Adventskalender, Türchen 15: Max Kruse.

Wenn mich jemand nach dem größten Highlight meiner Fußballerkarriere fragt, gibt es zwei Antworten. Da wäre zum einen mein Debüt in der ersten Senioren-Mannschaften, als ich in der 75. Minute eingewechselt wurde und in der 81. mit glatt Rot vom Platz flog (es war natürlich eine Fehlentscheidung!).

Zum anderen nutze ich gerne den BIRG-Effekt und erzähle, wie ich in meiner Jugend gegen Max Kruse gespielt habe. Nicht dass ich mich an ein konkretes Aufeinandertreffen erinnern könnte – aber dadurch, dass wir beide Jahrgang 1988 sind und er seine Jugend nur wenige Kilometer von mir entfernt verbrachte, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass wir uns auf irgendeinem weihnachtlichen Dorf-Hallenturnier begegnet sind. Doch während ich es mit meinen bescheidenen Fähigkeiten nur zum Pseudo-Internetexperten gebracht habe, ist Max Kruse mir um einiges voraus – er ist zu einem wichtigen Spieler in einem der spannendsten Teams der Saison aufgestiegen.

Kruses Weg

Max Kruse kam im beschaulichen Reinbek zur Welt, an der Schnittstelle zwischen Hamburger Vorstadt und dem Villenviertel im Hamburger Osten. Seine Jugend verbrachte er zunächst beim TSV Reinbek, ehe er zum SC Vier-und Marschlande wechselte. Die Mannschaft um Kruse und Martin Harnik erlangte im Norden Bekanntheit, als sie in die A-Jugend-Bundesliga aufstieg. Die Scouts aller Nordklubs gaben sich die Klinke in die Hand. Am Ende der Saison ging Kruse zusammen mit Harnik nach Bremen – und das, obwohl er eigentlich HSV-Fans war.

Bei Werder schaffte Kruse den Sprung in den Profikader, machte allerdings nur ein Spiel unter Thomas Schaaf. Er beschloss, zugunsten von mehr Einsatzzeit in die zweite Liga zu wechseln – zum FC St. Pauli. Seine Zeiten als HSV-Fan waren da schon vergeben und vergessen. Im braunen Dress entwickelte er sich unter Trainer Stanislawski schnell zum Stammspieler und Leistungsträger. Wahlweise ließ er sein Talent als Zehner oder als Achter aufblitzen. Zusammen mit dem FC St. Pauli stieg er auf – und daraufhin wieder ab.

Seine große Stärke ist seine Willensstärke, auch wenn er sich diese nach eigenen Angaben erst antrainieren musste. So ging er im vergangenen Jahr in ein persönliches, selbst finanziertes Trainingslager, noch bevor die Saison für seine Mannschaft begann. Er spielte prompt eine starke Hinrunde und bewarb sich für höhere Aufgaben. Es war der SC Freiburg, der sich die Dienste von Kruse letztendlich sicherte.

Kruses Teil in Streichs System

Der Freiburger Trainer Christian Streich gab Kruse eine neue Rolle: Zuvor lief Kruse zumeist als Mittelfeldspieler auf, in Freiburg agiert er hingegen als Stürmer – zumindest theoretisch, denn Freiburgs System punktet vor allem mit einer hohen Flexibilität. Kruse genießt daher in der Offensive viele Freiheiten und weicht auf die Flügel aus oder fällt zurück. Diese Saison überzeugt er vor allem durch sichere Ballannahmen und ein präzises Passspiel – zwei Eigenschaften, die er in der Vergangenheit manches Mal vermissen ließ.

Kruse ist dementsprechend kein typischer Stoßstürmer, der im Strafraum auf Zuspiele lauert. Er steht vielmehr für einen neuen Typ Stürmer: am Ball spielerisch stark, ohne Ball aggressiv und mit viel Leidenschaft. So sind es vor allem seine Fähigkeiten im Pressing, die ihn für Streich so unverzichtbar machen. Kruse hat schneller als manch anderer Transfer das System Streichs verstanden und kam daher in allen Bundesligapartien zum Einsatz.

Aber auch seine Schnittstellenpässe sind für die Freiburger bei ihren schnellen Kontern sehr wichtig. Als gelernter Mittelfeldspieler verfügt er über ein hohes Maß an Spielintelligenz. Er spielt laut Whoscored.com mehr „Key Passes“ als jeder andere Spieler Freiburgs. Auch wenn diese Kategorie sehr schwammig ist, ist die Tatsache, dass nur fünf Bundesliga-Spieler mehr solcher Pässe gespielt haben, ein Indiz für seine Stärke bei entscheidenden Pässen.

Kruse ist einer der Durchstarter dieser Saison. Vom Zweitligaspieler zum Leistungsträger bei einem der interessantesten Bundesliga-Klubs dieser Saison – nicht jeder Spieler kann dies von sich behaupten. Und wenn er jetzt auch noch vor dem Tor abgeklärter und präziser wird, kann er sich in der Liste „beste Stürmer der Bundesliga“ weit nach oben arbeiten.

Article by TE

TEs Taktikleidenschaft erweckte Mourinhos Chelsea. Seitdem favorisiert er schnell umschaltende Teams. Bei Spielverlagerung kümmert er sich hauptsächlich um die Bundesliga und die Nationalmannschaft. Er ist auch bei Twitter aktiv unter @TobiasEscher.

6 Comments

  1. 4
    GoalImpact says:

    @Slarti
    Du hast natürlich vollkommen recht. Nicht jeder gute Spieler passt auch zu jedem Spielsystem.

  2. 3
    GoalImpact says:

    Volle Zustimmung. Max Kruse ist ein Leistungsträger bei Freiburg und auch gut genug in stärkeren Mannschaften Stammspieler zu werden. Bestnoten bekommen bei mir noch die Freiburger Mensur Mujdza, Sebastian Freis, Fallou Diagne und Matthias Ginter.

    • 3.1
      slarti says:

      Vielen Dank für das prima Spielerporträt – und pass nur auf, daß du nicht gelegentlich auf der anderen Seite des BIRG auftauchst !^^
      @GoalImpact : Man muss ein bisschen vorsichtig sein, freiburger Leistungsträger anderen (“besseren”) Vereinen zu empfehlen. Klar ist Kruse ein toller Spieler mit speziellen Fähigkeiten, aber es ist unklar ob er diese bei einem ambitionierten Verein mit weniger speziellem System auch einbringen könnte.

  3. 2
    laterookie58 says:

    !!! SPAM- Schutz fehlt !!!

    @ TE : als alt- eingesessener Leser darf ich mir mal etwas “heraus nehmen”: Deine Fähigkeiten sind alles andere, aber nicht bescheiden !!! “Pseudo- Internetexperte” würde eine maulende Partnerin sagen, wenn man sich mal wieder zum Fußball verabschiedet– ich glaube nicht nur für mich zu sprechen, wenn ich mich über die taktischen Finessen, die große Wortgewalt zum Thema Fußball- Taktik in gut verständlicher Form uns angeboten von einem 1988- Jahrgang verneige !
    Ich lese Fußball, Taktik und das, was dafür ausgegeben wird, seit fast 50 Jahren sehr, sehr aufmerksam. Etwas rechts von “tief im Westen” aufgewachsen, ging das gar nicht anders.
    In besagten fast 50 Jahren gibt es nur wenige, die Dir in der Themen- Darstellung “Fußball- Taktik, Analysen etc.” nahe kommen bzw. gelegentlich gleichziehen: die Mitstreiter bei spielverlagerung… !

    Da neben Mainz auch St. Pauli von mir hoch geschätzt wird, ist mir M. Kruse in etwa bekannt. Ich war, weil nicht gut genug informiert über den Fußballer, über den Wechsel zu Freiburg/ Streich mit ihren sehr speziellen Anforderungen an einen Spieler, sehr verwundert.
    Ich habe ihn natürlich bislang brilliant spielen sehen und nach diesem heutigen Portrait weiß ich endlich auch, warum das so ist…

    Klasse Recherche; großartig geschrieben! Danke für Deine Zeit und Deine Mühe für uns!!! laterookie58

  4. 1
    James says:

    War klar, dass es Kruse trifft, aber trotzdem schönes Porträt eines Spieler der wirklich enorm wichtig für den SC ist

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