Champions League Finale: Wie der Fußball der Zukunft aussieht – MH

4:3 i.E.

Welche Ideologie wird den Fußball der Zukunft prägen? Das Champions League Finale 2026 sollte Antworten auf diese Frage finden. Schließlich waren mit dem FC Arsenal und Paris St. Germain zwei Teams ins Finale vorgedrungen, deren Spielideen auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten.

Eine Momentaufnahme: Was macht die erfolgreichsten Teams in dieser Saison aus?

Unter Trainer Arteta setzt Arsenal in dieser Saison auf die Perfektionierung des Verteidigens im Low Block. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil Arsenal das Verteidigen im Low Block mit sehr hohem, aggressivem, manndeckendem Pressing kombiniert. Die Verbindung der beiden Verteidigungsstile sorgt auch dafür, dass die Gegner Arsenals sich nicht auf eine Art des Verteidigens einstellen können. Für offensive Torgefahr hingegen sollen bei Arsenal in dieser Saison insbesondere Standards sorgen. Statistiken, wie der neu aufgestellte Rekord nach Ecken in einer Premier League Saison, zeigen das eindrücklich.

Während in den vergangenen 15 Jahren das Positionsspiel den Fußball prägte, zeigt sich heute zunehmend, dass Mannschaften die positionsbezogenen Vorteile ihrer Gegner neutralisieren. Dazu trägt sicherlich auch die wachsende Bedeutung großer Analystenteams bei, die gegnerische Anpassungen in Echtzeit während des Spiels beobachten und ihre Erkenntnisse unmittelbar an die Trainerstäbe weitergeben.

An diesem Punkt setzt auch das Verteidigen von Arsenal im Low Block an. Es ist darauf ausgelegt, dem Gegner keinerlei positionelle Vorteile zu gewähren. Mit Mikel Arteta, dem ehemaligen Co-Trainer von Pep Guardiola, wird das Positionsspiel gewissermaßen defensiv gedacht. Arsenal gilt dabei als eines der besten Beispiele für die systematische Eliminierung gegnerischer Positionsvorteile. Dieser Trend beschränkt sich, wie bereits angedeutet, nicht auf die Londoner. Er lässt sich in nahezu allen europäischen Topligen beobachten. Nur noch selten gelingt es Mannschaften, sich über längere Phasen hinweg nachhaltige positionelle Vorteile, wie Überzahlsituationen oder freie Spieler zu erzeugen.

Das beispielhafte Ausspielen eines positionellen Vorteils von Manchester City – aus „Wie Guardiolas 3-2-2-3 letztlich das Abwehrspiel löst

Die Offensiv erfolgreichsten Mannschaften in Europa zeichnen sich nicht mehr dadurch aus, dass sie aus vom Trainer kontrollierten positionellen Vorteilen Torchancen erspielen. Auch wenn Paris unter Trainer Enrique, welcher auch aus der Schule des Positionsspiels stammt, grundsätzlich erstmal einen positionellen Stil verfolgt, werden sich Torchancen nicht nur über reine positionelle Vorteile erspielt. Die beiden weiteren offensiv erfolgreichsten Mannschaften in Europa, der FC Barcelona und der FC Bayern, setzen ebenfalls nicht mehr auf reines positionelles Offensivspiel. Insbesondere der offensiv sehr erfolgreiche FC Barcelona zeigt in Ballbesitz hauptsächlich typische relationistische Muster, die gar nicht mehr auf den klassischen Positionen basieren.

Das beispielhafte Ausspielen ohne klassische Positionen – aus „Barcas 174 Tore – wie Flick Europas beste Offensive gebaut hat

Wie wir Vorhersagen nicht(!) treffen sollten

Es ist bemerkenswert, welche Bedeutung dem Champions League Finale regelmäßig zugeschrieben wird, wenn darüber diskutiert wird, wie der Fußball der Zukunft aussehen wird. Dabei ist ausgerechnet die Champions League ein Wettbewerb, der aufgrund seines Formats vergleichsweise stark von Zufällen und kurzfristigen Schwankungen geprägt ist. Der Titelträger unter den besten 24 europäischen Mannschaften wird schließlich nicht in einem Ligasystem über eine große Anzahl von Spielen ermittelt, sondern in einem K.o.-Modus, in dem einzelne Partien oder sogar einzelne Spielszenen enorme Auswirkungen haben können. Je kleiner die Stichprobe und je höher die Bedeutung einzelner Spiele, desto größer wird der Einfluss von Zufall.

Aus Sicht der Prognostik ist das ein zentraler Grundsatz. Zukünftige Entwicklungen sollten nicht anhand einzelner Ereignisse vorhergesagt werden, sondern auf Basis von wiederkehrenden Beobachtungen. Ein einzelnes Spiel, selbst ein Champions League Finale, liefert nur eine äußerst begrenzte Datenbasis. Es kann Hinweise auf bestehende Trends geben, eignet sich jedoch kaum als Beweis für eine zukünftige Entwicklung. In der Vorhersageforschung spricht man von der Gefahr, außergewöhnlichen bzw. sensationellen Ereignissen eine überproportionale Bedeutung zuzuschreiben und daraus weitreichende Schlussfolgerungen abzuleiten. Genau diese Tendenz ist im Fußball regelmäßig und insbesondere hier zu beobachten.

Die Zukunft des Fußballs allein anhand eines Champions League Finales bestimmen zu wollen, wäre daher eine fatale Fehleinschätzung, unabhängig davon, wie dominant oder spektakulär der Sieger auftritt. Wesentlich aussagekräftiger sind Entwicklungen, die sich über viele Spiele, verschiedene Wettbewerbe und mehrere Mannschaften hinweg beobachten lassen. Erst wenn sich bestimmte Aspekte unter unterschiedlichen Bedingungen wiederholt durchsetzen, können sie als belastbare Trends gelten.

Umso erstaunlicher ist es, dass viele Trainer und Vereine dennoch dazu neigen, einzelne Spiele auf höchstem Niveau als Blaupause für die Zukunft zu interpretieren. Nicht selten entsteht dadurch eine Art taktischer Überreaktion: Eine Mannschaft gewinnt einen prestigeträchtigen Wettbewerb mit einem bestimmten Ansatz, woraufhin zahlreiche Nachahmer versuchen, dessen oberflächliche Merkmale zu kopieren. Wer die Zukunft des Spiels verstehen möchte, sollte weniger auf das Ergebnis eines Endspiels schauen und stärker auf die tieferliegenden Trends, die sich in einer Gesamtheit herausbilden. Ein Glück, dass das diesjährige Champions League Finale keinen eindeutigen Sieger hervorgebracht hat (und insbesondere nicht Arsenal!).

Eine belastbarere Grundlage wäre beispielsweise die Analyse der Meistermannschaften der europäischen Topligen. Das internationale Abschneiden sollte aufgrund des erhöhten Maßes an zufälliger Variabilität nur als ergänzender Indikator hinzugenommen werden. In diesem Zusammenhang verdienen vorrangig Arsenal, Bayern, Paris und Barcelona besondere Aufmerksamkeit.

Ein scheinbarer Widerspruch der Ideologien

„Formidables v Expendables? PSG v Arsenal could be a classic” – The Guardian

„PSG trifft auf Arsenal: Das Finale der Gegensätze und Meilensteine“ – NeunzigPlus

„Offensivfußball gewinnt [nach Elfmeterschießen]“ – 11 Freunde

„Offensivshow trifft auf Abwehrbollwerk“ – Die Welt: „PSG vs. Arsenal: Titelverteidigung oder historische Krönung?“

Viele Analysen im Vorfeld und Nachgang des Champions League Finals stellen zwei gegensätzliche Fußballideologien gegenüber. Damit geht häufig die Annahme einher, dass sich die jeweiligen Spielstile grundsätzlich widersprechen und nicht miteinander vereinbaren lassen. Der Sieger der Partie, so die implizite Logik, würde darüber entscheiden, welcher Ansatz den Fußball der Zukunft prägen wird. Werden wir künftig spektakulären Offensivfußball mit einer Vielzahl an Toren sehen oder einen zunehmend „pragmatischen“, defensiv orientierten Fußball? Folgt man dieser Lesart, hätte das Finale bei einem anderen Ergebnis eine Antwort auf diese Frage liefern sollen.

Tatsächlich handelt es sich jedoch im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung des Fußballs lediglich um einen scheinbaren Gegensatz zwischen zwei Ideen, die nur auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher wirken könnten. Auf der einen Seite steht die Perfektionierung des Verteidigens im Low Block, auf der anderen ein weniger an Positionen ausgerichtetes Offensivspiel. Diese Ansätze schließen sich keineswegs aus. Sie lassen sich sogar hervorragend miteinander verbinden.

Genau genommen existiert mit Arsenal bereits ein Beispiel für eine Mannschaft, die zwei vermeintlich widersprüchliche Dogmen erfolgreich miteinander kombiniert hat. Dort wechseln sich Phasen des tiefen Verteidigens im Low Block mit aggressivem, mannorientiertem Pressing ab. Wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass eine Mannschaft gleichzeitig zu den besten Pressingteams Europas gehören und dennoch regelmäßig tief verteidigen würde?

Das hohe manndeckende Pressing verbindet nahezu alle erfolgreichen (und nicht erfolgreichen) Mannschaften Europas aktuell. Es nimmt dem Gegner positionelle Vorteile, setzt ihn dauerhaft unter Druck, sodass der Gegner keine Ballbesitzkontrolle entfalten kann und hat sich deshalb als besonders wirkungsvolles Defensivmittel etabliert. Gleichzeitig erscheint es durchaus logisch, dass sich mit der zunehmenden Verbreitung weniger positionsgebundener Ballbesitzstrategien auch die aktuellen Prinzipien der Manndeckung weiterentwickeln müssen.

Wenn sich aus dem Champions League Finale eine Prognose für die Zukunft des Spitzenfußballs ableiten lässt, dann die, dass nicht einzelne scheinbare Ideologien, sondern die Kombination von Fragmenten der besten Teams angepasst an die Stärken der jeweiligen Spieler entscheidend sein wird, um erfolgreich Fußball zu spielen. Die Fähigkeit sowohl kompakt im tiefen Block als auch im hohen Pressing mit höchstmöglichem Druck zu verteidigen, wird ebenso unverzichtbar sein wie ein Offensivspiel, das nicht auf große Räume beim Gegner angewiesen ist. Die erfolgreichsten Mannschaften der Zukunft werden jene sein, die diese verschiedenen Spielweisen miteinander verbinden können.

Gerade deshalb sollten wir vorsichtig sein, die Zukunft des Fußballs anhand heutiger Ideologien vorherzusagen. Die Kategorien der Fußballtaktik sind letztlich nur vorläufige Beschreibungen unseres aktuellen Verständnisses des Spiels. Besonders aufschlussreich sind daher Entwicklungen, die scheinbare Regeln brechen. Sie zeigen, wo unsere Modelle an ihre Grenzen stoßen und neue taktische Möglichkeiten entstehen. Beispielhaft hierfür steht die Entwicklung des Relationismus, welcher viele Annahmen der Idee des europäischen Ballbesitzspiels, des Positionsspiels, in Frage stellt und Lösungen auf engstem Raum bietet. Die Zukunft des Fußballs wird daher vermutlich nicht innerhalb bestehender, starrer Denkschulen liegen, sondern dort, wo ihre Grenzen überschritten werden.

Homogenität in der Fußballtaktik

„Ich finde, heute hat man viel gutes, intensives Verteidigen gesehen – die Abstände sind einfach so, so klein. Und du hast nur zwei Möglichkeiten. Die erste ist: voll draufgehen. Die zweite ist: komplett zurückziehen. Das Dazwischen funktioniert nicht gegen Spieler auf [PSGs] Niveau – und es funktioniert auch nicht gegen Spieler auf unserem Niveau.“ – Vincent Kompany nach dem Hinspiel gegen Paris im Champions League Halbfinale

Es erscheint durchaus logisch, dass sich das Verteidigen im Spitzenfußball in naher Zukunft verstärkt auf zwei Extreme konzentrieren wird. Zum einen das aggressive hohe Pressing, das dem Gegner Zeit und Kontrolle in Ballbesitz nehmen soll, sowie zum anderen die besonders tiefe Verteidigung im kompakten Block, die hochwertige Torchancen gegen positionelle Teams verhindern soll.

Dennoch gilt, je vielfältiger ein Spielstil ist, desto schwieriger wird es für den Gegner, sich darauf einzustellen. Je stärker sich Mannschaften in ihren Prinzipien ähneln, desto leichter lassen sich wiederkehrende Muster erkennen und gezielt angreifen. Die Geschichte der Fußballtaktik ist geprägt von solchen Entwicklungen. Dominante Ideen rufen Gegenreaktionen hervor. So geriet das Positionsspiel vieler Mannschaften erst durch neue(!) Formen manndeckender Verteidigung unter Druck.

Sollten künftig nahezu alle Teams auf dieselben defensiven Lösungen setzen, werden sich auf lange Sicht auch dagegen neue offensive Strategien entwickeln. Gerade deshalb erscheint es unwahrscheinlich, dass die gesamte Zukunft des Verteidigens ausschließlich in den beiden Extremen des manndeckenden Pressings und des raumorientierten tiefen Blocks liegen wird. Mannschaften werden weiterhin nach Wegen suchen, Gegner mit unterschiedlichen Offensiv- und Defensivkonzepten vor wechselnde Herausforderungen zu stellen. Gerade dann, wenn Taktiken zu weit verbreitet und damit für Mannschaften gewohnt werden, entstehen die Voraussetzungen für erfolgreiche Veränderungen.

Fazit

Wie wird der Fußball der Zukunft aussehen? Weder wird eine einzelne momentan vorherrschende Ideologie den Fußball der Zukunft prägen, noch kann ein einzelnes Champions League Finale verlässlich Auskunft über die langfristige Entwicklung des Spiels geben, ganz egal mit welchem Ergebnis es endet.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass Trainer und Analysten künftig etwas kreativer werden. Statt die Antworten auf die Zukunft des (eigenen) Spiels in der größten Partie Europas zu suchen, sollten sie verstärkt versuchen, neue Lösungen zu entwickeln und etablierte Annahmen zu hinterfragen. Die nächste bedeutende Innovation in der Fußballtaktik wird vermutlich nicht aus der Bestätigung bestehender Ideologien entstehen.

Autor: MH ist Fußball-Aficionado von Herzen. Seine Wohnung gleicht einer Fußball-Bibliothek in deren Regalen Bücher über die großen Taktiker von Rinus Michels bis Pep Guardiola stehen. Das Buch von Spielverlagerung.de fehlt hier natürlich nicht. Für MH ist Fußball nicht nur ein Spiel. Es ist ein Lebensgefühl. Auf X ist er unter Mh_sv5 zu finden, auf LinkedIn ebenso.

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