Bayrische Geduld gegen Paderborner Defensivstabilität

paderborn0:6bayern

Die Münchner gewinnen mit interessantem Aufbauspiel und hoher Defensivstabilität gegen gut verteidigende, aber offensiv schwache Paderborner.

Bayerns asymmetrisches 4-1-2-3

Ohne Schweinsteiger, aber mit Alonso starteten die Münchner in die Partie. Guardiola hatte sich auch für diese Partie einen speziellen Plan überlegt. Zu Beginn agierte Rafinha einmal mehr als sehr weit einrückender rechter Außenverteidiger, der immer wieder den Sechser- oder Zehnerraum besetzte. Bernat auf der linken Seite wiederum spielte deutlich vertikaler und linearer als sein Gegenüber. Dies hatte auch mit den unterschiedlichen Rollen und Positionierungen der beiden Flügelstürmer zu tun.

Grundformationen

Grundformationen

Robben spielte nämlich als rechter Flügelstürmer breiter als Ribéry auf links, was von der Aufteilung her insgesamt sehr interessant war. Rafinha sollte mit seiner Spielstärke und seinen simplen, unterstützenden und engenauflösenden Bewegungen situativ Sechser- und Zehnerraum besetzen, um Robben auf dem Flügel für 1-gegen-1-Situationen zu befreien sowie ihn zu unterstützen. Der Niederländer orientierte sich auf der rechten Seite an der Auslinie und versuchte dort in Dribblings zu kommen.

Ribéry auf der anderen Seite wiederum besetzte öfters den linken Halbraum und die Mitte. Teilweise entstanden dadurch 1-2-Staffelungen mit Alonso auf der Sechs, Alaba auf dem Flügel bei Bernat, Ribéry als linkem Achter und Rafinha als rechtem Achter. Vielfach überlud aber auch Ribéry mit Bernat den Flügel und Alaba blieb zentral und rückte dort auf. Müller ließ sich ebenfalls situativ zurückfallen, ging aber öfters auch auf den rechten Flügel, damit Robben von dort aus in die Mitte schieben konnte.

Diese Spielweise wurde aber bereits nach 15 Minuten ad acta gelegt und etwas verändert, wobei es viele unterschiedliche Angriffsmuster und Aufbaustaffelungen gab. So tauschten Alonso und Alaba die Seiten, Alaba agierte öfters als tiefster und aufbauender Sechser, fand sich oft auf der halbrechten Position wieder und besetzte insgesamt öfter die Mitte. Einige Male schob sogar Alonso darum nach vorne, desweiteren stand Boateng häufig enorm breit und spielte wie der rechte Außenverteidiger.

In einigen Situationen schob Boateng sogar bis ins letzte Drittel und wechselte sich mit Robben, Rafinha und Müller in der Rolle des rechten Breitengebers ab. Vielfach kippten sowohl Alonso und Alaba zwischen die Innenverteidiger ab, damit Boateng so weit auf die Seite schieben konnte. Es war sogar die Kombination aus Alaba auf der zentralen Sechserposition dem eingerücktem Robben und Müller/Lewandowski vorstoßend bei nun breiterem Rafinha, welche die Führung brachte.

Nach dieser Phase besetzten Müller und Ribéry auch vermehrt den zentralen Zwischenlinienraum, während Alonso und Alaba sich sehr flexibel im Sechserraum bewegten.

Interessanterweise war es auch der erste Schuss auf das Tor, der zum 0:1 führte. Der zweite Abschluss in der 38. Minute(!) wiederum sollte das 0:2 bringen; Effizienz pur. Zwar dominierten die Münchner die Partie im ersten Spielfelddrittel, hatten aber Probleme bei der Ballzirkulation im zweiten Drittel und in weiterer Folge nur wenige Abschlusssituationen im gegnerischen Strafraum.

Doppelabkippen der beiden Sechser, Boateng als rechter Außenverteidiger. Müller gibt Breite, Rafinha ist eingerückt und Robben besetzt mit Ribéry den Zwischenlinienraum. Szene nach gut einer halben Stunde.

Doppelabkippen der beiden Sechser, Boateng als rechter Außenverteidiger. Müller gibt Breite, Rafinha ist eingerückt und Robben besetzt mit Ribéry den Zwischenlinienraum. Szene nach gut einer halben Stunde.

Trotz der klaren Führung zur Halbzeit und dem letztlichen (zu) hoch ausgefallenen Sieg ist die Paderborner Defensivformation durchaus einen Blick wert.

Paderborn zwischen 5-4-1 und 4-5-1

Vor dem Spiel sprach Paderborns Trainer André Breitenreiter davon, dass sich Sechser Ziegler vermehrt in die Viererkette zurückfallen lassen könnte, um eine Fünferabwehrreihe herzustellen. Im Spiel schien es aber fast konstant ein 5-4-1 zu sein, obgleich Ziegler ein paar Mal etwas vor der Abwehr stand. Vielfach war es aber eher so, dass die Innenverteidiger in Ballnähe situativ in den Zwischenlinienraum schoben, um Räume zu besetzen.

Desweiteren orientierten sich die Flügelverteidiger oftmals aus der Fünferreihe heraus, damit sie in Nähe des ballfernen Außenspielers der Bayern im letzten Drittel bleiben konnten. Beispielsweise standen dann sowohl der rechte als auch der linke Flügelverteidiger etwas weiter weg von den drei Innenverteidigern, um Robben, Ribéry oder auch einen der hohen Außenverteidiger decken zu können.

Mithilfe der Fünferreihe in der Abwehr wollten die Paderborner vermutlich den Verteidigern ermöglichen, Spieler simpler übergeben zu können, die Positionswechsel der Bayern flexibel zu neutralisieren und aus ihrer Position auf offene Anspielstationen im Zwischenlinienraum herauszurücken, ohne allzu große Lücken in der letzten Linie zu reißen. Die vier Mittelfeldspieler agierten ähnlich.

Das Ziel dieser Spielweise war es wohl mithilfe von fast immer neun Feldspielern hinter dem Ball und der daraus resultierenden enormen Breitenstaffelung bei hoher vertikaler und passabler horizontaler Kompaktheit die Seitenwechsel der Bayern und ihre variablen Positionierungen zwischen den Linien besser attackieren zu können. Damit dies funktionierte, gab es auch viele mannorientierte Bewegungen.

Viel Herausrücken und Rautenbildungen

Solche mannorientierten Bewegungen aus einer Raumdeckung sind im Spitzenfußball weit verbreitet und werden in der Bundesliga in unterschiedlichsten Variationen genutzt. Der SC Paderborn nutzte sie keineswegs rigide oder strikt, sondern spielte prinzipiell eine Raumdeckung, bei der eben in Ballnähe oder auf potenzielle Anspielstationen schnell mannorientiert herausgerückt wurde. Situativ rückten die Flügelstürmer und Flügelverteidiger heraus, wobei sie sich interessanterweise etwas positionsorientierter verhielten als die Sechser und Innenverteidiger.

Die zwei Sechser des 5-4-1 schoben immer wieder nach vorne, um auf Xabi und Alonso zu pressen. Kachunga (beziehungsweise später Lakic) hielt sich meistens tief, die Innenverteidiger der Bayern wurden also weitestgehend in Ruhe gelassen und eigentlich nur nach Anstößen gelegentlich im höheren Pressing attackiert. Der Fokus lag also auf der Kontrolle der Mitte: Horizontalkompakt, 5-4-1-Formation und sehr viele Mannorientierungen in der Mitte.

Durch das Herausrücken der Sechser und die vielen Manndeckungen der Innenverteidiger entstanden teilweise sehr interessante Rautenformationen in Ballnähe. Der ballnahe Halbverteidiger deckte den freien Mann im Zwischenlinienraum, der ballnahe Sechser orientierte sich nach vorne und versuchte Alonso/Alaba unter Druck zu setzen.

Paderborner Defensivrauten: Der Sechser und der Halbverteidiger rücken mannorientiert heraus, die anderen Mittelfeldspieler bleiben auf ihren Positionen.

Paderborner Defensivrauten: Der Sechser und der Halbverteidiger rücken mannorientiert heraus, die anderen Mittelfeldspieler bleiben auf ihren Positionen.

Diese Ausrichtung funktionierte teilweise. Der SC Paderborn hatte 8:6 Schüsse bis zur roten Karte, obgleich natürlich viele Distanzschüsse dabei waren, weil das Gegenpressing der Bayern ganz gut funktionierte. Defensiv standen sie aber eben einigermaßen stabil, obgleich es durch diese tiefe Ausrichtung mit vielen defensivorientierten Spielern zwei große Probleme gab:

  • Bayerns massive Überzahl in der ersten Linie sorgt für wenig effektiven Zugriff und nur wenige hohe Balleroberungen der Paderborner. Dadurch hatten sie bei Kontern eine lange Distanz bis zum gegnerischen Tor, was die Erfolgswahrscheinlichkeit dieser verringert.
  • Nach Balleroberungen gab es außerdem nur einen Spieler vorne, was schon im offensiven Umschaltmoment beim Konteraufbau zu Problemen führte und selbst bei Erreichen des höheren Spielers viele Ballverluste durch dessen Isolation gab.

Das 5-4-1 hat also ebenso wie das 4-5-1 eine gewisse Problematik. In unserem Speicher liegt übrigens ein fertiger Artikel zu den theoretischen Möglichkeiten des 3-6-1, der im Laufe der nächsten Woche veröffentlicht wird.

Fazit

Die rote Karte beendete das Spiel praktisch. Danach war es für die Münchner Schaulaufen gegen einen dezimierten Gegner, der keine Chance mehr hatte und schon zuvor offensiv zu harmlos war, um auch bei glücklicherem Verlauf mehr als ein Unentschieden ergattern zu können. Dennoch muss den Paderbornern für ihre sehr intelligente und defensivstabile Ausrichtung gegen die Bayern Tribut gezollt werden. Der Sieg fiel ein paar Tore zu hoch aus, die Bayern dominierten zwar und waren insgesamt natürlich überaus stark, funktionierten aber nicht ganz so gut wie beim Kantersieg gegen die Hamburger in der letzten Woche.

Theodor 22. Februar 2015 um 16:25

Hatte das Gefühl, daß Alaba über weite Strecken einen Libero alter Schule gab. Das Gute daran war wahrscheinlich die verringerte Verletzungsgefahr auf dieser Position. Ansonsten erschloß sich mir der Sinn der gestrigen taktischen Ausrichtung nicht ganz. Eventuell betrachtete Guardiola die Partie (ab dem 3:0) auch als didaktisches Übungsspiel?
Wie auch immer, ich frage mich ob man zu diesem Saison-Zeitpunkt das auf-die-Spitze-Treiben der extremen taktischen Fluidität nicht erstmals etwas ruhen lassen sollte und stattdessen versuchen, einen wirklich funktionierenden Stamm sich einspielen zu lassen.
Denn offen gestanden glaube ich nicht, daß man sich in der aktuellen Verfassung in der Champions League wirklich realistische Chancen ausrechnen kann. Da sind extreme Baustellen drin… (Bernat-Ribery funktioniert nicht; Müller&Götze sind Wundertüten, Lewandowski oft nicht wirklich eingebunden, Alonso im Frühjahr oft problematisch; Alonso&Schweinsteiger kann ich mir gegen schnelle Mannschaften nicht wirklich vorstellen, etc.)
ps. würde mich natürlich trotzdem freuen, wenn ich mit meinen Bedenken falsch läge.

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Partizan 22. Februar 2015 um 11:28

Paderborn war gestern wirklich extrem diszipliniert und kompakt, das 0:1 entstand dann nach einem individualen Fehler ( glaube es war Hünemeier ) der nicht die Linie gehalten hat und dadurch das Abseits aufhob. Wie auch schon gegen Donezk zeigte sich, das die Bayern hier Probleme haben wenn der Gegner so diszipliniert verteidigt, bis auf Ribérry hat Bayern zur Zeit auch keinen Spieler der aus dem Stand in ein 1vs1 gehen kann, Götze fehlt dazu der Antritt, Robben hat eher seine Stärken wenn er mit Geschwindigkeit ins 1vs1 gehen kann. Hoffe mit der Rückkehr Thiagos wird Bayern hier einen Spieler wieder zu Verfügung haben der Ihnen in solchen Spielen wieder weiterhelfen kann, mit seinen Fähigkeiten im 1vs1.

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SB 22. Februar 2015 um 09:42

Meiner Meinung nach hat der FCB noch zu viele Probleme im Aufbau. Die Staffelungen sind zu unsauber, gegen höher pressende Gegner wird das zum Problem. Wenn dann plötzlich mit Alonso und Alaba 4-1-Staffelungen gegen einen einzigen gegnerischen Stürmer aufgebaut werden und die eigentlich entscheidende vertikale Präsenz vernachlässigt wird, muss man den Aufbau hinterfragen. Ich persönlich bin für eine konsequentere Durchsetzung der Dreierkette mit breiten IV, weil das am meisten Sicherheit bietet und i.d.R zwei freie Männer im Mittelfeld gewährleistet. Rafa als einkippender Wingback ist dann immernoch möglich, um Robben in Szene setzen zu können

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Dr. Acula 21. Februar 2015 um 20:42

kurze Einschätzung aus taktischer Sicht zu Badstubers Leistung?

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ronbard 21. Februar 2015 um 23:29

Ist noch lange nicht wieder der Alte, aber wenn, dann haben die Bayern einen starken Aufbauspieler da hinten stehen. Hat heute schon häufiger mal angedeutet, was für Schnuckelpässe er nach vorne spielen kann. Harmoniert auch ganz gut mit Boateng. Drücke ihm fest die Daumen, dass er sehr sehr sehr lange verletzungsfrei bleibt!

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king_cesc 21. Februar 2015 um 18:31

Nach dieser Phase besetzten Müller und Ribéry auch vermehrt den zentralen Zwischenlinienraum, während Alonso und Xabi sich sehr flexibel im Sechserraum bewegten.

Die zwei Sechser des 5-4-1 schoben immer wieder nach vorne, um auf Xabi und Alonso zu pressen.

Ich versteh den Witz nicht 😀 (außer Alonso wird durch Alaba ersetz, dann machts Sinn)

Heute hat mir eins an Guardiola wieder gefallen, der Wechsel Alonso und Alaba, der die Passwinkel schön verändert hat ( hat er ja bei Barca schonmal mit den Innenverteidigern gemacht).

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brolylucia 21. Februar 2015 um 18:12

Gute und unfassbar schnelle Analyse!

Ich fand das Doppel-Abkippen sehr interessant! Wird man das noch häufiger sehen?

Ein Highlight war für mich die Versetzung von Boateng ins Mittelfeld in den letzten 10 min… danke dafür, Pep. War lässig.

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ronbard 21. Februar 2015 um 23:31

Boateng schlurft auf einmal durch’s Mittelfeld … ich musste 2x gucken 😀 genial!

Jetzt noch bitte einmal Thomas Müller als Torwart!

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TheSpecialOne1991 22. Februar 2015 um 00:49

Fand die Verstertzung von Boateng ins defensive Mittelfeld für die letzten Minuten auch ganz cool:)
Wär mal interessant das ganze über einen längeren Zeitraum zu sehen – obwohl wir demnächst wohl wieder ordentlich Zuwachs auf der Position bekommen (Thaigo, Lahm und Martínez)

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BVB3000 23. Februar 2015 um 12:36

Nun ja, als Torwart wäre Thomas Müller wohl etwas übertrieben. Aber die letzten 20 min. als rechten Aussenverteidiger statt Rafinha mal auszuprobieren, das wär lässig. Denke er könnte das:)

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grün 21. Februar 2015 um 17:57

Sehr aufschlussreich, aber bitte dringend nochmal Korrektur lesen.

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