Zurück in die Zukunft – Mit Walterball gegen mannorientierte Systeme? – ND

Während mannorientierte Strukturen im Spiel gegen den Ball heutzutage en vouge sind, so waren sie im Sommer 2023 noch deutlich rarer gesät. Thomas Reis zählte damals zu den wenigen Trainern, die konsequent auf mannorientiertes Pressing setzten. Mit dem HSV unter Tim Walter traf dieses Konzept auf eine Mannschaft, die zu diesem Zeitpunkt über zahlreichen, klar ausgearbeiteten und markanten Mechanismen im Ballbesitzspiel verfügten.

Der HSV präsentierte in dieser Partie eine Vielzahl an taktischen Lösungen, um gegnerische Zuordnungen zu manipulieren, Dynamiken zu erzeugen und strukturelle Vorteile herzustellen und auszuspielen. Das Resultat war eine spielerisch wie statistisch dominante Vorstellung, die sich auch in den Zahlen widerspiegelt: 12:2 Großchancen sowie 5,63 xG zu 1,7 xG unterstreichen eindrucksvoll, wie konsequent und wirksam die mannorientierten Pressing- und Blockmechanismen des Gegners ausgehebelt wurden.

Viele der dabei eingesetzten Prinzipien wirken auch aus heutiger Perspektive bemerkenswert aktuell und liefern wertvolle Ansätze für den Umgang mit mannorientierten Defensivstrukturen innerhalb der heutigen Meta:

 

5-0-3-3 Grundformation

Der HSV nutzte die Mann gegen Mann orienterung gezielt, um den Gegner über die Positionierung der eigenen Mittelfeld- und Angriffsreihe zu manipulieren und im Bereich der Mittellinie zu fixieren.

Auf diese Weise gelang es dem HSV, die ersten beiden Pressinglinien des Gegners gezielt und maximal vertikal auseinanderzuziehen. Die dadurch entstehenden Zwischenräume wurden anschließend konsequent bespielt. Der HSV nutzte diese freigezogenen Räume wiederholt durch dynamische Rotationen im Zentrum, mutige Dribblings in die offenen Zonen, gezieltes ‚Spiel und Geh‘ sowie durch Freilaufbewegungen in den Rücken der ersten Pressinglinie.

Durch diese Mechanismen schaffte es der HSV immer wieder, freie Spieler in dieser Zone anzuspielen häufig in offener Körperstellung und mit Blickrichtung zum gegnerischen Tor. Dies ermöglichte sowohl direkte vertikale Anschlussaktionen hinter die letzte Linie als auch kurz Progressionen in die Halbspuren oder auf die Außen. Gleichzeitig wurde der Gegner permanent zu Entscheidungen gezwungen, was zu weiteren Auflösungsbewegungen innerhalb der Pressingstruktur führte und die Kontrolle über die Spielfeldmitte zunehmend zugunsten des HSV verschob.

Aufbaurotationen + Spiel und Geh

Das wohl waltertypischste Element im tiefen Aufbau sind Aufbaurotationen sowie ein aktives und offensiv ausgerichtetes Spiel-und-Geh Verhalten. Dieses beschreibt ausdrücklich nicht ein wahlloses oder automatisiertes Weiterbewegen nach einem Pass, sondern eine bewusst eingesetzte Positionsanpassung, mit der gegnerische Bewegungsmuster gezielt provoziert und ausgenutzt werden.

Sobald ein Spieler den Ball abspielt, orientiert sich der direkte Gegenspieler häufig für einen kurzen Moment stark am Ball und verliert dabei die Kontrolle über den Raum in seinem Rücken oder seitlich neben sich. Genau in diesen kurzen, aber entscheidenden Momenten entstehen kleine Räume, die im Spielmodell von Tim Walter konsequent attackiert werden.

Grundsätzlich lassen sich diese Anschlussbewegungen in zwei Subkategorien unterteilen:

  1. Durchlaufen in eine höhere Position

Die bekanntere und im Walterball klar präferierte Form. Nach dem Abspiel startet der Spieler unmittelbar einen Lauf in eine höhere Position meist in den Rücken seines direkten Gegenspielers. Dadurch wird nicht nur eine Pressinglinie überspielt, sondern gezielt eine neue Spielebene kreiert und attackiert. Während der Gegenspieler noch im Herausrücken oder im Umschalten von Raum- auf Ballorientierung steckt, hat der Passgeber bereits Tempo aufgenommen und attackiert den geöffneten Raum. So entsteht Dynamik aus dem Zentrum heraus, häufig verbunden mit offenen Körperstellungen bei der Folgeaktion und unmittelbarer Vertikalität in die nächste Zone.

  1. Absetzen als Anker

Statt vertikal in die nächste Ebene durchzulaufen, löst sich der Passgeber leicht zurück oder seitlich aus dem Deckungsschatten und unmittelbaren Einflussbereichs seines Gegenspielers. Ziel ist es, eine stabile Exit-Verbindung zum Ball aufrechtzuerhalten und dem ballführenden Spieler eine sichere Anschlussoption zu bieten. Diese Variante dient weniger dem unmittelbaren Raumgewinn, sondern vielmehr der Spielkontrolle und Rhythmussteuerung

Im Spielmodell von Tim Walter liegt der klare Schwerpunkt auf dem Durchlaufen in eine höhere Position.
Anschlussbewegungen sind dabei vor allem offensic und darauf ausgerichtet, Mannorientierungen, aufzulösen, freie Räume dynamisch zu besetzen und neue Spielebenen zu öffnen um den Gegner unter Entscheidungsdruck zu setzen.

Die zweite Variante, das Absetzen als Anker, wird hingegen nur selten genutzt. Ein zentraler Grund dafür ist die sehr aktive Einbindung des Torwarts in den Spielaufbau. Der Torwart agiert konstant als zusätzliche Exit-Option, positioniert sich hoch, bietet offene Passwinkel an und stellt jederzeit eine sichere Rückverbindung her. Dadurch entfällt oftmals die Notwendigkeit, dass Feldspieler absichernd zurückfallen müssen, um Ballbesitz zu stabilisieren

Das Bewegungsspiel, Positionszonen und Positionsspieler

Das Grundgerüst der Aufbaurotationen besteht aus zwei festen Positionszonen neben dem Torhüter. Welche Spieler diese Zonen besetzen, ist dabei variabel und von untergeordneter Bedeutung. Entscheidend ist vielmehr, dass diese Räume im Rahmen des Bewegungsspiels kontinuierlich besetzt werden, um ein stabiles Fundament für das Ballbesitzspiel zu gewährleisten. Nur in wenigen Sequenzen wird bewusst lediglich eine dieser Zonen gehalten.

Dies geschieht vor allem, weil die Mehrheit der Bewegungen aus einer dieser Zonen initiiert wird und sich Spieler gezielt in höhere oder seitlich versetzte Ebenen lösen. Diese Anschlussbewegungen erfolgen meist mit dem Ziel, dynamisch freie Räume zu besetzen, insbesondere in den Rücken des direkten Gegenspielers oder der ersten Pressinglinie oder sich durch Tempo- und Richtungswechsel eine klare Separation und Dynamik zum direkten Gegenspieler zu kreieren.

All diese Prinzipien verfolgen ein übergeordnetes Ziel: möglichst günstige Anspieloptionen hinter den Gegnerischen Linien zu schaffen. Durch offene Körperstellungen, verbesserte Passwinkel und klare Entscheidungsoptionen wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Anschlussaktionen nicht nur unter Kontrolle, sondern auch mit unmittelbarer Progression ausgeführt werden können.

Ergänzend zu diesen Positionszonen gibt es zwei klar definierte Positionsspieler: die beiden Flügelspieler. Sie sind nur selten in die Rotationen eingebunden und haben primär die Aufgabe, die letzte gegnerische Linie dauerhaft zu binden. Durch ihre hohe und breite Positionierung versuchen sie, die Abwehrreihe sowohl horizontal als auch vertikal maximal auseinanderzuziehen.

Darüber hinaus fungieren die Flügelspieler als Zielspieler für Exit-Bälle, wenn eine kurze Spielfortsetzung nicht möglich ist. Gleichzeitig agieren sie als Tiefenbedroher und Läufer, sobald die erste(n) Pressinglinie überspielt wurde entweder durch direkte Tiefenläufe oder durch abgestimmte, gegenläufige Bewegungen mit dem Stürmer, um lange Bälle in die Tiefe zu ermöglichen.

In dieser Szene sind es beispielsweise der nominelle linke 10ner Pherai, linksseitig von Heuer Fernandes und der nominelle LIV Ambrosius zu seiner Rechten, wenn man sich die Situation nur wenige Sekunden davor anschaut, so blickt man auf gänzliche andere Positionen der Spieler sowie eine verschiedene Struktur:

Hamburger Bewegungsprofile

 

Da in dieser Situation durch keine Freilaufbewegung eine sinnvolle und anspielbare Passoption für Heuer Fernandes öffnet versucht der HSV in Folge, die Positionsspieler gezielt und dynamisch in die Tiefe zu schicken. Meffert löst sich aus seiner zentralen Position und weicht auf die linke Außenspur aus. Durch diese Bewegung wird der zentrale Raum geöffnet, in den Glatzel abkippen kann. Dadurch kann die innere Spur für diagonale Läufe in der Tiefe freigezogen.

Jedoch ist der Abkippweg von Glatzel zu kurz und nicht explosiv genug, wodurch sein Gegenspieler nicht dazu gezwungen wird, die Bewegung konsequent aufzunehmen. Infolgedessen kann Öztunali seinen positionellen Vorteil gegenüber seinem Gegenspieler, er ist deutlich weiter innen als sein direkter Gegenspieler positioniert und besitzt damit einehöhere Wahrscheinlichkeit besitzt, den Tiefenball zu erlaufen, nicht ausspielen. Da eben Glatzels Gegenspieler noch in seinem Weg steht und den Ball in Tiefe anschließend erfolgreich klären kann.

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Pressing auf den Keeper als Auslöser für das Bewegungsspiel

Viele aktuelle Lösungen gegen mannorientiertes Pressing basieren darauf, dass das Pressing auf den Torwart aufgelöst wird. Dadurch entsteht zwangsläufig irgendwo ein +1 Spieler, der anschließend gesucht wird. Die verbreitetste Möglichkeit ist, den Spieler über den dritten zu finden; diese Variante ist jedoch besonders anspruchsvoll für den Wandspieler, da Timing, Laufweg und Ballkontrolle präzise abgestimmt sein müssen.

Im gezeigten Spiel demonstriert der HSV eine spannendere Alternative: Sie agieren bewusst ohne einen festen Spieler im Sechserraum. Der +1 Spieler löst sich aus dem Deckungsschatten des Anläufers und beläuft den freien Sechserraum aktiv. Dadurch kann der Überzahlspieler schneller gefunden werden und somit noch besser Dynamik erzeugt werden.

So zeigt sich dies beispielhaft in dieser Szene: Schalkes LST versucht, den Torwart bogenförmig anzulaufen. Sobald Ramos erkennt, dass der Gegner startet, setzt er einen Lauf aus dem Deckungsschatten in den Sechserraum an. Dieser beginnende Lauf hat direkte Folgen: Der Verteidiger muss seinen Pressinglauf auf den Torwart abbrechen und seine Aufmerksamkeit stärker auf die Absicherung gegen Ramos verlagern, um ein Überspielen zu verhindern

Ambrosius erkennt, dass seine Bewegung in den Sechserraum in dieser Situation keinen Vorteil erzeugt. Er verlässt die Zone unmittelbar wieder und weicht in die Breite aus, um das Zentrum erneut zu öffnen und um die linke Positionszone zu besetzen. Parallel deutet der Gegenspieler von Heyer einen Pressinglauf an, was einen weiteren Lauf in den Sechserraum provoziert. Auch diesem Lauf folgt der Manndecker konsequent, sodass keine freie Anspielstation entsteht, aber erneut kein Zugriff auf Heuer Fernandes erfolgt.

Zeitgleich startet Rechtsverteidiger van den Brempt einen dynamischen Lauf ins Zentrum, allerdings auf einer höheren Ebene als Heyer. Sein direkter Gegenspieler verfolgt diese Bewegung nur unzureichend, wodurch van den Brempt mehrere Meter Separation herstellen kann. Heuer Fernandes erkennt diesen strukturellen Vorteil und spielt den Ball in den freien Raum vor ihm, sodass van den Brempt die Bewegung in der Dynamik aufnehmen und den entstandenen Vorteil gegenüber seinem Manndecker gezielt ausspielen kann.

Durch die erzeugte Separation kann van der Brempt den Ball problemlos erlaufen und die letzte Linie der Schalker unmittelbar angreifen.

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Ballfernen Manndecker Andribbeln/Uberdribbeln

Eine bisher noch unterschätzte, aber sehr effektive Dynamik gegen mannorientierte Systeme sowie abwartende Mid- und Low Block ist das gezielte Andribbeln oder Überdribbeln eines ballfernen Manndeckers. Im Spiel von Tim Walter wird dieses Muster regelmäßig auch gegen jegliches Pressingverhalten eingesetzt, vom Abstoßaufbau bishin zum Spiel gg einen Tiefen Block;

Schalke im mannorienerten Mittelfeld Block

Heyer erhält keinen unmittelbaren Gegnerdruck und nutzt den freien Moment, um diagonal auf den eigentlichen Gegenspieler von Ramos anzudribbeln. Diese Aktion zwingt die Defensive zu einer klaren Entscheidungsfindung und öffnet zwei unterschiedliche, aber jeweils vorteilhafte Optionen für den HSV.

Entweder löst sich Heyers Manndecker aus der Zuordnung, so kann Heyer gemeinsam mit Ramos ein 2gg1 auf den angedribbelten Verteidiger herstellen. Umso die ersten Blocklinie der Schalker zu überspielen

Oder sein Gegenspieler bleibt an Heyer dran und verteidigt nur kontrolliert, ohne konsequent herauszurücken, so bindet er durch das Andribbeln gleich zwei Gegenspieler. In der Folge entsteht trotz Mannorientierung ein klarer freier Mann, der diess Dynamik nutzen kann.

In dieser Situation schafft es Heyer, die Gegner 2:1 zu binden, wodurch Ramos als zum Überzahlspieler wird und angespielt wird. Ramos’ Positionierung erweist sich jedoch als suboptimal: Er steht zu weit hinter der ersten Pressinglinie der Schalker auf und ist dadurch nicht in der Lage, die kurzfristige Situation als freier Mann unmittelbar auszunutzen, indem er die Linie mit dem ersten Kontakt durchbricht.

Hätte Ramos eine der beiden markierten, höheren Positions besetzt, wäre es möglich gewesen, den Ball direkt in der Bewegung mitzunehmen, hinter die Pressinglinie zu gelangen und sofort Druck auf den nächsten Defensivspiler auszuüben. Da dieser Anschluss jedoch fehlt, kann Schalke die defensive Ordnung wieder stabilisieren und die Szene endet in Zirkulation in der ersten Aufbaulinie, ohne dass die Pressingstruktur des Gegners nachhaltig aufgebrochen wird.

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Neben der Nutzung des durch das Andribbeln entstehenden freien Spieler kann es auch gezielt dazu dienen, den angedribbelten Gegenspieler direkt zu überdribbeln. Dies ist insbesondere dann effektiv, wenn der Verteidiger seinen Fokus primär auf das Absichern seines direkten Gegenspielers legt und sich bewusst nicht aus der Position locken lässt oder wenn er sich in einer ungünstige Defensivposition befindet.

Ambrosius kann seinen indirekten Gegenspieler leicht überdribbeln, was vor allem auf dessen ungünstige Zweikampfposition zurückzuführen ist. Der Verteidiger steht statisch, mit einem zu festen Stand und beiden Füßen vollständig auf dem Boden. Dadurch fehlt ihm die Möglichkeit, schnell aus der Statik in die Dynamik zu kommen und zu beschleunigen, sodass Ambrosius seinen klaren Dynamikvorteil ausspielen und am angedribbelten Spieler vorbeikommen kann.

Nach dem ersten Überdribbeln gelingt es Ambrosius jedoch nicht, die Aktion weiter zu vertiefen. Es fehlt an zusätzlichem Raumgewinn, der notwendig wäre, um Anschlussbewegungen auszulösen oder die umliegenden Mannorientierungen des Gegners zu provozieren. Entscheidend ist hierbei das nicht optimale Körperabschirmverhalten: Der Ball wird zwar konsequent über den gegnerfernen Fuß geführt, jedoch der Körper und gegnernahe Fuß nicht optimal genutzt, um den Ball vor dem von links attackierendem Verteidiger zu schützen. Dadurch erhält der Verteidiger Zugriff und kann Ambrosius entscheidend stören.

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Ballfern den Rücken des Manndeckers attackieren

Das ballferne Attackieren des Rückens des Manndeckers ist ein Element, das sie phasenweise bereits gut nutzen, dessen volles Potenzial jedoch noch nicht ausgeschöpft wird. In mannorientierten Systemen dient der direkte Gegenspieler zwar als primärer Referenzpunkt, gleichzeitig bleibt der Ball jedoch stets ein zentraler Orientierungspunkt.

Aufgrund der natürlichen Tendenz jedes Fußballers, den Blick immer wieder ballorientiert auszurichten, entstehen insbesondere ballfern kurze Momente der Unaufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Gegenspieler. Genau diese Situationen eröffnen die Möglichkeit, mit gezielten Läufen in den Rücken des Manndeckers gegnerische Linien zu durchbrechen. Richtig eingesetzt, erlaubt dieses Prinzip nicht nur das Überspielen von Pressinglinien, sondern erzeugt zudem Dynamik und Entscheidungsstress in der gegnerischen Defensive:

In dieser Situation wird Ramos zwar manndeckend kontrolliert, sein Gegenspieler ist jedoch gleichzeitig stark auf den ballführenden Torhüter orientiert. Dadurch steht der Manndecker, wenn überhaupt, nur in einer halboffenen Stellung zu Ramos und hat ihn primär über das periphere Sichtfeld sowie über vereinzelte Schulterblicke im Blick.

Würde Heuer Fernandes in diesem Moment den Ball auf den linksseitig positionierten Ambrosius verlagern und Ramos zeitgleich den Rücken seines Manndeckers attackieren, entstünde die Möglichkeit, den Gegenspieler über ein horizontales Spiel über den dritten zu überspielen. Die ballorientierte Körperstellung des Manndeckers sowie seine eingeschränkte Wahrnehmung des eigenen Gegenspielers würden dabei einen klaren zeitlichen, räumlichen und dynamischen Vorteil für Ramos erzeugen.

Wie effektiv diese Dynamik hätte ausgespielt werden können, zeigte der HSV bereits in einer anderen Spielsituation:

Heuer Fernandes hält zunächst den Ball und wartet bewusst den richtigen Moment ab. In dem Augenblick, in dem er das Zuspiel auf den linksseitig positionierten Ambrosius spielt, orientiert sich der Gegenspieler von Ramos instinktiv und deutlich in Richtung Ball. Diese kurze ballorientierte Fokussierung geht zulasten der Kontrolle über den eigenen Gegenspieler. Genau in diesem Moment attackiert Ramos den freien Raum in dessen Rücken und wird von Ambrosius gefunden, der seinerseits ebenfalls unmittelbar nach Passabgabe den Rücken seines Gegenspielers beläuft.

Durch diese einfachen, aber klar abgestimmten Bewegungen kann der HSV das Pressing aushebelen und Ramos ungestört auf die letzte Linie andribbeln, da Schalke nicht aus der Manndeckung ausläst vornimmt. Trotz der dadurch entstehenden aussichtsreichen Ausgangssituation kommt es jedoch zu keiner qualitativ guten Anschlussaktion.

Der Hauptgrund liegt in der fehlenden Aktivität der letzten Linie: Kein Spieler bietet konsequent einen Tiefenlauf an, obwohl sowohl Benes als auch Pherai in geeigneten Ausgangspositionen wären, um mit dynamischen Läufen hinter die Abwehr Tiefe zu erzeugen. Auch Königsdörffer und Öztunali schaffen in dieser Phase kein klares, zielgerichtetes Anschlussangebot

Lediglich Glatzel positioniert sich als Wandspieler und bietet sich im Zentrum an, wird jedoch von der Schalker Defensive erfolgreich unter Druck gesetzt und vom Tor weg verteidigt. Dadurch bleibt die potenzielle Überzahlsituation ungenutzt und der zuvor erzielte strukturelle Vorteil kann nicht in eine klare Torchance oder nachhaltige Durchbruchssituation umgemünzt werden.

Öffnen der flachen Halbspur

Ein weiteres sehr effektives Stilmittel zur Überwindung mannorientierter Defensivstrukturen ist das dynamische Eindringen der Außenverteidiger aus der Außenspur in die Halbspur. Dieses Prinzip wird auf höchstem Niveau regelmäßig genutzt,unter anderem von Bayern München, etwa mit Konrad Laimer im Spiel gegen Borussia Dortmund. Grundsätzlich lassen sich hierfür zwei Ausführungsformen unterscheiden: Zum einen das Eindringen über ballführende Dribblings, zum anderen durch penetrative Läufe mit und ohne Ball, insbesondere in Kombination mit Wandpässen und Spiel und Geh. Beide Varianten zielen darauf ab, Mannorientierungen zubrechen und den Gegner in Übergabesituationen zu zwingen.

Variante Tiefenlauf in der Halbspur

Eine bekannte Möglichkeit zum Öffnen der Halbspuren, die vor allem im letzten Drittel Anwendung findet, sind Tiefenläufe in diese Zone, sobald der Ball auf den Flügel gespielt wird. Genau dieses Prinzip nutzt der HSV auch in dieser Szene bereits im tiefen Aufbau.

Durch das frühe und konsequente Starten eines Tiefenlaufs in der ballnahen Halbspur wird der zuständige Gegenspieler gebunden und aus seiner Position gezogen. Dadurch öffnet sich der Raum primär für diagonale Anschlussaktionen ins Zentrum, während gleichzeitig die mannorientierte Pressingstruktur des Gegners destabilisiert wird.

Nach einer gegenläufigen Zentrumsbewegung von Meffert und Ambrosius erfolgt die Verlagerung auf den rechten Verteidiger. Als Ballnächster Zentrum spieler startet Meffert sofort einen tiefenorientierten Lauf in die ballnahe Halbspur.

Der Pressingwinkel des Gegners ist zu groß, wodurch sich die Innenseite öffnet und grundsätzlich die Möglichkeit entsteht, in den freien Raum einzudribbeln. Van den Brempt erkennt diese Situation und kann zunächst aufziehen schafft es jedoch mit seinem ersten Kontakt nicht, ausreichend Separation zum direkten Gegenspieler herzustellen. Der erste Kontakt ist zu wenig diagonal ins Feld gerichtet und öffnet nicht optimal zur Spielfeldmitte. Stattdessen ist der Dribbelwinkel zu vertikal in die rechte Halbspur, wodurch der Verteidiger weiterhin in unmittelbarer Zugriffsdistanz bleibt.

Anschließend nimmt er den zweiten Kontakt mit dem gegnerfernen linken Fuß zu sehr in Richtung des gegnernahen rechten Fußes. Dadurch verschlechtert sich die Körperorentierung zusätzlich. Gleichzeitig ist das Abschirmverhalten nicht optimal: Der Fuß befindet sich nicht klar zwischen Gegner und Ball, vielmehr rollt der Ball deutlich vor dem Fuß. Diese kleine, aber entscheidende Ungenauigkeit ermöglicht es dem Gegenspieler, den Ball wegzuspitzeln. Schalke kann den daraus resultierenden zweiten Ball behaupten und den Angriff unterbinden.

Setzt van den Brempt seinen ersten Kontakt konsequenter diagonal ins Feld, hätte er nicht nur eine bessere Körperorentierung zwischen Ball und Gegner, sondern auch deutlich mehr Kontrolle über den weiteren Ablauf der Situation. Aufgrund der offenen rechten Halbspur sowie der teilweise geöffneten zentralen Spur hätte sich eine wesentlich aussichtsreichere Angriffssituation ergeben entweder in Form eines diagonalen Andribbelns, eines Anschlusskontakts in die Tiefe oder einer progressiven Passoption. Alternativ hätte ein klareres und stabileres Abschirmverhalten zumindest die Möglichkeit eröffnet, den Gegner zu einem Foul zu zwingen und so Ballbesitz in einer vorteilhaften Zone zu sichern

Seitlich herauskippende 8er

Das seitliche Herauskippen von 8ern ist ein wichtiges Manipulationselement im Spielmodell von Tim Walter. Ziel dieser Bewegung ist weniger die reine Besetzung des Flügels als die Provokation von gegnerischen Reaktionen: Folgt der Gegenspieler, öffnet sich der zentrale Raum; bleibt er passiv, entsteht am Flügel eine Überzahlsituation oder eine saubere. In beiden Fällen gewinnt der ballbesitzende Spieler strukturelle Vorteile und kann die nächsten Anschlussaktion(en) vorbereiten. Durch das sehr mannorientierte Verteidigungsverhalten von Schalke entsteht in diesem Spiel meist ein Vakuum im Zentrum. Dieses wird entweder durch Spiel und Geh Dynamiken oder durch progressive Dribblings aus tieferen Positionen attackiert

In dieser Szene spielt Ramos zunächst auf Heuer Fernandes und startet anschließend einen Lauf in den Rücken seines direkten Gegenspielers. Dadurch wäre er hinter der ersten Pressinglinie frei anspielbar. Heuer Fernandes entscheidet sich jedoch für den Pass auf den eingeschobenen Heyer, als Reaktion darauf kippt Benes seitlich auf den Flügel heraus und zieht seinen Manndecker mit, gleichzeitig bewegt sich Öztunali leicht nach innen zu Dreiecksbildung und biete sich als Wandspieler an.

Heyer spielt anschließend auf den eingerückten Öztunali und führt das Spiel und Geh Muster lehrbuchreif aus, indem er den über Blindspot seines Gegenspielers die freie Halbspur attackiert. Dieser achtet zunächst auf den Ball, wodurch Heyer einen klaren Dynamik- und Zeitvorteil erhält und den Klatschball ungestört in seiner Anschlussaktion verwerten kann. Anschließend wird das Spiel über Glatzel auf die Tiefe der ballfernen Seite verlagert, wo Königsdörffer letztlich im 1gg1 gegen den Keeper scheitert.

https://x.com/Torwartkette_ND/status/2009679062265127260?s=20

 

Fazit

Der HSV zeigt in diesem Spiel unter Tim Walter + Staff eindrucksvoll, wie mannorientierte Defensivsysteme von der ersten Aufbaulinie gezielt bespielt werden können. Durch Bewegungen aus dem Deckungsschatten, das Andribbeln des ballfernen Manndeckers, Spiel und Geh Dynamiken, das Stressen der Verteidiger durch Rotationen und positionslose Freilaufbewegungen sowie das Öffnen und dynamische Besetzen von Zielräumen. Dabei wird der Gegner ständig vor neue Aufgaben gestellt und es entstehen Überzahlsituationen und Dynamikvorteile. Besonders interessant ist, dass diese Elemente trotz ihrer Effektivität heute noch selten genutzt werden.

Es wäre spannend zu sehen, wenn solche Mechanismen in modernen Spielsystemen häufiger Anwendung fänden.

 

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