Interview zum Neuroathletiktraining

Spielverlagerung interviewte Coach Lars Lienhard von der Weddemann & Lienhard GbR – Focus-On-Performance, die Profisportlern ein Trainingskonzept anbietet, das auf den neurologischen Grundlagen des einzelnen Athleten basiert. Lienhard selbst war bereits unter anderem als externer Neuroathletikcoach mit dem DFB bei der letztjährigen Weltmeisterschaft in Brasilien.

Spielverlagerung: Wie unterscheidet sich euer Ansatz von anderen Trainingsmodellen?
Lars Lienhard: Nahezu alle Trainingskonzepte, die sich der Verbesserung von Bewegungen widmen, betrachten Bewegungen durch eine biomechanische Brille. Dabei werden nach der Trainingsintervention ständige Soll-Ist-Vergleiche angestellt, bis sich eine vermeintlich verbesserte Motorik einstellt. Das Gehirn und das Nervensystem als bewegungssteuernde Organe und die individuelle Bewegungsqualität spielen in diesen Konzepten leider kaum eine Rolle. Stattdessen wird von einem übergeordneten, personenunabhängigen Bewegungsideal ausgegangen. Aber Menschen sind keine Roboter, die alle demselben Leitbild entsprechen. Diesen Umstand haben wir zur Grundlage unserer Arbeit gemacht. Wir betrachten den individuellen und aktuellen Status quo des Menschen und versuchen, die neuronalen Hintergründe für den jeweiligen Ist-Zustand zu finden – eine Analyse, die so individuell ist, wie der menschliche Fingerabdruck.

Wie sieht das in der Praxis aus?
Bevor wir mit einem Athleten arbeiten können, erfolgt zuerst eine umfassende Anamnese über den neuronalen und körperlichen Zustand inklusive einer genauen Analyse seiner Verletzungshistorie. Dabei wird eine umfangreiche Untersuchung des Sportlers durch einen Blick in seine neuronalen Hintergründe vorgenommen. Dafür nutzen wir visuelle, vestibuläre und propriozeptive Tests und als wichtigen Basistest eine Ganganalyse aus neuronaler Perspektive. Es werden also mehrere Bereiche betrachtet, um einen individuellen Status Quo des Athleten zu bekommen.

Warum ist das wichtig?
Durch die Anamnese wollen wir eine detaillierte Verletzungshistorie erstellen. Dies zeigt uns, wo das Training gegebenenfalls starten könnte. Hier können anhand der aufgetretenen Verletzungen Rückschlüsse über Gehirnaktivitätsstrukturen (über- oder unterrepräsentierter Areale) gezogen werden (z.B. sind fast alle Probleme auf einer Körperseite etc). Wir gehen der Frage nach der Entstehung der Verletzung nach: Sind die Verletzungen aus Bewegungen entstanden oder durch Fremdkontakt bzw. Gewalteinwirkung von außen? Sind die Verletzungen immer bei ähnlichen Bewegungssituationen entstanden, z.B. Augen rechts oder Drehung nach links? etc.
Die meisten chronischen Probleme, wie etwa ein Beckenschiefstand, haben sehr selten rein mechanische Ursachen, sondern einen neuronalen Hintergrund. Die Bewegung und Haltung des Menschen wird vom zentralen Nervensystem gesteuert, so auch, wenn etwas schiefgestellt wird. Die Ursachen für einen Beckenschiefstand müssen immer individuell in der Historie des Athleten gesucht werden und sind nicht per se durch orthopädische Tests diagnostizierbar. Wenn es zu einem Beckenschiefstand kommt, sind in den meisten Fällen alle bewegungssteuernden Systeme beteiligt. Liefert etwa eine Körperseite dem Gehirn mehr und präzisere Informationen als die andere oder liefert ein Auge beziehungsweise ein Teil des Gleichgewichtssystems deutlichere und präzisere Informationen als die übrigen, werden diese auch mehr benutzt. Die Folge davon: Der Körper „verdreht“ sich.
Der Schiefstand ist also abhängig von Aktivitätsmustern im Gehirn, die vom visuellen, vestibulären und dem propriozeptiven System bewirkt werden können. Das Gehirn versucht, den mangelhaften Input zu kompensieren. Diese Kompensationsstrukturen lassen sich zwar mechanisch als Schiefstand messen. Aber es geht vielmehr um die Software, die hinter der Biomechanik steht.

Lars Lienhard hier mit der mehrfachen Skeletonweltmeisterin Marion Thees | copyright: focus on performance

Was genau steckt hinter dem visuellen, vestibulären und propriozeptiven System?
Die Augen und das visuelle System sind für die menschliche Bewegung und die Sicherung des „Überlebens“ in der Umwelt die wohl wichtigsten Sinnesorgane. Wenn ich – im übertragenen Sinne – den Tiger nicht sehe, habe ich ein Problem. Zusammen mit dem vestibulären System – dem Gleichgewichtssinn – im Innenohr orientieren und bewegen wir uns im Raum. Das bedeutet, dass die Präzision, Zielgenauigkeit, Stabilität und Balance jeder Bewegung an diese Systeme gebunden ist und von ihnen somit stark beeinflusst werden. Sie beliefern besonders die zahlreichen Hirnareale, die an der Bewegungssteuerung beteiligt sind, mit Input. Unser Gehirn nimmt diese Informationen auf und analysiert sie, um dann den motorischen Output zu bestimmen.
Im visuellen System geht es nicht nur um „gutes Sehen“. Das Sehen speziell im Sport umfasst mit dem Tiefensehen, der Blickwechselgeschwindigkeit, der Nah-Fern-Fokus-Geschwindigkeit oder der peripheren Wahrnehmung sehr viele visuelle Fertigkeiten und findet nicht in den Augen, sondern im Gehirn statt. Sagt bei diesen Fertigkeiten z.B. ein Auge dem Gehirn etwas anderes als das andere, wird unsere Leistungsfähigkeit direkt eingeschränkt.
Das Vestibulär-System sagt uns – grob vereinfacht –, wo oben ist und wie wir uns im Raum bewegen. Dieses Gleichgewichtsorgan kontrolliert also in erster Linie die Bewegung im Raum. Quasi alle Bewegungen des Menschen stehen mit diesem Organ in Wechselwirkung und werden wiederum von der Qualität der Signale beeinflusst. Neuronal sind die Augen und die Gleichgewichtsorgane extrem eng mit der posturalen Kontrolle (Haltung) als auch mit dem Kleinhirn verschaltet und haben direkten Einfluss auf die Muskeln, die für unsere Haltung zuständig sind, sowie auf die Integration aller Signale und die Koordination von Bewegungen. „Unspezifische“ Rückenschmerzen können bei schlechter Signalqualität schnell die Folge sein.

So viel zum Gleichgewicht und dem visuellen Sehen. Was ist mit dem propriozeptiven System?
Das propriozeptive System verarbeitet alle Daten, die von den Nerven-Endigungen im Körper kommen. Es gibt unserem Gehirn die Information, wie wir uns dreidimensional im Raum bewegen. Alle Daten aus den verschiedenen Nerven-Endigungen, die an der Bewegung beteiligt sind, werden zum Gehirn transportiert, analysiert, interpretiert und dann als Bewegungs-Output umgesetzt. Je bessere und genauere Informationen wir aus diesem System bekommen, desto bessere und klarere Informationen erhält unser Gehirn zur Verarbeitung und desto hochwertiger und effizienter kann es agieren.
Wenn zum Beispiel Gelenke im Fußwurzelbereich auf einer Seite blockiert sind, kommen aus diesem Bereich keine klaren Informationen mehr zum Gehirn. Bildlich gesprochen ist dieser Bereich ein „blinder Fleck“ für unser Gehirn. Das Gehirn braucht aber immer Sicherheit und Vorhersagbarkeit. Es kommt zu Schutzreflexen und die Muskelspannungen werden so verändert, dass die nichtkontrollierbare Struktur geschont wird. In der Folge werden die anderen, „klaren“ Strukturen mehr genutzt und die Bewegung läuft um den „blinden Fleck“ herum. Jedoch gehen und stehen wir den ganzen Tag auf den Füßen und müssen bei jedem Schritt das Zwei- bis Dreifache unseres Körpergewichtes auffangen und im Anschluss wieder verarbeiten. Diese Kompensationsstrukturen werden sehr hoch belastet und die Verletzungsgefahr ist enorm, besonders im Spitzensport. Die Konsequenz ist, dass das propriozeptive System wirklich als Basiselement für Athletiktraining gesehen werden muss.

Was passiert, wenn die Systeme nicht optimal arbeiten?
Wenn eine Information falsch, verzerrt oder zu spät im Gehirn ankommt, ist unsere Bewegung in diesem Moment für das Gehirn nicht vorhersehbar und kontrollierbar. Dann ergreift das Gehirn Schutzmaßnahmen, indem es etwa ein oder zwei Gänge zurückschaltet. Ist das Gefahrenlevel zu groß wird sich auch oft für Schmerz als Handlungsaufforderung entschieden. Selbstverständlich wird dadurch die Leistungsfähigkeit drastisch reduziert: die Bewegungsweite, die Kraft, die Reaktionsgeschwindigkeit. Denn aus Sicht des Gehirns besteht die Gefahr einer Verletzung.
Insofern haben die bewegungssteuernden Systeme in höchstem Maße mit unserer Leistungsfähigkeit zu tun. Je besser zum Beispiel das propriozeptives System ausgebildet ist, desto weniger Schutzreflexe (inkl. Schmerzen) nimmt der Körper vor. Infolgedessen arbeitet der Körper viel präziser und hat wesentlich mehr Kraft und Flexibilität. Unser Training führt zum einen zu einer verbesserten Signalqualität, und zum anderen zur gezielten Aktivierung der Hirnareale, die die Verarbeitung und Integration dieses Inputs im Gehirn gewährleisten. Auf die Performance eines Athleten bezogen folgt also ein verbesserter motorischer Output.

Ihr habt vom „Überleben“ und „Schutzreflexen“ gesprochen. Was hat es damit auf sich?
Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass unser Gehirn aus evolutionsbiologischer Sicht die Aufgabe hat, unser Überleben in der Umwelt zu sichern. Dafür muss es Gefahren für den Körper erkennen und uns auf diese aufmerksam machen. Unser Gehirn weiß nicht, ob wir gerade Sport treiben oder um unser Überleben kämpfen. Es bekommt Input, analysiert und wertet diesen aus und gibt dann einen Bewegungs- bzw. Handlungsoutput. Wenn wir dies auf ein Hochleistungstraining übertragen, sollten wir dafür Sorge tragen, dass sich unser Gehirn und Nervensystem in der Trainingsbelastung sicher fühlen und keine Gefahren aus der Umwelt oder aus dem eigenen Körper wahrgenommen werden. Werden aber die natürlichen Schutzmechanismen, wie beispielsweise Schmerzen, ignoriert oder gar ausgeschaltet – wie es manche Profivereine durch das sogenannte „Fitspritzen“ praktizieren –, kann das für den Körper gefährliche Folgen haben.
Unser Nervensystem funktioniert im Grunde wie eine Wache, die 24 Stunden, sieben Tage die Woche unsere internen Abläufe und Prozesse sowie unsere Umwelt genauestens beobachtet. Bei dieser Beobachtung bedient es sich aller Systeme im menschlichen Körper; zum Beispiel dem Sehen, Gleichgewicht, Hören, Riechen, Tasten, Bewegungsgefühl, Balance. Das ist wichtig, um ein permanentes Feedback aus dem Körperinneren und der Umgebung zu erhalten. Sämtliche Informationen laufen unentwegt durch einen „Bedrohungsfilter“. Wird keine Gefahr festgestellt, läuft alles ganz normal weiter. Wird allerdings eine reale oder potentielle Gefahr antizipiert, findet das Gehirn Mittel und Wege, uns auf diese Gefahr hinzuweisen. Dies äußert sich u.a. etwa durch Krafteinbußen, Bewegungseinschränkungen, diffuse Schmerzen, bewegungsinduzierte Verletzungen oder wiederkehrende Verletzungen. Kurz gesagt unsere Leistungsfähigkeit lässt nach. Um im Sport zu bleiben: Unser Nervensystem zieht bildlich gesprochen einfach bei Tempo 150 die Handbremse, um uns auf eine Gefahr, die z.B. durch unsere Bewegung im Training wahrgenommen wird, hinzuweisen.

Ihr arbeitet also vor allem daran, dass der Körper als Ganzes sensibler auf innere Reize und Umweltreize reagiert, damit er weniger anfällig für Verletzungen ist und gleichzeitig leistungsfähiger wird. Wie schafft ihr das?
Unsere Interventionsmaßnahmen beruhen im Allgemeinen auf sogenannten „Drills“; also Übungen, die die bewegungssteuernden Systeme betreffen und auftrainieren. Wir arbeiten sportartspezifisch größtenteils mit individuell ausgestalteten und auf das jeweilige „Neuro-Profil“ angepassten Augen-, Gleichgewichts- und spezifischen isolierten Gelenkkontrollübungen um die Qualität des Signalinputs zu verbessern. Diese Übungen werden allgemein ins Aufwärmen eingebaut und/oder als aktive Pausengestaltung genutzt und können recht allgemein gehalten oder auf das spezifische Anspruchsprofil des Trainings abgestimmt werden. Wurde etwa als schwächste Stelle bei einem Athleten ein Koordinationsdefizit auf der linken Seite festgestellt, d.h. sein linkes Kleinhirn braucht mehr Aktivität, so werden diesem Athleten verschiedene Kombinationen von Drills gegeben, die alle in der richtigen Dosierung das linke Kleinhirn aktivieren.
Meist wird ein starker Reiz vor einen kleineren und schwächeren Reiz geschaltet. In diesem Fall: Augen rechts stabilisieren, dann Kopfbewegungen nach links oder links oben oder rechts unten, gefolgt von nicht-linearen Bewegungen auf der linken Seite. Wichtig hierbei ist jedoch immer zu testen, was für welchen Athleten in welcher Dosis am besten wirkt. Daneben sollten die Drills noch ein bis dreimal über den Tag verteilt in Eigenregie vom Athleten gemacht werden, damit die hohe Belastung des Alltags nicht zu Einbußen in der Performance des Athleten führt. Denn im Gang muss pro Schritt das Zwei- bis Dreifache des Eigengewichts durch den Körper remoduliert werden.

Wie arbeitet ihr im Speziellen mit Fußballern?
Nachdem wir die bewegungssteuernden Aspekte angesteuert und optimiert haben, versuchen wir grundlegende Bewegungen zu verbessern, die für den individuellen Spieler wichtig sind. Das betrifft meist natürlich den Torschuss, aber auch positionelle Anforderungen oder die Verbesserung der spezifischen Wahrnehmung. Denn Schnelligkeit im Fußball korreliert nicht immer zwangsläufig mit der reinen Sprintleistung oder der Richtungswechsel-Beschleunigungszeit. Oftmals ist ein viel größeres Problem, dass der Athlet bestimmte Situationen langsamer wahrnimmt und deshalb später reagiert. Es gibt genug Beispiele von läuferisch nicht so schnellen Spielern, die in einer Spielsituation aber unglaubliche, situationsspezifische Schnelligkeitsleistung bringen. Um diese Schnelligkeit zu trainieren, gucken wir zunächst, wo es hinsichtlich der Wahrnehmung Defizite gibt. Eine schnelle Wahrnehmung und die Klarheit der Information aus ebendieser Wahrnehmung sind maßgeblich für den schnellen motorischen Output.

Worin liegt in diesem Bereich die Schwäche von biomechanischen Modellen?
Um überhaupt mit technischen Aspekten arbeiten zu können, legen wir zuerst die neuronalen Voraussetzungen für ein effizientes sportartspezifisches Techniktraining. Wir müssen bei jedweder Bewegung bedenken, dass jede Situation ein spezielles Anforderungsprofil hinsichtlich der motorischen Fertigkeiten an den Athleten stellt. Beweglichkeit, Kraft und Schnelligkeit sind immer körperpositions- und bewegungs- bzw. handlungsspezifisch. Um etwa eine optimale Handlungsschnelligkeit zu erlangen, muss der Athlet daraufhin überprüft werden, ob er den Anforderungen hier auch im vollen Maße Rechnung tragen kann. Ist der Athlet in der Lage, jedes Gelenk in jeder Schrittstellung bei jeder Oberkörperrotations-, Kopf- sowie Augenstellung in der optimalen Geschwindigkeit zu kontrollieren? Des Weiteren muss festgestellt werden, ob die technischen Vorraussetzungen situationsspezifisch vorhanden und vollends kontrollierbar sind. Meist ist dies nicht der Fall und wird auch so gut wie nie isoliert trainiert, obwohl diese Aspekte essenziell für eine gute Schnelligkeitsleistung sind.
Wenn bei einem Athleten außerhalb der reinen Sprintleistung Schnelligkeit beurteilt wird und diese verbessert werden soll, werden in der Regel klassisches Schnelligkeitstraining, Reaktionstraining oder Spielformen durchgeführt, die diese Fähigkeit trainieren sollen. In den meisten Fällen ist es jedoch suboptimal, damit zu starten. Denn eigentlich ist gerade in den Spielsportarten nicht derjenige der Schnellste, der sich am schnellsten bewegt, sondern derjenige, der sich als erster bewegt. Irritierend ist hier, dass es schnell aussieht aber eigentlich nur früher und effizienter stattfindet.

Wie geht ihr vor, wenn ein Spieler Defizite bei bestimmten Aktionen zeigt? Beispielsweise beim Torschuss?
Auch hier sehen wir uns zunächst das neuronale Anspruchsprofil hinter einem präzisen Schuss, unabhängig von der individuellen Schusstechnik, an. Um einen Schuss präzise platzieren zu können, bedarf es mehrerer Fertigkeiten. Zunächst muss die Entfernung bzw. die Tiefenmessung zum Objekt, unabhängig davon ob es sich bewegt oder nicht, ermittelt werden. Im Anschluss erfolgt die Ausführung selbst; der Schuss. Die Augen des Spielers müssen aus seiner Position ein Objekt verfolgen können. Sie müssen ggf. schnell von einer nahen in eine ferne Position springen oder umgekehrt und hierbei dem Gehirn jeweils klare Daten über Tiefe und Geschwindigkeit des Objekts liefern können. Oftmals vermittelt das eine Auge dem Gehirn jedoch etwas anderes als das andere Auge. Die Information eines Auges wird häufig regelrecht unterdrückt und schon sind die Tiefen- und die Geschwindigkeitswahrnehmung des Objekts reduziert. Das Gehirn kann quasi nur schätzen, wo sich das Objekt befindet. Der Bewegungsentwurf des Schusses im Gehirn ist somit nicht so exakt, wie er sein könnte.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Aufmerksamkeitslenkung auf den Bewegungsablauf des Schusses. In der Hierarchie der Bewegungssteuerung sind es die Augen, die hier die wichtigste Rolle spielen. Die meisten Spieler sind beim Schuss zu ziel- und zu wenig prozessorientiert. Sie wenden den Blick zu früh vom Ball hin zum Zielobjekt. Wendet sich jedoch der Blick weg vom Ball, muss das Gehirn quasi schätzen, wo der Ball genau ist und die Bewegung wird im entscheidenden letzten Abschnitt Blind ausgeführt. Die Wahrscheinlichkeit, den Ball optimal zu treffen, sinkt deutlich. Dadurch kommt etwa die Flanke oder der Abschluss nicht so präzise, wie er kommen könnte.
Unser Ziel ist es, dem Athleten zu vermitteln, länger prozess- und handlungsorientiert zu bleiben, um so die Qualität der Bewegungsausführung zu optimieren. Ihm sollte vermittelt werden, wie es sich anfühlt, den Ball genau zu sehen und den Blick länger auf dem Ball zu halten, bis der Fuß den Ball trifft. Verbessert sich diese Fertigkeit, erhöht sich die Schusspräzision meist sehr deutlich.

Ihr habt von der Orientierung im Raum gesprochen, was ja in Verbindung mit dem visuellen System gerade in engen und druckvollen Situationen für den Fußball von großer Bedeutung ist. Könnt ihr auch das Verhalten eines Spielers im Raum beeinflussen?
Wenn ein „gelernter“ oder „intuitiver“ Rechtsverteidiger auf einmal auf links spielen muss, bedeutet das für das Gleichgewichtssystem, das visuelle System und das propriozeptive System des Athleten große Umstellungen. Die Systeme müssen nun meist in den komplett anderen Raum drehen. Das Zweikampfverhalten, die Spieleröffnung kurz gesagt die gesamte Bewegungssteuerung ist anders. Oftmals ist es so, dass die Spieler an den Positionen gut spielen, wo das Gleichgewichtssystem und das visuelle System positionsspezifisch gut funktionieren und der Raum, in den hineingelaufen wird, sehr gut unter „Kontrolle“ ist. Testet man in der Praxis nun diese Systeme, werden hier meist sehr gute Reaktionen gefunden. Hier ist es nun wichtig zu wissen, dass die bewegungssteuernden Systeme nicht dadurch gut funktionieren, dass diese auch im Training mehr trainiert werden. Der Spieler geht intuitiv auf die Seite, wo seine Bewegung den Anforderungen besser Rechnung tragen kann.
Dass die Systeme auf der einen Seite besser funktionieren als auf der anderen hat aber weniger mit reiner Gewohnheit zu tun, sondern ist im Laufe des Lebens, durch Krankheiten, Verletzungen etc. entstanden. Wird ein Außenspieler auf einmal in die Mitte umgestellt oder gar auf die andere Seite, muss er jetzt auf der Position spielen, wo sein Gleichgewicht und/oder sein visuelles System für das Anforderungsprofil dieser Position schlechter funktionieren bzw. wo das Anforderungsprofil der neuen Position nicht auf sein neuronales Profil passt. Das heißt, dass Wahrnehmung, Bewegungspräzision, Koordination, Kraft und Schnelligkeit hier reduziert sind. Im Prinzip ist die Performance insgesamt runtergefahren, weil das Gleichgewichtssystem und die Augen des Spielers den Raum und die Bewegung im Raum nicht so gut kontrollieren können. Dadurch verliert der Spieler Geschwindigkeit bei der Drehbewegung in den neuen Raum und wird erst wieder schnell und sicher in seiner Performance, wenn das Gleichgewichtssystem und das visuelle System wieder durch eine zentrierte Kopfposition justiert sind.
Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf die technisch-taktischen Aktionen, wie die Ballannahme oder die Schuss- und Passpräzision sowie das Zweikampfverhalten. Es sind also nicht nur die Füßigkeit, sondern auch die bewegungssteuernden Strukturen für die Performance auf dieser Position verantwortlich. Hier kann man sehr gute Resultate erzielen, wenn das Gleichgewichtsystem mit den Augen anforderungsspezifisch „auftrainiert“ wird. Trainiert man hier also zuerst die Grundlagen, gelingen die technisch-taktischen Umstellungen schneller und effizienter.

Vielen Dank für das Gespräch.

Pat 21. Juli 2015 um 11:37

Hallo zusammen und vielen Dank für diese anregende Diskussion.
Es kommt heutzutage nur noch selten vor, dass man sich alle Kommentare in Ruhe durchliest und einen Mehrwert herauszieht. Kurz zu mir – ich selbst komme aus der Schule von Gray Cook / Michael Boyle und beschäftige mich aufgrund des Nachdrucks einer Kollegin intensiver mit dem Neurotraining, speziell mit dem z-health Angebot von Eric Cobb. Es fällt mir natürlich schwer Aussagen wie „wenn du das System gelernt hast (alle Phasen nach z-Health), dann schulst bzw. wendest Du nie wieder den FMS an. Ok – Schwarz gegen Weiss. Wie so oft gibt es immer eine Gegenbewegung zu einer sich vorher Etablierten (siehe auch in der Pädagogik, Ernährungswissenschaften….) Ich freunde mich selten mit Systemen an, die andere erst völlig ausschließen und sich bis auf das letzte kontrastieren möchten/müssen. Neurotraining zudem ist auch grundsätzlich nichts neues und auch im relativ alten Curriculum des sportwissenschaftlichen Studiums (einer der letzten Diplomer), wird die Wichtigkeit des ZNS im Universum der Bewegungslehre/Reha/Präv/Biomechanik herausgestellt. Nur wird hier wenig verknüpft – wissenschaftsübergreifend zu arbeiten scheint heute noch einer der größten Künste darzustellen.

Zu meiner Erfahrung und zu meinen großen Fragen – Vorab: Ich habe mich für das erste Z-Health Seminar angemeldet, schwimme jedoch noch in großem Zweifel (an dem Termin wäre auch das erste Seminar von Michael Boyle in Deutschland, also die Entscheidung viel mir doppelt schwer :)). Warum Zweifel? Zunächst eine grundsätzliche Frage: Wenn wir, die sich im „funktionellen“ bzw. ganzheitlichen Ansatz verstehen, davon ausgehen, dass es z.B. (nicht immer) einen Grund für die allg. Verkürzung einer motorischen Einheit gibt, nämlich den Schutz aufgrund fehlender motorischer Kontrolle in diesem Bereich (Bsp. Hamstrings sind „verkürzt“, da schwach bzw. nicht ansteuerbar; ZNS sagt: bitte nicht dort hin bewegen, du könntest dich verletzen), warum dann diese „Brainhacks“ anwenden, die uns dazu bringen über die von uns selbst errichtete Mauer zu springen, anstelle diese mit gezielten Training á la Mobility-Stability-Movement-Progression nach hinten zu verschieben bzw. gänzlich aufzuheben?
Zudem, was ist mit der physischen Anpassung des Bewegungsapparates? Haben wir aufgrund langwieriger Fehlhaltungen schon Veränderungen im Gewebe hervorgerufen (knöchernde Veränderungen, Ablagerungen, Dysfunktion bei den Sliding Surfaces wie Haut, Faszien etc.). Was wird dann gemacht? Brain gehackt, dann Mobility Training? Zur letzteren Frage wurde ich nur vertröstet mit der Aussage, wenn ich alle Phasen durch habe, würde ich es verstehen. Na gut, unabhängig vom Preis des Angebots jucken mich noch die tiefgreifenden Veränderungen in meinem eigenen Credo als Kraft- & Ausdauertrainer.
Zu guter letzt hat noch kein Drill bei mir funktioniert (nicht von Lars selbst therapiert); vielleicht mache ich auch etwas grundsätzlich falsch, dennoch sehe die Anwendbarkeit eher bei Spitzenathleten (wie eben beim Baby von Lars namens „Focus on Performance“), da eine ausgesprochen gute Körperwahrnehmung eine Voraussetzung für das Neurotraining darstellst.

Was mich doch dazu gebracht hat mich intensiver damit zu beschäftigen ist die Tatsache, dass Lars selbst unter Michael Boyle unterrichtet wurde (so meine Quellen) und Z-Health als Progression bzw. völligen Dogma-Wechsel angenommen hat.

Soweit von meiner Seite. Ich bin gespannt auf euer Feedback,

VG,

Patrick

Antworten

Theo 19. Juli 2015 um 02:05

Vorneweg: Das Modell überzeugt mich durchaus und ich kann mir gut vorstellen, dass man damit deutlich Steigerungen in der Trainingseffizienz erzielen kann. Aber:
1. Ich hab auch keine Ahnung.

2. Möchte ich mich gerne und ausdrücklich „idiotesque“ anschließen: Die Methode, gerade (!) wenn wissenschaftlich fundiert, ist nicht „die Wahrheit“, also die eine für alle und alles am besten geeignete und ewig gültige. Wie gesagt, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie deutlich effizienter (und nebenbei: auch deutlich interessanter für den Trainée selbst!) als bisher oder immer noch dominierende, andere Trainingsformen ist. Aber das heißt ja nicht, dass in 20, 10, 5, oder einem Jahr nicht irgendwer eine völlig andere und aus irgendeinem Grund noch viel bessere Methode liefert. So funktioniert das, was wir Wissenschaft nennen nunmal.

3. Ich habe, wie auch jemand anders schon hier schrieb, ebenfalls den starken Eindruck, dass alles was „Neuro“ oder „Kognition“ im Namen trägt, stark im Kommen ist. Wissenschaftliche Moden sind nicht unbedingt etwas schlechtes, aber es ist gut, wenn man sich bewusst ist, dass es dennoch Moden sind. Was nicht heißt, dass sie zwangsläufig keinen bleibenden Einfluss hätten, aber manchmal wird eine alte Methode in ein neues Kleid gezwängt und dann als der neuste Schrei dreimal so teuer verkauft. Manchmal wird auch ein theoretischer Unterbau durch nichtmal notwendige Anstriche aufgehübscht, wo er es vielleicht nicht nötig gehabt hätte. Womit ich nicht sagen will, dass das in diesem Fall hier geschieht, um das zu beurteilen fehlt mir die Ahnung. Was mich zum eigentlichen Sinn des gesamten Posts führt: Kritik, kritische Beurteilung, kritische Einordnung darf und muss (!) auch bei neuen, vielversprechenden, interessanten, begeisternden Methoden wofür auch immer ihren Platz und ihre Berechtigung haben. Ich finde die teilweise hier im Forum an zwei, drei Stellen durchschlagende Ungeduld des Autors und den dadurch erzeugten Konformitätsdruck fragwürdig. Er erzeugt die Aura von Unseriösität, was meiner Ansicht nach dem eigentlichen Anliegen, der Vorstellung und der Verbreitung der Methode, nicht gut zu Gesicht steht. Eine neue (bessere) Methode, die zu aufdringlich, zu ungeduldig, kritikallergisch angepriesen wird, erzeugt noch größere Widerstände, als sie es bei „Konservativen“ vielleicht ohnehin schon täte.

4. Daher: Am Ende setzt sich Qualität durch (platte Darwin-Adaption). Dass es sich in der Breite noch nicht durchgesetzt hat, liegt wahrscheinlich auch an der relativen Neuheit des Ansatzes und an dem Fakt, dass es folglich noch nicht genügend Experten für eine flächendeckende Vermittlung etwa auf Trainerlehrgängen etc gibt. Wenn der Ansatz hält was er verspricht, ist das nur eine Frage der Zeit und in 20 Jahren darfst du, Vangaalsnase, den Ansatz dann als status-quo, mit vollem Recht, gegen aufmüpfige Stammzellen-Athletiktrainer (sorry, mir fehlt da einfach völlig die Phantasie was die Zukunft auf dem Gebiet angeht) verteidigen.

Ich habe mich im Übrigen gefragt, ob das Potential der Anwendung „neuroathletischer“ Ansätze bei weniger komplexen Sportarten, die gewissermaßen fast nur aus einem Minimum spezifischer, aber relativ isolierter Bewegung bestehen (z.B. bestimmte Leichtathletik-Disziplinen), geringer ist (weil z.B. die Optimierungsmöglichkeiten angesichts einer geringeren Zahl und daher deutlich spezifischeren Wettkampfsituationen, also Bewegungsabläufen, geringer ausfallen könnten).

Antworten

HK 16. Juli 2015 um 19:49

Interessante Denkansätze. Bin mal auf den Erfahrungsbericht gespannt.
Was mich noch interessiert hätte ist etwas mehr Kontext.
Wer ist Lars Lienhard? Trainer, Mediziner? Liegen schon valide Erfahrungen nach seinem Konzept vor? Bei Einzel- Mannschaftsportlern? Hat er schon explizit im Bereich Fußball, auf welchem Niveau gearbeitet?
Klar, kann man das nicht alles das Interview packen, aber so als Einleitung wäre das ganz interessant. Vor allem wenn man, wie ich, den Namen zu ersten Mal gehört hat.

Wie auch von manchen hier erwähnt, würde ich eine gewisse Einordnung (nicht mal kritisches Nachfragen, aber meinetwegen auch) hilfreich finden.
Wie steht z.B. das SV-Team zur beschriebenen Methodik? Seht ihr das als zukunftsträchtig? Momentan noch eine Außenseitermethode? Gibt es dazu so was wie, nennen wir’s mal herrschende Lehrmeinung?

Ok, kommt vielleicht alles im Zusammenhang mit dem Erfahrungsbericht zur Sprache.

Antworten

CE 16. Juli 2015 um 20:20

Von der Seite von Focus on Performance: „Er studierte Sportwissenschaften, theoretische Medizin und Erziehungswissenschaften an der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (Magister Artium). Der ehemalige Leistungssportler gilt durch seine jahrelange praktische Erfahrung im Spitzensport als anerkannter Experte im Bereich des Athletiktrainings und als Pionier des Neuroathletiktrainings in Deutschland. Lars ist als erster Neuro-Athletik-Trainer in der Geschichte des DFB als externer Coach mit der deutschen Fußballnationalmannschaft 2014 in Brasilien Weltmeister geworden. Im Vorfeld der Olympischen Winterspiele 2014 in Sochi hat Lars intensiv mit Rennrodellegende Tatjana Hüfner zusammen gearbeitet und konnte so einen Teil zu Tatjanas olympischem Silber beitragen. Lars hat in den letzten Jahren das komplette Z-Health Ausbildungssystem bei Dr. Eric Cobb durchlaufen (R-I-S-T-Phase & 9S-Modell) und war der erste Trainer, der diesen Ansatz in den deutschen Spitzensport gebracht hat.“

Antworten

HK 16. Juli 2015 um 20:32

Die Nationalmannschaft? Na, das ist ja mal ne Referenz.
Danke für die prompte Antwort!

Antworten

SuperMario33 16. Juli 2015 um 11:44

Ich weiß nicht, woher dieser unnötige Eifer kommt, die eigenen Erfolge mit wissenschaftlich fragwürdigen Theorien über die Funktion des Gehirns zu unterfüttern. Das ist bestenfalls harmloses Infotainment. Die Erfolge des Therapeuten kann man ohne weiteres auch durch rein biomechanische Modelle oder auch Modelle völlig anderer Art erklären, dies wäre aber auch nicht hilfreicher als die hier präsentierten ZNS-Modelle. Die Übungen haben sich doch aus der Praxis entwickelt und nicht aus dem sekundär übergestülptem Erklärungsmodell.

Antworten

vanGaalsNase 16. Juli 2015 um 12:35

Die Biomechanik trennt alle Aspekte von Kondition, Technik und Taktik sauber voneinander und betrachtet Bewegungen völlig isoliert; unabhängig von Situation und individuellen Voraussetzungen. In sämtlichen Bereichen der Sportwissenschaften verabschiedet man sich von biomechanischen Modellen und gelangt immer mehr zu der (fundierten) Einsicht, dass Bewegungen und Entscheidungen nicht voneinander zu trennen sind und dass beide (sowie all ihre Zwischenschritte von der Wahrnehmung bis zur Ausführung) von der Qualität der „Datenverarbeitung“ im ZNS abhängen. Das Nervensystem ist das empfindlichste des Menschen, steuert alle anderen Systeme und kann schon durch minimale Interventionen beeinflusst werden. Da ist es nur folgerichtig, dass man damit mehr erreichen kann, als durch biomechanische Modelle.
Morgen folgt übrigens ein Erlebnisbericht. Zwei Autoren waren nämlich in Bonn und haben einige Einheiten mit Lars Lienhard absolviert. Wer danach noch immer glaubt, dass man sowas mit biomechanischen Modellen bewerkstelligen könnte, wird es ohnehin nicht verstehen wollen.

Lars Lienhard sagt selber, dass er in erster Linie Praktiker ist und die wichtigsten Impulse aus der Praxis selbst kommen. Dennoch ist es unverzichtbar, die Ursachen für die Wirksamkeit (oder Unwirksamkeit) der einzelnen Modelle zu ergründen. Und dahingehend sprechen die Erkenntnisse der Wissenschaften eine eindeutige Sprache.

Antworten

SuperMario33 16. Juli 2015 um 13:03

Danke für deine Antwort. Im Grunde bestätigt sich mein Eindruck. Auch eine holistische „Biomechanik“ ist vorstellbar, bzw. gibt es sie ja (die Biomechanik leugnet ja nicht die Existenz des Gehirns), aber darum geht es mir ja gar nicht (bin kein Verfechter der Biomechanik). Es ist nur so, dass sich Herr Lienhard in seinen Erklärungen für seine erfolgreichen Übungen unnötig und nicht trittsicher in vages Terrain (die eindeutige wissenschaftliche Sprache möchte ich sehen) bis hin zum Bemühen der Evolutionstheorie (welche als Erklärung für ALLES herhalten kann – schließlich ist ja ALLES Ergebnis der Evolution – btw: warum erklären mir alle die Evolution so als wären sie die ganze Zeit live dabei gewesen? Und: war Darwin Darwinist?? anyway…). Im übrigen hängt eben nicht ALLES an Bewegung am ZNS, als banalster Beweis seien sich filigran bewegende und aufs subtilste auf Außenreize reagierende Lebewesen genannt, die kein ZNS, manchmal nicht mal ein Nervensystem besitzen. Und: wenn alles am ZNS hängt: wie könnte man das ZNS NICHT trainieren… Bereits eingegangen bin ich auf den Satz „das Gehirn weiß nicht, ob wie spielen oder ums Überleben kämpfen“, den man natürlich biegen kann, bis er irgendwie doch ein bisschen SInn ergibt. Man täte besser aber daran, so was zu lassen. Wie gesagt: vom therapeutischen Nutzen der praktischen Übungen rede ich nicht, der mag überragend sein. Warum diese Übungen besser sind als sog. „biomechanische“ ist aber mE nicht so klar wie hier dargestellt.

Antworten

vanGaalsNase 16. Juli 2015 um 13:17

Die Biomechanik geht davon aus, dass es eine Idealtechnik bzw. ein Leitbild an Bewegungen gibt. Das ist schlicht Unsinn, wenn man den einzelnen Menschen betrachtet und sich darüber im Klaren ist, dass es keine exakte Wiederholung von Situationen gibt. Das kann schon per se nicht ganzheitlich sein.

Die Evolutionstheorie ist nun mal vielseitig einsetzbar. Da hat sie wohl Pech gehabt. Ändert dennoch nichts daran, dass unser Körper Schutzmechanismen in Form von Schmerzen oder Bewegungseinbußen hat. Diese Mechanismen werden im Gehirn aktiviert und nicht im Muskel oder einem Gelenk. Ich hatte an anderer Stelle das Beispiel mit dem peripheren Sehen gebracht, was sich unter Stress (Bedrohungssituation) einschränkt, damit wir uns besser fokussieren können. Auch das ist ein Schutzmechanismus. So vage ist das Terrain also nicht, auf das sich Lienhard hier mit seinen Äußerungen begibt.

Antworten

SuperMario33 16. Juli 2015 um 13:43

Du beschreibst EINE Form der Biomechanik. Ebensogut kann man die Biomechanik des Individuums in speziellen Situationen analysieren und daraus Interventionen ableiten, aber wieder: ich habe nicht den Ehrgeiz die Biomechanik zu verteidigen (obwohl sie ja ganz gute Dienste geleistet hat). DIe Evolutionstheorie ist, wenn sie so allumfassend eingesetzt wird, eine Ersatzreligion und kein Modell mehr, denn sie modelliert dann nichts mehr. Der Begriff „Bedrohungssituation“ ist der springende Punkt: was lässt dich auf den Gedanken kommen, das Gehirn würde das Sehen eines anlaufenden Gegenspieler in einem Fußballspiel auch nur annähernd ähnlich verarbeiten wie das Sehen eines angreifenden Tigers im Dschungel (oder auch nur einer unvermittelten Ringelnatter aufm Feldweg)?? Fühlt sich doch total anders an, oder? Warum? Weils total anders ist und unser Gehirn das Gott sei Dank auch anders verarbeitet.

Antworten

vanGaalsNase 16. Juli 2015 um 13:52

Die Biomechanik hat gute Dienste geleistet? Sicher. Als es sie die einzige Alternative war: „wenn alles am ZNS hängt: wie könnte man das ZNS NICHT trainieren…“ – Das ist ja der Grund, weshalb klassische Lehrmodelle, die auf der Biomechanik beruhen, ein Mindestmaß an Verbesserung beim Athleten bewirken. Wird interveniert (in welcher Form auch immer), stellen sich Effekte ein. Mehr aber auch nicht. Würde man bewusst das ZNS intervenierend ansteuern, ist der Nutzen ungleich höher.

Du kannst es drehen und wenden, wie du willst, egal, ob mir ein Gegenspieler entgegendribbelt oder sich ein Tiger auf mich stürzt: es ist eine stressige Situation, die ähnliche Effekte auf die Körpersysteme hat. Und ob mich der Tiger letztlich beißt oder Luis Suárez: Es tut weh. Schmerz = Schutzreflex usw.

SuperMario33 16. Juli 2015 um 14:13

Deinen ersten Absatz unterschreib ich. Den zweiten nicht. Kontexte sind von extremer Wichtigkeit bei der Bewertung von Situationen und empfangenen Reizen, du würdest dir doch selbst widersprechen, wenn du das leugnest. Suarez Biss: Aktion ziemlich außerhalb des Kontextes, schmerzhaft, kann mir Kontexte vorstellen, in denen ein Biß sogar als angenehm empfunden wird.

idioteque 16. Juli 2015 um 14:32

Der theoretische Unterbau mit Neurokognition ist wissenschaftlich schon fundiert, die Frage ist natürlich, wie sehr man daraus Schlüsse für die Praxis ziehen kann, weil die steuernden Systeme immer noch nicht gut ergründet sind und die Frage natürlich ist, ob das jemals der Fall sein wird bei einem so komplexen System wie dem ZNS.
Ich kann mir vorstellen, dass das ganze ähnlich ablaufen wird wie in der Psychotherapie, wo die behavioristische Verhaltenstherapie zwar wissenschaftlich widerlegt ist, aber viele Methoden (in der kognitiven Verhaltenstherapie) beibehalten werden, einfach weil sie sich bewährt haben. Einige Vertreter der Neurowissenschaften neigen leider zu sehr dazu, bewährte Wissenschaften komplett ablösen zu wollen in dem Glauben, irgendwann alles über das Gehirn zu wissen, anstatt ihre Erkenntnisse in die bestehenden Wissenschaften einzubringen.
Aber an sich ist der Ansatz, einen wichtigen Teil der Bewegungssteuerung, der bisher stark vernachlässigt wird, gezielt zu trainieren, doch nicht verkehrt, oder? Dass man bei einem von den athletischen Anforderungen her sehr komplexen Sport den Fokus wechselt von „Der Körper soll auf bestimmte Situationen besonders gut reagieren“ auf „Der Körper soll möglichst verschiedene Situationen gut reagieren“.
Deine Skepsis gegenüber evolutionsbioligischen Erklärungsansätzen teile ich grundsätzlich, die Aussage „Die Evolution hat das Gehirn so geformt, dass es Gefahren und Verletzungen vermeiden soll“ ist aber keine Kaffeesatzleserei, sondern eine der Grundvorraussetzungen, um das Überleben zu sichern.

Antworten

SuperMario33 16. Juli 2015 um 15:01

Danke, idioteque, so seh ich das auch. Den Satz „Die Evolution hat geformt“ find ich schon zu viel, die Evolution ist ja kein Akteur mit einem bestimmten Ziel, aber gut, das ist dann schon Haarspalterei. Es würde ja einfach reichen zu sagen: Das Gehirn hat unter wahnsinnig vielen anderen Dingen die Funktion, Gefahren zu erkennen und abzuwenden (ist aber nicht das einzige System des Körpers das Gefahren erkennt und abwendet, das macht letzlich jede Zelle – die Ameise ist uns in puncto Überleben in der Wildnis nicht unterlegen, ohne ZNS). Den Rest seh ich sehr ähnlich. Ich wundere mich wie gesagt nur immer wieder, warum sich Leute unnötig in Nesseln setzen, wenn sie ihre Praxis theoretisch unterfüttern wollen.

Antworten

idioteque 16. Juli 2015 um 16:24

Wobei mir in der Hinsicht Lienhard eigentlich ganz vernünftig vorkommt, zumindest anhand der Aussagen aus dem Interview. Das was er zur Funktion des Bewegungsapparats und Entscheidungsfindung und -geschwindigkeit sagt, deckt sich doch größtenteils mit dem Stand der Wissenschaft. Und auf mich wirkte es nicht so als ob er die traditionelle Trainingsmethodik grundsätzlich ablehnt, sondern bestimmte Aspekte, vor allem, in welchem Kontext welche Übungen gemacht werden.

Eduard Schmidt 16. Juli 2015 um 17:33

Ich verstehe gleichermaßen nicht, woher dieser Eifer kommt, das Konzept der Neuroathletik anhand eines natürlich vereinfachenden Interviews infrage zu stellen, ohne Lars Lienhard persönlich erlebt zu haben oder seinen theoretisch-wissenschaftlichen Hintergrund zu kennen. Natürlich hätte er während des Interviews auch mit einigen Fachwörtern um sich werfen können. Damit wäre aber niemandem in diesem Rahmen geholfen.
Das Procedere ist dabei ein grundlegend anderes, als jenes, das sie sich wohl in Ihrem, offensichtlich im Gefahrenmodus befindlichen, Gehirn vorstellen: Angeführt von Dr. Cobb und Z-Health werden mit der vorgestellten Methode wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Hirnforschung in die Praxis übertragen. Es ist eben nicht so, dass man händeringend nach irgendwelchen Beweisen für einen einzigen „Guru“ sucht. Vielmehr gestaltet sich das Ganze genau andersherum.

In diesem Sinne möchte ich Sie darum bitten, die morgigen Erfahrungsberichte aufmerksam zu lesen. Vielleicht bieten diese eine ausreichende Beschreibung der Besonderheiten und stellen die methodischen Unterschiede zur Biomechanik beziehungsweise die unterschiedlichen Mindsets in zufriedenstellendem Maße dar. Ansonsten empfehle ich den Besuch eines entsprechendes Seminars und eine dortige face to face-Diskussion in wissenschaftlichem Duktus mit Lars Lienhard oder Dr. Cobb persönlich. Dafür wären dann Beweise für die von Ihnen hier getätigten Aussagen allerdings sicherlich von Vorteil.

Gutes Gelingen!

Antworten

LuckyLuke 16. Juli 2015 um 17:37

Ich habe auch schon beim kritischen Kommentar weiter unten von SuperMario33 auf die Eigenheiten eines Interviews verwiesen. Ich denke nämlich auch, dass sich diese Vereinfachungen ganz einfach mit der Mündlichkeit eines Interviews erklären lassen, zusammen mit der Tatsache, dass es sich hier doch eher um eine an Laien gerichtetes Interview handelt…

Antworten

SuperMario33 17. Juli 2015 um 09:30

Vielen Dank für die schöne Debatte, erstmal. Interessant, was meine an sich doch marginale und harmlose Kritik für Schutzreflexe hervorruft… Mit Fachwörtern spart der Interviewte nicht. Begriffe wie „Qualität des Signalinputs “ oder „Qualität der Signale “ nehmen eine zentrale Stellung in der Argumentation ein, aber was soll das eigentlich sein? „Hier können anhand der aufgetretenen Verletzungen Rückschlüsse über Gehirnaktivitätsstrukturen (über- oder unterrepräsentierter Areale) gezogen werden“ – das halte ich für gewagt, eine Arbeitshypothese,mehr nicht. „Neuro-Profil“, „neuronaler Fingerabdruck“, der erhebbar ist ebenso; die Kritik, die Lienhard an den biomechanischen Konzepten (nicht individuell) übt ist überzogen, in der biomechanisch orientierten Diagnostik (Ganganalyse etc.) werden doch gerade persönliche Daten erhoben und analysiert und in einem individualisiertem therpeutischen Konzept verarbeitet. Wenn das der spontane verbale Output von Herrn Lienhard ist, dann Respekt, das Interview wirkt nämlich wenig spontan-verbal. Aber nochmal: ich finde, die Neuroathletiker können durchaus mehr ihren eigenen Verdienst herausarbeiten (Entdeckung der Bedeutung „höherer“ ZNS-Leistungen wie Sehen, räumliche Wahrnehmung, geometrische Berechnungen auch für Sportarten, wo man das primär nicht in dem Ausmaß erwarten würde), statt sich an der Biomechanik abzuarbeiten.

Antworten

vanGaalsNase 17. Juli 2015 um 09:39

Deine Kritik war eben nicht „harmlos“ und „marginal“. Es war die typische Art und Weise, wie sich Vertreter konservative Methoden wehren, wenn sie es mit neueren Ideen zu tun bekommen. Verdreh die Tatsachen, ruhig weiter. Das ändert nichts daran, dass die Argumente auf Seiten der Mourinhos, Verheijens, Favres und Lienhards sind und eben nicht bei den Magaths, Coervers oder Dardais.

Antworten

SuperMario33 17. Juli 2015 um 10:31

Da muss ich dir widersprechen. Ich habe die Methode mit keinem Wort kritisiert und das auch in jedem Beitrag aufs Neue gesagt (deshalb marginal, sie betrifft nicht den Kern der Methode). Die Art und Weise, wie du die neue Methode verteidigst kann man als ebenso typisch für Vertreter neuer Ideen ansehn: Kritik aggressiv wegbeißen, ohne sich klar zu machen, worin die Kritik denn eigentlich besteht. Ich bestreite auch gar nicht, dass ich falsch liegen könnte. Auf jede Form von Kritik mit Sperrfeuer zu reagieren ist seltsam.

vanGaalsNase 17. Juli 2015 um 11:40

„… ohne sich klar zu machen, worin die Kritik denn eigentlich besteht.“ – Ich habe in meiner „Bibliothek“ weit über 100 Studien, Aufsätze, Dissertationen und was weiß ich nicht noch alles. Ich weiß sehr wohl, worin die Kritiken an neuen Methoden liegen, weil ich sie quasi studiert habe. Nicht nur am Schreibtisch, sondern auch auf dem Platz. Ich wurde mein Leben lang nur nach technikorientierten, biomechanischen und isolierten Methoden trainiert und habe meine eigene „Trainerkarriere“ auf diese Weise begonnen. Um mich davon zu verabschieden, musste ich mich mit den wissenschaftlichen Aspekten auseinander setzen. Die empirischen Erkenntnisse haben sich in meiner praktischen Arbeit bestätigt, sodass sie zu meinem Credo wurden.

Alte Methoden haben bis heute den Luxus, dass sie nicht hinterfragt werden. Diesen Luxus hatten alternative Trainingsmodelle nicht. Sie mussten sich seit jeher rechtfertigen und deutlich mehr Argumente vorbringen. Genau das ist der Grund, weshalb Vertreter neuerer Methoden mögliche Kritikpunkte besser kennen und verstehen als die Kritiker, die diese Punkte vorbringen.

Ich kenne wahrscheinlich mehr Argumente für das biomechanische Einschleifen, als die meisten Einschleifer selbst. Ich kenne aber noch viel mehr Gegenargumente. Die meisten davon finden sich in meinen Artikeln zum differenziellen Lernen (übrigens auch in den dabei angegeben Quellen). Alternativ lege ich dir die Dissertation von Mariana Lopes („Wirksamkeit von impliziten und expliziten Lernprozessen“) nahe. Einfach googeln; das Ding ist online. Sie stellt sehr ausführlich verschiedene Lehrmodelle vor und trägt die beiderseitigen Argumente vor. Natürlich zitiert sie sehr viele Quellen, die man größenteils ebenfalls online nachsehen kann, um das Ganze zu vertiefen. Letztlich kristallisiert sich ein eindeutiger Trend heraus; weg von konservativen Modellen, hin zu ganzheitlichen. Alle haben gemein, dass sie das Individuum und die Bedeutung des ZNS in den Mittelpunkt rücken, anstatt den Menschen als Roboter anzusehen. Und in diesen Trend fügt sich Lienhard perfekt ein.

SuperMario33 17. Juli 2015 um 12:39

Die Ausdauer mit der du in mir den Sprecher der Gesellschaft deutscher Biomechaniker siehst ist beachtlich und aufgrund deiner biomechanischen Leidensgeschichte verständlich. Meine Posts geben das aber nicht her.

Thomas Huck 17. Juli 2015 um 14:02

@vanGaalsNase Gibt es Internet auch Übersicht zu aktuellen Sportstudien?

Thomas Huck 17. Juli 2015 um 14:03

*auch eine Übersicht

vanGaalsNase 17. Juli 2015 um 14:53

Kommt drauf an zu welchem Thema. Bei Frau Lopes findet man viel zu grundsätzlichen Trainingsmethodiken, in meinen Artikeln und denen von RM zitieren wir ebenfalls einige Studien und führen jeweils ein Literaturverzeichnis an. Zum Thema der Neuroathletik sollte man sich mal beim Mentor von Lars Lienhard umsehen: Dr. Eric Cobb (zhealth net). Dort findet man viel zur Vertiefung.


SuperMario33 16. Juli 2015 um 09:16

Das Interview vielleicht doch als Werbetext kenntlich machen. Und die Regel einführen 3 Buzzwords, ein Elfer.

Antworten

Eric 16. Juli 2015 um 09:46

Auf deine dümmlichen Kommentare kann hier jeder verzichten. Steht „33“ für das Geburtsjahr?

Antworten

SuperMario33 16. Juli 2015 um 10:10

Rückennummer meines Lieblingsspielers, danke der Nachfrage

Antworten

LuckyLuke 16. Juli 2015 um 17:34

„Ein Interview (‚ɪntɐvjuː) ist eine Befragung mit dem Ziel, persönliche Informationen oder Sachverhalte zu ermitteln“ (Wikipedia). Das hat also nichts mit Werbung zu tun, sondern ist der journalistischen Praxis des Interviews geschuldet, dass hierbei persönliche (s.o.) Ansichten stark betont werden.

Antworten

idioteque 16. Juli 2015 um 18:51

Wobei die Nachfragen wirklich etwas kritischer hätten sein dürfen, zur journalistischen Praxis gehört nämlich auch, dass man auf mögliche Kritik eingeht (wobei ich nicht weiß, wie fundiert die ist, bin kein Experte auf dem Gebiet) oder kritische Fragen stellt. Wenn nur eine Meinung angeboten wird, hat ein Laie keine Chance, sich ein sachliches Urteil zu bilden, ob Neuroathletik die Zukunft des Athletiktrainings ist (was ja durchaus sein kann) oder pseudowissenschaftlicher Nonsens.

Antworten

vanGaalsNase 16. Juli 2015 um 19:11

Es erstaunt mich immer wieder, dass bei neueren Methoden stets der Wunsch nach Kritik herrscht, während althergebrachte Methoden frei von jedem Widerspruch bleiben. Es ging hier darum, dass ein Coach seine Methodik vorstellt. Der Laie kennt sehr wohl die Alternativen, weil die allermeisten genau nach diesen trainiert wurden. Da wurden Techniken eingeschliffen, Kondition ohne Ball und Spielbezug gebolzt und nie wird es hinterfragt. Somit hat man sehr wohl einen Vergleich.

Antworten

LuckyLuke 16. Juli 2015 um 19:18

Also zumindest die Kritik am neuen ist doch auch der wissenschaftlichen Arbeit geschuldet. Neues muss erwiesernemaßen besser sein als das Alte, bis dahin gilt ansonsten die Alte Methode, auch wenn diese nachgewiesernemaßen falsch/nicht 100%ig korrekt ist…gibt ein Fachausdruck dafür, aber er fällt mir nicht ein 😀

Antworten

vanGaalsNase 16. Juli 2015 um 19:26

Das verstehe ich ja. Aber mittlerweile haben wir auf SV so viel Neues aufgezeigt und mit Studien, Aufsätzen usw. untermauert. Da passt das Neuroathletikkonzept von Lienhard perfekt rein. Inzwischen sollten sich die Rollen vertauscht haben, sodass sich nun eher umgekehrt die Vertreter der alten Methoden rechtfertigen sollten. Denn die Beweise, dass sich neuere ganzheitliche Methoden insgesamt besser eignen als die konservativen isolierten Modelle, sind schon längst erbracht. Sowohl in der Theorie, als auch in der Praxis.

idioteque 16. Juli 2015 um 20:33

Mein Problem ist eben, dass die konservativen Modelle etwas zu wenig Raum in eurer Reihe bekommen, um ihre Argumente zu vorzubringen (schließlich sind das immer noch die vorwiegend praktizierten Methoden, und widerlegt habt ihr sie ja zur Genüge), aber vielleicht empfinde auch nur ich das so.

vanGaalsNase 16. Juli 2015 um 20:46

Ich betreibe jetzt mal ein wenig Eigenwerbung: in unserem Buch, was im Oktober rauskommt, stellen wir auch klassische Methoden vor und zeigen, welche Gedanken dahinter stecken. Dabei liefern wir auch viel Literatur zur Vertiefung. Ansonsten geben wir ja auch in den Artikeln hier Einblicke und zeigen auf, warum etwa das Einschleifen nicht gerade das Ei des Kolumbus ist. Und warum ein isoliertes Konditionstraining unsinnig ist, haben wir im Trainingssteuerungs-Artikel gezeigt. Vielleicht werde ich dazu aber mal einen eigenen Artikel verfassen.

Goalimpact 17. Juli 2015 um 18:41

Planck hat einmal gesagt, dass sich eine neue Theorie nicht durchsetzt, weil man ihre anfänglichen Gegner überzeugt, sondern weil diese aussterben.

HK 17. Juli 2015 um 21:32

@Goalimpact: Und Planck wusste wovon er redet. Da steckt viel Wahres drin.

Und was sagte Gandhi:
„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“

idioteque 16. Juli 2015 um 19:57

Ich habe mit keinem Wort gesagt, dass die althergebrachten Methoden frei von Kritik sein sollen, ich habe ja auch den Eindruck, dass die Methoden, die hier vorgestellt werden, durchaus fundiert und den klassischen überlegen sind, aber die Kritik an denen ist in euren vorherigen Artikeln zum Thema doch mehr als deutlich vorgekommen. Außerdem hat nicht jeder Fußballinteressierte schonmal Fußball im Verein gespielt.
Ich finde die Serie zum Thema Fitness und Verletzungen super interessant und finde es auch richtig und wichtig, dass neue Konzepte vorgestellt werden. Aber es muss einen Grund geben, warum die neuen Methoden nicht Kanon sind, und wenn es nur der ist, dass noch nicht genug empirische Daten gibt. Das muss ja nicht zwingend im Interview sein, aber irgendwo in der Reihe muss es anklingen.
Versteht mich nicht falsch, ich halte das Interview nicht für Werbung, aber aus meiner Sicht kann hier (im Kontext der Serie) zu leicht der Eindruck der entstehen, dass die vorgestellte Methode „die Wahrheit“ ist und nicht nur ein vielversprechendes Konzept, dass noch ein wenig braucht, bis es allgemein erprobt und anerkannt ist.

Antworten

LuckyLuke 16. Juli 2015 um 20:14

Wieso muss denn ein nicht vorhandener Kanon unbedingt auf „rationale“ Gründe zurückzuführen sein? Ich denke, dass innerhalb der Reihe oft genug die Meinung der Autoren angeklungen ist, wieso die hier vertretenen Methoden noch nicht im großen Maße umgesetzt werden, und zwar eben nicht aus „rationalen“ Gründen, sondern weil Neues „verteufelt“ und Altes „glorifiziert“ wird (SV-Meinung, zumindest so wie ich das verstanden habe).
Gerade die Erprobung und Anerkennung wird ja eiegntlich ganz klar bei den Ausfallzeiten angesprochen, dass nämlich oft dieselben Trainer viel bzw. wenig Ausfallzeiten haben, was zumindest auf teilweise die in dieser Reihe angesprochenen Maßnahmen zurückzuführen sei…
Und vielleicht ist es ja auch die Absicht der Autoren diese Methode als „die Wahrheit“ zu „verkaufen“. Was wäre daran verwerflich, immerhin ist auch das eine journalistische Praxis und wenn sie nur dazu dienen soll sich intensiver damit auseinanderzusetzen, weil man anderer Meinung ist.Es soll ja eben eine Meinung vertreten werden, die natürlich begründet sein muss, was sie aber in diesem Fall definitiv ist, und da ist es doch nur verständlich, wenn nicht sogar stilistisch wünschenswert, dass verallgemeinert und absolutiert wird…

vanGaalsNase 16. Juli 2015 um 20:16

Das richtete sich gar nicht mal gegen dich. Sorry.

Die Methoden sind valide. Es liegt leider oftmals – insbesondere in Deutschland – an konservativen Vereinen. Wenn man hört, dass Vereine dreimal täglich trainieren (isoliertes Konditionsgebolze), kann man kaum erwarten, dass sich solche Modelle, wie das von Lienhard, einfach durchsetzen. Die hatten schon mit dem einen oder anderen Verein zu tun…

Eduard Schmidt 16. Juli 2015 um 20:17

Politische Gründe. Genereller Konservatismus im Fußball. Schön wäre es, wenn sich das beste stets durchsetzen würde. Schaut man sich einige Trainerbesetzungen in der Bundesliga und die damit verbundenen Methodiken an, muss man sich aber leider von einer derartigen Sichtweise verabschieden. Ich würde gerne mal nur eine aktuelle wissenschaftliche Arbeit sehen, die dazu rät, so häufig und so lang wie möglich in der Vorbereitung zu trainieren. Vermutlich wird man keine finden.

LuckyLuke 16. Juli 2015 um 19:12

Wieso? Ein kritisches Nachfragen ist nur dann notwendig, wenn auch ein kritisches Interview geführt werden soll. Es handelt sich hierbei einfach um eine Praxis der Informationsvermittlung, ob diese kritisch oder zusammenfassend erfolgt kann der/die InterviewendeIn doch selbst entscheiden.
Sich seine Meinung anhand eines Intervies zu bilden ist vielleicht sowieso nicht unbedingt wünschenswert, egal ob als Laie oder als Experte. Ich glaube eher, dass gerade ein zusammenfassendes Interview, wie das hier vorliegende eines ist, interessierte Laien dazu anregen soll sich evtl. selbst weiterführend zu informieren, da ein Interview niemals einen Anspruch auf Vollständigkeit stellen kann…

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*