Aspektanalyse: Berner verlagern zum Kantersieg – SR
Die Young Boys aus Bern fegten ihre Lokalrivalen mit 0:6 vom Platz. Hierbei offenbarten sich einige Schwächen im Thuner-System. In dieser Analyse werden die Knackpunkte, die zur Berner Dominanz führten, unter die Lupe genommen.
Berner kreieren und nutzen Verlagerungen

Die Ausgangslage: Zesiger kann andribbeln und hat verschiedene Verlagerungsoptionen. YB überlädt ballnah, was ballfern Raum öffnet.
YB bildete mit dem abgekippten Fernandes einen 3-1-Aufbau. Die Aussenverteidiger deckten die ganze Länge des Platzes als Breitengeber ab. Monteiro und Essende versuchten, mit ihrem Verhalten die Aussenverteidiger und Innenverteidiger zu binden. So konnten die beiden Halbraumzehner Imeri und Sanches sich freier im Zwischenlinienraum bewegen und die gegnerischen Sechser zurückbinden. Mit gelegentlichem Abkippen stellten sie im 1. Zwischenlinienraum und auf der ballnahen Seite Überladungen und Überzahlen her. So hatten Fernandes und Gigovic mehr Spielraum und stellten mit den Innenverteidigern eine Überzahl gegen die Stürmer her. Mit der Überzahl in der 1. Linie und dem 3-1-Aufbau hatten die Berner eine gute Grundlage für ihre Zirkulation gegen das Thuner 4-2-2-2.
Das Prinzip von Thun ist, dass sich die Stürmer stark an den Innenverteidigern orientieren, um als Restangriff für Konter bereit zu sein. Die Sechser sind sehr auf die Sicherung des Zwischenlinienraums bedacht, sodass der 2. Zwischenlinienraum im Mittelfeldpressing sehr eng ist. Dadurch entsteht ein grosser Raum zwischen den Stürmern und der Mittelfeldlinie. Bestärkt durch das oben erwähnte Verhalten der YB-Akteure wurde dieser Raum noch grösser.
Zusätzlich möchte Thun vor oder in der letzten Kette immer ein +1 haben, was meistens durch ein ballfernes Einrücken des ballfernen Sechsers erzielt wird, um den Raum vor der Abwehr zu schützen. Dafür rückt der ballferne Zehner noch weiter ein, wodurch auf der ballfernen Seite Raum und Überzahl entstehen können. Dieser Effekt wurde durch die ballnahe Überladung von YB noch verstärkt. So gab es für YB eine Überzahl im ballfernen Bereich.
Da sich die Stürmer enger an Fernandes orientieren mussten und die Thuner im Unklaren darüber waren, wer ihn übernehmen würde, wenn er abkippte, hatten die Innenverteidiger einen vertikalen Andribbelwinkel. Die horizontalen Pressingwinkel der Thuner Stürmer waren dabei technisch nicht immer sauber. So konnten die Innenverteidiger in die Breite auf die Aussenverteidiger spielen, weil die Thuner Halbraumzehner eingerückt agierten, um die Halbräume zu schliessen. Je nach Güte des Freilaufverhaltens konnten sie auch Gigovic oder den ballfernen Zehner finden.
Meistens lief der ballnahe Halbraumzehner auf den Aussenverteidiger, wenn der Ball auf ihn kam. Der ballnahe Sechser übernahm den Halbraumzehner. Weil der ballferne Thuner Sechser dann meistens raumorientiert zurückfiel, um den Raum vor der Abwehr zu sichern, war unklar, wer Gigovic übernehmen sollte. Denn aufgrund des langen Pressingwegs hatte der ballferne Sechser Probleme beim Ausschieben.
Dazu kam das nicht immer einwandfreie Pressing des ballnahen Thuner Stürmers auf den andribbelnden Innenverteidiger sowie das Nichtschliessen der Verlagerung auf den abgekippten Fernandes durch den ballfernen Stürmer. Aus diesen Gründen fanden die Young Boys immer wieder Verlagerungsoptionen über die Dreierkette oder Gigovic sowie das ballferne Abkippen eines Zehners. Durch dessen Bewegung aus dem toten Winkel des Gegners heraus hatte der ballferne Zehner einen Vorteil. Der ballferne Sechser tendierte dazu, sich zu stark auf den Raum vor der Abwehr zu fokussieren, wodurch der Zehner aus seiner Aufmerksamkeit schwand und so Raum und Zeit erhielt. Mit diesen Mustern hebelte YB den Plan der Thuner aus, das Spiel auf die Aussen zu lenken, den Gegner dort zu isolieren und so den Ball zu gewinnen.
Waren die Verlagerungen geschlossen, schickten die Berner vor allem ihre ausweichenden Stürmer mit Longline-Pässen in 1-gegen-1-Duelle. Insbesondere Dähler hatte gegen den körperlich überlegenen Monteiro seine Probleme. Denn dieser verbindet Physis mit starkem Antritt und Technik. Doch solche Situationen waren eher selten. Dafür waren die Verlagerungen zu oft offen.
Mithilfe der Verlagerungen konnten die Berner die grossen ballfernen Räume nutzen. Insbesondere die rechte Seite war in solchen Situationen aufgrund einer situativen Überzahl und der Qualität der beiden Spieler gefährlich. Blum hatte starke 1. Kontakte ins Zentrum (schüttelte so seine Gegenspieler ab) und sein horizontales Dribbling generierte weitere Zuordnungs- und Übergabeprobleme im Zentrum. Sanches kippte ab und zu auf den Flügel aus. Aufgrund seines Auskippens konnte er sich vom Druck lösen und hatte gegen den Offensivspieler Derbaci einen qualitativen Vorteil im Dribbling. Dank seines starken linken Fusses konnte er diagonal in die Mitte eindribbeln und kombinieren. Seine langen diagonalen Verlagerungen auf Monteiro, der auf den Flügel ausgewichen war, stellten die Thuner immer wieder vor Probleme.
Thun fand eigentlich eine Lösung gegen diese Verlagerungen. Vor allem, wenn die Young Boys über die rechte Seite angriffen, kam sie zum Tragen. Wenn Labeau den andribbelnden Innenverteidiger so anlief, dass der Passweg auf Fernandes zu war und Stewart diesen noch zustellte, war die Verlagerung über die Dreierkette zu. Wenn dazu der ballnahe Zehner den Berner ballnahen Zehner zustellte und der Thuner Aussenverteidiger den Berner Aussenverteidiger übernahm, dann konnte der ballnahe Sechser den nicht abgekippten Sechser übernehmen: Die Verlagerung über den 1. Zwischenlinienraum war geschlossen. Doch Stewart orientierte sich lieber im Raum, anstatt Fernandes mannorientiert zu verfolgen. Die Idee war es wohl, durch Labeau den abgekippten Sechser im Deckungschatten zu halten und mit Stewart Gigovic im 1. Zwischenraum zuzustellen, um den ballnahen Sechser zu entlasten. Das Anlaufen von Labeau klappte aber nicht immer, weil Fernandes über ein gutes Freilaufverhalten verfügte und Labeau nicht immer intensiv presste. So war die Verlagerung um den Block trotzdem offen. In Kombination mit der üblichen Anordnung und den Ungenauigkeiten in der Umsetzung ihres eigentlichen Ansatzes hatten sie Probleme, den Bernern Einhalt zu gebieten.
Die Thuner Sechser wurden zwar im Verlauf der Partie aggressiver und rückten früher auf die gegnerischen Mittelfeldspieler auf, doch YB wurde etwas variabler. Presste einer der Sechser den abkippenden Fernandes, dann konnte YB regelmässig den geöffneten Raum und die Überladung im Zentrum bespielen. Um dem auspressenden Sechser entgegenzuwirken, kippte Fernandes im Verlaufe der Partie neben die Innenverteidiger aus und konnte sich so vom Zugriff des Sechsers entziehen. In diesen Positionen kam er vor allem ins Andribbeln. Mal waren es auch Gigovic oder Sanches, die in die letzte Kette ab- oder auskippten. Diese Flexibilität stellte Thun vor Entscheidungs- und Übergabeprobleme, was sie in die Reaktivität zwang. YB schaffte es immer wieder, die +1-Überzahl in der 1. Linie herzustellen und den 1. Zwischenlinienraum zu besetzen. So kamen sie immer wieder in die Verlagerungen und drückten die Thuner nach hinten.
Die Heimmannschaft wurde regelrecht hinten eingeschnürt. YB verhinderte die mangelnde Durchschlagskraft, die ein Überladen vor dem Block mit sich bringt, teilweise über ihre physisch starken Stürmer. Sie hielten den Ball souverän und warteten, bis alle Spieler in ihre Positionen gekommen waren, und konnten so den strukturellen Vorteil ihrer Überladung in die nächste Hälfte tragen. Die Verlagerungen blieben immer offen, was half, die Überladungen in die nächste Ebene zu tragen.
Entlastungssituationen im Ballbesitz, die Thun zur Vorbereitung seiner langen Bälle benötigte, waren nicht möglich, da YB konstant hoch und intensiv presste. Ihr Pressingschema war so ausgelegt, dass Spieler nicht in ungewohnten Bereichen verteidigen mussten. Ausserdem kontrollierten die Berner die 2. Bälle.
Fazit
Es kam vieles zusammen für die Thuner. Zuerst das unglückliche Ausscheiden in der Verlängerung der Champions-League-Qualifikation gegen Dinamo Zagreb, Erschöpfung und Rotationen auf Schlüsselpositionen sowie ein Meisterkandidat, der das System-Thun geknackt zu haben scheint und seine qualitativ hochwertigen Akteure einzusetzen weiss. Es ist ein Ausreissresultat, das meiner Meinung nach nicht zu hoch gewertet werden sollte. Wenige Super-League-Vereine können die Intensität und technische Qualität von YB mitgehen und nicht jeder hat die Mittel, um Thun zu knacken.
SR ist fasziniert vom Fussball und davon, wie dieser funktioniert. Er will die Mechanismen der schönsten Nebensache der Welt ergründen und ist immer offen für Feedback und Diskussionen.
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