Türchen 4: Jorge Valdivia

Im Kader des Sechzehnten der brasilianischen Liga steht ein Weltklassezehner mit überragend ästhetischer Spielweise. Es ist kein altgedienter Weltstar, sondern ein verkannter, 31jähriger Chilene, der dort seine halbe Karriere verbrachte. Sein Name lautet Jorge Luis Valdivia Toro.

Der perfekteste finale Passgeber des Weltfußballs

Dieser weitestgehend unbekannte Mann ist der Meister des finalen Passes durch die Abwehrlinie. Im aktuellen Weltfußball gibt es nur eine handvoll Spieler, die in dieser Kategorie auf einem ähnlichen Level sind. Doch obwohl zum Beispiel Messi im Erzwingen passender Szenen natürlich überragt und ein Özil seine attackierenden Pässe noch durchschlagskräftiger und in vielfältigeren Situationen anbringen kann, ist wohl keiner in der Ausführung so perfekt wie der chilenische Nationalspieler.

Valdivias tödliche Pässe sind regelrecht subtil. Besonders bei flachen Schnittstellenpässen sind Timing und Gewichtung der Bälle phänomenal präzise. Sie strahlen eine ruhige, minimalistische, fast kraftlose Perfektion aus, die zuweilen etwas an das Passspiel von Dennis Bergkamp erinnert. Generell ist Valdivias Spielweise sehr von Ruhe und Perfektionismus geprägt, wie sie auch den holländischen „Iceman“ auszeichneten. Allerdings ist Valdivia noch fokussierter auf die finalen Bälle und kann sie in spielmachenderer Art aus etwas großräumigeren Situationen spielen.

Einzigartiger Flair und das Lesen der Gegenspieler

Seine herausragendste Qualität dabei ist – noch vor dem Aspekt der reinen Passtechnik – sein wunderbares Gefühl für die Situation. Er nutzt die Dynamik und Struktur der Szene gegen die gegnerische Reihe und verzögert präzise für den richtigen Moment, in dem die individuelle Balance und Aufmerksamkeit der Gegner nicht für den Pass gewappnet ist. Dadurch spielt er oft Pässe, die unmöglich wirken; nicht wegen ihrer spektakulären Flugkurve, sondern gerade weil sie auf den ersten Blick so wirken, als seien sie simpel und leicht abzufangen. Eigentlich kann man aus zehn, fünfzehn Metern Distanz keinen langsamen, flachen Ball einen oder zwei Schritte am Gegenspieler vorbei bekommen. Valdivia kann es.

Und er kann es häufig: In der aktuellen Saison spielte Valdivia beispielsweise die meisten „Keypässe“ pro 90 Minuten in der brasilianischen Liga, zusammen mit Everton Ribeiro. Ohne Pässe nach Standards führt er ebenfalls, gemeinsam mit dem 18jährigen Joelinton. Bei den „kurzen“ Keypässen hat er Vorsprung auf Platz zwei. Obwohl die brasilianische Liga sicher eine ist, in der sich eher viele technisch starke Zehner tummeln, und sich seine Mannschaft Palmeiras nur auf Platz 16 befindet, hätte mich beim Nachschauen der Statistik alles andere auch überrascht. In der Bundesliga spielen diese Saison übrigens nur Robben und de Bruyne mehr Keypässe.

Der subtile Passstil hat übrigens nicht nur ästhetischen Wert. Durch die sanfte Gewichtung und das flache Spielen erleichtert er seinen Mitspielern die Ballmitnahme oder den direkten Abschluss und verhindert, dass nach Durchbrüchen die Dynamik der Szene verloren geht. Zuweilen kann er den Mitspielern auch helfen, indem er Bälle so platziert, dass sie einen Gegenspieler (oder auch den Torwart) herauslocken, ohne dass er den Ball erreichen kann, weswegen Valdivias Mitspieler sozusagen ein erfolgreiches Dribbling geschenkt bekommt. (Was übrigens die Parallele zu Bergkamp unterstreicht; der beschreibt in seinem Buch „Stillness and Speed“, dass genau das sein Anspruch an sich selbst war.)

Strukturintelligenter Passverteiler, Dribbler, Torjäger und Pressingspieler

Valdivia als falsche Neun in der chilenischen 4-3-3-Raute aus der WM-Qualifikation

Valdivia als falsche Neun in der chilenischen 4-3-3-Raute aus der WM-Qualifikation

Trotz seiner Spezialisierung auf den finalen Pass ist Valdivia auch in anderen Bereichen stark. Seine gute Auffassung der Strukturen auf dem Feld ermöglicht ihm, seine Rollen sehr komplett zu interpretieren. Beispielsweise wurde er in der chilenischen Mannschaft bereits als falsche Neun eingesetzt, bei der er zwischen Stürmerposition, Zehnerraum und einer tieferen Aufbauposition rochierte. Womöglich interpretiert er diese Rolle am komplexesten im Weltfußball (neben Messi).

Er erreicht trotz seines vertikalen, risikoreichen Passstils gute Passquoten um die 80%. Als Torjäger setzt er sich klug und passiv gegen die Bewegungen der Abwehr ab und kommt so vor allem ballfern oder im Rückraum zu Abschlüssen. Im Dribbling unterstreicht er sein individualtaktisches Geschick, das ihm auch im Passspiel hilft, und kann immer wieder gegnerischen Attacken knapp ausweichen. Anschließend nutzt er die erschlossenen Räume auch mit rhythmisch passenden Läufen mit Ball.

Als ruhiger und durchaus wendiger Techniker macht er häufig auch eine gute Figur als Nadelspieler. Vor allem in relativ dynamischen Situationen mit kreuzenden Mitspielern kann er die Räume und Passwege gut gegen seine Gegenspieler einsetzen und zwischen mehreren Verteidigern hindurchmarschieren.

Im Pressing ist er trotz seiner Laufschwäche zu sehr starken Aktionen fähig. Er nutzt seine Beweglichkeit im Anlaufen klug, kann Spieler dadurch irritieren und im direkten Zweikampf zuweilen sehr sauber den Ball erobern. Zudem bewegt er sich strategisch gut und ist – auch wegen seines generell klugen und präsenten Bewegungsspiels – oftmals sehr präsent im Gegenpressing, wo er sich auch gedankenschnell und gelegentlich sogar recht bissig einbringt.

Zu perfektionistisch?

Bei all diesen Qualitäten stellt sich natürlich die Frage, wieso Valdivia nie so richtig der Durchbruch gelang; zumal er sich immerhin auch bei zwei WM-Turnieren in durchaus überzeugenden Mannschaften präsentieren konnte. Vielleicht ist er zu „südamerikanisch“: Für seine Klubs hatte er großen Wert, hätte also europäischen Klubs recht viel Geld gekostet; gleichzeitig hat er diverse Schwachpunkte, die ihn wohl (wenigstens oberflächlich) zu einer relativ risikoreichen Anlage gemacht haben, gerade bezüglich des physischeren Fußballs in Europa. So kam sein einziger „großer“ Transfer durch einen arabischen Klub zustande. 2008 wechselte er mit 24 Jahren für etwa 8 Millionen von Palmeiras in die Arabischen Emirate, wo er in 25 Spielen 14 Tore erzielte und mit Al Ain Club das Triple gewann. Für 6 Millionen holte ihn Palmeiras nach zwei Jahren zurück.

Grundformationen

Valdivia als Zehner bei der WM

Die angesprochenen Schwachpunkte sind eine Mischung aus Spielstil, Athletik und wohl auch seiner Ausbildung. Valdivia ist zwar wendig, aber relativ langsam und alles andere als robust. Gleichzeitig interpretiert er das Spiel sehr konstruktiv in dem Sinne, dass er intuitiv sehr sauberen Fußball spielen will; Pässe, Bewegungen, Kombinationen, Kontrolle, keine physischen Zweikämpfe, Brechstange und Aktionen auf gut Glück. Er sichert sich nicht gegen Unsauberkeiten ab. Dadurch wird er beispielsweise bei seinen Dribblings oft aus dem Gleichgewicht gebracht, weil er beim Vorbeiziehen noch einen Kontakt vom bereits ausgespielten Gegenspieler bekommt. Wenn er Bälle verliert, ist das fast immer die Folge solcher Kontakte; je nach Linie des Schiedsrichters zieht er damit Fouls oder er hat halt einfach den Ball verloren.

Zudem hat er in sehr dynamischen und schwierig zu lösenden Situationen teilweise koordinative Probleme, die wohl auf schlechtes Training in seiner Jugend zurückzuführen sind, wo er vermutlich zu häufig zu viel Zeit am Ball hatte. Sein Bewegungsspeicher scheint für einen Spieler seiner Qualität eher gering zu sein, sodass er manchmal einen Moment länger braucht, um nach Zuspielen Körperposition und Ballbehandlung in Einklang zu bringen. In einer sehr dynamischen Spielsituation können solche Problemchen entscheidend sein, gerade bei seinem sauberkeitsfixierten Stil.

Ähnlich zweischneidig ist diese intuitive Ausrichtung in seinen Passentscheidungen. Natürlich braucht es für einen tödlichen Pass einen entsprechenden Lauf in die Spitze, ähnlich ist es bei Kombinationen und strukturellen Dribblings. Wenn seine Mannschaft um ihn herum in Statik verfällt und es keine saubere, konstruktive Option gibt, fehlt ihm der „dreckige“ Plan B. Wegen seiner mangelhaften Athletik kann er sich in solchen isolierten Stellungen nicht „durchtanken“. Intuitiv vermeidet er Verzweiflungsschüsse oder „Sicherheitsrisikopässe“ der Kategorie „kommt nicht an bzw. bringt nichts, aber kann zumindest der Gegner nicht kontrollieren“. Dadurch versucht er in derartigen Situationen häufig, irgendwie eine konstruktive Aktion zu erzwingen, was naturgemäß oft zu sehr klaren, augenfälligen Fehlpässen oder Ballverlusten führt. Zum einen werden diese Art von Ballverlusten oft ein bisschen überbewertet, zum anderen muss Valdivia eben in eine möglichst aktive, konstruktive Mannschaft eingebunden werden.

Im falschen Jahrzehnt geboren

Chile im 3-4-1-2

Da stellen sich zwei Fragen: Ist Valdivia hier Zehner oder falsche Neun? Und: Bei welchem europäischen Verein gab es im letzten Jahrzehnt diese Position?

Solche Art von Mannschaften gab es im europäischen Fußball der letzten 10 bis 15 Jahre kaum. Gerade Mitte der 00er-Jahre, als Valdivia Anfang 20 und damit am interessantesten war, schien aufgrund der Schreckensherrschaft des 4-4-2s der passspielende Zehner im Spitzenfußball fast auszusterben. Damit einhergehend fokussierten sich die europäischen Klubs verstärkt auf athletische Abschlussspieler, Flankenspezialisten und Tempodribbler sowie physisch starke Abräumer im zentralen Mittelfeld. Der technisch elegante Passspieler kam aus der Mode und wird jetzt erst gegen Ende von Valdivias Karriere wieder breitflächig interessant.

Zuletzt ist Valdivia nicht gerade ein Laufmonster, was Gerüchten zufolge auch an gesundheitlichen Problemen liegt. Das führte auch dazu, dass er bei der WM dieses Jahr wenig Einsatzzeit bekam, obwohl er spielerisch durchaus ein Schlüsselspieler der chilenischen Mannschaft war. Gegen die Ballbesitzspezialisten von Spanien und die wilden, physisch ausgerichteten Brasilianer verzichtete Sampaoli zu Gunsten der Pressingintensität auf den Einsatz seines Passgenies.

So wird Valdivia wohl als gescheitertes Talent in die Fußballgeschichte eingehen oder sogar als ein Spieler, der nur überdurchschnittlich und nichts besonderes war. Das ist tragisch. Vor allem aus ästhetischer Hinsicht müsste er Legendenstatus erreichen und hätte durchaus den Stempel „Weltklasse“ verdient. Doch der Fußball ist eben nicht fair. Er kann es nicht sein. Er ist zu sehr damit beschäftigt, hässlich zu sein.

TonyS 7. Dezember 2014 um 21:57

Wäre ich doch bloß ein Milliardär. Dann würde ich mir irgendeinen Verein kaufen und ihn dem Spielverlagerungsteam überlassen, damit die ganzen von euch gefeierten Spieler, die von den „großen“ Vereinen übergangen wurden, die Chance bekämen, passend eingebunden in einer Mannschaft mit durchgehend geilen Mitspielern zu spielen. Ein wunderbarer Tagtraum. Das kommt von eurer dauernden Schwärmerei über solche Spieler 😉

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Goalimpact 8. Dezember 2014 um 07:54

Vielleicht bekommt man ja eine Millionen bei Kickstarter zusammen. Ich würde auch beim Scouting helfen. 🙂

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flyingAviator815 4. Januar 2015 um 01:38

Ich als Stiller Leser seit 4 Jahre misch mich an dieser Stelle ein um mich als Sportdirektor zu bewerben 😛
aber auch jede ander Position ist ir Recht Assistenztrainer ect 😀
Ich muss schon sagen: Mit einigen motivierten Menschen würde das vlt sogar funktionieren (*Träum) 🙂

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Partizan 5. Dezember 2014 um 16:42

Erinnert mich irgendwie von seinen Qualitäten an Dejan „Rambo“ Petkovic, einer der besten Mittelfeldspieler die jemals in Brasilien spielten.

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Peda 5. Dezember 2014 um 10:13

Ich glaube, ich habe gerade meinen absoluten Lieblingsspieler gefunden.

Schmäh ohne, ich erkenne mich in einigen Formulierungen selbst wieder. Wir hatten erst gestern nach dem Training so eine kleine Diskussion, was denn für einen selbst das Geilste in Fußball ist und für mich sind es eben genau die oben beschriebenen tödlichen Pässe, die Verteidiger und Torwart herauslocken ohne ihnen eine realistische Chance zu geben den Ball auch zu erreichen. Dann noch die Sache mit dem Alk, das könnte ja wirklich ich sein! 😀

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AS 5. Dezember 2014 um 09:49

Ahh…ich denke, ich verstehe deinen Ansatz. Du beschreibst tatsächlich die Pässe und deren folgende „Entwicklung“. Bei mir ist es quasi was bis zu dem Zeitpunkt passiert, da der Ball den Fuß verlässt. Diese elegante Perfektion, wie du sie auch nennst, wird schön auf der FCB Seite zusammengefasst: „Michael Laudrup, the kind of player that could play in a coat and tails. Providing sensational assists without so much having to lift an eyebrow.“

Aber vielleicht steht auch irgendwann auf seinem Grabstein: „Durch die sanfte Gewichtung und das flache Spielen erleichterte er seinen Mitspielern die Ballmitnahme oder den direkten Abschluss und verhinderte, dass nach Durchbrüchen die Dynamik der Szene verloren ging.“

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AS 5. Dezember 2014 um 09:50

bezieht sich auf MR weiter unten.

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DSDD 5. Dezember 2014 um 09:25

Ähnliche Situation gilt auch fuer Ganso, der wahrscheinlich aus den selben Gründen nicht in Europa landen wird.

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AlexF 5. Dezember 2014 um 09:01

Ich kannte ihn vorher nicht, aber scheint mir absolut ein Spieler für die Fußballromantiker unter uns zu sein, die noch den tödlich Pass lieben, dafür Lauffaulheit verzeihen. Erinnerte mich ein bißchen an Zwetchge Misimovic.

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BD 5. Dezember 2014 um 04:30

Noch mehr übertreiben bitte.

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MR 5. Dezember 2014 um 05:03

Welche Aussagen sind denn übertrieben? (Mit Begründung, wenns geht.)

Ich kann mir vorstellen, dass sich vieles übertrieben liest. Aber der Herr Valdivia ist eben auch eine absurde Figur, absurd gut vor allem. Habe alle Aussagen nach bestem Wissen und Gewissen verfasst.

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BD 5. Dezember 2014 um 17:39

Ich bin grds. der Meinung, dass es vom Nutzen wäre, wenn man hier etwas dosierter mit Superlativen umgehen würde.
Valdivia ist ein Spieler, den ich schon seit Jahren beobachte und sehr mag, aber ‚Weltklassezehner‘ ist deutlich zu hoch gegriffen, insbesondere weil er sich auf diesen Level bisher nicht beweisen konnte. Dem von dir genannten finanziellen Aspekt kann ich nicht zustimmen. In der Vergangenheit wurde große Summen für Durchschnittskicker wie Thiago Neves, Carlos Alberto etc. hingeblättert. Ergo kann man sagen, dass zumindest einige Vereine bereit gewesen wären Valdivia zu verpflichten. Ich denke da vor allem an Porto/Benfica/Sporting oder an bekannte Zwischenstationen für südamerikanische Spieler wie Udinese, Sevilla, Villarreal etc. Sein Verhalten neben dem Platz lässt btw. stark zu wünschen übrig.

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MR 5. Dezember 2014 um 19:46

Ich bin grds. der Meinung, dass unser Umgang mit Superlativen durchaus einen Nutzen hat. Solange das Argument „hat sich noch nicht bewiesen“ immer noch verwendet wird auf jeden Fall. Ich kann meine Bewertung eines Spielers nicht davon abhängig machen, welche Chancen ihm der Profifußball geboten hat. Ich sehe, was ein Spieler auf den Platz bringt und wenn das qualitativ einzigartig ist, dann hat er auch bewiesen, dass er qualitativ einzigartig ist. Mir reicht das als Beweis. Und dann ist das für mich eben Weltklasse.

Die Meinung muss man nicht teilen, aber den Status eines Spielers heranzuziehen, ist eben in meinen Augen genau der falsche Ansatz. Das ist ein massentaugliches Autoritätsargument und unterstreicht vor allem Voreingenommenheit. Der Status geht nun einmal häufig weit an den Qualitäten eines Spielers vorbei, aus vielen bekannten Gründen.

Sein Verhalten neben dem Platz kenne ich nicht, bin mir aber sicher, dass es nicht dazu führt, dass auf dem Platz angekommene Pässe nachträglich für ungültig erklärt werden. 😉 Insofern versteh ich den Einwand nicht. Ist doch nur ein weiterer nicht-qualitätsbezogener Grund für den fehlenden Durchbruch.

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BD 5. Dezember 2014 um 20:58

Nicht wenn man sie inflationär verwendet. 😉

Und was an dem „hat sich noch nicht bewiesen“-Argument auszusetzen ist, musst du mir auch mal erklären. Das ist nun mal der Fall. Die brasil. Serie A ist ganz okay, aber nicht zu vergleichen mit den europ. Top-Ligen. Und solange sich ein Spieler nicht in eine dieser Ligen über einen etwas längeren Zeitraum bewiesen hat, gehört er für mich nicht in die Weltklasse-Kategorie.

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MR 6. Dezember 2014 um 10:06

Damit kritisierst du einen Spieler für fehlende Leistung in einer Liga, in der er nie gespielt hat. Das ist ungefähr so, als ob man einem Musiker die Klasse abspricht, weil er noch nicht vor 50000 Leuten gespielt hat. Das ändert doch nichts an seiner Musik. Das ändert beim Fußballer doch nichts an seinen Fähigkeiten. Andernfalls könnte man ja auch nach Statistiken bewerten.

Das ganze „hat sich nicht bewiesen“-Argument, basiert auf der Prämisse, dass Spieler Fähigkeiten haben, die gg schwächere Gegenspieler funktionieren und gg stärkere nicht mehr. Das stimmt auch in der Effektivität, aber nicht in der Qualität. Und es ist kalkulierbar, weil man Effekt (also die augenscheinliche „Leistung“) und Qualität (also die zugrundeliegenden Fähigkeiten) voneinander trennen kann, wenn man genau hinsieht. Dass die meisten das nicht tun (oder nicht können? keine Ahnung), wird mich nicht davon abhalten, solange ich davon überzeugt bin, dass ich das kann.

@inflationäre Verwendung von Superlativen: Wir arbeiten hier an einem Adventskalender, für den sich Spieler qualifizieren, denen wir superlative Fähigkeiten zuschreiben. Und gerade denen wollen wir natürlich gerecht werden. Natürlich kommen da dann viele Superlativen bei rum, liegt in der Natur der Sache. Selection bias.

blub 6. Dezember 2014 um 11:36

Das Problem ist selbst das Argument „europäische Topliga“ funktiooniert ja nicht. Den selben kram sagt man ja bei (angefangenen) Bundesligaspielern auch. Serie A ist nicht mehr auf dem Niveau, das Topniveau ist nciht so hoch und alles recht langsam. spielt da jemand in Spanien und dann kommt “ alles Gülle außer Barca/Real“. Dann meint man ergo die PL und da performen bestimme spielertypen gut (Overmaas um ein historisches beispiel zu bringen) und andere schlecht (Kagawa).

Das Argument „europäische Topliga“ braucht man auch nicht, denn hier wird ja nicht auf z.B. die Torquote oder High-tempo dribblings eingegangen. Abläufe sind objektiv.

Gh 6. Dezember 2014 um 12:52

Wie ist eigentlich so das „Niveau“ der brasilianischen Liga?


Erkinho 5. Dezember 2014 um 00:48

Der „chilenische Messi“ oder heißt Messi eigentlich „argentinischer Valdivia“ ?
Die große Karriere ist’s nun leider nicht geworden, aber schön, dass ihr ihm ein Türchen schenkt.

Wer oder was den Sampaoli im besagten Achtelfinale ( MR !!!) geritten hat, ich weiß es nicht…echt unverzeihlich.

Zur Frage, ob Valdivia Neuner oder Zehner ist, kann es eigentlich nur eine triftige Antwort geben:

Weder noch, er ist „Valdivia“.

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blub 5. Dezember 2014 um 01:17

Der Unterschied zwischen Messi und Valdivia ist eine unglaubliche physis, die einfach ein paar absurde dribblings mehr erlaubt. Messi spielt(e) nicht immer ganz so sauber weil er eben die möglichkeit hat durch extreme tempowechsel manche situationen zu lösen, die valdivia verwehrt bleiben.
(man könnte böswillig sagen: Valdivia ist Messi ohne wachstumshormone…)

btw fällt mir grade auf das Chile-Brasilien das letzte WM-spiel ohne Analyse ist. schäm dich MR 😉

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Erkinho 5. Dezember 2014 um 01:32

Physis, Athletik, Agilität, Explosivität…südamerikanische Schule oder langjährige Hormonbehandlung…wer weiß das schon so genau?

Ich meine sogar, dass Alexis + Valdivia der bessere „Messi“ ist 😉

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MR 5. Dezember 2014 um 04:59

Ich seh Messi rein technisch schon auch noch paar Level krasser, Ballführung bei Geschwindigkeit und Schusstechnik vor allem. Reaktionsgeschwindigkeit wahrscheinlich auch, was in so ganz kleinräumigen Kombinationen noch hilft. Daher find ich den Vergleich auch nicht ganz so passend, weil sie einfach unterschiedlichen Fokus haben. Valdivia ist schon auf den Pass fixiert, während Messi eher so Dribbling-Scoring-Megamaschine ist, die nebenher noch paar tödliche Pässe einstreut, wenns mal passt.

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Gh 5. Dezember 2014 um 08:03

Messi schiesst aufs Tor als würde er hineinpassen, immer nur so stark, wie es die Situation erfordert. Der Torschuss ist für Messi eine Form des tödlichen Passes.

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Erkinho 5. Dezember 2014 um 09:53

Dribbling-Scoring-Megamaschine. Ja nee, is‘ klar.
Der Vergleich spielt da schon eher auf die Rollen an, die sie in ihren jeweils prominentesten Teams (chilenische Auswahl bzw. F.C. Barcelona) bekleiden, als auf ihre fußballerischen Fertigkeiten…
Valdivias Körper konnte wohl noch nie hundertprozentig umsetzen wozu sein Kopf imstande war…
Aber fast schon töricht anmutende Schnittstellenpässe aus’m Stand, nach dem er sich mal locker 35 Meter bis zur Mittelfeldline hat fallen lassen, waren bzw. sind der eigentliche Beweis für seine Genialität.
Ein wahrer Fußballfeingeist.

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CV 4. Dezember 2014 um 23:52

Sehr schön geschrieben. Halt echt bisschen schade, dass man sowas in Europa nie sehen wird. Weil hier anders ausgebildet wird und in Europa keiner die Eier hat, sich so einen inseltalentieren Ästheten zu angeln. Wäre aber ein hochinteressantes Experiment. Muss man eben nur richtig einbinden.

Koo morgen ist auch wieder so’n obvious-Ding. Wobei ich ja auch Baumgartlinger mag von Mainz. Aber ist halt kein Koo.

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LM1895 5. Dezember 2014 um 08:40

Oder vll Park?

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AS 4. Dezember 2014 um 22:59

„Ruhige, minimalistische, fast kraftlose Perfektion“
Das könnte so auf dem Kreuz stehen, an das Michael Laudrup seine Fußballschuhe gehängt hat.
Die Einleitung hört sich eh sehr nach ihm an (Timing und Gewichtung…so könnten auch seine zwei Söhne heißen), wobei der Vergleich zu Bergkamp natürlich genauso treffend ist.

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MR 5. Dezember 2014 um 00:14

Weiß nicht, ich find Laudrups Pass-Austrahlung anders. Der zeichnete sich doch noch mehr dadurch aus, dass er einfach unglaublich komplexe Pässe spielte, also Pässe, die fast unmöglich vorherzusehen waren und dann teilweise auch augenscheinlich sehr spektakulär waren. Ich verbinde mit Laudrup eine extrem elegante, regelrecht „edle“ und selbstverständliche Perfektion, die aber bei aller Leichtigkeit dennoch eine gewisse Wucht entwickelt. Die Pässe zeigen zum Tor, ziehen das Spiel zum Tor. Die Pässe von Bergkamp und Valdivia hingegen fallen einfach ins Nichts. Ist so ein bisschen wie der Unterschied zwischen Zauberei und Magie.

Ich hatte überlegt, ob ich schreibe, dass Valdivia Bergkamps Ästhetik in Laudrups Rolle bringt. Allerdings ist Laudrup dann irgendwie in manchen Punkten zu außerirdisch, sodass der Vergleich nicht hundertprozentig aufgeht.

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Spielverderber 5. Dezember 2014 um 13:39

Hab mir erst kürzlich wieder Bergkamp angeschaut und dabei besonders auf die 18m Chips und Volley Ballannahmen von 60m Pässen gefreut. Im nachhinein faszinieren die finalen Pässe mich aber immer noch mehr. Die kommen wie von Zauberhand immer genau so, dass der Passempfänger einen Ballkontakt weniger braucht als normal. Statt sich noch auf die Ballannahme zu konzentrieren, kannst du schon mal schauen wo der Torwart steht und wo dir überlegen wo der Ball hin soll. Klassischer Fall von „macht seine Mitspieler besser“.
https://www.youtube.com/watch?v=70X8goHkONk

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MR 5. Dezember 2014 um 15:18

Das haben Ian Wright und Thierry Henry in Bergkamps Buch übrigens auch explizit bewundert. Wright sagte, Bergkamp habe ihn 30% besser gemacht oder so.

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Erkinho 6. Dezember 2014 um 16:09

Bergkamp..technisch dermaßen klinisch, dass es schon teilweise unheimlich war..guess that’s why they called him „Iceman“..

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Maturin 4. Dezember 2014 um 22:44

Toller Beitrag über einen genialen Spieler!

Hat jemand von euch gestern das Finale der Copa Sudamericana verfolgt? Ich war da sehr angetan von den Pässen von Edwin Cardona, ist das erste mal das ich den so wirklich war genommen habe. Allgemein war das ein verrückter Auftritt mit 3er Kette und Halbverteidigern die einfach mal losdribbeln um Dynamik zu erzeugen, ein klasse Finale!

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MR 5. Dezember 2014 um 00:16

Danke für den Tipp, ich werd mal reinschauen.

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CST 5. Dezember 2014 um 14:21

Ich liebe den Südamerikanischen Fußball, aber wo kann man denn bei uns hier sehen?

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MR 5. Dezember 2014 um 15:18

Sport1+

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CST 5. Dezember 2014 um 17:39

Asoo, ja den krieg ich in Südtirol leider nicht…

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CE 5. Dezember 2014 um 18:39

Gibt aber eigentlich sonst noch ganz passable Lösungen, wo man sich selbst die Primera División von Uruguay anschauen kann. 😉

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MR 5. Dezember 2014 um 19:40

Sollte man eventuell auf einer deutschen Seite erwähnen, dass mit „bei uns hier“ gemeint ist „in Südtirol“. 😀

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CST 7. Dezember 2014 um 14:33

Haha, ja klar MR! Ist mir nachher auch aufgefallen 😀
@CE: Ich glaube ich weiß, worauf du anspielst 😉 Werde mir jetzt mal gemütlich über diesem Wege auf dem Sofa das (hoffentliche) „Sonntagsgebet“ von Swansea ansehen…


Gh 4. Dezember 2014 um 20:25

In welchem Team hätte man ihn denn gerne gesehen? Villareal?

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Lenn 4. Dezember 2014 um 20:13

Cooles Porträt eines fetzigen Spieler, danke dafür. Diese ansatzlos kommenden Pässe nach irgendwelchen Drehungen in den freien Raum, teils so halb übers Standbein sind schon sehr lässig, wenn auch dann logischerweise teils etwas unpräzise.

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Dr. Acula 4. Dezember 2014 um 19:48

„Doch der Fußball ist eben nicht fair. Er kann es nicht sein. Er ist zu sehr damit beschäftigt, hässlich zu sein.“

Gelungenes Batman-Zitat

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rotundblau 4. Dezember 2014 um 19:38

„Ist Valdivia hier Zehner oder falsche Neun“
Eine Frage, die ich mir schon ziemlich oft gestellt habe ohne zu einer Antwort zu kommen

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RM 4. Dezember 2014 um 20:22

Matías Manna meinte zu mir, Valdivia sei eine falsche Neun.

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