Adventskalender, Türchen 3: Mike Hanke

Seit Lucien Favre zu Beginn dieses Jahres das Zepter bei Borussia Mönchengladbach übernommen hat, hat sich einiges getan bei den Fohlen. Als aktueller Tabellenzweiter geht man in das heutige Topspiel gegen den Namensvetter aus Dortmund und spielt in dieser Saison einen hervorragenden und mitreißenden Fußball.

Mike Hankes Profilbild auf bundesliga.de

Ausdruck dieses Spielstils der Gladbacher ist das Riesentalent Marco Reus mit seiner dynamischen und unaufhaltsam wirkenden Spielweise mit Toren, Sprints und Sololäufen. Doch nicht nur die Nordtveits und Neustädters, die die enorme Defensivstärke der Mannschaft ermöglichen, stehen extrem wenig in der Öffentlichkeit, sondern auch ein Mann, der ganz entscheidenden Anteil an den Auftritten von Marco Reus hat: Mike Hanke.

Von vielen wurde belächelt, dass ein Spieler wie er es in die Nationalmannschaft geschafft hatte. Bei allen seinen Stationen wurde er für mangelnde Torgefahr kritisiert und früher oder später nicht mehr berücksichtigt und abgegeben. Anstatt seiner sportlichen Leistungen wurde er immer in Verbindung gebracht mit seinem kurios-spektakulären Tor vom Anstoßpunkt im April 2004. Hanke schien nirgendwo richtig glücklich werden zu können, seine Karriere schien de facto gelaufen, da perspektivlos, bis sich Borussia Mönchengladbach meldete und kurze Zeit später dann Lucien Favre Trainer wurde.

Unter dem Schweizer ist Hanke zum Stammspieler, Leistungsträger und unumstrittenem Puzzleteil im Mannschaftskonstrukt geworden. Er spult zahlreiche Kilometer ab und reibt sich für die Mannschaft auf, erledigt seine defensiven Arbeiten auch qualitativ sehr gut und stört die gegnerischen Spieler entscheidend im Spielaufbau.

Diese Eigenschaften macht sich Favre zunutze, um die große Schwachstelle seiner 4-4-2-Formation zu kaschieren: Hanke läuft mit enormem Aufwand das Loch zwischen den recht tief stehenden defensiven Mittelfeldspielern und dem Sturm zu, so dass dieser Raum nicht vom Gegner besetzt werden kann und eine Verbindung nach vorne vorhanden ist. Durch seine Athletik und Robustheit bietet er hier eine konstante und sichere Anspielstation, die die Bälle wahlweise zuverlässig prallen lassen und damit die extrem dynamischen nachstoßenden Kollegen perfekt in Szene setzen oder die Bälle halten und dann mit der nötigen Ruhe, technischen Qualität und Spielverständnis verteilen kann.

Insbesondere zu Marco Reus ist in diesem Zusammenhang eine besondere Beziehung auszumachen, die man je nach Gegner und Aufstellung gar schon als Pärchenbildung bezeichnen könnte. Als Reus noch auf dem rechten Flügel zum Einsatz kam, tendierte Hanke ebenfalls auf diese Flanke hin und ließ sich fallen, um für Reus bei seinen diagonalen Läufen zum Tor hin durch die Gegensätzlichkeit der Laufwege Raum zu verschieben und eine Option für den Doppelpass zu bieten – Reus dribbelt an, Hanke schirmt den Ball ab und legt ihn wieder zurück auf Reus, der in höchstem Tempo an Hanke vorbeigeht und dann höher steht, den Ball durch diese Art der Kombination gerade rechtzeitig vor dem Gegner mitnehmen und seinen Geschwindigkeitsvorteil so maximieren kann. Dieses dynamische und vertikale One-Touch-Spiel ist die Verkörperung des Favre-Fußballs – und genau deshalb ist Hanke so wichtig für Mannschaft und System und genießt ein derart hohes Standing beim Trainer, obwohl man vielleicht erwarten würde, dass ein eher langsamer und wenig durchschlagender Stürmer alles andere als passend bei einem dynamisch stürmenden Team sei.

Nun mag man denken, dass ein Sturmduo aus Reus und dem etwas tiefer stehenden Hanke – wie es derzeit angewandt wird – nicht nur Ersterem weniger Raum als auf den Außen ermöglichen, sondern auch genau die obige Stärke der bisherigen Zusammenarbeit unmöglich machen würde, doch in Wirklichkeit ist es eine Weiterentwicklung dieser Partnerschaft. Reus ist nun näher am Tor und könnte in eine mögliche Paraderolle als Falsche 9 hineinwachsen, die quasi sein altes aus der Tiefe kommendes Spiel mit jenem eines dynamischen Stürmers kombinieren würde. Grundsätzlich würde Hanke als Anspielstation dienen und alle möglichen Löcher stopfen, doch ebenso müsste er die offensive Last genau dann von Reus´ Schultern nehmen, wenn dieser sich fallen lässt, damit er dann die vollendeten Bewegungsabläufe der Falschen 9 vollziehen kann – fallen lassen, im zweiten Drittel beteiligen, drehen und mit Tempo wieder vorstoßen, genau hier käme Mike Hanke ins Spiel, der mit Reus genau jene Synergien bilden könnte, wie sie es bisher als äußerer und hängender Stürmer taten.

Mike Hanke ist einer der Stürmer, die Trainer schwärmen lassen, von vielen aber nicht groß beachtet werden. Der Ex-Schalker ist der Arbeiter im Hintergrund, der sich komplett in den Dienst der Mannschaft stellt, auch wenn er aktuell scheinbar etwas mehr an Aufmerksamkeit erhält. Doch es ist zu vermuten, dass Hanke dies nicht so wichtig ist, die innere Genugtuung und die Freude über den Erfolg dürften ihn zufrieden stellen.

Es gibt ein Sinnbild für seinen Teamplayer-Charakter: Trotz einer Rasenallergie, die nach jedem Spiel Reizungen und Schmerzen verursacht, kämpft und arbeitet er verbissen für das Kollektiv.

Nkono 4. Dezember 2011 um 15:11

Überaus gelungen. Ich freue mich auf die Artikel über Jantschke, Nordtveit, Daems und Neustädter.

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finanztrend 4. Dezember 2011 um 14:27

Im Gegensatz zu vielen , trefft Ihr „den Nerv der Sache“ überaus häufig. Wieder mal ein sehr guter und zutreffender Artikel über „meine Gladbacher“.

Vielen Dank für diesen guten QUALITÄTSJOURNALISMUS!

Chapeau, das Blog ist inhaltlich absolut LESENSWERT und grenzt sich eindeutig vom boulevardesken Journalismus und auch gleichzeitig vom gegenseitigen Abschreiben ab.

DANKE dafür, verbunden mit der ausdrücklichen BITTE nach einem „WEITER SO!“

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Alliser 4. Dezember 2011 um 01:15

Eines vorab: ich habe eure Seite erst vor einigen Wochen entdeckt, aber besuche sie seitdem regelmäßig, weil ich extrem über den hohen Faktengehalt und die geringe Polemikdichte erfreut bin. Das macht selbst mir, als jemand der sich in den letzten Jahren mehr und mehr vom Stadion und dem Live-Fussball abgewendet hat, ungeheuer viel Spaß. Weiter so! Ich hoffe, ihr könnt dieses Niveau halten und wünsche euch, daß sich diese Seite auch lohnt, abhängig von eurem Ziel. Tolle Arbeit!

Was ich aber fragen wollte: Woher stammen eigentlich die Fotos? Da die bisher alle den gleichen Aufbau haben, sieht das ja eher nach Liga- als nach Vereinsfotos aus.

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Andre 4. Dezember 2011 um 12:06

Steht doch drunter, von bundesliga.de 😉

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morph0se 4. Dezember 2011 um 12:14

Die Spielerfotos stammen der Bildunterschrift zufolge von Bundesliga.de, genauer gesagt: http://www.bundesliga.de/de/liga/clubs/bor-moenchengladbach/index.php?firsttab=kader&player=19845 .

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Alliser 4. Dezember 2011 um 16:12

:ächz:

Ja, sorry und danke ihr beiden.

Mannmannmann.

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Jojo 3. Dezember 2011 um 18:29

Da habt ihr ja ein feines Näschen bewiesen 😉

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laterookie58 3. Dezember 2011 um 18:18

@TR: Aus Zeitgründen zwei Tage Euch mal nicht genossen und schon wieder ein neues echtes Geschenk an uns Fußball- Liebende… Du hast doch auch nur 24 Stunden am Tag und auch nur zwei Augen…–wie Du die bisherigen „grauen Mäuse“ (eigentlich völlig falscher Begriff!) herausgepickt hast; echte Analyse- Arbeit vom Allerfeinsten. Ich verfolge Fußball seit fünf Jahrzehnten. Erst bei der Benennung der drei bisherigen Spieler wurde mir bewußt, wie sehr sie–trotz teils heraus ragender Leistungen– nicht registriert werden; außer vom Trainer.
Nochmals vielen Dank und ich freue mich schon auf die noch fehlenden 21 und habe mit Spekulieren begonnen…

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laterookie58 4. Dezember 2011 um 16:57

@alle“Schreiberlinge“: mit der Bitte um Entschuldigung= IHR habt doch auch nur 24 Stunden…; wie IHR die bisherigen „grauen Mäuse“…. Im Hochgefühl der Euphorie auf eine Person geschrieben!!! Tut mir leid– IHR alle leistet Hervorragendes, wie die Antworten täglich bestätigen!!!

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