Szenenanalysen: Manndeckungsfest im Schwabenland und wie es aufgelöst werden kann – SR
Dortmund kann sich gegen Stuttgart mit 0:1 durchsetzen. Wie beide Mannschaften mit der intensiven Manndeckung umgingen, wird in diesem Artikel anhand zweier Szenenanlysen behandelt.
Über Langholz und Ablagen
Der Anfang der Partie bis in die 30. Minute war einer mit vielen langen und zweiten Bällen. Wichtig hierbei waren die Staffelungen fürs Gegenpressing und wie und wann sich aus der Manndeckung gelöst wurde. Denn beide Mannschaften setzten auf ein Mann-gegen-Mann-Pressing über den gesamten Platz. Bei fast jeder Gelegenheit wurde das Pressing ausgelöst. So wurden viele Sicherungspässe in Richtung Torhüter gespielt, was zu vielen ähnlichen Situationen führte.
Beide Mannschaften hatten unterschiedliche Herangehensweisen, wie sie vor das gegnerische Tor kommen wollten. Der VfB aus Stuttgart versuchte es mit einem 2-4-2-2 flach über das „Spielen-und-gehen“ der Aussenverteidiger und deren Auslösen diagonal auf die Stürmer. Dabei zogen Stiller und Prömel ihre direkten Manndecker Nmecha und Verman vom Zentrum weg und vergrösserten so den Zwischenlinienraum. Meistens ging das Aufbauspiel über rechts auf Vagnoman. Dieser zeigte ein gutes Anbieteverhalten und spielte den Ball meistens mit seinem schwächeren linken Fuss diagonal in die Mitte auf Demirovic, der das Zuspiel auf Vagnoman, El Kanhouss und Undav ablegen sollte, die sich um ihn herum bewegten. Demirovic hatte jedoch Probleme im Wandspiel, vor allem mit der Physis von Anton. Er konnte seine Stösse schwer abfedern, was seine Kontakte unsauber machte und die Bälle so versprangen. Dazu kam, dass das Rückwärtspressing der Dortmunder im Grossen und Ganzen gut war und sie so viele Bälle im Zwischenlinienraum gewinnen konnten.
Der BVB setzte ebenfalls auf ein 2-4-4. Dabei schob Gadou auf die Rechtsverteidigerposition, Svensson war der Linksverteidiger und Ryerson schob hoch und wurde zum rechten Flügel. Auf links gab Beier den linken Flügel. Die Achter waren asymmetrisch angeordnet. Veerman boten sich im Zentrum an und Nmecha positionierte sich im linken Halbraum. Dadurch wurde der rechte Halbraum für Nwaneri freigezogen, der so kurz kommen konnte. Auch Guirassy kam kurz und sollte lange Bälle festmachen. Nmechas Positionierung war hier dafür gedacht, um zweite Bälle aufzufangen. Beier und Ryerson sollten in die Tiefe starten. Doch auch Stuttgart war stark auf die 2. Bälle eingestellt. So wechselten sich die Ballbesitzverhältnisse ständig. Stuttgart hatte eigentlich aber eine Lösung gegen das Mann-gegen-Mann gehabt.
Stuttgart spielt diagonale Leiter aus

Stiller hat sich in die Aufbaukette fallen lassen. Durch auffüllen von Prömel wird der rechte Halbraum aufgezogen.
Der BVB hat das Spiel mittels Pressing von Beier auf die linke Seite gelenkt. Stiller hat sich neben die Innenverteidiger fallen lassen. Prömel füllt diesen Raum im linken Halbraum auf, welcher Stuttgart überlädt. So wird der BVB auf die linke Seite gezogen. Er hat durch das Zögern von Verman viel Zeit und Raum und kann den Pass auf Mittelstädt spielen, der sich genug früh anbietet und so aufdrehen kann. Führich kommt kurz, und Mittelstädt spielt ihn an. Mittelstädt startet nach Anspiel sofort in den Raum hinter Nwaneri. Er ist so nicht mehr im Deckungsschatten von ihm und hat einen Dynamikvorteil, da sich Nwaneri erst noch gegen seine Laufrichtung drehen muss.
Führich spielt den Pass mit seinem 1. Kontakt auf Mittelstädt. Undav löst sich währenddessen aus dem Deckungsschatten von Gadou und kann so als Wandoption für Mittelstädt dienen, der diese Option auch sofort nutzt.

Gadou löst sich von El Khanouss, um die Tiefe zu sichern.
Gadou löst sich von El Khanouss, um die Tiefe zu sichern. Ich weiss nicht, ob das die richtige Entscheidung war. Denn dadurch öffnet er den Passweg auf El Khanouss, der aufdrehen und die rechte Seite bespielen kann. Ich hätte es besser gefunden, wenn er bei El Khanouss bleibt und dadurch Undav isoliert und dieser Anton im Rücken hat. Oder Undav auch einfach so presst. Durch sein Lösen hebet er die Gleichzahl auf und die Überzahl kann ausgespielt werden.
Stuttgart kann sich so aus dem Pressing lösen und Vagnoman kommt zum Abschluss. Durch eine Überladung den Gegner auf eine Seite ziehen, First-Touch-Ablagen und Spielen-und-Gehen konnte Stuttgart schnell durch den Druck spielen und über die freie Seite angreifen. Wenn diese Situationen schnell genug und sauber ausgespielt werden, kann man das Mann-gegen-Mann aushebeln. Doch solche Szenen waren eher selten. Das Spiel fand grösstenteils zwischen den Strafräumen statt. Ab der 30. Minute änderte sich das.
Die Borussen erhalten Kontrolle
Das Pressing von Stuttgart verlor mit der Zeit an Intensität, und die vertikale Kompaktheit war nicht mehr gegeben. So wurden die Zwischenräume grösser und die Dortmunder hatten mehr Zeit, um ihre Gegenspieler mit ihrer Positionierung zu manipulieren.
Kobel wird von Demirovic seitlich (etwas langsam) gepresst. Verman und Gadou haben so genug Zeit, um Undav und Stiller auseinanderzuziehen. So wird der Passwinkel in den rechten Halbraum grösser und der Zwischenlinienraum ebenfalls. Nwaneri lässt sich in diesen Raum fallen und wird von Kobel angespielt.
Genau in dem Moment, in dem der Pass von Kobel gespielt wird, bietet sich Nmecha horizontal Nwaneri an. Dies hat drei Funktionen. Er kann für Nwaneri als Ablageoption oder als Absicherung dienen. Am wichtigsten ist jedoch, dass er den linken Halbraum aufzieht. Guirassy hat somit keinen vertikalen Druck von vorne, als Nwaneri ihn mit dem 1. Kontakt anspielt.
Guirassy hat durch die Anschlussbewegung von Nwaneri drei Optionen für ein Anspiel: 1. Nwaneri, der sich mithilfe eines Bogenlaufes anbietet. 2. Veerman. 3. Anton. Da der Ball von Nwaneri kurz vor Guirassys 1. Kontakt aufspringt, kann er ihn nicht gut kontrollieren. Dazu kommen Chabots Stösse von hinten, wodurch er aus dem Gleichgewicht gebracht wird. So kann er nicht sofort auf Nwaneri ablegen, was die beste Option gewesen wäre. Da Nwaneri einen offenen Fuss gehabt hätte. Vor allem in solchen Situationen ist eine saubere Verarbeitung bei einem Wandspieler unabdingbar. Denn solche Zuspiele in den Zwischelinienraum sind oft das Signal, dass sich überspielte Spieler aus ihrer Mannorientierung lösen und ins Rückwärtspressing übergehen. Durch die relative Annäherungsgeschwindigkeit kommen Wandspieler (wenn er sich Richtung eigenes Tor bewegt) und der Rückwärtspresser schneller aufeinander zu. Also ist ein schnelles handeln extrem wichtig. Über Umwege kommt der Ball zu Veermann. Dies hat v. a. damit zu tun, dass er den frontalen Winkel auf Guirassy hat. Stiller und El Khanouss können ihn nur seitlich pressen (insbesondere Stillers Rückwärtspressing war in der Ausführung etwas lasch). So hat Veerman den besten Zugriff auf den Ball. Er gewinnt ihn, kann sich aus dem Druck lösen und der VfB Stuttgart geht ins kollektive Fallen über.
Der BVB konnte sich so gut in der gegnerischen Hälfte festsetzen. Sie überluden ihre 1. Aufbaulinie mit Veerman auf der rechten Seite und Nmecha kurz davor. Da die Sechser von Stuttgart den Raum um den sich fallenlassenden Guirassy absichern wollten, hatte Dortmund Überzahl in der 1. Linie. So konnten sie gut um den Stuttgarter 5-2-3-Block herum kombinieren. Das Zentrum mit Guirassy, Svensson und Nwaneri überladen und hatten so eine gute Restverteidigung. Stuttgart konnte sich ab und an aus diesem Griff lösen. Doch die Schwaben liefen aufgrund der mangelnden Intensität im Mann-gegen-Mann-Pressing und vertikalen Kompaktheit hinterher und kamen oft zu spät. So wurden sie öfters in den mittleren bis tiefen Block gezwungen. Sie fanden aufgrund der langen Pressingsauslösungswege und der Unterzahl kaum mehr in den Druck. So kam der BVB etwas mehr in kontrollierte Ballbesitzphasen als die Heimmannschaft. Stuttgart hatte jedoch auch einige davon, weshalb von einer eher ausgeglichenen Partie gesprochen werden kann.
Lehren
- Wenn der Wandspieler im Zwischenlinienraum angespielt und das Rückwärtspressing der überspielten Gegenspieler ausgelöst wird, sollten sich die nun freien Mitspieler aus deren Deckungschatten lösen. Spielen und Gehen ist ein klassisches Beispiel dafür. So sind sie für den Wandspieler meist mit einer offenen Stellung anspielbar.
- Wenn die 1. Lehre befolgt wird und Szenen sauber und schnell mit dem 1. Ballkontakt ausgespielt werden, dann bekommt eine Mannorientierte Mannschaft kaum Zugriff.
- Löst sich ein verteidigender Spieler, um die Tiefe zu sichern, kann eine Überzahl entstehen. (Die weiterführende Frage ist nun, wie dieses „Tiefelösen“ des Gegenspielers provoziert werden kann, um sich etwaige Vorteile zu erspielen)
- Der Wandspieler sollte optimalerweise keinen gleichzeitigen Druck von vertikal hinten und von vorne erhalten. Der vertikale Rückwärtspresser kann von einem Mitspieler weggezogen werden. (Siehe Nmecha).
Fazit
Beide Mannschaften zeigten Lösungen, wie ein Mann-gegen-Mann-Pressing ausgehebelt werden kann. Schliesslich ist es der BVB, der aufgrund mangelnder Stuttgarter Intensität etwas die Kontrolle gewinnen konnte. Es war schliesslich Beier, der einen hohen Ballgewinn zum 0:1 einnetzte. Für den VfB zeichnet sich nun ein Fehlstart ab, drei Punkte aus vier Spielen sind zu wenig. Der BVB kann mit einem guten Gefühl in die Länderspielpause gehen. Er grüsst weiterhin ungeschlagen von der Tabellenspitze.
SR ist fasziniert vom Fussball und dessen Funktionsweise. Er will die Mechanismen der schönsten Nebensache der Welt ergründen und ist immer offen für Feedback und Diskussionen.




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