Aspektanalyse: Maassens Pressing bei Abstössen – SR

In den vergangenen Jahren hat Enrico Maassen dem FC St. Gallen, der bekannt für sein intensives Pressing und starken Umschaltsituationen ist, seinen eigenen Anstrich verpasst. Im Derby gegen den FC Luzern zeigten sich einige Beispiele des hohen Pressings und weshalb dieses für den Gewinn von 2. Bällen und Umschaltsituationen geeignet ist.

Volle Kanne Mann-gegen-Mann

St. Galler Zugriffsräume und Pressing bei Luzerner Abstössen.

Das Gute an einem 3-5-2 ist, dass es auf dem Papier perfekt dafür geeignet ist, um Systeme mit vier Verteidigern, drei Mittelfeldspielern und drei Offensivspielern zu spiegeln. In der Schweiz ist das 4-2-3-1 eine der gängigsten Formationen. Weshalb die Wahl von Maassen ein 3-5-2 als sein Grundsystem super für eine Mann-gegen-Mann-Zuordnung ist.

Die Stürmer orientieren sich an den Innenverteidigern, die Flügelverteidiger schieben hoch auf die Aussenverteidiger, das Mittelfeld geht eng auf seine mittigen Gegenspieler und die Innenverteidiger orientieren sich an den Offensivakteuren. Genau so war es im Spiel gegen die Luzerner: Full-on Manndeckung.

Luzern baute bei seinen Abstössen aus einer tiefen Torspielerkette auf, indem Simoni sich zwischen den beiden Innenverteidiger positionierte. Davor befand sich ein Viererreihe bestehend aus den beiden Sechsern und den Aussenverteidigern. Den Abschluss bildet eine Raute mit dem Zehner, den Flügeln und dem Stürmern.

Meistens löste Knezevic das Ballspiel aus, indem er einen Querpass auf Simoni spielte. Dies war meistens  für Baldé das Zeichen, mit einem technisch starken und intensiven Bogenlauf von halblinks auf den Torhüter zu pressen. Somit nahm er seinen eigentlichen direkten Gegenspieler, Freimann, in den Deckungschatten und lief Simoni aus dessen toten Winkel an, da dieser zum Ball gewandt war. Der Vorteil ist, dass er mit diesem Anlaufwinkel von Baldé nicht aufdrehen kann. Weil Witzig auf den Sprung auf Knezevic lauerte blieb dem Schlussmann nur der lange Ball in die Tiefe. Aufgrund der Schwierigkeit des Aufdrehens konnte er den sich  in den geöffneten Raum von Baldé, fallenlassenden Ferreira nicht finden. Also blieb nur noch der lange Ball übrig.

Ziel von Ferreira war es vermutlich, Raum für Di Giusto zu ziehen, der sich gerne etwas in Richtung eigenes Tor bewegte, um den Raum hinter Frokaj auszunutzen. Seine Bewegung sollte ebenfalls Raum für Meyer ziehen, da ihm Daschner folgte. Dies war aber kaum möglich, da die überspielten Spieler von St. Gallen die Mannorientierungen sofort in Richtung Ball lockerten, als der lange Ball  Richtung Luzerner Raute gespielt wurde.

Dieses Lösen aus einer Mannorientierung hat viele Vorteile. Denn man startet von einem direkten Gegenspieler  zum Ball. Das heisst, dass sich dieser im Deckungschatten zum Ball befindet. Etwas einfacher ausgedrückt: der Manndecker steht zwischen Gegenspieler und Ball. Somit kann er ohne Risiko in den Mehrkampf gehen: Der überspielte St. Galler der seine Manndeckung löst und der, der den Ballempfänger von hinten presst. Dies machte sich St. Gallen enorm zu nutze, indem man mit Manndecker und zurückkommenden Manndecker auf die 2. Bälle schob. Hinzu kam, dass die Flügelverteidiger der St. Galler eher auf den Sprung auf die Aussenverteidiger und etwas zurückgezogener agierten, wodurch sie Zugriff auf das Zentrum oder die Flügel hatten, je nachdem wo der Ball landete. Drucklösende Optionen auf die Aussenverteidiger war für die Luzerner so nicht möglich. Die Luzerner waren so im Zwischenlinienraum isoliert.

Vermutung: (Habe nur eine Szene als Grundlage (Minute: 34:30): Die etwas zurückgezogenen Flügelverteidiger sind es auch, die für das gute Umschalten der St. Galler vor allem nach gewonnen 2. Bällen verantwortlich sind. Sie können sofort aufgrund des langen Weges der gegnerischen Aussenverteidiger drucklösend angespielt  werden und sich aufdrehen. Sie werden dennoch von den Aussenverteidigern gepresst, wodurch viel Raum seitlich der gegnerischen Innenverteidiger entsteht. In diesen können die wuseligen Stürmer starten und die meist etwas hüftsteifen Schweizer Innenverteidiger im 1-gegen-1 terrorisieren.

Luzerner Probleme

Insbesondere in der 1. Halbezeit hatte Luzern Schwierigkeiten mit den 1. und 2. Bällen:

  • Di Giusto war im physischen Missmatch gegen Daschner. Di Giusto ist ein eher kleiner und filigraner Spieler, Daschner gross und schlaksig. Ausserdem antizipierte der Deutsche die langen Bälle gut. Es dürfte nicht überraschen, dass er die Kopfballduelle eher gewann.
  • Meyer war der einzig richtige Zielspieler der Luzerner. Aufgrund der Raute, konnte sich Daschner gut von Di Giusto lösen und beim 1. Ball gegen ihn mit Stanic in den Mehrkampf.
  • Konnten die Luzerner den 2. Ball erobern, hatten sie Mühe gegen die Zweikämpfe der St. Galler. Ausserdem waren sie aus obig genannten Gründen im Zwischenlinienraum isoliert. Ideale Voraussetzungen für Druckentwicklung.
  • Die beste Situation entstand, als Di Giusto Daschner diagonal nach links wegzog und Meyer ohne Druck von vorn den Ball annehmen konnte. Doch es offenbarte sich ein nächstes Problem der Luzerner. Aufgrund des konsequenten Rückwärtspressing der St. Galler spielten sie die Angriffe sofort aus. Der Ball gelangte sofort in die Breite und Der ballferne Flügel, Stürmer und Zehner starteten alle sofort in den Strafraum. Der Flügel war gegen Halbverteidiger und gegnerischen Flügelverteidiger isoliert. Es wäre für etwas mehr Anbindung zu wünschen gewesen, dass er im Halbraum von einem der Sechser und auf dem Flügel von einem Aussenverteidiger unterstützt worden wäre, doch die Luzerner sicherten sich lieber gegen potentiellen Ostschweizer Umschaltsituationen ab.

⇒ Meiner Ansicht nach fehlte es im Zielraum an Gegenbewegungen und kreieren von Raum durch Rausziehen von Gegenspielern und das nachfolgende dynamische Besetzen.

Mikolajewski und das 4-4-2

St. Gallen änderte nach der 2. Halbzeit ihr Anlaufverhalten. Das Pressing wurde nun von Knezevics Seite ausgelöst. Somit hatten die St. Galler einen kürzeren Pressingweg auf Simoni. Dieser hatte nun Rau zum Aufdrehen, doch Ferreira liess sich nicht mehr fallen, weshalb der lange Ball immer noch das beliebteste Mittel blieb. Die einflussreichste Änderung fand in der vordersten Linie der Luzerner statt:

 „Flache Strukturen in der Sturmlinie, bei denen die Flügelspieler horizontal auf gleicher höhe wie der Stürmer fungieren, sind meiner Meinung nach nicht für ein Spiel mit langen Bällen auf den Stürmer geeignet, da der Gegner einfach darauf verschieben kann und 2. Bälle meistens nicht neben, sondern vor oder hinter dem Zielspieler landen.“ – SR

Diese Ansicht muss ich nach diesem Spiel etwas revidieren. Es kommt auch auf die Ausführung an. Udo Portmann änderte die Struktur für die 2. Bälle. Mikolajewski kam als 2. Stürmer in die Partie und Di Giusto rückte auf den linken Flügel. Luzern spielte nun im 4-4-2. Durch die strikte Mannorientierung verwandelte sich die Struktur der St. Galler auch in ein 4-4-2. Das offensichtlichste Resultat war, das der zentrale Zwischenlinienraum nicht mehr von Daschner und Di Giusto „blockiert“ wurde.

In diesen starteten abwechselnden Mikolajewski und Meyer. Sie zogen so einen direkten Gegenspieler heraus und hatten beim 1. Ball nicht mehr auch noch Druck von vorne. Weshalb insbesondere Mikolajewski gegen den gelernten Sechser Daschner  (und später gegen Stevanovic) die Luftduelle gewann.

Die letzte Linie der St. Galler wollte nicht durch eine direkte Ablage in den offenen Raum überspielt werden, weshalb sie sich instinktiv etwas zurückfallen liess. Der Zwischenlinienraum wurde so etwas grösser, weshalb Luzern den 2. Ball im Zwischenlinienraum öfters gewinnen konnte. Mikolajewski glänzte vor allem durch seine Intensität in den Zweikämpfe und seine Robustheit. So konnte er Bälle festmachen und verteilen. Über die Flügel hatte Luzern dieselben Probleme wie in der 1. Halbzeit, doch wenn Mikolajewski mit den Ball auf die gegnerische Kette zulaufen konnte, dann wurde es gefährlich.

Fazit

Alles in allem war es interessant den Fokus einmal explizit auf Abstösse zu legen. St. Gallen hat ein starkes Pressing, was den Gegner wortwörtlich keine Zeit zum Atmen lässt. Der ständige Druck provoziert viele Umschaltsituationen und eine hektische Partie. Ideal für die Ostschweizer.

Luzern auf der anderen Seite konnte sich insbesondere durch taktische Anpassungen verbessern. Das grösste Problem bleibt die mangelnde Anbindung auf dem Flügeln bei schnellem Ausspielen, resultierend aus dem Fokus auf Absicherung durch die Sechser und Aussenverteidiger.

SR ist fasziniert vom Fussball und dessen Funktionsweise. Er will die Mechanismen der schönsten Nebensache der Welt  ergründen und ist immer offen für Feedback und Diskussionen.

Quellen:

FC St. Gallen vs. FC Luzern,  Brack Super League 3. Runde, 9.08.2026, Minuten: 00:21, 19:05, 34:30, 55:50, 61:25, 72:03, 76:49.

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