Fútbol de Potrero – MH
Der aktuelle Weltmeister und Sieger der Copa América, Argentinien, geht auch in dieses Turnier als einer der Favoriten. Mit Kapitän Lionel Messi verfügt Argentinien nicht nur über einen außergewöhnlichen Spieler, sondern spielt auch als Mannschaft eine besondere Art von Fußball mit dem Ball. Hier findet ihr eine Teamanalyse zu Argentinien.
Lionel Scaloni, Trainer der argentinischen Nationalmannschaft, ist einer der wenigen Nationaltrainer, die einen Fußball spielen lassen, der eher dem Relationismus zuzuordnen ist. Das Ballbesitzspiel Argentiniens lässt sich kaum noch sinnvoll über eine klassische Staffelung beschreiben. Vielmehr sind es die Rollen einzelner Spieler, die sich hervorragend analysieren lassen. Scaloni selbst betont zudem in Interviews immer wieder, dass er zu den Trainern gehört, die den Einfluss des Trainers auf das Spiel bewusst relativieren.
„Ich gehöre zu den Trainern, die nicht an ein Spielsystem denken, das auf dem Trainer basiert. Die Systeme machen die Spieler. Wie hätten Maradona und Messi nicht zusammen gespielt, wenn sie die Besten der Welt waren? Das Problem hätten die Gegner gehabt, nicht so sehr wir.“ – Lionel Scaloni
Dem Relationismus lassen sich verschiedene Eigenschaften zuordnen. Relationistische Mannschaften vereinen unterschiedliche Ausprägungen dieser Eigenschaften und Prinzipien. Ähnlich wie jedes positionistische Team eine eigene Spielweise besitzt, interpretieren auch relationistische Mannschaften ihre Spielweise auf unterschiedliche Weise. Typisch für den Relationismus ist der Fokus auf den Ball selbst anstelle von vordefinierten Zonen des Spielfeldes im Ballbesitz. Die Spieler suchen deutlich engere Abstände zueinander, um bessere und schnellere Kombinationen zu ermöglichen. Gleichzeitig können dadurch deutlich mehr Spieler mit dem Ballführenden oder in dessen unmittelbarer Nähe interagieren. So sollen dadurch Synergien unter den Spielern gefördert und bestmöglich ausgenutzt werden.
„Die meisten Trainer verstehen etwas von Fußball, von 4-3-3, 4-4-2. Aber es gibt Dinge, die sind grundlegend und die gehen nicht in Richtung Technik, Taktik oder Strategie. Sie gehen viel mehr in eine ganz andere Richtung. Weil du dich gut mit dem anderen verstehst; weil du für diesen Ball, weil er dein Freund ist, viel mehr geben wirst. Ich bin damit aufgewachsen. Wir sind alle zusammen. Wir bereiten einen Mate vor und fangen an, mit ihnen über ihr Befinden zu sprechen, über das Leben, darüber, ob sie den Verein wechseln. Dinge, die vielleicht andere nicht tun.“ – Lionel Scaloni
Engere Abstände und Synergien zwischen den Spielern können durch gezielte Überladungen mit einer unterschiedlichen Anzahl von Spielern geschaffen werden. Argentinien setzt dabei beispielsweise nicht auf das für manche relationistische Mannschaften typische Tilting, bei dem sich beinahe alle Spieler auf einer Seite des Spielfeldes befinden. Die Überladungen und kurzen Abstände entstehen bei Argentinien spontaner und lösen sich gleichzeitig häufiger wieder auf. Dabei erfüllt jeder Spieler, ausgehend von einer groben Struktur, eine bestimmte Rolle.
Ein weiterer Unterschied, der viele, aber nicht alle Mannschaften mit relationistischen Prinzipien von positionellen Mannschaften unterscheidet, ist die Rolle des Trainers. Während im Positionsspiel der Trainer sehr klare Vorgaben macht, welcher Spieler wann und wo welchen Raum besetzen soll, sodass die eigene Mannschaft durch einen freien Spieler einen strukturellen Vorteil auf dem Platz erhält, ist die Rolle des Trainers in relationistischen Mannschaften deutlich weniger dominant.
Der Trainer sorgt hier typischerweise für bestmögliche Interaktionen sowie die groben Rahmenbedingungen. Durch das Kombinationsspiel entscheiden die Spieler deutlich freier über ihre Aktionen, da das Ballbesitzspiel von Situation zu Situation variiert. Gleichzeitig führt dies dazu, dass das Offensivspiel für den Gegner deutlich weniger vorhersehbar ist. Dadurch hat der Trainer im Positionsspiel naturgemäß auch während des Spiels einen größeren Einfluss auf das Geschehen als relationistische Trainer.
„Der Trainer muss verstehen, dass diejenigen, die spielen, die Fußballer sind und dass sie es sind, die ihm den Sieg im Spiel verschaffen werden. Kein Zweifel. Sie werden nicht wegen dem gewinnen, was er plant. Ganz sicher nicht. Das unterschreibe ich überall. Und dass der Trainer gewinnt oder verliert, weil er gute Fußballer hat oder eben nicht. Magie kann man nicht machen. Und ich bin der Erste, der denkt, dass er ohne diese Fußballer nicht gewonnen hätte.“ – Lionel Scaloni
Es erscheint wenig verwunderlich, dass der Relationismus seinen Ursprung in Südamerika hat. Fußballer lernen dort das Spiel auf der Straße, wodurch enge Kombinationen, improvisierte Lösungen und besondere Fähigkeiten im Dribbling gefördert werden. Diese Einflüsse spiegeln sich direkt in den Prinzipien des relationistischen Fußballs wider. Entsprechend überrascht es nicht, dass mit Argentinien eine südamerikanische Nationalmannschaft bestimmte Merkmale des Relationismus für sich entdeckt hat.
Die strukturelle Basis
Argentinien startet typischerweise aus einer Art 4-3-3 oder alternativ 4-2-2-2 Struktur mit Ball. Insbesondere in den letzten Spielen Argentiniens vor der WM, bei der letzten WM 2022 sowie bei dem 4:1 Erfolg gegen Brasilien in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft setzte Argentinien auf die 4-3-3 Struktur. Eigentlich lässt sich die Staffelung nicht als ein 4-3-3 beschreiben, jedoch lässt sich so am besten erklären, welche Rollen welche Spieler übernehmen.
Insbesondere der rechte Flügelspieler, bei der WM 2022 Lionel Messi, bei der WM Qualifikation gegen Brasilien Enzo Fernandez, agiert nicht als klassischer Flügelspieler. Er schiebt hauptsächlich ins Zentrum vor die Abwehrkette des Gegners und kann dabei sowohl mit dem Stürmer, meist Julian Alvarez als auch mit den zentralen Spielern interagieren, indem er sich fallen lässt. Dadurch steht der linke Außenverteidiger des Gegners vor dem großen Problem, ob er eine Zone ohne Gegenspieler verteidigt oder mit dem Gegenspieler manndeckend mitgeht, dafür große Räume auf dem rechten Flügel offenbart, in die potenziell der rechte Außenverteidiger Molina vorstoßen kann.
Auffällig ist, dass das Verhalten von Enzo Fernandez auf dem rechten Flügel stark dem Verhalten von Lionel Messi auf dem rechten Flügel gleicht. Hier gerät das Beschreiben des Spiels durch klassische Staffelungen an seine Grenzen und gerade deshalb ist es für den Gegner so schwer zu verteidigen.

Die asymmetrische 4-3-3 Staffelung mit Sechser Paredes und Enzo Fernandes in der „Messi Rolle“ gegen Brasilien.
Die hauptsächlich andere genutzte Staffelung ist das 4-2-2-2 bzw. 4-2-3-1. Dabei passt aufgrund des Verhaltens der Spieler eher das 4-2-2-2 als Beschreibung, da das Verhalten des Zehners und des Stürmers (bzw. der beiden Stürmer) stark an De Zerbis 4-2-2-2 Aufbauvariante erinnert. So kommen beide Stürmer im Zentrum stark entgegen, während die Flügelspieler auf den Außenbahnen hoch schieben. Dadurch wird die verteidigende Abwehrkette vor das Problem gestellt, dass die Innenverteidiger eigentlich hochschieben müssen, die Außenverteidiger die Tiefe gegen schnelle Flügelspieler verteidigen müssen und ein Loch im Zentrum auf Höhe der letzten Kette entsteht.
Im Zentrum variiert die Staffelung zwischen einem 2-2 und einem 1-2-1 (Raute). In diesem System kann Argentinien entweder mit zwei klassischen Stürmern, Lautaro Martinez und Julian Alvarez (Freundschaftsspiel gegen Venezuela) oder mit einem Stürmer und einem klassischen Mittelfeldspieler, wie beispielsweise Mac Allister (gegen Ecuador) oder Lionel Messi (WM Quali gegen Venezuela) agieren. Das Zentrum wird bei Argentinien zumeist durch Sechser Paredes sowie De Paul oder alternativ Enzo Fernandez komplettiert. Auffällig ist, dass insbesondere Enzo Fernandez bei Argentinien unterschiedlichste Rollen einnehmen kann.

Die angedeutete 4-2-2-2 Staffelung mit hohen Außenspielern sowie den sich fallenlassenden Mac Allister und Martinez aus der 10er bzw. Stürmer Position. Die fehlende Symmetrie ist bewusst, dennoch ist es eigentlich eine Frechheit, Argentinien in einer Grafik darstellen zu wollen, da die Statik dem Spiel nicht gerecht wird.
Aus diesen Grundstrukturen sucht Argentinien immer wieder enge Abstände, in denen Spieler ihre klassischen Positionen verlassen, um besser miteinander kombinieren zu können. Dennoch gibt es einzelne Spieler, die eher positionell agieren. So werden die Innenverteidiger eigentlich nie ins Kombinationsspiel im Zentrum mit eingebunden, sondern verbleiben in der Restverteidigung. Sechser Paredes kippt zudem immer wieder in den linken Halbraum neben und leicht vor die Innenverteidiger versetzt oder alternativ zwischen die Innenverteidiger ab, um sich aus dem gegnerischen Druck zu befreien und das Spiel aufbauen zu können.
Zusätzlich variiert das Ausmaß von eher positionellem Spiel zu relationistischem Spiel zum einen je nach Gegner und zum anderen je nach Spielphase. Während sich typischerweise der argentinische Spielaufbau gegen Angriffspressing eher durch klassische Positionen beschreiben lässt, wird es insbesondere gegen einen blockenden Gegner bei kontrolliertem Ballbesitz zunehmend relationistischer. Gleichzeitig waren in der WM Qualifikation gegen Ecuador unabhängig von der Spielphase häufiger klassische Verhaltensweisen aus dem Positionsspiel zu erkennen während sich das argentinische Spiel beim 4:1 Sieg gegen Brasilien kaum durch klassische Positionen beschreiben lässt.
Hier findet ihr ein Video verlinkt, in dem Argentinien ausgehend aus der 4-2-2-2 Staffelung mit den sich fallenlassenden Stürmern und dem hochgerückten Achter Mac Allister durch das Spiel über den Dritten Ecuadors Verteidigung vor Probleme stellt. Ebenfalls lässt sich gegen Mitte des Videos die Rolle von Sechser Paredes im Spielaufbau erkennen, welcher den gefährlichen Teil des Angriffs einleitet sowie die hochgeschobenen Außenspieler, die klassisch für das 4-2-2-2 sind. Zu Beginn des Videos lässt sich zudem erkennen, dass das Spiel Argentiniens nicht an die genannte Staffelung gebunden ist. So lässt sich bspw. der linke Flügel ins Zentrum fallen, welcher eigentlich die letzte Linie bindet und es entstehen spontan enge Abstände zwischen den Spielern in der Nähe des Balles. Wahrscheinlich fällt auch euch auf, dass das Video mehrfach abgespielt werden muss, um zu verstehen, wie Argentinien diese Situation herbeiführt. Gerade hier liegt die Stärke des Relationismus.
Argentinisches Spiel bei kontrolliertem Ballbesitz ohne Gegnerdruck
Das argentinische Spiel ist insbesondere dann unfassbar schwer zu verteidigen, wenn der Gegner keinen Druck auf den Ballführenden ausübt und blockend statt pressend verteidigt. Die Vielzahl an Bewegungen und Positionswechseln erschwert eine klare Zuordnung und stellt insbesondere nicht mannbezogene Verteidigungen vor große Probleme. So entstehen beispielsweise große Probleme, wenn die gegnerischen Innenverteidiger die argentinischen Stürmer im Zentrum frei agieren lassen.
Ein zentrales Merkmal des argentinischen Ballbesitzspiels besteht darin, dass Spieler fortlaufend ihre Ausgangspositionen verlassen und in unterschiedlichen Räumen neu miteinander interagieren. Dadurch treten bestimmte Prinzipien stärker in den Vordergrund und klassische Positionsbeschreibungen stoßen an ihre Grenzen. Die Spieler orientieren sich zunehmend an ihren Mitspielern und den entstehenden Räumen statt an fest definierten Zonen. Durch die Vielzahl aufeinanderfolgender Bewegungen entfernen sich die argentinischen Spieler immer weiter von ihren ursprünglichen Positionen. Für den Gegner wird es dadurch zunehmend schwieriger, die notwendige Übersicht aufrechtzuerhalten und die Vorhersehbarkeit für die Verteidigung wird stark eingeschränkt.
Eine Schlüsselrolle innerhalb des argentinischen Ballbesitzspiels nimmt Tagliafico ein. Der linke Außenverteidiger sucht immer wieder plötzliche diagonale Tiefenläufe in Richtung Zentrum hinter die gegnerische Abwehrkette. Dadurch vergrößert er die Abstände innerhalb der gegnerischen Staffelung und zwingt Verteidiger dazu, sich fallen zu lassen. Tagliafico kann sowohl klassisch entlang der Außenlinie nach vorne schieben als auch deutlich eingerückter agieren. Insbesondere seine Positionierungen im linken Halbraum auf Höhe oder sogar neben den Stürmern schaffen zusätzliche Anspielstationen hinter der gegnerischen Mittelfeldreihe. Dadurch erhöht Argentinien die Anzahl an Spielern zwischen den Linien und kann zusätzliche Verbindungen in gefährlichen Zonen herstellen.
Auf der gegenüberliegenden Seite verhält sich Molina deutlich positioneller. Während Tagliafico häufig ins Zentrum einrückt, hält Molina oftmals die Breite auf der rechten Außenbahn und positioniert sich höher als sein Gegenpart. Das liegt insbesondere am Fehlen eines rechten Flügelspielers.
Durch das bereits beschriebene abkippende Verhalten von Paredes entsteht auf den ersten Blick eine Art 3-1-6 beziehungsweise 3-1-5-1 Struktur. Allerdings unterscheidet sich diese deutlich von positionelleren Varianten derselben Staffelung. Die argentinische Interpretation ist wesentlich flexibler und weniger an konkrete Raumaufteilungen gebunden. Zwar lassen sich häufig zwei Ebenen erkennen, bestehend aus einer Mittelfeld- und einer Sturmreihe, die Abstände zwischen diesen Ebenen sind jedoch so gering und die Interaktionen zwischen den Spielern so intensiv, dass beide Linien zunehmend miteinander verschmelzen. Dadurch entsteht der Eindruck einer 3-1-6 Struktur, ohne dass sich die typischen positionsspielorientierten Abläufe eines klassischen 3-1-6 herausbilden. Auch die 3-1 Basis bleibt deutlich variabler und weniger starr als bei Mannschaften, die stärker durch feste Positionsvorgaben geprägt sind.

Die angedeutete 3-1-6 Staffelung verrät ein wenig mehr über die Rollen der Spieler: Tagliafico attackiert häufig diagonal die Tiefe, Paredes macht das Aufbauspiel und Molina ist die einzige Breitenbesetzung auf der rechten Seite. Es sind typische Muster, die auftreten, die jedoch gleichzeitig nicht die gesamte Varianz des Spiels darstellen können.
Ein wiederkehrendes Muster sind gegenläufige Bewegungen aus unterschiedlichen Ebenen. Häufig bewegt sich ein bereits hoch positionierter Spieler vergleichsweise langsam entgegen, wodurch er seinen Gegenspieler mit sich zieht und sich hinter ihm Räume in der Tiefe öffnen. Diese Freiräume werden anschließend von Spielern aus der zweiten Reihe attackiert, die mit hoher Dynamik in die Tiefe starten. So wird dem Gegner die Absicherung seiner letzten Linie erheblich erschwert. Da die Läufe zudem häufig diagonal erfolgen und aus unterschiedlichen Ausgangspositionen starten, entstehen fortlaufend neue Dynamiken, die das argentinische Offensivspiel schwer vorhersehbar machen.
Ebenfalls auffällig bei Argentinien ist das besonders erfolgreiche Gegenpressing nach Ballverlust aus einer längeren Ballbesitzphase. Aufgrund der geringen Abstände zwischen den Mitspielern kommt Argentinien deutlich häufiger und effektiver in Gegenpressingsituationen und kann diese für sich entscheiden. Das fördert längere Ballbesitzphasen und erlaubt gleichzeitig immer wieder in Ballbesitz risikohafter den gegnerischen Block zu attackieren und das Spiel durch den Block zu suchen. Dabei ist auch mitentscheidend, dass Argentinien so viele zentrale Mittelfeldspieler auf dem Platz hat, die besonders zweikampfstark sind und ein gutes Timing zwischen aggressivem Gegenpressing und raumabsicherndem Verhalten in defensiven Umschaltsituationen haben.
Es wäre absurd, zu versuchen, das argentinische Spiel mit Ball in eine Grafik zu pressen, welche die andauernden Veränderungen und die Dynamiken des Spiels nicht einfangen kann. Schließlich ist eine Grafik immer statisch und nur räumlich. Stattdessen habe ich auf X Video-Ausschnitte zu den beschriebenen Verhaltensweisen gepostet und hier verlinkt.
Hier findet ihr weitere drei Ausschnitte des argentinischen Spiels im Video verlinkt. Lasst es einfach auf euch wirken, um ein Gefühl für das Spiel zu erhalten. Gleichzeitig könnt ihr eigene der beschriebenen Verhaltensweisen wiedererkennen. Ihr werdet verstehen, warum Argentinien nicht wirklich gut durch eine räumliche Grafik beschrieben werden kann.
Probleme Argentiniens
Insbesondere im WM Qualifikationsspiel gegen Ecuador zeigten sich einige Probleme der Argentinier. So schaffte es Argentinien kaum Torchancen rauszuspielen und das Spiel in gewohntem Maße zu kontrollieren. Stattdessen konnte Ecuador über das eigene Pressingverhalten den argentinischen Ballbesitz direkt erfolgreich unter Druck setzen. So konnte Argentinien insbesondere in der ersten Halbzeit nur selten das kontrollierte Ballbesitzspiel gegen einen eigentlich üblicherweise zunehmend passiver werdenden gegnerischen Block aufziehen.
Gegen Ecuador setzte Argentinien auf eine 4-2-3-1 Staffelung, die wie bereits beschrieben eigentlich eher den Prinzipien einer 4-2-2-2 Staffelung ähnelt. So schoben der nominelle Zehner Mac Allister und der nominelle Stürmer Julian Alvarez ins Zentrum und bildeten im Zentrum eine Raute, eine Diagonale mit drei Spielern oder eine 2-2 Staffelung. Dafür schoben die argentinischen Flügelspieler an der Außenbahn hoch und sollten bei zu hohem Druck durch einen hohen Ball gefunden werden.
Ecuador presste aus einem 4-4-2, wobei im Angriffspressing die Manndeckung gesucht wurde. Ballfern schoben der Außenverteidiger und Flügelspieler in Richtung des Zentrums, um mögliche Tiefenläufe aus einer niedrigeren Ebene auffangen zu können. Argentinien tat sich erstaunlich schwer gegen die Manndeckung Ecuadors und konnte sich nur selten erfolgreich befreien. Das lag auch an dem Zentrumsfokus der initialen 4-4-2 Staffelung mit eingerückten Außenverteidigern und Flügeln. So wurden die Pressingwege beim Übergang in die Manndeckung auf die argentinischen Außenspieler diagonal und bildeten gleichzeitig diagonale Deckungsschatten ins Zentrum. Argentinien fand folglich kaum Möglichkeiten durch den gegnerischen Block zu spielen und musste immer wieder um den Block oder über den Block spielen.

Das Angriffspressing von Ecuador funktioniert ohne zusätzlichen Absicherungsspieler und ist gerade deshalb so schwer für Argentinien zu bespielen. Der ballferne Mittelfeldspieler rückt ein und der ballnahe Mittelfeldspieler erzeugt einen diagonalen Deckungsschatten ins Zentrum.
Das Prinzip des diagonalen Pressings von innen nach außen ist eines der erfolgreichsten Mittel gegen sogenannte inside diagonalen und das Spiel von außen ins Zentrum. So konnte Ecuador aufgrund des beschriebenen Pressingverhaltens aus einem engen 4-4-2 Block auch aus tieferem Pressing heraus immer wieder Druck auf den Ballführenden ausüben und Argentinien zum Zurückspielen auf den Torwart zwingen, der einen unkontrollierten Ball auf die Flügelspieler schlagen musste. Aufgrund der körperlichen Dominanz Ecuadors konnte Argentinien nur selten solche hohen Bälle festmachen und in Ballbesitz bleiben.
Das argentinische Aufbauspiel gegen Ecuadors Pressing findet ihr hier im Video. Argentiniens 4-2-2-2 ist deutlich stärker an Positionen ausgerichtet, auch wenn sich die Zentrumsstaffelung variiert. Bei Ecuador lässt sich erkennen, wie aus einem mannorientierten Pressing ohne Absicherungsspieler ballnah der Raum verknappt wird.
Beigetragen zur Dominanz Ecuadors hat ebenfalls das argentinische Pressing. Argentinien sucht nur äußerst selten die komplette Manndeckung. Stattdessen wird mit -1 oder sogar -2 angelaufen und versucht, den Gegner auf eine Seite zu lenken, um dort die Pressingfalle zuschnappen zu lassen. Das ist allerdings nur äußerst selten erfolgreich, sodass dem Gegner häufig längere Ballbesitzphasen erlaubt werden. Argentinien befindet sich dadurch immer wieder in einem blockenden Verteidigen und versucht nur situativ Druck auf den Ballführenden auszuüben.
Insbesondere aufgrund des heißen Wetters ist das eine Fähigkeit, die den Argentiniern bei der anstehenden WM zugutekommen wird. Schließlich sind bei rund 40 Grad nicht dauerhafte aggressive Manndeckungen möglich. Die Art des Pressings ist nicht untypisch für südamerikanische Vereinsmannschaften. So wird dort generell bei wärmeren Temperaturen gespielt und darauf verzichtet, dauerhaft Druck auf den Gegner auszuüben. Bei der Weltmeisterschaft 2022 lag das passive Pressingverhalten Argentiniens vorwiegend an Lionel Messi, der kaum am Pressing teilnahm, wodurch eine Manndeckung nicht möglich war. Gleichzeitig sorgte es gegen Ecuador allerdings auch dafür, dass Ecuador längere Ballbesitzphasen gestalten konnte, während der argentinische Ballbesitz direkt im Keim erstickt wurde.
Fazit
Argentinien ist einer der großen Favoriten auf den WM Titel. Das liegt nicht nur am sehr gut besetzten Kader, sondern auch an der Art und Weise wie Argentinien Fußball spielt. Es ist eine Spielweise, die hervorragend zur Identität von Argentinien als südamerikanische Mannschaft passt und die Stärken der Spieler bestmöglich zur Geltung bringt. Dabei ist Argentinien keine reine Ballbesitzmannschaft, die das Spiel nur durch Ballbesitz kontrollieren will. So verteidigt Argentinien auch aus einem tieferen Block und kann gegen sehr ballbesitzorientierte Mannschaften in der KO-Phase auch Umschaltmomente für sich nutzen.
Autor: MH ist Fußball-Aficionado von Herzen. Seine Wohnung gleicht einer Fußball-Bibliothek in deren Regalen Bücher über die großen Taktiker von Rinus Michels bis Pep Guardiola stehen. Das Buch von Spielverlagerung.de fehlt hier natürlich nicht. Für MH ist Fußball nicht nur ein Spiel. Es ist ein Lebensgefühl. Auf X ist er unter Mh_sv5 zu finden, auf LinkedIn ebenso.
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