Szenenanalyse: Eine Geschwindigkeitsstudie des dänischen Kombinationsspiel – SR
St. Gallen ist aus der Conference League Qualifikation ausgeschieden. Enrico Maassens Team verliert zu Hause mit 3:2 und scheidet mit 4:2 Gesamtskore somit in der letzten Runde vor der Gruppenphase bitter aus. Die Mannschaft opferte sich auf und spielte sogar eine Halbzeit mit einem Mann in Unterzahl gut mit. Doch die Dänen verfügten über technisch starke Spieler und waren gut auf das Mann-gegen-Mann-Pressing eingestellt. Wie? Weshalb? Wird anhand einer Szene in der 12. Minute genauer beleuchtet.
Nordsjaelland bereitet sich vor
Die Dänen bauten aus einem 3-4-3, mit einer mittleren Torhüterkette auf. St. Gallen versuchte dem mit einem 3-5-2 entgegenzuwirken. In dieser Situation wirkte es mehr wie ein 5-4-1, da die Flügelverteidiger von Nordsjaelland hoch aufgeschoben sind und die Halbverteidiger, aufgrund der Torhüterkette extrem breit schoben. So mussten sich Achter Witzig und der rechte Stürmer Baldé nach Aussen orientieren.
Stürmer Hunziker versuchte Salquist mit einem horizontalen Pressingwinkel anzulaufen, dass dieser Torhüter Hansen nicht anspielen konnte. Alle St. Galler bewegten sich nah an ihre Gegenspieler heran, um ihnen Raum zum aufdrehen zu nehmen.
Salquist täuschte einen Pass auf den rechten Sechser Jansen an. Görtler wurde davon so sehr in die Irre geführt, dass er den vertikalen Pressingwinkel auf Röjkjaer aufgab und die innere Spur verteidigen wollte. Seine Orientierung in die Mitte wäre eigentlich nicht nötig gewesen, da seine Mitspieler, alle Optionen in diese Richtung gut abdeckten. So wurde sein Pressingwinkel auf Röjkjaer verlängert und war nicht mehr vertikal von hinten sondern horizontal. Röjkjaer hatte nun mehr Zeit und Raum.
Er konnte von Salquist angespielt werden. Bemerkenswert in dieser Szene ist, wie passiv St. Gallen war. Hunzikers Lauf auf Salquist war schon bedacht, doch Görtler lief Röjkjäer nur zögerlich an und Baldé verharrte in seiner Position, obwohl er aufgrund der nahen Distanz viel Druck hätte ausüben können. Dadurch hatte der ballführende Sechser noch mehr Zeit, um seine Optionen abzuwägen. Er spielte den Pass auf Aquah. Dies sollte eine Reihe von Reaktionen auslösen.
Geschwindigkeit, Winkel, und Körperausrichtung passen
Die Dänen machten sich die Nachteile einer Manndeckung zunutze: 1. Man hat einen zeitlichen Vorteil gegenüber seinem Gegenspieler, da dieser auf die Bewegungen reagiert. 2. Man kann bestimmen, wo sich der Gegner hin bewegt und so Raum kreieren.
Beim Pass auf Aquah, begann Baldé sein Pressing. Norheim und Adel, verschoben ballnah und zogen ihre Gegenspieler mit sich. Röjkjaer schob im Halbraum durch und zog Görtler mit . Aufgrund seiner guten Vororientierung, Baldés zurückgezogener Startposition, der diagonalen Richtung seines Pressings, hatte Aquah einen guten Passwinkel auf Norheim. So war der Pass auf ihn relativ einfach. Der linke Flügelverteidiger kurvte seinen Lauf, so dass seine Körperausrichtung diagonal in die Mitte zeigte, sobald der Pass von Aquah ankam. Deshalb und aufgrund seines guten Scannings konnte er seinen Pass perfekt mit seinem rechten Fuss per 1. Kontakt auf Adel spielen. Dadurch kam Vandermersch gar nicht erst in den Zweikampf. An dieser Stelle ist anzumerken, das Vandermersch etwas zu weit entfernt von Rösjkjaer war und deshalb, aufgrund der verspäteten Aufnahme von Norheims Lauf, trotz einer hohen Geschwindigkeit, nicht mehr in den Zweikampf kam. Der Raum hinter ihm wurde so noch viel grösser.
Währenddessen, beim Pass von Aquah auf Norheim, beschleunigte Röjkjaer seinen Lauf im Halbraum und hatte einen leichten Vorsprung zu Görtler. Dieser hatte auch aufgrund der Täuschung zuvor, kaum Zugriff auf den linken Sechser. Adel bot sich ballnah an und konnte aufgrund seiner Stellung, alles ohne grosses Scanning beobachten und konnte zwischen allen möglichen Optionen entscheiden, welche die beste wäre. Er konnte so den Ball auf den durchstartenden Röjkjer mit dem 1. Kontakt ablegen, Marques konnte so ebenfalls nicht in den Zweikampf kommen. Der Pass von Norheim auf Adel, war dabei etwas zu scharf, weshalb die Ablage von Adel auf Röjkjaer etwas zu weit geriet. Dennoch hatte Nordsjaelland das gesamte Mann-gegen-Mann-Pressing der St. Galler im nu überspielt und konnte sich so eine gute Chance herausspielen. Dabei kam ihnen ein physikalischer Effekt zugute.
Exkurs: Relative Annäherungsgeschwindigkeit
Gegenbewegungen sind im Fussball seit Ewigkeiten ein probates Mittel. Zum Beispiel wird ein Innenverteidiger durch eine Falsche Neun herausgezogen und ein Flügelstürmer startet in den geöffneten Raum.
Interessant ist, dass der Raum, der dabei vom Innenverteidiger und des Flügelstürmers schneller überbrückt wird, als wenn sie sich in dieselbe Richtung bewegen würden.
Wenn sich der Innenverteidiger mit 25 km/h bewegt und der Flügelstürmer mit 30 km/h, bewegen sich beide mit etwa 55 km/h aufeinander zu. Dies gilt für den Fall, dass sie sich auf derselben Bewegungslinie aufeinander zubewegen. Verläuft der Lauf des Flügelstürmers diagonal, verhält es sich aufgrund der unterschiedlichen Bewegungsrichtungen etwas anders. Für das Verständnis des Konzepts reicht dieses vereinfachte Beispiel jedoch aus. Der Raum, den der Flügelstürmer besetzen wird, wird dadurch schneller überbrückt, beziehungsweise der Innenverteidiger hat weniger Zeit zu reagieren. Haben sich beide Spieler gekreuzt, wächst die Distanz zwischen ihnen wiederum schneller. Ein Spieler kann bei einer Gegenbewegung also mehr Raum in kürzerer Zeit überbrücken.
In der oben besprochenen Szene hat Norsjaelland zwei Fliegen mit einer Klatsche geschlagen. 1. Wurde mit dem ballorientierten Verhalten von Adel und Norheim Raum in der letzten Linie von St. Gallen gezogen. 2. Hat man mit Adel, Norheim und Röjkjaer eine Gegenbewegung kreiert, wodurch Röjkjaer schneller den geöffneten belaufen konnte.
In Kombination mit dem Timing von Röjkjaer, dem mangelnden Zugriff von Görtler und den One-Touch-Pässen von Adel und Norheim konnte sich Norsjaelland durch Geschwindigkeits- und Timingvorteile durch das Pressing der St. Galler kombinieren.
Fazit
An dieser Szene lässt sich nicht das ganze Spiel ableiten. Insgesamt hatten die Dänen jedoch einen interessanten Ansatz gegen das Pressing der St. Galler und waren auf der anderen Seite gut gegen das Spiel der Ostschweizer eingestellt. Dennoch hätte St. Gallen das Spiel gewinnen können, hätte Stevanovic nicht die Gelb-Rote Karte erhalten.
Nach noch einer Analyse eines Schweizer Spiels folgt danach mehr Bundesliga und Internationaler Content. Versprochen! Wenn ihr ein Spielzug genauer untersucht haben wollt. Schreibt mir einfach auf X.
SR ist fasziniert vom Fussball und dessen Funktionsweise. Er will die Mechanismen der schönsten Nebensache der Welt ergründen und ist immer offen für Feedback und Diskussionen.


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