Kurz ausgeführt: Toulouser Asymmetrie gg Ancelottis Lille – ND
Blickt man rein auf die Tabelle und die Ergebnisse der Ligue 1, so erregt der FC Toulouse auf den ersten Blick keinerlei Aufmerksamkeit: Mit drei Spielen, zwei Niederlagen und einem Unentschieden fällt der Saisonstart mäßig aus. Dennoch erzählen die Ereignisse auf dem Platz eine völlig andere Geschichte. Sowohl im spielerischen Ansatz als auch beim Herausspielen von Chancen präsentierte sich die Mannschaft aus Südfrankreich sowohl gegen Lyon als auch gegen Lille, das das überlegene Team.
Aus einer asymmetrischen „Grundordnung“ heraus entfaltet Toulouse ein fluides Ballbesitzspiel:
Durch mobiles Boxmittelfeld Passwege öffnen
Das 4er-Mittelfeld ist in Askous Ansatz mit extrem vielen Freiheiten ausgestattet. Die Spieler bewegen sich immer wieder sehr ballorientiert, betreiben untereinander Call and Response und sind stetig auf der Suche nach freien Räumen und Zonen. Dadurch sind sie für den Gegner grundsätzlich schwer zu greifen:
Nach einer Verlagerung von der rechten Toulouser Seite befindet sich Lille im hohen Block und übt keinen direkten Druck auf den ballführenden IV aus, um erst einmal wieder in die eigene Ordnung zu kommen. Diese Tatsache ist ein Signal für das Mittelfeld, die Situation fordert nun viel Bewegung: Entweder macht man sich direkt hinter der ersten Pressinglinie des Gegners anspielbar oder man zieht Räume auf, um diese direkt wieder zu nutzen.
urch Azizis Entgegenkommen zieht er André mit sich. Jørgensen reagiert darauf und positioniert sich im nun offenen diagonalen Winkel. Entscheidend ist hierbei auch die Höhe seiner Position, da er nur wenige Meter hinter Lilles Mittelfeldlinie steht. Dadurch ist die Hemmschwelle für die letzte Linie herauszuverteidigen relativ hoch. Jørgensen kann aufdrehen und andribbeln, bekommt jedoch bekommt er durch diese flache Positionierung zwischen den Ketten schnell Druck von den rückwärtspressenden Mittelfeldspielern, in diesem Fall vorallem Andre den er durch eine Finte stehen lässt. Nun gilt es, die 4gg4 Situation gegen die letzte Linie von Lille auszuspielen:
Eine gute Lösung wäre beispielsweise das 2gg1 auf Lilles Rechtsverteidiger Santos, der sehr weit eingerückt ist, da Toulouse keine hohe Breite besetzt. Um so den dynamisch attackierenden LV Christ Tape mit seinem Tempovorteil in die Tiefe zuspielen
Jorgensen attackiert durch sein Andribbeln jedoch nicht Santos, sondern den RIV Ngoy. Dadurch wird Santos nicht fixiert und kann nach außen fallen. Nachdem Ngoy heraussticht, spielt Jorgensen den Pass auf Tape, der nun von jedoch Santos gut verteidigt werden kann.
Zwar werden die Bewegungen und Dynamiken häufig innerhalb des Mittelfelds kreiert und ausgespielt, dennoch können auch die umliegenden Spieler wie der Stürmer gezielt eingreifen:
In dieser Situation presst Lille hoch. Dadurch sind zwar weniger komplexe Bewegungen erforderlich, die Angebote und Laufwege bleiben jedoch ebenso essenziell und müssen in einem höheren Tempo erfolgen. Azizi öffnet erneut einen diagonalen Passwinkel, den Stürmer Rowe erkennt und besetzt, da Jørgensen zu weit entfernt ist, um den Raum rechtzeitig einzunehmen.
Allerdings erschwert Rowes geschlossene Körperstellung die anschließende Folgeaktion erheblich: Ein Aufdrehen ist kaum möglich, da Abkippbewegungen aus der letzten Linie vom Gegner eng verfolgt und direkt unter Druck gesetzt werden. Durch bleibt nun das festmachen als Option da ihm keine direkte Klatschoption zur Verfügung steht
In beiden Situationen sind die Bewegungsabläufe durchaus ähnlich:
Die 6er Synergie zeichnet sich meist so ab, dass sich der ballferne 6er angepasst am ballnahen 6er etwas flacher anbietet. Dadurch entstehen sowohl fürs Kombinationsspiel als auch fürs Gegenpressing/Fallen und Sichern vorteilhafte Dynamiken, durch die mehreren Ebenen und insbesondere durch die Positionierung vor dem gegnerischen ballfernen Stürmer. Der ballnahe 10er kommt entgegen und bewegt sich in die Breite, um den diagonalen Winkel zu öffnen, vor allem auf der Solo Width Seite ist diese Bewegung der Key für das Öffnen Diagonalwinkel, ähnlich wie man es auch teilweise bei Julian Schuster und dem SC Freiburg sehen kann, die ebenfalls häufig aus dem 4222 asymm. agieren. Nun komplettiert entweder der ballferne 10er wie in der ersten oder der Stürmer wie in der 2. Situation die Dynamik, indem er ein Angebot im aufgezogenen Winkel schafft.
Double Width für Vertikaltität
Neben der hohen Mittelfeldpräsenz bietet das asymmetrische 4222 auch über die Double Width Seite interessante Dynamiken im Attackieren. Im Spiel gegen Lille nutzte Toulouse die Doppelseite vor allem für Vertikalität und griff dabei auf interessante Muster zurück, um den eigentlich leicht zu verteidigenden Dynamiken mehr Effektivität zu verleihen:
In dieser Szene befindet sich Lille erneut in einem hohen Block. Nach der Halbzeit agieren sie deutlich mannorientierter als noch in der ersten Hälfte, in der sie aus einem 442 heraus pressten und Toulouse viele Überzahldynamiken herstellen konnte, da Lille in der letzten Linie oft mit +2 verteidigte.
DDer Toulouser Torwart wird nicht direkt unter Druck gesetzt; Lille wartet stattdessen auf einen Pass zu einem Feldspieler als Auslöser. Dieser erfolgt schließlich durch einen langen Ball auf den Rechtsverteidiger – eigentlich ein perfekter Pressingauslöser. Diallo wird diagonal angelaufen, wodurch ein Pass ins Zentrum unmöglich ist. Ebenso kann er den Anläufer nicht mit dem ersten Kontakt überspielen und auch ein Rückpass auf den Innenverteidiger ist hochgradig riskant. Ihm bleibt nur die Option, longline zu spielen, eine Dynamik, die normalerweise leicht zu verteidigen ist.
Dass der Angriff dennoch funktioniert, liegt vor allem an Hidalgo: Dieser startet die Aktion relativ weit innen auf der letzten Linie. Mit dem Pass auf Diallo kippt er bogenförmig nach außen ab. Durch diesen Bogenlauf erlangt er eine Körperstellung, aus der er direkt mit Blick zum Tor in die Tiefe starten kann. Da sein direkter Gegenspieler diese Bewegung mit unveränderter Körperstellung begleitet, kreiert Hidalgo Separation, attackiert die Tiefe mit großem Vorsprung und kann sich entscheidend absetzen. Die Situation mündet in einem 2gg2 im gegnerischen Strafraum, führt jedoch zu keinem Toulouser Abschluss.
Auch als Lille im Midblock stand, schafften sie es, schnell über die doppelt besetzte Seite in die Tiefe zu kommen. Auch hierbei ist das Bewegungsspiel von Hidalgo mit verantwortlich dafür:
Toulouse steht im 4-2-2-2, RIV McKenzie ist in Ballbesitz. Während dieser in Ballbesitz ist, bewegt sich Hidalgo leicht nach innen, bleibt dabei aber noch vor LV Gudmundsson. Messali bewegt sich indes höher in den Rücken von Sahraoui, der ihn aus dem Blick verliert.
Nachdem Messali den Ball erhält, bewegt sich Hidalgo gezielt in Verdonks Rücken. Dies lässt er auch zu, da er unentschlossen ist, ob er jetzt auf Messali rausschieben soll oder Hidalgo zu verteidigen hat. Es entsteht nun ein 2gg1 gegen ihn. Egal welche Entscheidung er trifft, eröffnen sich Möglichkeiten für die beiden Toulouser. Er entscheidet sich jedoch vermutlich für die schlechteste: Er setzt Messali nicht unter Druck, lässt Hidalgo weder durch einen durchschiebenden Innenverteidiger verteidigen noch versucht er, die von Hidalgo eroberte Innenbahn zurückzuerlangen. Stattdessen nimmt er den Tiefenlauf zwar auf, ist dabei jedoch noch auf Messali orientiert und verteidigt beide halbgar, wodurch es ein Leichtes ist, die 2gg1 Dynamik auszuspielen und Hidalgo ins 1gg1 mit Lilles Keeper Özer kommt.
Fazit:
Trotz des ergebnistechnisch schwachen Saisonstarts zeigte Toulouse bereits äußerst vielversprechende Ansätze mit Ball. Zwar offenbarten sie im letzten Viertel noch einige Schwächen, dennoch bleiben Toulouse und Trainer Jens Askou extrem spannend zu beobachten.
Das liegt zum einen an der interessanten Grundstruktur in Form des asymmetrischen 4222/Dunga Raute, das sich aufgrund der Dynamiken, die es aus sich heraus zu bieten hat, durchaus als Trend etablieren könnte. Zum anderen liegt es an dem Einräumen von viel Freiheit und Eigenverantwortung für die Spieler. Dadurch ist das 4222 alles andere als eine rigide Struktur und lebt stark von den Spielern, die es mit Leben und ihren individuellen Stärken füllen.Es wird hochinteressant sein zu verfolgen, wie sich diese variable Spielidee im Laufe der Saison weiterentwickelt.
ND




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