Kolumbiens Offensivpotential

James Rodríguez und Luis Díaz – zwei solch prominente Namen können außerhalb der nominell ganz großen Fußballnationen nur wenige WM-Teilnehmer in ihrer Offensive vorweisen. Kolumbien verfügt also über einen Altmeister, der beim Turnier vor zwölf Jahren bereits den Goldenen Ball gewann, und einen der im europäischen Klubfußball besten Scorer der abgelaufenen Saison. Weil noch weitere Offensivkönner hinzukommen und das Team von Trainer Nestor Lorenzo eine vielversprechende Spielanlage entwickelt hat, bringt die kolumbianische Auswahl besonderes Offensivpotential mit.

Freie Rollen für zwei große Namen

Die beiden großen Namen James und Díaz nehmen in der Phase des eigenen Ballbesitzes auch beide tragende Rollen ein. Sie dürfen sehr frei agieren und die mannschaftliche Struktur nach eigenem Instinkt bereichern. Vor allem zu James passt diese individuelle Einbindung sehr gut, da der Kapitän seine Freiheiten geschickt im Sinne des Teams zu nutzen vermag. Er bewegt sich nicht nur ballfordernd oder unterstützend durch die zentralen Zonen, sondern bricht häufig auf einen der beiden Flügel heraus, um auf Mittelfeldhöhe an der Seite des gegnerischen Blocks angespielt zu werden, anschließend von dort anzudribbeln und/oder die Bälle zu verteilen.

Besonders oft macht er dies auf der rechten bzw. halbrechten Seite, schlüpft also mitunter in eine für die Karriere Lionel Messis typische Einbindung schlüpft. Schließlich prägt James dem Spiel seines Teams besonders stark seinen Stempel auf, indem er selbst in die erste oder zweite Aufbaulinie in einen Dreieraufbau herauskippt. Dies passiert allerdings mitunter zu oft – dafür, dass häufig gleich zwei Mittelfeldspieler währenddessen in defensiven Absicherungspositionen bleiben.

Zurückfallbewegungen von James

Im Vergleich mit James interpretiert Luis Díaz eine ebenfalls freie und flexible Rolle noch tororientierter – gemäß seiner Charakteristik. Auch der Bayern-Legionär driftet von der linken Seite sehr viel durch unterschiedliche Zonen, ins offensive Mittelfeld oder auf die andere Seite. Situativ holt er sich ähnlich wie James auch die Bälle in flacheren Positionen ab, aber dies auf seinem angestammten linken Flügel. Insgesamt führt Díaz diese herum driftende Freirolle anders als der Kapitän, indem er seine Bewegungsmöglichkeiten deutlich stärker auch auf Wege in die Tiefe ausrichtet.

Ballferne Tiefe und Nachstarten

Die restlichen vorderen Akteure sind im kolumbianischen System passend um die beiden großen Namen herum angeordnet. Der jeweilige Mittelstürmer, wahrscheinlich Luis Suárez von Sporting anstelle des wuchtigen früheren Bundesliga-Legionärs Jhon Córdoba, kümmert sich häufig um die Besetzung ballferner Zonen innerhalb der letzten Linie, um dort Gegner in der Kette zu binden und die Freiheiten der Kollegen auszugleichen. Eine Mischposition zwischen Offensive und Mittelfeld nimmt der wendige Dribbler Jhon Arias ein, der nach kurzem erfolglosem Intermezzo beim Premier-League-Absteiger Wolverhampton wieder in Südmerika kickt. Wenn er sich verstärkt bereits im Aufbauspiel einschaltet, macht Arias dies oft in einer klareren zweiten Achterposition als Ergänzung zu den beiden anderen Mittelfeldspielern – nicht so frei und umtriebig wie James. Erst zum Angriffsdrittel hin rotiert er im Zusammenspiel mit James und Díaz und zieht nah zum Ball hin. Häufig begibt er sich mit beiden gemeinsam in eine bestimmte Zone, beispielsweise einen der beiden Flügel. In den entstehenden Überladungen wollen sich die spielstarken Offensivakteure durchkombinieren.

Alle drei Offensivspieler auf einer Seite

Wie erfolgreich diese sehenswerte Spielanlage der Kolumbianer letztlich ist, hängt stark vom Nachrückverhalten ab – das bisher in weiten Teilen der bereits seit 2022 andauernden Amtszeit von Nationaltrainer Lorenzo zu den Stärken des Teams zählte, zum Finaleinzug bei der Copa América beitrug, aber zuletzt etwas schwächelte. Grundsätzlich bringt Kolumbien gerade aus ballfernen Zonen viel Tiefe in die eigenen Angriffsaktionen hinein, nicht nur über den ausweichenden Mittelstürmer, sondern auch die Außenverteidiger, die beide oft mitgehen, um den Angriff zu finalisieren, eben auch ballfern. Zudem können einige der Spieler aus dem defensiven Mittelfeld, insbesondere Neuentdeckung Gustavo Puerta von Racing Santander, sehr dynamisch aus der zweiten Reihe nachstarten. Währenddessen zieht der ballnächste Spieler oft ebenfalls diagonal aus der Dribblinglinie des Ballführenden weg und eher der zweitnächste Kollege stellt eine etwaige kurze Anspielstation sicher.

Ballferne Tiefe beim 1:0 gegen Neuseeland

 

Gegenläufiges Wegziehen von Jhon Arias als ballnächster Option vor dem 1:0 gegen Neuseeland

Dementsprechend zeichneten sich die Kolumbianer unter Lorenzo bisher vor allem dadurch aus, dass sie im Mittelfeld erzeugte Vorteile zum letzten Drittel hin mit sehr zügiger Fortsetzung aktiv ausspielten. Das schnelle Nachstarten aus hinteren Linien, aus dem defensiven Mittelfeld oder durch einen ballfernen Außenverteidiger, ist insbesondere deshalb so wichtig, weil James in seinem höheren Alter nicht mehr ganz die Ausdauer mitbringt, um auch dann noch in Strafraumnähe aufzutauchen, wenn er sich zuvor ausgiebiger in der Übergangsphase des Angriffs beteiligt hat. Für die defensiven Mittelfeldakteure wird es bei der WM eine wichtige Aufgabe, die Aktivität im Nachstarten nicht sinken zu lassen.

Probleme mit Angriffspressing als Einschränkung?

In erster Instanz müssen die Kolumbianer aber sicherstellen, dass sie oft genug in die vorderen Zonen kommen, um ihre dortigen Qualitäten überhaupt ausspielen zu können – gerade, wenn die Gegner sie mit einer Manndeckung im Angriffspressing konfrontieren sollten. Obwohl die Kolumbianer unter Druck grundsätzlich herausspielen wollen und die Innenverteidiger über gute Qualitäten im Überdribbeln und im Timing ihrer Passentscheidungen verfügen, hat das Team mit dem 1gegen1-Verteidigen bisher Probleme.

Versucht ein Gegner mit einem alleinigen Stürmer ihre beiden Innenverteidiger – also in Unterzahl – abzuschneiden, lösen die Aufbauspieler diese Situationen noch gut. Vor allem die ruhige Ballführung der meisten Abwehrspieler kann wertvoll sein. Schwieriger wird es aber gegen eine vollständige Manndeckung in einer numerischen Gleichzahl auf allen Positionen. Häufig bewegen sich die Kolumbianer aus einer klaren 4-2-Aufbaustruktur heraus, gegen die der Gegner die 1gegen1-Duelle klar vorbereiten und daher leicht Druck ausüben kann.

Kolumbien mit Problemen gegen kroatisches Angriffspressing

Die freien Bewegungen der vorderen Spieler sind in diesem Fall kaum in etwaige Rotationen integriert, erfolgen hauptsächlich aus höheren Zonen nach hinten und lassen sich dementsprechend ebenfalls übersichtlich verfolgen. So kann James kaum frei werden, während Díaz in der Breite weit entgegenkommt und sich in ungünstigen Situationen duellieren muss. Als ausgewiesener 1gegen1-Spieler auch gegen heftigen Körperkontakt gelingt es ihm noch am ehesten, nach Zuspielen in den Rücken eines trichternd anlaufenden gegnerischen Stürmers in flachen Positionen sich durchzuwühlen und einzelne Szenen für sein Team zu lösen. Im Gesamtbild aber gehören die Abstoßsituationen gegen Manndedckung zu den wichtigsten Baustellen für Kolumbien, die in der unmittelbaren Turniervorbereitung zu bewältigen sind. Gegen einen starken Gegner wie Frankreich musste Kolumbien beim Testspiel im März sehr schnell auf lange Bälle umstellen.

Deutlich rosiger sieht die Aufbaustruktur gegen ein Mittelfeldpressing aus. Aus einer 2-3-2-Grundstruktur heraus variieren sowohl die Außenverteidiger als auch die Mittelfeldspieler ihre Höhen flexibel. So bilden die Kolumbianer temporäre Staffelungen mit Doppel-Sechs oder durch flachere Positionen eines der beiden sonst hochschiebenden Außenverteidiger einen asymmetrischen Dreieraufbau. Gelegentlich kippen einzelne Mittelfeldakteure oder situativ James nach außen heraus. Versucht der Gegner dynamisch mit Deckungsschatten auszulösen, laufen sich die Kolumbianer auf den zentralen Positionen aufmerksam für Klatschoptionen frei. Ganz besonders gegen Defensiven im Mittelfeldpressing verfügen die Kolumbianer über ein breites Repertoire an Werkzeugen im Ballbesitz. In diesem Szenario steht der Entfaltung ihres großen Offensivpotentials nicht mehr viel im Wege.

 

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