Manndeckung im Fokus: Bayern gegen PSG – MX
von Next Generation am 26.04.2026 in den Kategorien Bayern München,Champions League,Spielanalyse mit 0 Kommentaren
VS.
Am Dienstag läutet das bislang größte Topspiel des Jahres zwischen dem Rekordmeister aus München und dem Rekordmeister aus Paris den Saisonendspurt ein. Schon im Hinspiel sollte die Manndeckung das entscheidende Thema sein – wir werfen einen Blick darauf.

Die Grundformationen beim 1-2
Am kommenden Dienstag trifft der FC Bayern München erneut auf den amtierenden Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain. Schon im Aufeinandertreffen in der Ligaphase kristallisierte sich heraus, dass die Manndeckung ein großes Augenmerk für den Fortgang des Spiels werden sollte. Da wir das auch für das kommende Aufeinandertreffen erwarten, werfen wir einen Blick auf die Manndeckung der beiden Teams und die Ansätze dagegen.
Die Heimmannschaft agierte aus einer 4-3-3-Grundformation heraus, während Bayern aus einer 4-2-3-1-Grundformation heraus agierte. Stark geprägt war die Partie auch von der roten Karte von Luis Díaz, der zuvor noch einen Doppelpack erzielte, kurz vor der Halbzeitpause. Dennoch gewannen am Ende die Bayern in Unterzahl mit 2:1 im Parc des Princes. Zunächst war in den ersten Minuten ein Einsatz langer Bälle auf beiden Seiten zur Akklimatisierung gegen die direkte Manndeckung zu sehen. Beide Seiten konnten kaum nach Ballgewinnen die Progression in der ersten Aufbaulinie unter dem direkten Gegenpressing aufrechterhalten, wodurch die Anfangsphase gerade auch von Einwürfen geprägt war. Ein Ballverlust im Aufbauspiel durch Mendes am herausverteidigenden Tah führte schließlich zum Konter in die zu breite restverteidigende Innenverteidigung der Pariser, wo Díaz nach 4 Minuten zur Führung einschob.
Phänomen der Manndeckung
Ein paar einleitende, allgemeine Worte zu diesem Stilmittel: Sucht man die Beschreibung von Manndeckung aus rund zehn Jahren und vergleicht die Auslegung mit der heutigen, dann sehen wir einerseits eine Verschiebung des Verständniskorridors: Wir verstehen gruppentaktisch Manndeckung als 1-gegen-1 auf dem gesamten Feld in enger Ausführung der Deckung, während wir vor zehn Jahren noch eine kleinere Grenze hatten und selbst bei lediglich fünf bis sieben 1-gegen-1-Duellen von einer kompletten Manndeckung sprachen. Dass es in jedem Moment des Spiels eine Orientierung am Gegenspieler gibt, liegt in der Natur des Spiels; die Auslegung im Hauptfokus der kompletten Mannschaft auf den Gegenspieler für einen bestimmten Zeitraum (= etwa im Angriffspressing) ist der Wesenskern der Manndeckung.
Das heutige Phänomen der Manndeckung ist vielmehr eines, das im Angriffspressing für die komplette Mannschaft gilt und nicht nur für einzelne Spieler (früher sah man eher Manndeckung auf einzelne Schlüsselspieler), sodass Pressing mit Manndeckung nunmehr eine Verbindung statt einen Widerspruch darstellt. Der Bogenlauf auf den freien
Torwart als ultimatives Mittel der Verbindung beider Dogmen spielt hier eine unterschätzte Rolle und wird gerade in der technischen Ausführung oft zu wenig vermittelt: Ein unsauberer Bogenlauf, der überspielt wird, führt direkt zum Überspielen des manndeckenden Angriffspressings. Eine Manndeckung ohne bogenlaufende Pressingauslösung macht sich aber sehr leicht bearbeitbar über den „freien“ Torspieler.
Die Gründe für diese grundsätzliche Korridorverschiebung dürften verschieden angelegt sein, ich möchte sie nur kurz anschneiden: Einerseits bedeutet eine hohe Anzahl an Spielen eine Notwendigkeit der Simplifizierung von Trainingsmethodik, und das Einpflegen von Manndeckung ist hier wohl ein klarer Punkt, da Effektivität und Wirkung aktuell noch sehr hoch dessen sind. Für mich ist bis dato klar, dass Manndeckung nicht nur deshalb funktioniert, weil dadurch „Vanilla“-Positionsspiel – die grundsätzliche Kreation von temporärer Überzahl zwischen den Linien, indem man den Gegner im Block, den es so bei der Manndeckung nicht gibt, zum Verschieben bringt – eine Entwertung erfährt, sondern auch, weil man dem Aufbau den Spielrhythmus nimmt. Manndeckung impliziert für viele Teams mit Ball die Notwendigkeit, vertikal in den Druck zu spielen, während der direkte Gegenspieler im Rücken ist; die Passwinkel aus dem Druck sind also oft sehr suboptimal und ein Aufdrehen für angespielte Spieler nahezu unmöglich, wenn man keine (gruppentaktische) Lösungen findet.
Man wird also zu einem permanenten Spiel in den Druck mit dem Rücken zum gegnerischen Tor gezwungen, und der Aufbau gleicht eher einem einzigen Heavy-Metal-Konzert, während viele Teams mit dem Ball eigentlich ein Orchester mit eigenen Dirigenten sein wollen und permanent gegen Manndeckung nach Kontrolle und Ruhe suchen. Dieses „Konzert“ versuchen viele zu verlassen, indem sie die Musik ausschalten: Die Planbarkeit gegen Manndeckung besteht bei vielen im Spiel auf zweite/lange Bälle. Die beiden aufeinandertreffenden Teams sehen diese Variation auch als Option, versuchen jedoch vielmehr über
Die Redefinition des Hauptproblempunkts über den Rhythmus legt auch einen anderen Fokus bei der Beurteilung von Staffelungen, in denen lediglich zwei bis vier Spieler im eigenen Drittel verbleiben und die restlichen Spieler in einem Block aufrücken, wie man es vor allem zu Saisonbeginn bei Como oder Brighton sah: „Das Andribbeln auf den Manndeckungsblock führt sehr oft zu teils riskanten Pässen in den Druck ins Zentrum, was problematisch ist, da man die gegnerischen Achter in diese Räume vor der Verteidigung gezogen hat, die im Umkehrschluss im Rückwärtspressing direkten Zugriff auf die eigenen Angreifer haben. Andererseits ist man dadurch extrem anfällig für Konter im Sechserraum, den man bewusst offen gelassen hat. Insgesamt macht es Sinn, gegen eine Manndeckung gewisse Isolations- und Freizieheffekte herbeizuführen, jedoch stehen Hype, Sinn und Nutzen in diesen Beispielen in einem etwas ungesunden Verhältnis.“
Auch Zeit als Faktor wird zunehmend wichtiger: Manndeckung ist athletisch aufwendig und wird mit laufender Spielzeit natürlich loser – sie ist also zunehmend auch abhängig von gesamtmannschaftlicher Fitness, und die Abhängigkeit im Kontext einer Saison von Verletzungen und Belastungssteuerung ist enorm. Daraus lässt sich auch ableiten, wie stark die Reform der Auswechslungen auf fünf Spieler den Trend zur Manndeckung befeuerte. Gleichzeitig bedeutet es auch: Das Bespielen der Manndeckung wird zum Ende des Spiels einfacher, es fallen statistisch auch mehr Tore gegen Ende des Spiels (50 % der Spiele fallen mindestens ein Tor nach der 70. Minute). Spiel auf Zeit bekommt gegen Manndeckung eine neue Natur. Ein spannendes Unterfangen…
Bayerische Ansätze gegen Pariser Manndeckung
So löst PSG die Manndeckung aus
Grundsätzlich agieren die Franzosen vor allem im Angriffspressing aus einer Manndeckung heraus (worauf auch wir folglich den Wert legen), während man im Mittelfeldpressing zwar grundsätzlich einen Fokus auf Mannorientierungen hat, der Schwerpunkt jedoch klar auf dem Halten der 5-3-2-Systematik liegt. Grundsätzlich liegt der Fokus beim Ballspiel der Innenverteidiger darin, dass man über einen Bogenlauf von Barcola aus der 4-4-2-Grundsystematik von außen nach innen den Passweg in die Breite auf Stanišić isoliert und darüber dessen Gegenspieler Zaire-Emery in der Manndeckung eine Raumfokussierung ermöglicht und über die halbräumige Grundposition den Deckungsschatten in die Breite auf Díaz isoliert.

PSGs Grundschema in der Manndeckung
Ein Hauptaugenmerk der Manndeckung von PSG liegt also darin, das direkte Spiel in die Breite zu unterbinden. Gerade bei Bayern ist das wichtig, da die Flügelspieler über die horizontale Grundstellung den direkten Anschluss in den Halbraum auf die hängenden Stürmer suchen und so die Grundlage für Kombinationen im Spielen und Gehen mit Kane/Gnabry legen. Über den diagonalen Zugriffswinkel der Außenverteidiger – worüber man das Tiefenspiel ins Zentrum isoliert – auf die bayerischen Flügelspieler konnte man diese Horizontalität nicht isolieren. Demnach möchte man direkt in der ersten Aufbaulinie den Gegner ins Zentrum leiten, wo man mit engen Manndeckungen von Vitinha und Ruiz auf die gegnerischen Achter agiert und zudem über einen hohen, ballfernen Stürmer Dembélé die Zirkulation innerhalb der ersten Aufbaulinie isoliert.
Die Grundstellung der Manndeckung ist dabei grundsätzlich über das gesamte Feld sehr eng zentral – dabei gehen auch die Innenverteidiger grundsätzlich eng mit den Stürmern mit-, während man in der Breite zunächst nicht konsequent mitverschiebt sowie die Außenverteidiger zunächst eine halbräumige Grundposition einnehmen – und der ballnahe Außenspieler zunächst raumfokussiert agiert, mit Zaire-Emery einsetzt, um Diagonalität in die Breite des Gegners zu unterbinden. Bei Rückpässen auf Neuer lässt einer der Stürmer den Bogenlauf ebenfalls von außen nach innen aus, um ihn zum Spiel ins Zentrum zu leiten; oft suchte Neuer daraus im direkten Gegnerdruck den langen Ball, gerade weil die Bogenläufe der Stürmer sehr sauber ausgeführt sind und das Freilaufen bzw. das Suchen einer flachen Grundposition der Innenverteidiger Bayerns aus dem Schatten der anlaufenden Stürmer kaum vorhanden war. Zudem besteht ein Prinzip der Bayern darin, dass man nach Rückpässen nicht direkt wieder zurückspielt…
Prinzip des Nicht-Doppelanspiels
Mit der Führung im Rücken tasteten sich die Gäste von Kompany langsam an die angriffspressende Manndeckung von Paris heran. Als Grundlage diente dabei das gewohnte 3-2-5-/3-3-4-Grundsystem, das sich typischerweise durch das Abkippen eines der Achter oder das Einkippen eines Außenverteidigers auszeichnete. Gerade mit dem Abkippen des linken Achters Pavlović tat sich Paris zu Beginn der Partie schwer, da dies der Trigger für das kreuzende Einkippen vom rechten in den linken Halbraum durch Joshua Kimmich war, um sich aus dem Deckungsschatten von Pavlovićs Gegenspieler Vitinha freizulaufen. Dadurch musste zugleich dessen Gegenspieler Fabian Ruiz die Seite wechseln, womit er gerade im Antritt gegen Kimmich Probleme hatte und so nicht die Enge in der Manndeckung halten konnte. Upamecano konnte sich daher mehrmals über Kimmich aus dem Druck des anlaufenden Stürmers Barcola lösen und Kimmich zurück zum Torspieler Neuer spielen. Über das diagonale Freilaufen auf den Ballführenden hatte er einen optimalen Winkel zum Ball für eine direkte und saubere Ablage auf Neuer mit dem linken Fuß sowie eine gute Abschirmposition aus diagonaler Grundstellung gegenüber dem Gegenspieler im Rücken, der so kaum Zugriff auf den Ball fand.
Zugleich diente das Ballspiel von Neuer sowie das Herausziehen von Vitinha durch Pavlovićs Abkippen aus dem Zentrum erneut als grundlegender Trigger für Harry Kane, sich im Zentrum fallen zu lassen und diagonale Optionen für die Innenverteidiger der Bayern zu schaffen. Grundsätzlich dient der Rückpass auch als Trigger für Kanes Abkippen, da die Bayern verhindern wollen, nach Rückpässen der Achter direkt wieder diese anzuspielen, da dadurch logischerweise auch die direkten Gegenspieler unmittelbar im Zugriffsfeld stehen und so direkter Gegnerdruck aus dem Rücken die Folge wäre – vielmehr will Bayern lose Punkte in der Manndeckung finden und schaffen.
Das Prinzip des Nicht-Doppelanspiels führt dazu, dass im Zentrum über Kane Variation geschaffen wird. Dieser testet gerade zu Beginn des Spiels über eine hängende Grundposition die Enge des Mitverteidigens des direkten Gegenspielers (hier: Pacho) in der Innenverteidigung des Gegners und hat daher beim Abkippen durch zusätzliche Schulterblicke eine extrem hohe Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber dem direkten Gegenspieler, um entweder für das Dribbling und das folgende Tiefenspiel aufzudrehen oder bei eng mitverteidigenden Gegnern direkt abzulegen. Die kreuzenden Bewegungen der bayerischen Achter öffnen über das Mitziehen gegnerischer Zentrumsspieler darüber hinaus den Diagonalpassweg der bayerischen Innenverteidiger ins Zentrum, welches wiederum dann folglich über Kane nachbesetzt wird.
Prinzip der zentralen Nachbesetzung

Laimer schiebt diagonal durch, Kane sucht das Abkippen im Sechserraum
Das größte Problem des diagonalen Passspiels ins Zentrum ist theoretisch der Horizontaldruck von außen durch einrückende Flügelspieler sowie das Rückwärtspressing gegnerischer Zentrumsspieler, da dadurch ein Aufdrehen für das Dribbling von Kane unterbunden wird. Durch das diagonale Durchschieben der Außenverteidiger der Bayern, besonders Laimer, wird dies jedoch kompensiert, indem die Flügelspieler des Gegners, wie hier Kvaratskhelia, aus dem unmittelbaren Zugriffsfeld im Mittelfeld in die Verteidigungslinie gezogen werden und über das diagonale Durchschieben zusätzlich der initiale Grundraum von Kane im Sturmzentrum nachbesetzt wird.
Über die tiefen Achter Pavlović und Kimmich und das dadurch entstehende Mitziehen von Ruiz und Vitinha unterband man ein Rückwärtspressing dieser auf den Engländer. Da durch Kanes Abkippen Innenverteidiger Pacho in den ersten Minuten herausgezogen wurde, konnte Rechtsverteidiger Laimer situativ frei in den Rücken der Pariser Innenverteidigung durchschieben – auch weil das diagonale Durchschieben der Außenverteidiger oft durch Flügelspieler nur suboptimal mitverfolgt werden kann, da diese gegen den diagonalen Lauf ballferner agieren als der durchschiebende Außenverteidiger im direkten Duell und so von der Breite aus kaum Zugriff im direkten Duell entwickeln.
Dies hatte zur Folge, dass sich Kanes Gegenspieler Pacho sowie Linksverteidiger Mendes zunehmend etwas von der initialen Manndeckung lösten und die Tiefe gegen Laimer sicherten – Bayern schaffte dadurch zunehmend Losheitspunkte. Das führte vor allem bei Pacho gegen Kane dazu, dass dieser kaum mehr direkt herausverteidigen konnte und Kane sich wiederum wiederholt zentral frei für das Dribbling aufdrehen konnte. Darüber brachte er dann etwa nach sieben Minuten den frei gegen Kvaratskhelia durchgeschobenen Laimer zentral gegen den einrückenden und übernehmenden Mendes ins Dribbling vor der Verteidigungslinie. Über das Eindribbeln ins Zentrum fand er dann die Verlagerung auf Díaz auf der linken Breite, der wiederum den direkt spielenden und durchschiebenden Laimer in der Box bediente, der jedoch im 1-gegen-1 vor dem Tor scheiterte.
PSG tat sich also früh in der Partie mit dem Prinzip des Nachbesetzens im Zentrum schwer: Pavlović öffnete den Sechserraum durch Abkippen in die erste Aufbaulinie, der von Kane nachbesetzt wurde, während Kanes Grundraum im Sturmzentrum durch das diagonale Durchschieben Laimers nachbesetzt wurde. Das Prinzip hat zur Folge, dass man das zentrale Verfolgen bewusst loser gestalten will – die Gegner sollen permanent vor die Frage gestellt werden, ob sie stehen bleiben und den nachbesetzenden Spieler in der eigentlichen Grundposition übernehmen oder mit dem initialen Gegenspieler mitgehen. Das führt zwangsläufig zu fehlerhaften Doppeldeckungen und situativen Losheitspunkten im Zentrum.
In der Indirektheit liegt die Kraft

Stanisic als Verlagerungsspieler in den großen Raum hinter dem Mittelfeld
Gerade die Wirksamkeit des Kreuzens von Kimmich und Pavlović minderte sich im Laufe der Zeit etwas, weil Ruiz Kimmich nicht mehr im Antritt verlor und so ein Aufdrehen für Kimmich kaum mehr eine Option war. Gerade nach Rückpässen auf Neuer suchte Bayern nun zunehmend lange Bälle; man vermied es demnach zunehmend, vertikal-flach in den zentralen Druck zu spielen, da dies zudem ein sehr suboptimaler Winkel für die Achter zum Aufdrehen ist und weil Bayern vertikale Rückpässe der Achter auf Neuer vermeiden will, da dies Durchpressoptionen der gegnerischen Achter auf Neuer eröffnet, welche durch den vertikalen Pressingwinkel auch lange Bälle isolieren und sehr hohen Druck bedeuten. So suchte Neuer selbst direkt die lange Auslösung.
Auffällig ist dabei, dass Neuer die langen Bälle diagonal in die Breite auf die Flügelspieler favorisiert, was sich gegen PSG auch sehr auszahlte. Die hängenden Stürmer, die zudem oft rotierten, führten zwar in der Ausgangsposition dazu, dass Innenverteidiger Marquinhos und Pacho eng mitverteidigten, bei langen Bällen in die Breite lösten sie jedoch ihre Manndeckung auf und sicherten die Tiefe im Rücken der Außenverteidiger.
Die Stürmer, besonders Harry Kane durch dessen physische Stärken im Abschirmen (sehr aktive und stabilisierende Armhaltung), konnten so einige Ablagen aus der Breite im Halbraum festmachen und etwa auf aufschiebende Achter ablegen. Gleichzeitig neigt PSG allgemein zu einer starken Ballorientierung nach langen Bällen, und die Achter schieben diagonal in die Breite zum Rückwärtspressing auf den Ballführenden Flügelspieler, wodurch sie besonders durch fehlende Schulterblicke ihre initialen Gegenspieler im Rücken verlieren. Stanišić im Rücken von Díaz konnte so einige Male zweite Bälle in der Breite sichern und Rückpässe suchen – auch Pavlović konnte sich immer wieder von Vitinha lösen, der aufgrund Marquinhos’ Tiefensicherung zudem Kane im Rückwärtspressing zwischen den Linien immer wieder übernehmen musste.
Die Achter dienten insgesamt als direkte Verlagerungsoption; gerade durch Pavlovićs Ausschieben im Halbraum zur direkten Gegenpressingpräsenz besetzte Kimmich das Zentrum nach und diente dadurch als Rückpassoption für Stanišić aus der Breite. Insgesamt wirkte das Rückwärtspressing der Stürmer Dembélé und Barcola auf die bayerischen Achter deutlich zu inaktiv, sodass der große Raum – durch die ballorientiert-tiefen Achter – hinter dem Sturm nach Rückpässen der Bayern deutlich zu groß wurde und Bayern sich so aus dem Druck lösen konnte.
Dass Zaire-Emery, Vitinha und Ruiz so ballorientiert agierten, hat auch durchaus seine theoretische Berechtigung darin, dass man eine Ballnahme und ein Dribbling der Flügelspieler nach innen unterbindet. Das Problem war lediglich folglich, dass einerseits die Abstände in der Grundstellung zu groß (durch die tiefen bayerischen Achter wurden auch die Gegenspieler sehr weit mitgezogen) waren und der direkte Zugriff im Rückwärtspressing demnach kaum vorhanden war und durch das weite Fallen schlichtweg zu nah am Ball agiert wurde, um direkte Gegenpressingpräsenz für zweite Bälle und Abpraller gen Mittelfeld zu haben – verbunden mit der fehlenden Wahrnehmungsfähigkeit auf die initialen Gegenspieler im Rücken.
Unterschätzt werden darf zudem nicht, welch große Belastung diese vielen langen Bälle für die kleinen Außenverteidiger und in der Luft eher instabilen (fehlende Höhe im Absprung) Außenverteidiger Hakimi (1,81 m gegen 1,81 m) und Mendes (1,80 m gegen 1,84 m) bedeuteten. Das Ergebnis waren im Laufe des Spiels einige direkte Kopfbälle zurück auf den Torwart oder ins Mittelfeld, wo einerseits Bayern über den direkt durchpressenden Gnabry Chevalier anlief und so diesen zu unkontrollierten langen Bällen zwang und auf unsaubere Rückgaben der Außenverteidiger spekulierte – zu denen es auch im Laufe des Spiels zunehmend kam.
Folglich kam Bayern über diese Rückpässe aus der Breite genau zu jenen Situationen im Zentrum, in denen Kimmich und Pavlović sich zentral zwischen den Linien mit Blick zum gegnerischen Tor aufdrehen und andribbeln konnten, was eigentlich durch die Manndeckung unterbunden werden sollte. Gerade weil PSG folglich nach den zweiten Bällen wieder zu langsam in die Grundstellung der Manndeckung (durch die temporäre Ballorientierung) fand, eröffneten sich für Kimmich dann Optionen zwischen den Linien, etwa auf die abkippenden Stürmer. Hier sei insbesondere die extreme Präsenz nach Wechsel der Spielrichtung durch Bayern erwähnt, was die Wiederherstellung der Manndeckung für die Gegenspieler (etwa die Innenverteidiger gegen Gnabry/Kane) sehr schwer macht und zu einem temporär hohen Maß an Unkontrolliertheit führt.
Zu Mitte des Spiels fand man darüber auch die Verlagerung in die Breite und brachte besonders Olise so in die isolierten 1-gegen-1-Situationen gegen Mendes, welche ihm bislang durch das direkte Fallen der Achter in den Halbraum zur Isolation der inversen Wege fehlten. Über die horizontale Grundstellung in der Breite der bayerischen Flügelspieler schaffte diese insgesamt eine direkte Präsenz nach innen und so setzten er und Díaz vermehrt Akzente über Dribblings in die Box, nachdem die Achter PSGs ballnah gebunden wurden und sich die ariser UAßenverietidge schwer taten, dass sie über den diagonelen Zugriffswinkel und den direkten Antirtt nach Innen von Diaz/Olise das Dribbling unterbinden.
Zudem akklimatisierten sich die Pariser zunehmend gegen den bayerischen Aufbau vor dem Pausentee und der roten Karte von Diaz:
- Das Abkippen von Kane wurde nun von Pacho eng mitverfolgt, sodass keine Aufdrehoptionen im Zwischenlinienraum mehr für den Engländer bestanden.
- Das diagonale Durchschieben von Laimer wurde zwar weiterhin nicht eng von Kvaratskhelia mitverfolgt, jedoch gestaltete sich die Übergabe an Mendes sauber, während Kvaratskhelia Olise in der Breite übernahm.
- Das zunehmende Durchschieben im Spielen und Gehen durch Stanišić in der linken Breite wurde eng von Zaire-Emery, trotz enger Grundposition, direkt mitverfolgt, sodass Díaz die Ablageoptionen im Halbraum fehlten – auch weil die Innenverteidiger die hängenden Stürmer der Bayern nun enger markierten, statt die Tiefe raumorientiert zu sichern.
- Insgesamt tat sich Bayern zunehmend mit der Rückpassisolation der Stürmer auf die Innenverteidiger Tah und Upamecano schwer, wodurch vermehrt unkontrollierte Diagonalverlagerungen aus der Breite die Folge waren, statt einer Rhythmusfindung durch Rückpässe. Die langen Bälle in die Breite führten jedoch weiterhin zu Unsicherheiten bei Mendes und Hakimi, sodass vereinzelt Olise und Díaz daraus den Ball festmachen konnten.
Das wird für PSG wichtig:
- Direktes Verfolgen des Kreuzens von Pavlović und Kimmich zur Unterbindung der drucklösenden Ablagenspiele („im Zweifel an der Manndeckung festhalten“).
- Unterbindung des Schaffens von temporärer Überzahl über abkippende Stürmer im Zentrum durch mitverteidigende Innenverteidiger und dadurch Provokation von langen Bällen ins Zentrum (Kreation von Planbarkeit).
- Engere Grundstellung der Flügelspieler zur Antizipation des diagonalen Durchschiebens der bayerischen Außenverteidiger und Einnahme der Innenseite im direkten Duell zur Unterbindung von Diagonalität ins Zentrum. Dies schafft Entlastung der Verteidigungslinie und stellt die Grundlage dar, dass diese sich nicht vom initialen Gegenspieler zur Tiefensicherung lösen müssen.
- Rotationen der Stürmer mitverfolgen, statt temporäre Losheit im Halbraum in den Duellen durch Übergaben zu gewähren sowie Minimierung kommunikativer Unklarheiten in den Übergaben.
- Frühzeitige Antizipation der langen Bälle zum direkten Rückwärtspressing aus dem Zentrum zur Isolation der Pass- und Dribblingwege in den Halbraum sowie periphere Präsenz mittels mannorientierter Schulterblicke zur Sicherung der initialen Gegenspieler im Rücken. Rückwärtspressing der Stürmer als Basis für die Unterbindung von Verlagerungen über den Raum vor dem Pariser Mittelfeld durch Kimmich/Pavlović sowie proaktives Einsetzen von taktischen Fouls zur Unterbindung von Aufbauphasen des FCB in Manndeckungsfindungsphasen nach Pariser Ballverlusten.
- Zustellen der inversen Dribblingwege sowie Passwege auf die Stürmer durch horizontale Zugriffspunkte im Zweikampf gegen Díaz und Olise.
Pariser Ansätze gegen Bayerische Manndeckung
So löst der FCB die Manndeckung aus

Bayerns Grundschema in der Manndeckung
Genau in diese Phase Mitte bis Ende der ersten Halbzeit fällt dann auch zunehmend der Ballbesitzanteil von PSG im tiefen Bereich, gerade weil Chevalier einige Rückpässe nach bayerischen langen Bällen erhielt und dabei aus einem 2-4-4 bzw. 3-3-4 agierte, durch das Einkippen des ballnahen Außenverteidigers in die erste Aufbaulinie. Das manndeckende Angriffspressing folgt dabei – anders als das von PSG – der grundsätzlichen Logik, den Gegner in die Breite zu treiben (statt in direkte Duelle im Zentrum), über Bogenläufe von innen nach außen auf Keeper Chevalier oder die Innenverteidiger. Ähnlich agierte Bayern im Fokus der Isolation von Zirkulation entgegen der Bogenlaufrichtung, sodass Kane besonders Marquinhos sehr eng markierte, um den Aufbau auf Mendes zu leiten. Das frühe Problem der Pariser war dabei allgemein, dass die Halbverteidiger sehr breit agierten und so gegen die direkt diagonal anpressenden bayerischen Flügelspieler sowie die überzahlpressenden Stürmer kaum an der Seitenlinie in der situativen Unterzahl aufdrehen konnten, wodurch einige Ballverluste früh über Marquinhos bzw. Mendes entstanden.
Das hatte relativ schnell zur Folge, dass der mittlere Innenverteidiger Pacho das Vertikalspiel im Halbraum suchte, welches die Bogenläufe von Gnabry in Richtung Breite nicht isolierten, auf die abkippenden Stürmer Dembélé respektive die Achter. Insgesamt suchte PSG sehr viele Rotationen zwischen den Stürmern und den Achtern, wodurch es auch oft vorkam, dass situativ Pavlović oder Kimmich in die Innenverteidigung mitrückten, während Tah oder Upamecano in den Achterraum schieben mussten, etwa gegen Barcola oder Dembélé. Bayern folgte demnach den direkten Gegenspielern und vermied Übergaben im Zentrum, sodass kaum situative Unterzahlsituationen oder unbeabsichtigte lose Momente zwischen den Linien entstanden.
Zwar verteidigten Bayerns Innenverteidiger ballnah im Halbraum nicht direkt eng mit, sondern agierten lose in der Grundstellung, um nicht die Tiefenwege zu öffnen, was Pacho zu Anspielen im Halbraum verleitete. Man könnte auch spekulieren, ob dies eine bewusste Falle der Bayern ist, um das Spiel in den Druck gegen den direkt herausverteidigenden Verteidiger zu provozieren. Das sehr aggressive Herausverteidigen im Rücken der Halbraumspieler führte nämlich dazu, dass kaum Aufdrehen möglich war und unter dem direkten Druck von hinten sehr unsaubere Ablagen ins Zentrum mehrmals entstanden, welche gerade der direkt rückwärtspressende Kimmich immer wieder im Sechserraum sichern konnte. So leitete er zum Beispiel das 1:0 in der 4. Minute ein. Ein bedeutender Unterschied liegt in der Manndeckungsfindung: Anders als die Pariser suchen die Bayern nach Ballverlusten oder nach Rückpässen von PSG nicht sofort die Manndeckung auf dem gesamten Feld, sondern lassen sich in die Mittelfeldpressingstruktur des 5-2-3 fallen. Damit umgeht man gewissermaßen die Probleme in der Findung direkter Duelle und unklarer Zuordnungen, der unmittelbare Zugriff ist dadurch jedoch folglich vermindert und es enstehen kurze Phasen der Passivität.
Spielen&Gehen als Mittel der drucklösenden Überzahl?

Situative Überzahlsituation in der Breite durch durchpressenden Stürmer sowie enges Mitverteidigen in der Breite
Interessanterweise gingen die Pariser dann wieder vermehrt zum Spiel in die Breite über. Relativ schnell stand wohl bei den Halbverteidigern die Erkenntnis fest, dass man enger agieren muss, um einen größeren Winkel im Aufdrehen einnehmen zu können und sich von der Seitenlinie zu lösen. Das führte dazu, dass die Halbverteidiger nun vermehrt aufdrehen konnten und den Vertikalpass in die Breite suchten.
Dabei war ein sehr hohes Tempo notwendig, bedingt durch die Unterzahlsituation breit und das direkte Anlaufen der Bayern, wodurch dem Vertikalpass teils die Kraft fehlte und die Flügelspieler zur Ballsicherung sich weit fallen lassen mussten. Das wiederum führte dazu, dass sich der Passwinkel für Ablagenspiele in den Halbraum auf Stürmer/Achter schloss. Insgesamt ist der Vertikalpass in die Breite wohl ein bewusst zugelassenes Mittel der Bayern, denn über den diagonalen Pressingwinkel der Flügelspieler in die Breite versucht man, die Diagonalpasswege der Halbverteidiger nach innen zu isolieren und sie so zu Kvaratskhelia und Barcola zu leiten, wo die Außenverteidiger der Bayern, Stanišić und Laimer, die Abkippbewegungen sehr eng und aggressiv mitverteidigen.
Die Pariser versuchten demnach relativ früh, den Anschluss über das Spielen und Gehen der Halbverteidiger in der Breite zu suchen. Grundsätzlich sieht man gerade bei Mendes auch ein physisches Profil, das durch den sehr hohen Antritt optimale Rahmenbedingungen für Spielen und Gehen schafft. Das Problem war vorliegend jedoch, dass Olise dieses Durchschieben antizipierte und aus dem diagonalen Anlaufen im Bogen Mendes folgte, sodass keine temporäre Unterzahlsituation in der Breite entstand und sich der Portugiese in der Ballsicherung im Vertikaldribbling extrem schwer tat, den hohen Antritt zu halten, bedingt durch die fehlende Stabilität gegen den von der Seite angreifenden Olise.
Auch Kvaratskhelia tat sich schwer im Aufdrehen gegen Laimer, der über seine enorme Aggressivität im Zugriff mehrfach den Ball im 1-gegen-1 gewann, auch aufgrund der temporären physischen Instabilität im Abschirmen des Georgiers beim Aufdrehen. Zudem suchten die Bayern grundsätzlich bei situativ erfolgreichen Spielen und Gehen der Pariser zur Unterbindung von Unterzahlsituationen proaktiv taktische Fouls und rissen dadurch den gegnerischen Spielrhythmus. Interessant ist dabei, dass die Bayern durch das Überzahlpressing in der Breite ballfern mit Kane auf Pacho einrückten und ballferne Flügelspieler ins Zentrum einrückten, um den Raum zentral vor der Verteidigungslinie zu sichern – so agierte man situativ ballfern in einfacher oder zweifacher Unterzahl gegen den ballfernen Halbverteidiger bzw. Außenverteidiger.
Das war auch durchaus essenziell, denn einerseits versuchte sich der mittlere Innenverteidiger Pacho mehrfach durch vertikales Aufrücken im Sechserraum freizulaufen und so horizontal für die Außenverteidiger erreichbar zu sein, und andererseits bespielte PSG im Laufe der Saison immer wieder direkt über Ablagen der Flügelspieler den Raum zwischen den Linien zentral über den hängenden, ballfernen Stürmer. So konnte Bayern diesen Raum sichern. Zudem verfolgten Bayerns Innenverteidiger auch ballferne Bewegungen der Stürmer eng mit, sodass sich diese kaum in die Breite lösen konnten (anders als PSG, die etwa bei kreuzenden Bewegungen gegnerischer Stürmer enorme Probleme im Mitverteidigen haben durch den Fokus auf die Tiefensicherung) Bayern sieht demnach die Sicherung der Tiefe nicht als hauptsächliche Fokuspunkte der Innenverteidiger an, da man über diagonale Winkel auf gegnerische Flügelspieler diese Passwege direkt im Anlaufen gen Tiefe isolieren will.
Zu Mitte des Spiels funktionierten vereinzelt die Muster im Spielen und Gehen auf der rechten Aufbauseite von PSG über Hakimi mit Ablage des diagonal auskippenden Stürmer Barcola. Der grundsätzliche Unterschied zwischen den beiden Seiten ist ohnehin, dass Barcola aus der halbräumigen Grundposition diagonal abkippt und dadurch einen deutlich besseren Passwinkel zur direkten Rückablage auf den durchschiebenden Hakimi hat als etwa Kvaratskhelia auf der anderen Seite und daraus auch deutlich besser direkt für das Dribbling aufdrehen kann – Stanišić tat sich phasenweise extrem schwer, auf dieses direkte Aufdrehen aus dem diagonalen Abkippen Zugriff zu bekommen.

Vitinha bricht in den Halbraum aus, Gnabry schiebt bogenläufig auf den Torspieler durch, enge Manndekung im Halbraum sowie im Zentrum
Zudem hatte situativ Díaz Probleme, den direkten Antritt von Hakimi aufzunehmen, da er nicht so sauber im Bogen mitverfolgte wie etwa Olise. Der große Durchbruch blieb jedoch aus: Einerseits fehlte die Sauberkeit im Ablagenspiel von Barcola, andererseits half sich Díaz mit der Zeit auch mit taktischen Fouls. Insgesamt ist die Reaktion der bayerischen Innenverteidiger auf diese breiten Durchbrüche allgemein exzellent: Man lässt sich direkt zentral fallen und isoliert so etwaige Tiefenwege auf Stoßstürmer Dembélé. Auch Neuer trägt seinen Teil durch die hohe Grundposition bei, um Tiefenspiel zu unterbinden. So verlor PSG trotz vereinzelter Dribblings mehrfach an Anschlussdynamik.
Vitinha sucht das Ausbrechen
Klassisch für die Franzosen ist in diesem Kontext zudem, dass sich Vitinha sehr tief fallen lässt und teils zwischen Pacho und Mendes im rechten Halbraum positioniert. Bayern war darauf sichtlich vorbereitet, und Joshua Kimmich folgte ihm auf diesem Weg. Ähnlich wie bei PSG ist die Maxime auch in Bayerns Manndeckung, dass man das Aufdrehen im Zentrum sowie offene Passwinkel aus dem Zentrum unterbindet. Deswegen verteidigen auch die Innenverteidiger – besonders Upamecano gegen Ruiz – extrem eng im Halbraum mit.
Am Fokuspunkt im Scanning lässt sich zudem ein klarer Schwerpunkt bei Kimmich ableiten, dass er beim Ballspiel von Vitinha in der ersten Aufbaulinie – gerade bei offener Stellung, etwa beim Abstoß – den Passweg passoptionenorientiert auf Stürmer Dembélé isolieren soll. Insgesamt sei hier hervorgehoben, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ein Sechser als temporärer Stürmer in der ersten Pressinglinie in dieser Sauberkeit mit dem Deckungsschatten anpresst und so trotz situativ offener Stellung den Zielspieler im Zentrum isoliert und Vitinha in die Breite lenkt.
Spürbar sind dennoch gewisse Unsauberkeiten im Anpressen von Kimmich: So zeigt er Verbesserungspotenzial im Durchpressen, da häufig ein zu großer Passwinkel offen bleibt – trotz eines guten Ausgangspressingwinkels. Zudem hat er daraus resultierende Aufnahmeprobleme aus zu großem Abstand gegen das Spielen und Gehen von Vitinha. Auch im engen Verbleiben an Vitinha zur Rückpassisolation beziehungsweise im überzahlpressenden Durchschieben in die Breite fehlt Kimmich situativ die Orientierung mit dem Ballspiel im Rücken in den Folgebewegungen im Pressing. Es könnte durchaus entscheidend werden, ob man diesen Punkt noch perfektionieren kann.
Nach rund 17 Minuten änderten die Bayern ihre Manndeckung und lösten gerade im Bereich zwischen erstem und zweitem Drittel kaum mehr aktiv das Angriffspressing aus, sondern agierten dahingehend früher im 5-2-3-Mittelblock ohne direktes Anpressen der ersten Aufbaulinie. Diese leichte Passivität führte folglich dazu, dass PSG vor allem über Vitinha vor der ersten Pressinglinie der Bayern immer wieder eine 4-gegen-3-Überzahl herstellen konnte und über das Aufdrehen vor dem Block – da Kimmich im Mittelblock die Bewegungen des Portugiesen nicht eng mitverfolgte – Lösungen fand. So fand PSG über den ausbrechenden Achter und dessen phänomenales Diagonalpassspiel auf mittlere Distanz etwa beim vermeintlichen 1:1 in der 22. Minute im linken Halbraum Dembélé, der wiederum über die Verlagerung auf Barcola und dessen Flanke zum Abschluss kam. Bayern verlor im Block gewissermaßen etwas die Kontrolle über die Passwinkel des tiefen Vitinha, und das zahlte sich schnell für PSG aus.
Demnach passte man sich daraufhin wieder an und suchte erneut aktiv das manndeckende Angriffspressing auf PSG, die jedoch gerade nach der Auswechslung von Ousmane Dembélé einen essenziellen Zielspieler für das flache Wandspiel zwischen den Linien verloren. Folglich sah man nun vermehrt einen Langpassfokus auf die diagonal in die Tiefe durchschiebenden Flügelspieler, die ohnehin zunehmend rotierten, während Lee und Barcola im Halbraum durch ihre höhere Grundposition die Innenverteidiger aus dem Zentrum ziehen sollten. Das direkte Fallen der bayerischen Innenverteidiger zur Sicherung des Zentrums nach Auslösung des langen Balles sowie das direkte Rückwärtspressing von Pavlović und Kimmich im Sechserraum für zweite Bälle verhinderten jedoch tiefe Durchbrüche. Ohnehin waren gerade die langen Bälle von Mendes auf der linken Aufbauseite zu unpräzise, um die Räume im Rücken von Upamecano und Tah zu bespielen. Dennoch entstand nach rund 30 Minuten daraus eine Chance über den tiefen Zaire-Emery, den Upamecano nach einem Freistoß zu spät fand, sodass Barcola in der linken Breite in die Tiefe kam – doch Neuer bewährte sich im Eins-gegen-eins vor dem Tor.
Das wird für Bayern wichtig:
- Enges Verfolgen der Rotationen als Basis zwischen PSGs Achtern statt Gewähren von losen Punkten durch Übergaben.
- Isolation der Abkippbewegungen der Stürmer und Achter im Halbraum durch herausverteidigende Innenverteidiger, besonders des diagonalen Abkippens von Barcola in den linken Halbraum.
- Auflösen der Manndeckungen zum Abfangen langer Bälle im Zentrum sowie direktes Rückwärtspressing von Pavlović und Kimmich zur unmittelbaren Gegenpressingpräsenz.
- Verfolgen und aktives Anlaufen der Ausbrechbewegungen des zentralen Achters in die erste Aufbaulinie von PSG zur Unterbindung offener Passwinkel diagonal auf Zielspieler Dembélé.
- Isolation von Rückpasswegen zu den Innenverteidigern durch überzahlpressende Stürmer in der Breite, um Momente der Passivität durch Fallen in den 5-2-3-Mittelblock zu vermeiden.
- Direktes Mitverfolgen des Spielen und Gehens der Halbverteidiger über bogenlaufendes Nachschieben nach dem Anlaufen, zum Ausgleich natürlicher Nachteile im Antritt gegen vor allem Mendes.
Fazit
Grundsätzlich möchte ich mich zunächst entschuldigen: 5400 Wörter als eigentlich kurze Vorschau eines geplanten Artikels sind nicht einfach zu lesen. Grundsätzlich erwartet das Spiel am Dienstag ein extrem hochklassiges Fußballfest, das die aktuellen taktischen Trends sehr gut abbildet. PSG und Bayern wirken nahezu ebenbürtig: die wohl besten Trainerteams der Welt, und auch die Mannschaften erscheinen so ausgeglichen wie selten zuvor. Dass bei Bayern Gnabry, Karl und Bischof ausfallen, ist insgesamt ein leichter Abzug in der eigentlich sehr guten Formtabelle. Auch bei PSG war lange Schlüsselspieler Vitinha fraglich, nun scheint er nach der Verletzung gegen Lyon spielen zu können, was als essenziell für PSG anzusehen ist.
Der Artikel zeigt bereits, dass zumindest die Manndeckung auf Bayerns Seite im vorherigen Duell sowohl mit als auch gegen den Ball die Nase vorn hatte und sogar in Unterzahl das Spiel gewann. Wir halten noch einmal fest: Es gibt gute Gründe, Bayern zu favorisieren. Es gibt aber ebenso gute Gründe, weshalb PSG ins Finale einziehen kann, sowie zahlreiche realistische Szenarien, die der FCB-Elf richtig Probleme bereiten könnten. In diesem Sinne wünschen wir allen Lesern einfach ein gutes Halbfinale. Und nochmals eine kleine Entschuldigung für das Ausschweifen hier, das spontan über zwei Nächte entstanden ist…somit, Gute Nacht.
MX machte sich in Regensburg mit seiner Vorliebe für die Verübersachlichung des Spiels einen Namen. Dabei flirtete er mit der RB-Schule, blieb aber heimlich immer ein Romantiker für Guardiolas Fußballkunst.
Artikel von Next Generation
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Einige von ihnen haben bereits Erfahrungen gesammelt, andere machen ihre ersten Schritte beim Erstellen von Artikeln. Nicht alle Beiträge werden schon ausgereift sein, aber zur Weiterentwicklung ihrer Verfasser finden wir es sehr wichtig, dass auch sie öffentlich verfügbar sind, um den Austausch und die Diskussion zu ermöglichen, die die Autoren weiterbringen. Daher möchten wir dafür werben, die Texte der "Next Generation" als Entwicklungsprojekt zu verstehen und am Prozessgedanken zu messen.
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