Donnerstag, 08.12.2016

Favres Passmaschine dominiert Hannover Mischsystem

Eine rekordverdächte Passquote der Gladbacher in der Anfangsphase wurde durch Hannovers unpassende und passive Ausrichtung ermöglicht. Hannovers Ballbesitzspiel hatte wiederum Gladbacher Sand im Getriebe.

Gladbachs Positionsorientierung stoppt Hannovers Ballbesitzspielentwicklung

Zwei Schüsse hatten die Hannoveraner zur Halbzeit bei nur 28,5% Ballbesitz. Ich will mich da gar nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich vermute, dass irgendwas das Offensivspiel der Hannoveraner behindert haben könnte. Eventuell war es ja das Gladbacher Pressing und Defensivspiel. Diese spielten nämlich einmal mehr einen sauberen Favre-Fußball gegen den Ball.

Sie formierten sich in ihrem üblichen 4-4-2 mit vielen Positionsorientierungen, welche besonders im höheren Pressing immer wieder einzelne Mannorientierungen beinhalteten. So verfolgten Kramer und Xhaka situativ die beiden Sechser des Gegners, Sané und Schmiedebach, wenn sich diese tiefer zurückfallen ließen und / oder abkippten. Zusätzlich positionierten sich die Flügelstürmer der Gladbacher sehr gut, ebenso wie die Mittelstürmer.

Grundformationen

Grundformationen

Immer wieder wichen Hermann und Hazard etwas nach vorne, positionierten sich zwischen Innen- und Außenverteidigern des Gegners und verschlossen die Anspielstation. Situativ standen sie auch einfach hinter den Außenverteidigern des Gegners auf ihrer nominellen Position und warteten Pässe ab. Desweiteren stellten die Mittelstürmer verstärkt den Sechserraum zu, ließen die Innenverteidiger für Zieler offen, bevor sie mit dem Anlaufen begannen.

Frage an Leser, die Gladbach-Fans sind: Ist euch das ebenfalls aufgefallen, ist dies unüblich und könnte dies eine Maßnahme wegen Zielers Beteiligung im Aufbauspiel gewesen sein? Letzteres kam mir nämlich in den Sinn, um Zielers Rolle im Spielaufbau etwas zu neutralisieren. Wenn Zieler den Ball hatte, zogen sich die Mittelstürmer zurück, machten das Mittelfeld dicht und warteten auf den ersten Pass. Danach konnten die Mittelstürmer – situativ eben von den Flügelstürmern unterstützt – Druck machen und versuchen Hannover vor Aufbauprobleme zu stellen.

Hannover probierte zwar weiterhin aufzubauen, konnte aber nur gelegentlich über einzelne Ablagen und Kombinationen Gladbach nach hinten drängen oder die erste Aufbaulinie überspielen, bevor ihre Angriffe im Gladbacher Verschieben und deren Kompaktheit untergingen. Einzig bei etwas weniger Intensität gegen den Ball oder nach Ballverlusten hatten die Gladbacher leichte Probleme, konnten aber auch hier die meisten Angriffe Hannovers abwürgen.

Neben dem Abkippen der Sechser gab es auch ein paar Versuche mit etwas tieferen Außenverteidigern, was die Gladbacher aber ebenfalls gut neutralisierten. Sie ließen die Flügelstürmer positionsorientiert abwarten, um keine Räume zu öffnen, und schoben bei Ballannahmen der Außenverteidiger aggressiv nach vorne.

Zwar kam Hannover mit einer Mischung aus Abkippen, etwas Zurückfallen der Offensivspieler und den Außenverteidigern Anfang der zweiten Halbzeit besser ins Spiel, die Zirkulation blieb aber spätestens im letzten Drittel wieder auf der Strecke. Den Flügelstürmern, Kiyotake und Joselu fehlte es öfters auch an Unterstützung vorne, bevor Gladbach Zugriff erzeugen konnte. Das alte mitteldeutsche Sprichwort „No Stindl, no fun in ze Mittelfeld“ bewahrheitete sich also. Ohne Stindl und Bittencourt mangelte es häufig an den Verbindungen im zentralen offensiven Mittelfeld.

Defensiv funktionierten die eigentlich vielversprechenden und durchaus interessanten Ideen ebenfalls nur ansatzweise.

Briands merkwürdige Rolle und das Hannover’sche Mischsystem

Über 25 Schüsse waren es zu Spielende für die Gladbacher; eine vergleichsweise hohe Zahl. Hannover nutzte wie gegen die Bayern ein 4-4-1-1/4-4-2, welches in tieferen Stellungen zu einer Art 5-3-1-1/5-3-2 werden konnte. Einmal mehr agierte Briand in einer unorthodoxen Position gegen den Ball. Er ließ sich auf der rechten Seite nach hinten fallen und besetzte den Raum neben oder knapp vor Pereira, dem nominellen Rechtsverteidiger. Prib auf links wiederum spielte wie Bittencourt gegen die Bayern höher und gliederte sich kaum nach hinten ein.

Dieses Konzept könnte vermutlich als Ziel haben, dass bei Angriffen über rechts viel Druck erzeugt werden kann, eine gute Breitenstaffelung in der letzten Linie gegeben ist und die Abwehrspieler bei Pässen in die Mitte bei guter Absicherung flexibel aus der Kette herausrücken können. Die linke Seite wird geöffnet und angeboten, um nach Seitenwechseln hier mit Briand aggressiv herausschieben zu können. Mit der Asymmetrie wird der Gegner quasi bewusst auf eine Seite geleitet, obgleich das nicht immer funktioniert.

Auch schien die Bewegung selbst unsauberer als noch gegen die Bayern. Das 5-3-2/5-3-1-1 (mit Kiyotake, der sich vor der Schnittstelle zwischen Prib und Schmiedebach positionierte) war deutlich seltener wirklich klar erkennbar zu sehen und es gab auch viel mehr 4-4-2/4-4-1-1-Staffelungen in der eigenen Hälfte als noch beim Spiel gegen die Münchner Bayern.

Gladbach nutzte das aber lange Zeit ziemlich gut aus; sie nutzten die Außenverteidiger gefühlt etwas höher und aktiver als üblich, die Flügelstürmer überluden die Seiten mit ihnen, schoben weit nach vorne oder gingen in die Mitte, während Kruse und Raffael sich oftmals dahinter zurückfallen ließen. Dadurch nutzten sie die aufrückenden Bewegungen der Flügelspieler, um sich mit gutem Sichtfeld in freien Räumen hinter ihnen zu positionieren.

Favres Mannschaften sind außerdem hervorragend bei schnellen Kombinationen in kleinen, kompakten Räumen, beim Befreien daraus mit nur einer Ballberührung und einem guten Bewegungsspiel. Desweiteren hat Gladbach mit Xhaka und Kramer eine gute Doppelsechs, um eine solche Formation wie Hannovers bei deren eher tiefer und ziemlich passiver Ausrichtung zu Spielbeginn zu bespielen.

Immer wieder kombinierten die Gladbacher im Halbraum und auf den Flügeln, lockten den Gegner hin und befreiten sich dann daraus mit Pässen in die Mitte. Xhaka bot sich als Ballverteiler tief im Zentrum an und Kramer übte wieder seine übliche Rolle als „Spieler, der alles macht und überall ist“ aus, die Mitspieler sehr gut unterstützte und defensiv wie offensiv hervorragend war. Xhaka wiederum kam gar auf sechs erfolgreiche Dribblings, 114 Pässe (89% Passquote) und spielte ebenfalls eine enorme Rolle bei der hervorragenden Ballzirkulation. Diese war besonders zu Beginn der ersten Hälfte enorm, als die Gladbacher auf annährend 94% ihrer Pässe erfolgreich gestalten konnten.

In der zweiten Halbzeit wurde Hannover etwas präsenter, presste aggressiver und Gladbach war wiederum zurückhaltender, etwas tiefer und konterorientierter. Der Ballbesitz fiel von 72% auf knapp über 60%, dazu ließen sie auch (einige wenige) Abschlüsse Hannovers zu. Das 2:0 sorgte aber für die Vorentscheidung, die Einwechslungen von Leon Andreasen und Ya Konan für Schmiedebach und Prib brachten kaum eine Veränderung, trotz eines wilden und 4-2-4-artigen Pressings.

Fazit

Mit einem überaus souveränen Sieg bei enorm starker Ballzirkulation und Passquote gegen anfangs zu passive Hannoveraner setzt sich Gladbach weiter oben fest. Nun haben sie bereits fünf Punkte Vorsprung auf den fünften Tabellenplatz. Genauso viele Punkte Vorsprung hat Hannover auf den ersten direkten Abstiegsplatz und schlittert langsam in den Abstiegskampf.

Aktuell liegen sie bei neun Spielen ohne Sieg, obgleich sie nicht so schlecht spielen; es mangelt ihnen aber an Stabilität, den passenden Übergängen ins Angriffsspiel und letzte Drittel sowie letztlich auch deswegen an der nötigen Durchschlagskraft, wodurch diese Ergebnisse zustande kommen.

FD 22. März 2015 um 16:21

Whow, so viele 96-Analysen in der Rückrunde. Die Partie gegen MG konnte ich nicht sehen, deswegen ein großes Dankeschön für diese Aufbereitung. Schon interessant zu sehen, wie verschieden die Trainer spielen lassen. Bei 96 pendelt es zwischem spanischem Tikitaka und italienischem Catenaccio. Und Gladbach spielt intelligent; in dieser Partie sind sie offenbar nicht der Versuchung erlegen, einfach nur mit allen Spielern nach vorne zu laufen, bloß weil sich der Gegner einigelt. Nein, sie basteln sich die Räume und dann bespielen sie diese.

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Michael Maier 19. März 2015 um 19:36

Ich finde es ziemlich unpassend als „Kommentar“ zur Analyse dieses Spiels Gladbach versus Hannover andere Analysen z.B. von Bayern-Spielen zu fordern…

Zum Spiel: Erstaunlich wie wenig effektiv Hannover zur Zeit agiert. Eine Mannschaft, die über 125 km läuft, söllte doch den Gladbacher Spielfluß etwas effektiver eindämmen können. Nicht verwunderlich, dass jetzt zunehmend der Trainer in Frage gestellt wird.

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Ron 16. März 2015 um 13:45

Dass der Torwart angelaufen wird, das kommt bei Gladbach schon häufiger vor. Nur so fokussiert habe ich das bisher auch noch nicht gesehen. Die Positionierung zwischen den AV und IV ist eher zu beobachten.

Wendt und vor Allem Jantschke standen tatsächlich viel höher als sonst. Ansätze zu diesem Spiel mit höherer Grundstellung, verschärftem Pressing und konzentrierterem Gegenpressing konnte man bisher zwar schon beobachten, aber der Verlust der englischen Wochen scheint hier die Entwicklung zu begünstigen – oder es lag an Hannover.

Ich bin gespannt ob sich der Trend fortsetzt. Allerdings kommen mit Bayern, Hoffenheim und dann Wolfsburg nicht unbedingt Gegner, bei denen man unbedingt eine Steigerung erwarten kann.

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rookie 15. März 2015 um 21:32

wo bleiben die Bayern-Artikel?!!!! Es fehlen zwei! Donezk und Bremen, bitte einen Autor immer dafür abstellen 😉 auch wenn ihr Hippsters seid oder sein wollt 😉

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PNM 15. März 2015 um 22:01

Ich glaube, die Autoren haben auch noch sowas wie ein Privatleben. Hab´gehört, das haben sogar Fußball-Hipster.

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Max 15. März 2015 um 22:19

Ich wundere mich auch immer wieder, dass die Spiele des FC Bayern München nicht mit der gebührenden Eile und Ehrfurcht analysiert werden. Insbesondere, da doch bekannt ist, dass 99% aller Fußballinteressierten sich nur, ausschließlich und absolut jederzeit für Bayern interessieren und alle anderen Spiele doof sind.

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blub 15. März 2015 um 22:55

Das Spiel gegen Donezk ist beim ZDF zu finden.
Das Spiel gegen Bremen wird vielleicht von CV(seines zeichens Bremenfan) analysiert und braucht noch etwas zeit. Bei jedem außer RM kann das auch mal länger dauern.

Bist btw der erste der meckert das hier zu wenig Bayernspiele gecovert werden 😉

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FAB 16. März 2015 um 10:39

Falls man sich was wünschen könnte, würde mich eher die aktuelle Situation von Atletico Madrid interessieren, warum läuft es gerade bei denen nicht mehr?

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Patrick 17. März 2015 um 10:21

Sobald Bayern mal wieder verliert gerne. Aber das ist doch nur noch langweilig. 🙂

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ES 15. März 2015 um 20:51

Die Tabelle täuscht mit den 5 Punkten Vorsprung auf Platz 5. Gladbach spielt noch gegen Bayern, BVB, Leverkusen, Wolfsburg, sowie auswärts in Hoffenheim, Frankfurt und Bremen. Schön, dass sie sich eine gute Ausgangsposition erspielt haben, aber sie werden punktemässig noch Federn lassen. Am Ende wird es sehr eng um Platz 3 und 4.

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Michael Maier 22. März 2015 um 19:51

Die Tabelle täuscht und lügt nie. Gladbach hat jetzt 8 Punkte Vorsprung auf Platz 5 und die deutlich bessere Tordifferenz. Für Platz 4 müsste das eigentlich reichen, um Platz 3 haben wir jetzt folglich einen „Zweikampf“ mit Leverkusen.

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