achterraum regelmäßig riesige Räume klafften, die Rudy dann in Unterzahl gegen Demme, Kampl und Keita quasi im Alleingang kontrollieren sollte. Diese undankbare Aufgabe konnte Martinez in den vergangenen Wochen gegen zumeist individuell deutlich unterlegene Gegner ganz gut erledigen, Rudy hingegen ging wenig überraschend gnadenlos unter. Erschwerend hinzu kam natürlich, dass Flügelstürmer Bernat und Müller kaum für Entlastung sorgen können.

Durch das Los FC Sevilla hat Bayern wohl nochmal eine Gnadenfrist von wenigen Wochen erhalten, die Schwächen abzustellen. Leider zeigt Heynckes nicht die Problemlösungskompetenz von Pep Guardiola, der als Reaktion auf die sehr abschlussfokussierten Achter (damals spielten teilweise sogar mit Müller und Vidal zwei „Schattenstürmer“ formal im Mittelfeld) die Außenverteidiger einrücken und diese den Spielaufbau übernehmen ließ, so dass zumindest im eigenen Ballbesitz keine großen Lücken auftraten. Mit Kimmich und Alaba wäre ähnliches eigentlich möglich. Unter Ancelotti spielten zumindest mit Alonso und Thiago zwei echte Mittelfeldspieler mit Vidal (statt wie jetzt mit Martinez oder Rudy nur einer), dennoch brach schon bei ihm Bayern gegen Real Madrid im Mittelfeld zusammen, wo Thiago und der weit über seinem Zenit befindliche Alonso letztlich allein gegen die königliche Überzahl kapitulieren mussten. In gewisser Weise leidet Rudy an einem ähnlichen Problem wie Weigl und Sahin unter Bosz: die Außenverteidiger bleiben breit, vor ihm agieren zwei Zehnertypen als „Achter“ und für die horizontale und vertikale Verbindung dieses Lochs ist der Sechser allein verantwortlich. Alonso behalf sich durch eine inflationäre Nutzung von taktischen Fouls-was regelmäßig nur deshalb gut ging, weil der Unparteiische beide Augen zudrückte-und kam deshalb etwas besser zurecht, zumal er wie gesagt mit Thiago einen echten Achter als Unterstützung hatte. Heynckes hat im Vergleich zu Ancelotti wenig verändert außer Martinez ins Mittelfeld zu stellen. Damit hat er die Probleme nicht gelöst, aber durch Martinez ungleich besseres Defensivverhalten konnte er sie halbwegs kaschieren (ähnliches tat Zidane mit Casemiro). Tatsächlich wären Martinez als tiefer Abfangjäger mit passablem Spielaufbau, Thiago als ballsicherer und zweikampfstarker Verbindungsspieler und James als pass- und abschlusstarker Zehner eine auch auf hohem Niveua starke Mittelfeldbesetzung. Das Problem daran ist, dass für keinen der drei eine passende Alternative zur Verfügung steht (am ehesten noch für James). Eine Freirolle für einen Box-to-box Spieler wie Vidal oder Tolisso gibt es nicht, einen kombinationsfokussierten Sechser wie Rudy auch nicht. Der einzige Ansatz, der momentan zu erkennen ist, ist also die blinde Hoffnung auf eine schnelle Genesung von Thiago, der der einzige wirklich zur Spielweise passende Achter im Kader ist. Leider ist das Verletzungspech Thiago bisher oft treu geblieben. Und selbst wenn das Mittelfeld von Verletzungen verschont bleiben sollte, ist die Mangelwirtschaft auf den Flügelpositionen die nächte Schwachstelle. Im Grunde müsste eine Änderung der Spielweise vollzogen werden, um auf die Lücken des Kaders zu reagieren. Dafür ist es aber zum momentanen Saisonzeitpunkt wohl schon zu spät.

Antworten

Hellraiser 6. März 2018 um 08:57

Also, dafür dass Müller „nie ein Guardiola-Spieler“ wird, hat er in dessen letzter Saison mit 20 Bundesligatoren seine eindeutige persönliche Bestmarke erzielt (auch in den beiden Jahren mit jeweils 13 Toren und vielen Assists sehr stark). Meiner Ansicht nach passte Müllers Unberechenbarkeit ganz wunderbar zu Peps sonst sehr durchdachtem Spiel, und das hat Pep auch ganz genau gewusst.

Antworten

Koom 6. März 2018 um 11:12

Nur dass Müller unter Guardiola eigentlich mehr Statist war. Die Torquote hätten auch andere erreicht. Das „Müllereske“ war zumindest weitgehend weg.

Antworten

Hellraiser 9. März 2018 um 10:15

Wenn Müller aber seine spezifische Fähigkeit, die Unberechenbarkeit, die nach Meinung vieler seine einzige herausragende Eigenschaft ist, unter Guardiola gerade nicht hatte zeigen können, wie konnte er gerade dann seine erfolgreichste Zeit haben? Ist dann ein Müller besser, der gar nicht wie Müller spielt?

Will sagen, mich überzeugt das Argument nicht, dass jemand angeblich als Spieler überflüssig war, wenn das mit „Statist“ gemeint war, aber gleichzeitig 20 Tore schießt. Wäre nach meiner Erinnerung der erste „Statist“ in der Bundesliga mit 20 Toren……

Antworten

CHR4 10. März 2018 um 00:18

für mich ist es nicht Unberechenbarkeit, sondern 1. Weitblick:
er erkennt viel früher als andere, wie sich Situationen entwickeln: wo sich Räume öffnen, wo der Ball hinkommen wird, wie sich die Mit- und Gegenspieler bewegen werden – dadurch ist er handlungsschneller, ohne physisch schneller zu sein, er kann einfach schon früher mit seiner Aktion beginnen, bevor die anderen Wissen was los ist
2. die zweit hervorragende Fähigkeit ist den Ball aus jeder Position (Ballposition relativ zu seinem Körper also z.B. auch halbhoch) mit jedem Körperteil (zur Not mit hilfe des Gegners 😉 siehe letztes Spiel) aufs Tor zu bringen (vergleichbar für mich CR7, Ibra, van Basten) – das bezeichnen andere dann als „Gestocher“, „Zufall/Glück“, „technisch unsauber“ (was im Dribbling zutreffen mag)

Einordnung von 1. und 2.:
für 1. (Raumdeuterfähigkeit) ist es vorteilhaft mehr Raum vorzufinden, da Pep den Gegner langsam nach hintendrücken lies, war meistens weniger nutzbarer Raum da, so dass diese Fähigkeit dann weniger zum tragen kam (ich nehme an koom meint das mit „mülleresk“) – natürlich war da die Fähigkeit des Raumdeutens nicht weg, sie konnte nur nicht so genutzt werden
2. unter Pep gab es insgesamt mehr Zuspiele in die Spitze und das Team erzielt im Schnitt wesentlich mehr Tore, es ist also nicht verwunderlich, dass Müller auch seinen Peak hat – die Zuspiele waren aber auch „sauberer (verwertbar)“ – so dass es nicht nötig war, den Ball artistisch hinter die Linie zu bugsieren, es hätte also auch ein andere Stürmer da stehen können – also war Fähigkeit 2. auch nicht so ausschlaggebend unter Pep, der auch dafür sorgte, dass auch andere Spieler ohne Müllers Vorhersehungsgabe an der richtigen Position zum Einschieben stehen können …

Antworten

CHR4 10. März 2018 um 00:28

ich würde daher auch sagen, dass Müller in Peps System (ge)passt (hat), sondern dass seine zwei besonderen Fähigkeiten in etwas anderen Systemen wichtiger/wertvoller sind und mehr zum Tragen kommen

PS: 3. hervorragende Fähigkeit hab ich vergessen: optimaler Spannungslevel! – locker (nicht zu lasch, nicht zu verkrampft!)

Antworten

tobit 9. März 2018 um 13:16

Unter Guardiola war Müller (am Ende) ein ganz anderer Spieler als unter Heynckes oder van Gaal. Statist war er unter Ancelotti, der in Topspielen nichts (und in anderen sehr wenig) mit ihm anzufangen wusste.
Unter van Gaal und Heynckes war er gegen den Ball ein laufstarker und fleißiger Pressingspieler, der die zeitweise Teilnahmslosigkeit seiner Nebenmänner Ribery und Robben balancierte (van Gaal) oder den Stürmer im hohen Anlaufen unterstützte (Heynckes – da haben ja Robben bzw. Kroos und Ribery auch viel mitverteidigt). Unter Pep gab es ein geordnetes Spiel gegen den Ball sowieso kaum, da kam es mehr auf seine Aktivität im Gegenpressing und der generellen Rückzugsbewegung an.
In Ballbesitz hatte Müller vor Pep oft die Rolle des Strukturfüllers – also eine taktisch ähnliche Aufgabe wie Götze bei Klopp nur mit etwas anderen technischen und (team)taktischen Voraussetzungen – zwischen den sich variabel positionierenden Robbery. Wenn sich die beiden auf links zusammenbewegten, ging er viel ballfern in die Spitze oder stand als höhere Verlagerungsoption bereit. Blieben die beiden auf ihrer Seite, beteiligte er sich an verschiedenen Überladungen oder band Gegenspieler mit Läufen weg von bestehenden Ballungszonen, die er dann in der Endphase der Angriffe abzuschütteln versuchte um im Strafraum frei zu werden. Aufgrund seiner technischen Inkonstanz und seines teilweise hektischen Spielrythmus‘ beschränkte Guardiola seine Rolle auf das letzte Element des Raumöffnens an der letzten Linie und sein Gespür für Strafraumsituationen. Unter Ancelotti wurde ja quasi gar keine Spielereinbindung mehr gemacht, sondern einfach nur eine grobe Grundidee und -formation vorgegeben und der Rest war abhängig von der individuellen Kreativität und technischen Klasse der Einzelspieler – das ist natürlich Gift für einen Teamspieler wie Müller (und hätte wohl auch Götze nicht aus seinem Leistungsloch geholfen).

Antworten

GS 5. März 2018 um 13:37

„die die Liga so unspannend machen“

Man kann ja bekanntlich Fußball aus 2 Gründen anschauen: entweder man ist (bedingungsloser) Fan eines bestimmten Vereins – dann fiebert man bei jedem Spiel mit und hofft auf einen Sieg oder wenigstens Unentschieden der eigenen Mannschaft, und die Qualität des Spiels ist weitgehend bedeutungslos.
Oder man möchte Fußball auf technisch und taktisch höchstem Niveau sehen; dann ist wiederum die „Spannung“ im Laufe einer Bundesliga-Saison ein eher nachrangiges Kriterium.

Ich gehöre eher zum zweiten Typus und habe daher kein Problem mit der fehlenden Spannung; ich finde es vielmehr bedenklich, dass der Rest der Bundesliga (außer dem FC Bayern) sich seit geraumer Zeit technisch und taktisch rückwärts entwickelt – vielleicht mit Ausnahme von Leipzig, deren momentane Schwäche man als Konsolidierungsphase einschätzen könnte.

Namentlich der BVB hat seit dem Abgang Tuchels massiv abgebaut, sowohl was die individuelle technische Qualität der Spieler angeht (hier besonders ausgeprägt im Defensivbereich) als auch bei der taktischen Spielanlage. Ich fürchte auch, dass Stöger nicht der Richtige ist, um spielerisch wieder in die Spur zu kommen.

Antworten

Koom 5. März 2018 um 14:19

Im Prinzip ja, aber…

Die Replik auf diese Aussage ist nicht ganz einfach. Ich fühle mich als Mainz 05 Fan da durchaus betroffen und erzähle aus meiner Sichtweise.

1.) Der Wettbewerb: Das Standing der Bundesliga lässt rapide nach. International gab es auch ne Spur Pech, aber auch einfach sehr viel Unvermögen – wie auch immer geartet. Die Bundesliga ist bei weitem nicht mehr die spannendeste oder auch nur im Ansatz „beste“ Liga. Die Intensität ist immer noch gut, aber das zeigt sich mittlerweile durch teilweise brachial schmerzhaft schlechtes Gebolze.

2.) Ich bin im Fußball noch groß geworden zu einer Zeit, wo das Spiel gegen die Bayern durchaus ein Highlight war. Einfach auch, weil das durchaus greifbar war, die mal zu schlagen. Aber wenn bei denen nicht grandios viel schief geht, reicht selbst eine Galaleistung nicht mehr aus, um mal einen Punkt zu stehlen. Zu sehr sind da die Kaderstärken auseinandergegangen, zu sehr werden ALLE anderen Vereine jedes Jahr auseinandergefleddert und verlieren meist 2-3 der besten Spieler. (Ausnahme: Noch RB Leipzig, aber auch die haben hart zu kämpfen).

3.) Perspektive: Eben weil keiner mehr langfristig einen Kader planen und zusammenhalten kann, brechen selbst unter guten Trainern die Ergebnisse ein und dann wird taktisch/spielerisch gerne auf Umschalt/Gegenpressing-Gerammel gesetzt, damit es nach Kampf ausschaut. Spielerisch sich durchzusetzen und zu entwickeln gelingt keinem Bundesligisten außer eben den Bayern.

4.) Geldniveau. Nach wie vor verhagelt es mir die Stimmung. Zu viel Geld im Umlauf, was dann gleich mehrere Folgen hat: Vereine betrachten sich als Geldvermehrungsanlagen, setzen lieber auf die schnelle Mark als Durchlauferhitzer anstatt ein Team zu bilden, Identität hat heute auch kaum noch ein Bundesligist deswegen.

Ob die Bundesliga in den nächsten Jahren noch mal aus Klopps Umschaltsucht rauskommen wird? Mir fehlt da der Glaube. Alle Vereine wollen gerne Klopps BVB oder 05er imitieren, wollen „leidenschaftlichen Fußball“ importieren, was am ehesten mit lauf- und kampfstarken Fußball gelingen soll. Das ist eine ganz schlimme Monokultur und erstickt sehr viel hoffnungsvolle Pflänzchen, die niedergetrampelt werden.

Und on-top kommt noch das landesweite Kackesandwich der meisten Ultras, die mittlerweile sich nur noch als Co-Act im Stadion betrachten, der alternative Unterhaltung losgelöst von dem Rasengeschehen präsentiert. Und dabei 90minütige Gesangsmonologe der monotonen Art präsentiert.

Antworten

GS 5. März 2018 um 16:57

@Koom: speziell dem Punkt 4 kann ich absolut zustimmen. Ich finde die ganzen Transfersummen und Gehälter inzwischen vollkommen absurd – da ist schon was dran, dass diese Situation die Spielerfluktutation massiv erhöht (wenn der Wechsel von A nach B durch einen jährlichen Lottogewinn mit Jackpot für die nächsten 3-5 Jahre versüßt wird, würde wohl jeder von uns auch von, sagen wir z.B., Mainz nach Dortmund wechseln), und damit kaum noch längere Zeit aufeinander eingespielte Mannschaften sich entwickeln können …

Aber gerade angesichts des vielen Geldes sollten doch technische Mängel der Spieler heutzutage eigentlich gar nicht mehr vorkommen – die sind aber nach wie vor da und sicher mit ein Grund, warum die Trainer meistens nicht auf die Dominanz-Spielweise a la Guardiola gehen wollen (oder können). Jeder Fehlpass oder individuelle Ballverlust kann halt durch ein Kontertor bestraft werden; man hat ja an Peter Bosz sehen können, wie schnell man dann wegen Misserfolg fliegt.

Antworten

CHR4 6. März 2018 um 01:03

die technische Qualität ist im Schnitt WESENTLICH besser als in den 90ern geworden, allerdings darf man nicht vergessen, dass da doch noch mitunter sehr junge Menschen auf dem Platz stehen und diese Menge Geld eben in diesem Alter nicht nur förderlich ist, sondern dann doch auch deutlich die charakterliche Spreu vom Weizen trennt: die einen verhalten sich absolut professionell und tun alles für den Erfolg (Schlafen, Regeneration, Ernährung, Einsatz usw. – Bsp. Lewy, Robben, Kimmich, CR7 …), die anderen sind mit ihrem Geld und ihrem „Talent/Niveau“ ganz glücklich und fallen durch nächtliche Eskapaden und ähnliches auf (ich nenne da bewußt keine Namen, ist auch denke ich nicht nötig)
noch vor ein paar Jahren hat man über die PL taktisch gelächelt (zu der Zeit haben z.B. Bayern, BVB, Leverkusen und Schalke die CL-Gruppenphase überstanden), aber es war absehbar, dass Spieler und Trainer dem Ruf des Geldes auf die Insel folgen werden – nun, diese Zeit ist nun eben da …

Antworten

Koom 6. März 2018 um 11:21

Die grundsätzliche technische Qualität sehe ich auch höher. Allerdings habe ich sehr den Eindruck, dass im Profibereich viel zu sehr nur noch im Taktischen gearbeitet wird. Wenn der Spieler nicht schon als kleiner Maradona in den Kader kommt, passiert danach nicht mehr viel. Es scheint mir viel mehr auf Positionsspiel, Verschieben und Fitness Augenmerk gelegt zu werden. Bei vielen Bundesligisten sind die Paßquoten und -qualität eher mittelmässig.

Auch die Trainingszeit erscheint mir teilweise sehr gering. Pro Tag vielleicht 1-2 Stunden, oft auch trainingsfrei. Sicherlich ist das auch Regeneration und sicherlich auch ein bisserl so gedacht, dass die „freie Zeit“ für Eigenentwicklung gedacht ist, das scheint mir aber wenig genutzt zu werden. Mit meinem bescheidenen Wissen empfinde ich viele Bundesliga-Spieler als relativ schlecht austrainiert, technisch mittelmässig. Standardsituationen in der Bundesliga sind überwiegend relativ schlecht.

Das passt für mich dann auch nicht damit zusammen, dass die meisten Spieler tendenziell im siebenstelligen Bereich verdienen und dafür nur ein bisserl Gruppenleibesertüchtigung machen.

Antworten

Daniel 5. März 2018 um 15:09

@GS
“ ich finde es vielmehr bedenklich, dass der Rest der Bundesliga (außer dem FC Bayern) sich seit geraumer Zeit technisch und taktisch rückwärts entwickelt – vielleicht mit Ausnahme von Leipzig, deren momentane Schwäche man als Konsolidierungsphase einschätzen könnte.“

Da geh ich in der Form nicht mit. In meinen Augen hat sich auch der FCB deutlich verschlechtert, umgekehrt würde ich das für manche anderen Teams nicht sagen. Leverkusen finde ich unter Herrlich deutlich verbessert im Vergleich zu dem grauenhaften Bolzen und Pressen unter Schmidt. Auch Schalke finde ich mit Heidel wieder deutlich stärker als unter Keller, di Matteo und Breitenreiter. Beide sind in ihrem ersten Jahr und ich traue ihnen eine weitere positive Entwicklung zu-falls es gelingt, Leistungsträger wie Meyer, Kehrer oder Bailey zu halten (das ist allerdings leider ein großes wenn). Und auch wenn Frankfurts Spielweise alles andere als schön ist muss man dennoch sagen, dass sie so stark sind wie seit Jahrzehnten nicht. Klar verschlechtert haben sich in den letzten paar Jahren Bayern, Dortmund und Mönchengladbach, sowohl durch den Verlust herausragender Trainer (Guardiola, Klopp, Tuchel, Favre) als auch durch den alters- oder transferbedingten Abgang von Schlüsselspielern (Lahm, Kroos, Gündogan, Hummels, Mkhi, Xhaka, im Grunde auch Robbéry und Raffael, die lange nicht mehr an ihre Form von vor drei Jahren heranreichen).

@Koom
„Und on-top kommt noch das landesweite Kackesandwich der meisten Ultras, die mittlerweile sich nur noch als Co-Act im Stadion betrachten, der alternative Unterhaltung losgelöst von dem Rasengeschehen präsentiert. Und dabei 90minütige Gesangsmonologe der monotonen Art präsentiert.“

Naja…was sollen die Ultras denn machen, um das aktuelle „Rasengeschehen“ einzuarbeiten? Gassenhauer singen wie „Mannorientierung-wir singen scheiß Mannorientierung“ oder „Wir wollen Dreiecksspiel sehn, wir wollen…“? 😉 Keine Ahnung wie das früher war, aber ich glaub nicht, dass die Ultras früher spielverlagerungs-Analysen angestimmt haben…

Antworten

dr 5. März 2018 um 16:24

zum letzten Punkt gibt es hier ein paar vorschläge

Antworten

Koom 5. März 2018 um 16:45

@Daniel:
Fußballerisch: Ja, Tedesco und Herrlich geben dem Gerammels etwas Struktur. Man kann das als zartes Pflänzchen sehen, auf dessen ersten Sproß vielleicht mal was aufbauen kann, aber mir fehlt da der Glaube. Letztlich geht es da auch aktuell nur um Gegenpressing und Umschaltfußball und nicht um kreativen Umgang mit Ballbesitz. Und bei Schalke sollte schon klar sein, dass die zur neuen Saison auch wieder mindestens 3 Stammspieler verlieren (Goretzka, Meyer, Kehrer). Und es rücken dann Leute aus der 2. Liga nach um die zu ersetzen…? Und auch Leverkusen wird sich nicht verwehren können, wenn aus der Premiere League (oder wahlweise wieder die Bayern) mit großem Geld für Bailey gewedelt wird. Und den BVB kann man stand heute eh nicht mehr ernst nehmen, der wird recht sicher die Dauer-Rolle von Leverkusen einnehmen. Relativ sichere internationale Teilnahme, zu mehr reicht es nicht. Aber Umsatz und Ertrag schauen gut aus.

Zu den Fans: Wenn man aktuelle Ultra-Stimmungs-Monopolisten im Stadion so hört, ist das ausschließlich spielstand/gegnerunabhängiger monotoner Singsang. Wenig echte Anfeuerung, mehr Selbstzelebrierung („guggt mal, wir singen 90 Minuten nonstop“). Vermutlich auch eine Reaktion auf die Kommerzialisierung des Fußballs, aber da sollte man vielleicht einfach wegbleiben, wenn man wirklich was ändern möchte.

@dr: Find ich gut. Sowas in der Art kenne ich auch noch früher aus Mainz. Das war nicht immer politisch korrekt, aber ein bisserl lustige Schmähung finde ich nach wie vor gut.

Antworten

GS 5. März 2018 um 17:03

Naja, ob die Bayern sich tatsächlich verschlechtert haben, wird man im weiteren Verlauf der CL sehen; die relative Schwächephase der letzten 1 1/2 Jahre sehe ich schon vorwiegend in der Verantwortung von Carlo A.

Bei Leverkusen und Schalke gibt es aktuell tatsächlich einen Hoffnungsschimmer (den ich nicht vorab zerreden wollte 🙂 ), wobei ich von der Spielweise her vor allem Leverkusen auf gutem Weg sehe. Schalke hat zur Zeit vor allem Bayerndusel bei seinen Ergebnissen 🙂

Antworten

Koom 5. März 2018 um 17:30

Ancelotti schien mir auch letztlich viel zu lachs zu sein. Die Idee mit ihm dürfte sicherlich ähnlich wie unter Heynckes gewesen sein, der jetzt ja auch kein gewiefter Tüftler und Verschieber ist, aber mit sehr klaren Grundsätzen arbeitet und diese auch sehr gut vermitteln kann. Letztlich also: Hinten alle mithelfen und gut stehen, mit Ball darf man kreativ sein. Wie krass Müller unter ihm auflebt, ist dafür beispielhaft. Der wird eindeutig nie ein Guardiola-Spieler.

Wie weit das in der CL reicht, muss man abwarten. Personell ist man nach wie vor gut aufgestellt gewesen. Man beherrscht jetzt nicht mehr die Gegner so abartig, aber gewährt wenig Chancen. Und vorne ist man sehr breit und variantenreich aufgestellt – IMO wesentlich variabler als unter Guardiola.

Antworten

Daniel 8. März 2018 um 21:03

„Und vorne ist man sehr breit und variantenreich aufgestellt…“

Bayern hat vorne für vier Positionen Lewandowski, James und Müller. Dazu zwei verletzungsanfällige Rentner und einen Bundesligadurschnittsstürmer als Backup. Wo ist das denn breit? Der Kader hat die gleichen Sollbruchstellen wie in den letzten Jahren in meinen Augen. IMO wird Bayern der zweitschwächste Viertelfinalist neben dem Sieger Schachtar-Rom sein. Obwohl es taktisch unter Heynckes tatsächlich wieder ein bisschen bergauf ging, aber der Kader ist halt schlicht und ergreifend nur in einem sehr unwahrscheinlichen Best-Case-Szenario konkurrenzfähig.

Antworten

Koom 10. März 2018 um 21:48

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Wenn mans negativ sehen will, liegst du richtig. Will man es positiv sehen, dann sieht man mit Lewandowski einen Weltklassestürmer, daneben einen Müller in Bestform und die beiden Rentner haben immer mal wieder einen Welttag, wo sie was regeln können. Und derzeit sind alle in ganz guter bis sehr guter Form. Die Defensive steht selbst ohne Neuer auf einem guten Niveau.

Ich sehe die Bayern nicht viel anders als Real Madrid. Andere Vereine mögen sexier sein, aber wie die Madrilenen muss man auch die Bayern erst mal besiegen können. PSG ist zumindest schon mal hart zerschellt an dem Überseedampfer Real.

CHR4 6. März 2018 um 01:16

@Daniel: bei klar verschlechtert möchte ich noch den VfL Wolfsburg hinzufügen, das kann aber durchrutschen, war eher ein Art One-Hit-Wonder … – (bezogen auf die letzten paar Jahre, aber das mit Magath verdräng ich 😉 )

ja, Schalke und Leverkusen haben sich spielerisch verbessert, haben aber eben einen massiven Aderlass an individueller Qualität erlitten (aber da sind sie ja in der BL auch leider nicht alleine)

Antworten

Daniel 10. März 2018 um 11:19

Du hast Recht…aber Wolfsburg war bei mir irgendwie auch gedanklich immer ein One Hit Wonder, schon während ihrer gute Phase…deswegen hab ich die hier glatt vergessen.

Antworten

Schreibe einen Kommentar zu Hellraiser Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*