Ungleiches Duell der Skandinavier

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Mit einer starken Defensivleistung und effektiven Abschlüssen zieht Schweden trotz der klaren gegnerischen Steigerung nach der Halbzeit ins Finale der U21-EM ein. Etwas seltsam waren auf beiden Seiten die Personalentscheidungen.

Nach der unerwartet deutlichen, aber auch etwas zu hoch ausgefallenen Niederlage des DFB-Teams gegen Portugal wurde in Prag der zweite Finalist der diesjährigen U21-EM im rein skandinavischen Duell zwischen Jesse Thorups Dänemark und Hakan Ericsons Schweden ermittelt.

u21-em-2015-den-sweErwartungsgemäß nahm die bisher durchaus aufbauambitionierte dänische Mannschaft in dieser Partie das Ruder in die Hand und versuchte die Begegnung zu diktieren. Gegen das grundsätzlich solide und recht aufmerksame schwedische 4-4-2 ließen sie erneut einen Sechser zurückfallen, wobei diese Rolle kaum gewechselt wurde, sondern Jönsson sich fast durchgehend hinter – und nicht kurz davor, wie auch schon gesehen – die beiden zentralen Defensivakteure fallen ließ, was situativ noch mit asymmetrischen Staffelungen der Außenverteidiger verbunden wurde. In den hinteren Reihen konnten sie das Leder damit – Schwedens Stürmer schoben zwar einige Male geschickt flach und sauber über den äußeren Halbraum nach, ließen sich in anderen Szenen jedoch auch zu unbeteiligt überspielen – gewohnt souverän laufen lassen, doch die Anbindung nach vorne war schon nicht optimal.

Zu hohe Grundstaffelungen bei Dänemarks Ballbesitzversuchen

Wegen der recht hohen Anlage der Sturmreihe und der eigentlich durchgehend zurückgefallenen Position von Jönsson waren die Anbindungen in die Spitze über einige Phasen zu schwach, zumal Höjbjerg bei seinen Ausweichbewegungen beispielsweise für Falk Jensen – der einzige situativ mal etwas zurückfallende Angreifer – generell oft zu weit auf den Flügel geschoben und damit aus den Abläufen und Zirkulationsverbindungen herausgenommen wurde. So mussten die dänischen Aufbauakteure schon in den ersten Ballbesitzphasen häufig mit langen Pässen in die Spitze eröffnen, wo es zwar einzelne ansatzweise gute Läufe in die Tiefe gab, aber letztlich kaum Effektivität entstehen konnte. Ansonsten war das Zentrum meistens nicht so einfach zu bespielen – auch wenn das Überspielen der gegnerischen Stürmer mal gelungen war, hatte der kurz zurückfallende Thomsen nur beschränkte Anschlussoptionen und wurde von den ihre Mannorientierungen geschickt balancierenden Sechsern der Schweden etwas heraus gedrängt.

Zudem halfen deren Außenspieler mit guter und bewusster Ausführung ihrer leicht eingerückten Positionierungen, die sie auch immer mal antizipativ verfeinerten. So spielte Dänemark im Übergang nach vorne neben den langen Bällen oft auch Pässe auf die Außenverteidiger, gerade auf rechts. Die schwedischen Flügelspieler bewegten sich dagegen gar nicht schlecht nach hinten und drückten einige Bewegungsoptionen gut ab, doch konnte beispielsweise Scholz immer noch sofort diagonal an die letzte Linie eröffnen – wenngleich von Schweden ein wenig geleitet. Hier deuteten die Dänen mit Überladungsansätzen durchaus Potential an und versuchten die Umstände für sich zu nutzen, indem der Außenverteidiger sofort nachging und mindestens einer der Stürmer sich horizontal weit unterstützend hinüber bewegte. Beim Ausspielen gab es gegen die solide Defensivanlage der skandinavischen Konkurrenten jedoch einige Probleme: Zum einen waren diese Überzahlbildungen und Offensivmechanismen der Angreifer sehr hoch angelegt, was die Staffelungsmöglichkeiten etwas beschränkte.

Zwischen Mittelfeldstrukturen und Rhythmusfragen

Zum zweiten sah die Angliederung der Mittelfeldspieler aufgrund deren zu sehr in den Aufbaustrukturen verbleibenden Orientierungen – der zurückgefallene Sechser rückte im Verhältnis nicht konsequent weiter auf – und der zu zuarbeitenden Einbindung Höjbjergs – daher ungenau unkonkret zu seitlich im Raum hängend – instabil und lasch aus. Zum dritten handelte es sich schließlich kaum mal um ruhig angeleitete Szenen, sondern eher um Aktionen, die aus der Verlagerungsdynamik mit schnellen Anschlusszuspielen Scholz´ entzündet wurden bzw. werden mussten. Deshalb hingen sie stark vom Rhythmus der Ausgangssituation ab und mussten oft in einem Rutsch durchgespielt werden. Das beeinflusste beispielsweise Ausweichoptionen und Entscheidungsfindung negativ, so dass manche offene Optionen übersehen wurden, führte aber auch dazu, dass beispielsweise die Läufe des Linksaußen in die Spitze – wenn der Mittelstürmer dort gerade den ballnahen Innenverteidiger Schwedens weit herausgezogen und eine große Horizontallücke geschaffen hatte – nicht rechtzeitig ankamen, um im richtigen Moment des Angriffsverlaufs das entscheidende Zuspiel dorthin genau dann zu erhalten, wenn der Passgeber in den Dynamiken auch die flüssige, reibungslose Möglichkeit dazu gehabt hätte.

In diesem Zusammenhang der etwas hektischen und sehr seitlichen Überladungsversuche auf den Außen könnte man den Dänen vorwerfen, aus ihren Aufbau-Möglichkeiten in den Halbräumen nicht genügend gemacht und das Herauskippen der Mittelfeldakteure dorthin nicht konsequenter dazu genutzt zu haben, vielseitiger zu eröffnen. Allerdings muss man an dieser Stelle doch die schwedischen Angreifer noch einmal positiv erwähnen. Einige Male, beispielsweise bei den nicht immer ganz balanciert eingebundenen Halbraumpositionierungen Knudsens, zeigten sie statt anschließender Kompaktheit nach hinten gerichtete Passwegsverstellungen und nahmen damit den Dänen manche Option für die Rückzirkulation. Auch deswegen kam deren linke Seite zunächst kaum ins Spiel, wobei sie auch generell nicht wirklich überzeugte. Ergab sich über diesen Flügel mal eine Dynamik, gab es vereinzelt schnelle Aufrückaktionen, beispielsweise nach Verlagerungen in tiefen oder halbhohen Zonen oder nach seltenen Vorbereitungskombinationen, die aber nicht gut ausgerichtet waren. Erhielt er etwas Raum und Dynamik, lief Knudsen häufig einfach bis zur Grundlinie nach vorne und versuchte dann eine Flanke, deren Entstehung die Mitspieler auch nicht aktiv zu verhindern suchten.

Das schwedische Team

Bei den Schweden muss man zunächst einmal auf die etwas fragwürdige personelle Zusammenstellung eingehen, die sich vor allem für das Angriffsspiel auswirkt. In einem 4-4-2 agierten bisher Hrgota bzw. nun Simon Tibbling – Ersterer als interessanter Kandidat für den Angriff dort etwas isoliert und suboptimal angebunden, während Letzterer als Sechser besser aufgehoben ist als in einer Flügelspielerrolle, wenngleich situativ einrückend – auf der rechten Seite, während Spieler wie Quaison oder Sam Larsson nur auf der Bank schmorten. Einschränken muss man zumindest bezüglich Tibbling, dass die Mannschaft aktuell auf der Doppelsechs schon gut besetzt ist: Mit den beiden Oscars – Hiljemark und Lewicki, die beide defensiv stark agierten. Letzterer, ehemals in der Bayern-Jugend, gefiel mit der Sauberkeit seiner Positionierungen, seiner Wendigkeit und seinen Raumübergängen, wenngleich er bei Klärungen die Bälle etwas zu oft wegdrosch. Kapitän Hiljemark von der PSV  überzeugte mit Ruhe, seinem Passspiel und seiner horizontalen Freilaufvielseitigkeit. Eine Art Raute mit beispielsweise Tibbling als weiterem Partner wäre trotzdem eine Idee.

Insgesamt investieren die Schweden nur wenig in die Offensive bzw. konnten dort trotz ihrer recht hohen Grundpräsenz noch nicht wirklich überzeugen – in der Vorrunde standen bei ihnen klar die wenigsten Abschlüsse zu Buche. Dabei gehörten verschiedene raumgreifende Dribblings der Einzelspieler – beispielsweise vom rechten Flügel leicht in die Mitte einrückend und balltreibend, oder von Guidetti nach links ausweichend – und oftmals auch lange Bälle – in dieser Begegnung erneut häufig zu sehen – zu ihren bevorzugten Angriffsmechanismen. In dieser Begegnung konnten sie im Aufbau die eine oder andere unkoordinierte Pressingphase der Dänen, bei denen Höjbjerg etwas unklar um die Angreifer herum gestaffelt stand, nutzen, um ihre Aktionen mit Ruhe vorzubereiten. Die verschiedenen Rochademechanismen mit einzelnen Rückfallbewegungen von Khalili und gerade Guidetti bekamen sie zwar kaum mal eingebunden, obwohl diese grundsätzlich vielversprechend aussahen, doch gerade über halbrechts gelang ihnen das Aufrücken diesmal etwas einfacher.

Über Tibblings Zug in tiefere, zentrale Bereiche, seine Ballsicherheit und gruppentaktische Qualität konnten sie in Verbindung mit den ordentlichen Anschlussbewegungen des etwas wirren Lindelöft und unterstützenden Läufen Hiljemarks die dänischen Flügelmannorientierungen bespielen, um somit solide ins letzte Drittel zu gelangen. Von dort ließen sich dann ihre bisher oft noch unterdrückten Flankenphasen im 4-4-2 leichter in Szene setzen, was nach einer Hereingabe aus dem rechten Halbfeld sogar mit einem umstrittenen Elfmeter und dem 0:1 belohnt wurde. Trotzdem sah man spätestens in den folgenden Minuten vermehrt die Beschränktheit solcher Angriffsmuster, wenn Tibbling weit außen am rechten Flügel isoliert in direkten Duellen gegen Knudsen oder Falk Jensen stand und sich dort – mit nur sehr losen Verbindungen um sich herum – irgendwie behaupten sollte. Stattdessen sorgte einer der zwischendurch mal über das Ausweichen der Stürmer etwas Gefahr erzeugenden Konter für das schnelle 0:2 – dank geschickter Individualtaktik Guidettis.

Dänemarks starke, aber erfolglose Comebackversuche in Halbzeit zwei

Zwar gab es in der zweiten Halbzeit auch einige Phasen breit gestaffelter Angriffsreihen, doch insgesamt steigerten sich die Dänen im Spiel nach vorne und versuchten immer konsequenter halbrechts zu überladen. Teilweise tummelte sich fast die gesamte Offensive in diesen Zonen und zeigte eigentlich auch durchaus starke Positionierungen wie Staffelungen. Zwei Probleme verhinderten allerdings, dass daraus wirklich die entsprechende Angriffswucht und damit also mehr als zwei bis drei ordentliche Chancen entstanden: Zum einen spielten sie diese Szenen oft einfach nicht gut genug aus und ließen die guten Überladungsanordnungen und -möglichkeiten durch unpassendes Passspiel verstrichen – zu sehr auf die Flügel oder zu hektisch direkt in die Spitze gerichtet. Zum anderen brachten die Schweden gegen diese Momente eine über weite Strecken sehr starke zweite Halbzeit auf den Platz und konnten sich gegen den Ball nochmals steigern.

Vor allem die Sechser arbeiteten über dem Halbraum überzeugend und die gesamte Mittelfeldreihe verdeckte bei ihren horizontal eng herübergeschobenen Szenen wirksam die Passwege in die von Dänemark besetzten Zwischenräume. Was sich durch diese Engen doch hindurch fädelte, entschärfte letztlich in vielen Fällen das gute Abwehrpressing der Schweden. Dänemarks zwischenzeitliches Anschlusstor durch Uffe Bech entsprang einer Flipper-Situation nach einer Ecke. Eine weitere Veränderung betraf die dänische linke Seite, die etwas anders in Szene gesetzt und dadurch besser eingebunden wurde: Nun geschah dies eher durch Verlagerungen in hohen Bereichen auf einen ballfernen Breitegeber, der anschließend sauber horizontal in die Mitte zog und dabei kombinationsorientiert den einleitenden Pass suchte. Gerade Höjbjerg, Falk Jensen und der nun in vorderen Bereichen aktivere Thomsen taten sich hervor und versuchten einige schöne Angriffe einzuleiten, doch zumindest in diesen Fällen lief das Zusammenspiel etwas zu improvisiert ab.

Schweden hielt sich gegenüber dieser fast sturmlaufartigen Phase der Dänen über weite Strecken der zweiten Halbzeit zurück, konzentrierte sich auf die eigenen Defensivqualitäten und konnte Konterangriffe gegen die Verbesserungen des Gegners kaum mehr fahren. Nur vereinzelt gab es aus dem Aufbau einige Szenen, wenn sie mal in die Zwischenlücken im Mittelfeld eindrangen. Über direkte Pässe Hiljemarks in die Angriffsabteilung entstanden – wie schon durch die Rochaden halblinks in Durchgang eins angedeutet – kleinere Ansätze, ohne aber Torchancen zu erzeugen. Fast aus dem Nichts war es dann der eingewechselte Quaison, der ein ähnliches Angriffsmuster wenige Minuten vor Schluss einleitete und nach gutem Lauf zum vorentscheidenden 1:3 abschloss. Dänemark versuchte nun, mit Vestergaard als Mittelstürmer noch einmal die Wende zu erzwingen, was sich mit langen Bällen und Flanken aber nicht machen ließ. Rätselhaft blieb, wieso Viktor Fischer – warum spielt der eigentlich nicht von Beginn? – bei solcher Ausgangslage und solchen Angriffsmustern erst in der Nachspielzeit eingewechselt wurde. Quasi mit dem Schlusspfiff konterte Schweden zum 1:4.

Fazit

Aufgrund ihrer insgesamt doch in vielen Punkten starken Defensive konnten sich die Schweden – mit einem allerdings viel zu hoch ausgefallenen Erfolg und trotz ihrer etwas seltsamen 4-4-2-Besetzung – verdient gegen die dominanten, in der zweiten Halbzeit gut ausgerichteten, aber letztlich doch – gerade vor der Pause noch „umfassender“ und ebenso im Hinblick auf das Personal – Potential verschwendenden Dänen durchsetzen. Zwar war sowohl bei diesem Match als auch im Halbfinalduell des deutschen Teams eine eher knappe Begegnung zu erwarten, doch – eigentlich hätte dieses Match auch eng sein können – sollte es aufgrund der defensivstarken Ausrichtungen von Schweden und Portugal nun zu einem Finale mit eher wenigen Chancen und viel Stabilität kommen. Einschränken muss man hier – als Nebenbeitrag zur diesmal starken Leistung der Schweden gegen den Ball sei das generell erwähnt – aber die Tatsache, dass die Skandinavier in der Gruppenpartie gegen die ausweichenden Bewegungen der portugiesischen Offensivakteure – bei Dänemark kam so etwas kaum vor – recht anfällig wirkten und einige Schwächen in den horizontalen Anschlusspositionierungen zeigten. Ob die Schweden diese Abwehrleistung aus dem Halbfinale für das Endspiel wiederholen können, bleibt also noch abzuwarten.

Insider 30. Juni 2015 um 10:18

wo bleibt die Analyse des 0 – 5 gegen Portugal? Würde mich brennend interessieren, wie Eure Meinung zu diesem Spiel aussieht…

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