Szenenanalyse: Basel findet die Überzahlen – SR
Basel gewinnt den Schweizer Klassiker in Zürich wieder einmal spät mit 2:1. Stephan Lichtsteiner, der trotz drei Siegen in vier Spielen bereits unter Druck steht, dürfte erleichtert sein. Seine Taktik und deren Anpassungen haben ihre Wirkung gezeigt und ein defensiv gut eingestelltes Zürich bezwungen. In der Analyse, werden die Wechselwirkungen zwischen Zürichs Defensivansatz und Basels Ballbesitz mittels einer Beispielszene behandelt.
Die Heimmannschaft lief in einem 4-2-3-1-System auf. Lindner stand im Tor. Walker, Hack, Kamberi und Hodza bildeten die Viererkette vor ihm. Krasniqi, eigentlich nomineller Zehner startete neben Schödler im defensiven Mittelfeld. Reichmuth agierte auf der Zehn vor ihnen. Mit Spadanuda und Umeh kamen die Zürcher mit viel Tempo über die Flügel. Kény agierte als Wandspieler und sollte Bälle festmachen und ablegen.
Lichtsteiner liess seine Mannschaft im 4-1-4-1 auflaufen. Salvi stand für den immer noch angeschlagenen Omlin im Tor. Cissé, Victory, Daniliuc und Tsunemoto starteten in der Verteidigung. Das zentrale Mittelfeld war, bestehend aus Malachowski und Metinho als Achter und Omeragic als Sechser, technisch sehr stark. Olaigbe und Sow sollten mit Tempodribblings die Flügel aufwirbeln, während Celar als Ablagestation agierte.
Basel findet das Spiel über den Dritten.
Die „Bebbi“ bauten bei eigenem Ballbesitz aus einer 2-3-2-3/ 2-3-5-Struktur mit breitstehenden Aussenspielern auf. Dadurch wurde die Zürcher Mannschaft horizontal auseinandergezogen. Flügel und Aussenverteidiger der Heimmannschaft orientierten sich sehr nah an ihren direkten Gegenspielern, um ihnen keine Zeit zu lassen. Ebenso agierte das zentrale Mittelfeld, das eng an den Achtern der Basler blieb. In der Abwehr war Zürich +1, was für zusätzliche Absicherung sorgte. Kény musste dann allein in vorderster Front anlaufen. Er löste das Pressing bei Querpässen auf Daniliuc aus und versuchte das Feld zu teilen, während Reichmuth Omeragic decken sollte. (Reichmuth war auch bei Victory als Ballführer sehr passiv, was dazu führte, dass Victory ab und zu sehr viel Zeit am Ball hatte).
Durch den Bogenlauf, hatte Kény einen horizontalen Pressingwinkel auf Daniliuc. Zusammen mit Spadanudas breiter Positionierung, wurde so die vertikalen und diagonalen Passwinkel des Innenverteidigers sehr gross und das Bespielen des Halbraums wurde möglich.
Die Achter der Basler hatten eine hohe Ausgangsposition und starteten dynamisch in den offenen Raum. Hier machten sie sich die Nachteile einer Manndeckung zunutze: 1. Man hat einen zeitlichen Vorteil gegenüber seinem Gegenspieler, da dieser auf die Bewegungen reagiert. 2. Man kann bestimmen, wo sich der Gegner hin bewegt und so Raum kreieren. Insbesondere Krasniqi hatte gegen Metinho Mühe. Er liess Metinho ausserhalb seines Sichtfeldes gewähren und verteidigte lieber lose als strikt Mannorientiert. Dadurch konnte Metinho sich mit einem grösseren Zeitvorteil „auf Lücke“ anbieten, da Krasniqi seinen Lauf erst spät bemerkte. So wurden die Achter meistens von den Innenverteidiger gefunden.
Diese konnten dann auf Omeragic prallen lassen. Er hatte meistens einen offenen Fuss und Richtungsvorteil, da ihm Reichmuth folgte, und deswegen einen ungünstigen Pressingwinkel von hinten hatte. Dessen Folgeaktionen waren meistens, jedoch ohne Erfolg. Denn Zürich hatte in der ersten Linie zwar keinen Zugriff, doch verstand es gut, sich in einen kompakten Block fallenzulassen und progressive Anspielstationen abzuschneiden. Basel gelang es nicht genug Zürcher Spieler zu überspielen. Meistens war der Pass auf die Flügel der „Way-to-go“.
In der untersuchten Szene spielte Omeragic auf Tsunemoto, was zum nächsten Muster führt, dass häufig in diesem Spiel gesehen wurde.
Zürich missling Zugriff auf dem Flügel
Zürich versuchte auf dem Flügel Zugriff zu gewinnen, indem alle ballnahen Optionen Tsunemotos zugstellt wurden. Reichmuth deckte Omeragic. Krasniqi löste die Manndeckung auf Metinho, um den diagonalen Passweg auf den kurzkommenden Celar abzuschneiden. Kény schob auf Daniliuc, um die Verlagerungsoption über den Innenverteidiger zu schliessen. Die Schnittstelle zwischen Kény und Reichmuth ermöglichte einen Passwinkel für Tsunemoto, der in solchen Situationen den ballfernen Victory mittels Verlagerungen finden konnte. Der Nigerianer hatte dann, aufgrund der fehlenden Stürmer, viel Raum um ins Mittelfeld anzudribbeln und nutzte dies ausgiebig. Seinen starker Antritt half ihm dabei, den Raum in kurzer Zeit zu überbrücken, doch wie Omeragic fand er kaum progressive Anspielstationen.
Doch die ballferne Verlagerung war nicht die einzige Option für Tsunemoto. Er positionierte sich extra etwas weiter entfernter von Spadanuda, um mehr Zeit und Raum zu erhalten. Dadurch wurde der Pressinwinkel des Flügelspielers diagonaler wodurch er besser im longline-Passwinkel stand. So konnte er Sow am Flügel finden.
Der Senegalese hatte jedoch noch etwas Schwierigkeiten im Absetzen von seinem Gegenspieler. Er lief zu spät los und nutzte kaum Auftaktbewegungen, weshalb Walker einen relativ kurzen Pressingweg hatte. Im direkten Körperkontakt hatte der Linksverteidiger einen Vorteil, da Sow noch keine ausgeprägte Körperspannung besitzt. Gelang es dem Flügel aber sich zu lösen, dann trat das nächste Problem für die Basler zutage.
Durch das +1 in der letzten Linie und ein starkes ballseitiges Verschieben, hatte Zürich immer einen Spieler, der den Halbraum vor Läufen in die Tiefe und Dribblings der Flügel, absicherte und bei Bedarf eingreifen konnte. Dazu kam, dass die Aussenverteidiger lieber hinten blieben, um eine 2-3-Restverteidigung zu bilden und die Achter den Weg in den Strafraum suchten. Die Flügelspieler hatten so kaum Anbindung auf dem Flügel und verloren den Ball im 1-gegen-1 oder 2-gegen-1. Wie bereits erwähnt, war der Pass auf die Flügel die meist gewählte Option. Basel fehlte somit etwas die Durchschlagskraft.
Diese Konservativität am Flügel führte dazu, dass Basel vor allem in der 1. Halbzeit zwar die 1. Linien des Zürcher-Pressings gut überspielen konnte, doch im letzten Drittel kaum Lösungen fand.
Zürich konnte die Restverteidigung einige Male vor Probleme stellen. Mit Umeh und Kény hatten sie die perfekten Spieler dafür. Vor allem Umeh hätte mit seinem Tempo und Dribbeltechnik und den daraus resultierenden Chancen mindestens ein Tor schiessen müssen.
Lichtsteiner passte seinen Ansatz in der Pause an. Die Achter kamen nicht mehr so häufig kurz, standen etwas höher und die Tiefe wurde häufiger attackiert. Die Absicherung des ballnahen Innenverteidigers konnte so etwas gelockert werden. Die Flügel hatten situativ mehr Raum für Dribblings. Zürich wurde so mehr nach hinten gedrückt und hatte weniger Anschluss in den Umschaltmomenten, weshalb Basel das Diktat übernahm und das Spiel schliesslich gewinnen konnte.
Fazit
Wie so oft war der Klassiker ein sehr unterhaltsames Spiel. Trainerdebatten, strittige Szenen und VAR-Einsätze waren natürlich Pflicht. Doch insbesondere die Diskussionen um den Trainer sind aufgrund der Leistungen auf dem Platz eher unangebracht. Lichtsteiner hat in der Vorbereitung einen fluiden, wenn auch konservativen Ballbesitzfussball implementiert und die Mannschaft in dieser Hinsicht im Vergleich zur letzten Saison verbessert und stabilisiert. An Kompetenz mangelt es ihm nicht.
Zürich steht mal wieder ohne Punkte da. Was vor allem bei einem Klassiker bitter ist. Die Mannschaft befindet sich jedoch in einem Umbruch. Mit Marcel Koller als erfahrenen Trainer und den vielen entwicklungsfähigen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs kann er aber gelingen.
SR ist fasziniert vom Fussball und dessen Funktionsweise. Er will die Mechanismen der schönsten Nebensache der Welt ergründen und ist immer offen für Feedback und Diskussionen.



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