Island – Kroatien 0:0

Island: Eine Mannschaft, die so sehr Außenseiter ist, dass wir sie eigentlich mal analysieren müssen. Fast schon interessanter – da deutlich dominanter und präsenter – waren allerdings die Kroaten, die vor den Playoffspielen einen Trainerwechsel wegen mehr oder weniger klar erkennbarer Inkompetenz des vorherigen Coaches erlebten.

Niko Kovac bringt Struktur – ansatzweise

Seit dem Abgang des enorm umstrittenen Igor Stimac als Nationaltrainer hat der ehemalige Bundesligaprofi Niko Kovac die „Vatrenih“ übernommen. Dabei korrigierte er einige Aspekte im Spiel der kroatischen Mannschaft und passte sie leicht an. Ein wichtiger Aspekt war eine klarere Rollenverteilung der Bewegungen im Sturm, obgleich nach wie vor vieles im Argen liegt.

Die Spielweise war dabei ein relativ klassisches 4-4-1-1 als Variante eines 4-4-2, in welchem Eduardo sich aus der Tiefe in die Spitze bewegte und dann das Sturmzentrum besetzte. Mandzukic, der nominell höhere Spieler, pendelte immer wieder in die Halbräume, fungierte als Zielspieler und Anspielstation bei langen Bällen. Letzteres kam insbesondere dann zum Vorschein, wenn die Kroatien in der eigenen Hälfte den Ball eroberten und dann lange Bälle in die offensiven Halbräume auf Mandzukic schlugen.

Grundformationen zu Spielbeginn

Grundformationen zu Spielbeginn

Dieser Aspekt wurde auch im Pressing berücksichtigt. Die Kroatien formierten sich im 4-4-1-1 und Mandzukic presste die Innenverteidiger als erstes, während sich Eduardo im Sechserraum aufhielt und erst nach Mandzukic aufrückte, wenn dieser überhaupt ins Pressing ging. Dadurch konnten die Kroaten zwischen kurzen Druckphasen und einer passiveren, aber dafür stabilen Ordnung wechseln, in der Eduardo den Sechserraum zustellte. Mandzukic blieb dadurch höher und konnte seine körperliche Stärke einbringen. Eduardo als Zwischenstation für kürzere Pässe wurde allerdings kaum genutzt; wurde flach im Umschalten oder aus dem Spielaufbau heraus gespielt, dann lag der Fokus woanders.

Ein Spiel über die Flügel

Insbesondere beim Spielaufbau versuchten die Kroaten extrem viel über die Flügel auszumachen. Interessant war dabei die Rückkehr zu einem klassischeren Spiel über die Flügel: Spielten sie seit der Ära Slaven Bilics oftmals mit einrückenden und nominellen zentralen Mittelfeldspielern auf den Flügel sowie eher defensiven Außenverteidigern, so hatte Niko Kovac überraschend Ivo Ilicevic und Danijel Pranjic zurück in den Kader geholt. Pranjic übernahm die Position des Linksverteidigers, Ilicevic startete als Rechtsaußenstürmer.

Ilicevic hielt sich dabei fast durchgehend nach der rechten Außenbahn auf und machte das Spiel breit. Das Gleiche machte sein Gegenüber Ivan Perisic, wobei dieser deutlich auffälliger war, sich öfter freilief und stärker im 1-gegen-1 wirkte. Zusätzlich wurde er vom sehr offensiven Pranjic gut unterstützt, die beiden bildeten ein Pärchen und überluden mehrmals die Außenbahn.

Problematisch wurde es allerdings dann im letzten Spielfelddrittel: Hatten die Kroaten sich über ihre 2-1-3-4/2-3-3-2-Aufbauformation nach vorne kombiniert, dann wirkten sie etwas ideenlos. Zu oft kam die Flanke in die Mitte, anstatt sich mit einem Rückpass in den Zehnerraum neu zu formieren, die Isländer in die Tiefe zu setzen und über die strategisch wichtige Mitte neue Angriffsimpulse zu setzen. Dadurch wurden die Angriffe ausrechenbar und trotz zahlreicher Abschlüsse fehlte es an einer Großchance aus dem Spiel heraus.

Wurden die Flanken nicht abgeschlossen oder der Ball auf dem Flügel verloren, dann schalteten die Isländer gut um – sie zeigten sich pressingresistent und schnell im Umschaltspiel, wodurch sie einige Male nach vorne kommen konnten. Die Kroaten konnten aber dank guter Staffelung und Modric mit Rakitic im Sechserraum als Absicherung die meisten Angriffe früher oder später abwürgen. Dennoch ging es auf beiden Seiten viel über die Flügel, ohne dadurch nennenswerte Kombinationen zu erzeugen. Allerdings zeigten sich die Kroaten nach dem Seitenwechsel verbessert.

Neue Mechanismen bei Kroatien – nur Folge der Überzahl?

Nach dem Seitenwechsel zeigten sich die Favoriten noch dominanter: Im Gegenpressing agierten sie aggressiver, Modric und Rakitic orientierten sich weiter nach vorne, es wurden mehr lange Diagonalpässe aus der Mitte in die offensiven Halbräume gespielt und die Flügelstürmer rückten deutlich mehr in die Halbräume, wodurch sich die Pärchenbildung auf den Flügeln verändern sollte.

Allerdings ist fraglich, ob das alles zur Halbzeit schon geplant war oder ob es eine Folge der roten Karte Islands und der kroatischen Überzahl war. Dier Halbzeitwechsel Olic für Ilicevic deutet zwar darauf hin, aber reicht nicht als endgültiger Beweis. Fakt ist aber, dass Kroatien sich deutlich verbessert wurde, die Stukturen noch eine Stufe besser waren und sie Island mehr Probleme bereiteten.

Wichtig hierbei dürften auch die freieren Bewegungen Rakitics und Modrics gewesen sein. In der ersten Spielhälfte waren sie relativ starr gewesen: Rakitic bewegte sich als tieferer Sechser vor der Abwehr auf Höhe der Schnittstelle zwischen den beiden Innenverteidigern, Modric agierte vertikal versetzt vor ihm. Dadurch konnte Modric im Aufbauspiel kaum Präsenz entfalten, die beiden Sechser versperrten die Passwege auf ihn und einer der beiden Sechser im isländischen 4-4-2 orientierte sich in einer mannorientierten Raumdeckung ebenfalls an ihm. Dies war ein Mitgrund, wieso bei Kroatien so viel über die Flügel ging. Sie hatten schlicht kaum Präsenz im Sechser- und Zehnerraum, wodurch ihnen die nötige Durchschlagskraft fehlte.

Erst nach der Halbzeit veränderte sich das. Modric pendelte nun stärker zwischen den Halbräumen, beide Sechser tauschten manchmal ihre Rollen und rückten weiter nach vorne auf. Mit den einrückenden Außenstürmern und dem nicht mehr so in die Hohe ziehenden Eduardo hatten sie deutlich mehr Präsenz. Die rote Karte für Island hatte diesen Effekt nur noch verstärkt. Island verteidigte im 4-4-1, wodurch Rakitic nahezu gezwungen wurde, stärker auf die Halbräume zu gehen. Im Verbund mit Modrics Reaktion darauf sowie den schon geschilderten Änderungen der Stürmer entstand eine deutlich bessere Ballzirkulation.

Die Gastgeber wehrten sich allerdings keineswegs schlecht dagegen; schon vor dem Platzverweis hatten sie einige interessante Aspekte gezeigt.

Island spielerisch unterlegen, aber taktisch interessant

Das Interessanteste dabei war, dass sich die Isländer nicht durch die typischen Eigenschaften eines Underdogs definierten. Sie standen zwar eher tief und agierten in einem 4-4-2-System, waren dabei aber gruppentaktisch sauber, spielten kompakt und konnten mehrmals durch schnelles Umschalten Angriffe fahren oder Konter verhindern.

Besonders stark war dabei das Rückwärtspressing in höheren Situationen. Mehrmals konnten der spielstarke Rakitic und Mr. Pressingresistenz Luka Modric durch überraschend, dynamische und körperbetonte Zweikämpfe von hinten bedrängt und vom Ball getrennt werden. Nach Ballgewinnen konnten die Isländer sich auch überraschend pressingresistent und auch kombinationsstark zeigen, aber wie beim Pressing und Gegenpressing schien es an individueller Klasse mangeln; sie verloren einige Zweikämpfe umsonst, konnten nicht alle Angriffe sauber zu Ende spielen oder waren im Gegenpressing etwas ungestüm, was zu Fouls führte.

Nach dem Platzverweis blieben sie ihrer Linie treu: Eine kompakte Formation, aggressives Pressing bei Pässen in die Formation, Kombinationsversuche und saubere Umsetzung der taktischen Grundbewegungen wie dem Verschieben. Im Abwehrpressing wurde die Formation zu einer Art 4-4-1-0/4-5-0, man machte die Räume im defensiven Zwischenlinienraum sehr eng und suchte konstruktive Konter ohne blinde lange Bälle. Vereinzelt konnte man eben deswegen die Kroatien in ihre Hälfte reindrücken, sich entlasten und letztlich ein 0:0 erkämpfen. Selbst Kovacs letzter Schachzug, den sehr schnellen und variablen Rebic auf links zu stellen und den kopfball- wie abschlussstarken Perisic statt Eduardo in die Mitte zu ziehen, konnte das Ergebnis nicht ändern – obwohl es zur größten Chance des Spiels führte, als Perisic eine Ablage Mandzukics knapp neben den Pfosten setzte.

Fazit

Die Kroaten konnten trotz einer Verbesserung der taktischen Grundmuster in der zweiten Hälfte kein Tor erzielen. Sie hatten mit 6:0 Torschüssen zwar die klare Überlegenheit, aber es mangelte an der nötigen Umsetzung, den passenden Strukturen und letztlich auch etwas Glück gegen sich diszipliniert und intelligent verhaltende Isländer, welche den Kampf annahmen – um ein schönes Klischee über Underdogs zu bedienen, welches in Teilen sogar stimmte.

HSV 16. November 2013 um 01:09

Mal eine Frage zu einem anderem Thema( ich weiß nicht wo ich sonst stellen soll). Könnt ihr mal einen Artikel zu Standarts( vorrallem gegen einen selber) verfassen? Zum Beispiel ist die Anordung der Bayern interessant. Welche Theorie würdet ihr SV-Autoren favorisieren? Vielleicht würde das Thema ja auch andere Leser interessieren 🙂

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CF 16. November 2013 um 13:02

Meinst du Thema Raumdeckung oder Manndeckung bei Standards?
Ist viellecht etwas zu kurz. https://spielverlagerung.de/2013/06/07/niederlande-u21-deutschland-u21-32/#comment-41626 in den Kommentaren gibt es eine interessanten diskussion zu Manndeckung oder Raumdeckung bei Standards.

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blub 16. November 2013 um 00:03

Auch wenn ich Island die Daumen drücke frag ich mich bei der Aufstellung doch warum Kroatien keinen richtig guten Fußball spielt. Gerade mit Illicevic RA und Srna als ersatz-Lahm sollte da doch was gehen…

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