Barcelona zerpflückt Racing Santander – SR

Mit Spannung wurde in Taktikkreisen der Mittwochabend erwartet. Der fulminante FC Barcelona von Hansi Flick erwartete im heimischen Camp Nou das revolutionäre Racing Santander. Die Gäste haben sich mit ihrem relationistischen Ballbesitz einen Namen gemacht.

In diesem Artikel werden die entscheidende Punkte, weshalb Barcelona so stark war, anhand einer Szene thematisiert.

Racing passiv – Barcelona überlädt ausserhalb des Blockes

Der FC Barcelona spielte vor allem aus einer fluiden 3-1-2-4-Struktur heraus, während Santander in einem sehr kompakten 5-3-2-Block sehr ballorientiert und zonal verteidigte. Ihre Stürmer waren sehr passiv. Wenn sie einmal ausschoben, dann, wenn die „Halbverteidiger“ der Dreierkette mit dem eingerückten Garcia den Ball erhielten. Doch ihr Ausschieben war sehr langsam und darauf bedacht, Passwege in die Mitte zu schliessen, weshalb Barcelona viel Zeit am Ball hatte. Generell war das Spiel von Racing darauf bedacht, die Mitte mittels Zonendeckung vollständig zu blockieren. Die Fünferkette blieb relativ flach, nur die Flügelverteidiger passten sich an die Positionen der katalanischen Flügel an. Die Achter hatten eine Doppelfunktion. Sie sollten zum einen die Passwege auf die Achter Barcelonas schliessen und zum anderen auf die Aussenverteidiger springen. Sainz-Maza sprang aber nicht auf Garcia, sondern hielt lieber die horizontale Stellung zu Yamal, um ihm den Dribbelweg in die Mitte zu verschliessen. Dadurch hatte vor allem Garcia verhältnismässig wenig Druck. Gueye hatte ebenfalls die Doppelfunktion, den Raum vor der Abwehr zu sichern und Rodri zuzustellen. Der zentrale Raum konnte von Barcelona ab und an überladen werden, wenn sich Raphinha in diesen fallen liess. Gueye wurde so in die klassische Falsche-Neun-Zwickmühle gestellt, da die Fünferkette, wie bereits erwähnt, sehr passiv blieb.

Barcelona versuchte jedoch gar nicht, die Mitte von Racing zu bespielen. Sie überluden die linke Seite abwechselnd mit verschiedenen Spielern, bestehend aus Raphinha, Pedri, Olmo und Rodri. Cancelo und Adeyemi wechselten sich beim Besetzen der Halb- und Aussenspur ab. Durch das flexible Auskippen der zentralen Mittelfeldspieler und Raphinhas wurden Zuordnungs- und Übergabeprobleme geschaffen bzw. hatten sie mehr Zeit und Raum. Rechts war Yamal wie so oft der Alleinunterhalter. Ab und an wurde er durch Halbraumläufe von Garcia oder Olmo unterstützt. Auffällig war, wie viele Spieler Barcelona vor dem Block hatte. So hatten sie ständig eine stabile Zirkulation und konnten zusätzlich durch die passive Raumorientierung der Gäste das Spiel hin und her verlagern und sich den Gegner zurechtlegen. Gegen einen 5-3-2-Block, der horizontal sehr eng ist und sehr ballnah verschiebt und die Verlagerungen nicht schliesst, ist dies ein gutes Mittel. Vor allem, wenn man noch viele Spieler auf einer Seite versammeln kann. So geschah es oft, dass Barcelona den Block über Verlagerungen über die 1. Aufbaulinie auf die rechte Seite zog und dann blitzschnell rückverlagerte. Ballfern war Santander bestenfalls in Gleichzahl, doch das war gegen den sehr schnellen Adeyemi keine wünschenswerte Situation. Manu war nicht zu beneiden.

Wie eine solche Verlagerung aussehen konnte, sah man in der 11. Minute.

Ballferne Überzahl auf der linken Seite. Auffällig: die Katalanen haben kaum Akteure im Block

Nach einer Verlagerung von links erhält Garcia den Ball. Racing verschiebt ballnah mit dem gesamten Block. Er könnte auf Christensen rückverlagern, aber die Zuspiele auf Rodri und Yamal sind eher ungünstig, da ihre Gegenspieler nah am Mann sind. Durch Abkappen bewirkt Garcia aber, dass Gueye näher auf Rodri schiebt und dass Arana nun einen vertikalen Pressingwinkel hat. Dadurch öffnet sich der Passwinkel auf Olmo.

Dieser hat sich zuvor sehr gut positioniert. Denn er befindet sich näher am Tor als die beiden äusseren Achter Sainz-Maza und Canales, welche so auf dem schnellsten Weg nur einen horizontalen Pressingwinkel auf ihn haben. Ausserdem muss sich Sainz-Maza noch um 45° drehen, was ihm mehr Zeit kostet, dafür aber Olmo mehr Zeit verleiht. Des Weiteren ist Olmo relativ weit von der Abwehrkette entfernt, was die Wahrscheinlichkeit eines Springens von Prati verringert. Es bleibt die Frage, wie sich Racing in dieser Situation hätte absichern sollen. Denn die Gefahr ist, wenn sich Prati weiter vorne positioniert, dass Pedri oder Raphinha in den Raum starten können. Meiner Meinung nach hätte sich Sainz-Maza mehr in die Mitte orientieren können, der Weg von Yamal ist durch seine horizontale Orientierung eh verschlossen. Doch Fakt ist, dass der Achter während der Verlagerung von links nach rechts kein einziges Mal nach rechts oder nach hinten-rechts scannte. Er wusste also nicht, dass Olmo dort stand. Auch kommunizierte ihm dies niemand. Also konnte er diese Option nicht in seinen Entscheidungsfindungsprozess einfliessen lassen. (Wer sich mehr dafür interessiert, sollte mal Karl Marius Aksum und Ecological Theory googeln.)

Barcelona hat mit Raphinha, Cancelo, Adeyemi und Martin eine 4-gegen-2-Überzahl auf der linken Seite. Die nun bespielt werden sollte. Martin spielt Olmo an. Mit einem sehr gut temperierten Pass in den tornahen linken Fuss signalisiert er ihm, dass er aufdrehen kann.

Racing kollabiert mittig. Auf links entsteht Raum.

Racing kollabiert sofort mittig. Doch durch Pedris Lauf wird Prati gebunden und Olmo wird nur durch ungünstige Pressingwinkel von hinten und seitlich gepresst. Raphinha profitiert von seiner ballfernen Position zwischen Flügel- und Halbverteidiger, beide fühlen sich für ihn verantwortlich. So zieht er beide mit sich und der linke Flügel wird frei. Ein interessanter Effekt erweitert den Passwinkel von Olmo. Denn Raphinha und seine Gegenspieler laufen schneller als Adeyemi. Somit wird der Raum und Passwinkel schneller grösser und Adeyemi kann mehr Zeit in diesem Raum verbringen. Er ist, besser gesagt, länger anspielbar.

Durch das Kollabieren von Racing haben Adeyemi und Cancelo viel Zeit. Cancelo hinterläuft Adeyemi, der in die Mitte zieht und abziehen kann. Sein Schuss ging knapp am nahen Pfosten vorbei.

Auf rechts verlagern, links überladen und schnell rückverlagern, das war das Muster von Barcelona. Die Qualitäten Adeyemis machten dieses Muster sehr erfolgsstabil. Der Deutsche sollte aber nicht nur in diesen Situationen glänzen.

Adeyemis Stärken zahlen sich aus

Racing ist bekannt für ihr Ballbesitzspiel. Dieses ist relationistisch: Auf engen Abständen, mit Täuschungen und Spiel über den Dritten sollte die defensive Ordnung des Gegners gestört werden. Wie kann ein solches Spiel verhindert werden? Indem der Gegner keine Zeit und Raum am Ball bekommt. Zum einen funktionierte das Gegenpressing von Barcelona sehr gut, zum anderen pressten sie die Gäste bereits beim Anstoss äusserst intensiv. Diese waren zu langen Bällen gezwungen, welche Barcelona meistens gewann. Da Racing eine spielerstarke, ballnahe Ballung erzeugte, wurde vor allem auf dem gegenüberliegenden Flügel viel Raum frei, den Barcelona sofort bespielte.

Dies war umso kritischer, da für die Spielweise von Racing Santander ein Breitengeber als drucklösende bzw. progressionsverleihende Option sehr wichtig ist. Diese waren meistens die Aussenverteidiger. Einer von ihnen schob situativ sehr breit und hoch. In seinem Rücken entstand eine Lücke, in die die Heimmannschaft noch so gerne stiess. Konter um Konter kamen über jene Seite. Vor allem Adeyemi konnte sich mit seiner Geschwindigkeit in solchen Situationen austoben. Das Resultat war ein 7:2 für Barcelona …

Fazit

Alles in allem war es eine Machtdemonstration der Katalanen, die im Moment unaufhaltsam erscheinen. Die Automatismen der Mannschaft stimmen und durch die Rotationen, die denen von PSG und Bayern ähneln, sind sie sehr unberechenbar und können sich an verschiedenste Situationen anpassen.

Viele Kritiker des Relationismus dürften sich nach dieser Partie bestätigt sehen: „Das Spiel ist zu riskant, da die Strukturen des Gegenpressings nicht gegeben sind.“ Doch eigentlich sind diese durch die engen Abstände gegeben, Barcelona konnte sich einfach sehr gut aus diesen lösen. Es gab bereits Mannschaften in LaLiga, die mit dem Spielstil von Racing so ihre Mühen bekundeten, und es gab auch immer Aufsteiger, die beim jeweiligen Ligakrösus baden gingen. Wie MH so gerne sagt: „Für eine dichtfeste Aussage muss man den langfristigen Trend betrachten.“ Also lehnen wir uns zurück und brechen den Stab erst endgültig am Ende der Saison über Barcelona und Racing.

SR ist fasziniert vom Fussball und dessen Funktionsweise. Er will die Mechanismen der schönsten Nebensache der Welt  ergründen und ist immer offen für Feedback und Diskussionen.

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