Gruppe L: Eine klare Hackordnung? – AP
Auf dem Papier ist Gruppe L schnell erzählt: England, Kroatien, Panama, Ghana, in genau dieser Reihenfolge. Doch die Weltrangliste verrät wenig darüber, was taktisch auf dem Platz passiert. Eine Vorschau über Englands nahezu perfekte Turniermannschaft, Kroatiens verwundbare Altstars und die Frage, welcher Außenseiter dem Favoritenduo wirklich gefährlich werden kann.
Auf den ersten Blick wirkt der Ausgang von Gruppe L so offensichtlich, als müsste man ihn gar nicht mehr ausspielen. Rein nach Rangliste gilt: England -> Kroatien -> Panama -> Ghana. England, Teil des engsten Favoritenkreises, geht als haushoher Favorit in die Gruppe. Nach einer erfolgreichen Amtszeit von Gareth Southgate, bei der jedoch in acht Jahren kein Titel heraussprang, soll nun ausgerechnet ein Deutscher den Three Lions wieder einen großen Titel bescheren. Mit Thomas Tuchel vollzieht die englische Nationalmannschaft einen Stilbruch. Während Southgates England oft bieder und ideenlos wirkte, hat Tuchel in den letzten anderthalb Jahren an einer perfekt gedrillten, prinzipientreuen „Turniermannschaft“ gebastelt.
Zlatko Dalic, der seit fast neun Jahren im Amt ist, erlitt mit Kroatien eine herbe Enttäuschung bei der EM 2024, als man bereits in der Gruppenphase ausschied. In den USA möchte man an die erfolgreichen Weltmeisterschaften 2018 und 2022 anknüpfen; probiert wird dies mit altbekanntem Personal. Ghanas unmittelbare sportliche Vergangenheit ist unglücklich verlaufen. Bei der WM 2022 schied man als Gruppenletzter aus, in den vergangenen drei Ausgaben des Afrika Cups schaffte man es nicht, sich für die K.-o.-Phase zu qualifizieren. Otto Addo wurde nach einer Niederlagenserie im April entlassen und durch Carlos Queiroz ersetzt, der immerhin in seinem einzigen Spiel als Trainer der „Black Stars“ ein 1:1 gegen Wales holte.
Panama geht als nomineller Außenseiter der Gruppe L ins Turnier, rangiert sportlich aber vor Ghana. Thomas Christiansen ist seit 2020 als Trainer Panamas im Amt und hat die Mannschaft in die Erfolgsspur gebracht. Mittels kompakten Verteidigens und schnellem Umschalten erzielten die Mittelamerikaner mehrere Turniererfolge in den letzten sechs Jahren, der größte davon war das Erreichen des CONCACAF-Nations-League-Finals 2024/25. Wenngleich die Namen der vier Gruppenteilnehmer einen klaren Gruppenausgang suggerieren, will diese Gruppenvorschau zeigen, dass die Gruppe weitaus spannender und enger sein könnte, als man denkt.
England
Die Three Lions haben einen guten Case als *die* Turniermannschaft in die WM 2026 zu gehen und das aus gutem Grund. Innerhalb von anderthalb Jahren hat Thomas Tuchel es geschafft der Mannschaft einen klaren taktischen Rahmen zu geben, in dem sie sich an festen Prinzipien orientieren kann und gleichzeitig genug Freiheiten hat, um ihre Stärken maximal zu akzentuieren.
Die Grundformation der Engländer liest sich als klassisches 4-2-3-1. Mit Ball jedoch rücken beide Außenverteidiger neben Elliot Anderson ein, während die Achter, Bellingham und Rice, eine Linie weiter vorne die Halbräume besetzen. Die Flügel sind maximal in der Breite positioniert und kleben an der Außenlinie, während Kane als alleiniger Stürmer spielt. Aus dem 4-2-3-1 wird de facto also ein 2-3-2-3. Die Engländer bauen im 2-1 auf, mit beiden Innenverteidigern und Elliot Anderson als alleinige Sechs. Einer der beiden Achter, meistens Declan Rice, steht tiefer als der andere, um Anderson eine progressive Anspielstation zu geben. Obwohl, wie bereits erwähnt, beide Außenverteidiger invertieren, spielt O’Reilly im eigenen Ballbesitz einen fixen linken Achter, während sein Pendant Reece James öfter zwischen Halbraum und Breite wechselt. Dementsprechend klebt Gordon konstant an der linken Außenlinie, während sich Saka bzw. Madueke öfter im Halbraum aufhalten.
In den ersten beiden Spieldritteln halten sich die Engländer strikt an diese Positionsbesetzungen. Wenn ein Flügel, z. B. Saka, nach innen zieht und ins Zentrum durchläuft, füllt James oder notfalls Bellingham rechts in der Breite auf. Im Gegensatz zu Julian Nagelsmanns minimaler Breite will Tuchel das Feld konstant stretchen, was mehrere Gründe hat. England möchte seine dribbelstarken Flügelspieler in so viele Eins-gegen-eins-Duelle wie möglich schicken. Ein geläufiges Muster ist hierbei das ballnahe Überladen, gefolgt von einem schnellen Seitenwechsel auf den ballfernen Flügel, der so ins direkte Duell mit seinem Verteidiger gehen kann. So in Minute 9 im Testspiel gegen Costa Rica: Gordon und Madueke machen das Spielfeld maximal breit, nach schneller Verlagerung auf den linken Flügel geht Gordon an seinem Gegenspieler vorbei und kann anschließend Declan Rice im Rückraum bedienen, der mit links das 1:0 erzielt. Hierbei zeigt sich ein weiteres Stilmittel der Engländer. Sobald sie gefährlich ins letzte Drittel kommen, crashen Bellingham und Rice die Box, sodass England mit fünf Mann die letzte Linie überlädt – aus dem 2-3-2-3 wird ein 2-3-5.
Das sorgt sowohl dafür, dass mehr Spieler zum Torerfolg kommen können, als auch für Unordnung in der gegnerischen Defensive, die zu anderweitigen Vorteilen führt. Den Gegner in Bewegung zu bringen und so in torgefährliche Positionen zu gelangen, ist ein konstantes Motiv in Tuchels Team. Tiefenläufe aus dem Halbraum, u. a. von O’Reilly, ziehen Gegenspieler mit, sodass der Flügel mehr Platz und Zeit hat, eine gute Entscheidung zu treffen.
Gegen den Ball brillieren die Engländer durch aggressives, ballorientiertes Gegenpressing; nach Abstoß stellen sie Mann-gegen-Mann zu. England reiht sich bei gegnerischem Ballbesitz in einem 4-3-3 bzw. 4-4-2 auf, in dem die Flügel situativ in die zweite Pressinglinie abkippen und Bellingham neben Kane in Linie 1 anläuft. Außerhalb von Gegenpressing-Sequenzen verteidigt England viel im Raum; es wird spannend zu sehen sein, ob sie das gegen Top-Teams genauso handhaben. Nach Ballgewinn geht der erste Blick in die Tiefe, beide Flügel starten sofort durch, um anspielbar zu sein. Hierbei kommt Harry Kane eine besondere Rolle zu. Da England keinen klassischen Spielmacher auf der Zehn oder auf dem Flügel hat, übernimmt mitunter Kane diese Last; er lässt sich vermehrt fallen, um mit präzisen Steil- und Diagonalpässen seine Mitspieler in der Tiefe zu finden. So auch in Minute 42, als Kane die gesamte Mannschaft Costa Ricas mit einem Pass überspielt und Gordon findet, der den Ball im Strafraum annimmt und (vermeintlich) gefoult wird.
Wirkliche strukturelle Schwachstellen lassen sich in diesem England-Team kaum ausmachen; am ehesten könnten unerwartete Ballverluste, aufgrund von Englands Zwei-Mann-Absicherung in der letzten Linie, zu gefährlichen Kontern führen – ob das gegen die stärkeren Gruppengegner zum Tragen kommt, wird sich zeigen. Mit Recht gehört England zum engen Favoritenkreis, weshalb von einem ungefährdeten Gruppensieg auszugehen ist.
Kroatien
Mit seinen Erfolgsgaranten, seinen „Altstars“, möchte Zlatko Dalic nach einem bitteren Gruppenaus bei der EM 2024 eine erfolgreiche Weltmeisterschaft spielen. In der Vorbereitung auf die WM spielten die Kroaten sowohl in einer Vierer- als auch in einer Dreierkette. Da der letzte Test, gegen Slowenien, mit einer Viererkette erfolgreich bestritten wurde (2:1), wird im Folgenden diese Variante zur Analyse herangezogen.
Kroatien spielt, so wie England, aus einer 4-2-3-1-Grundformation, die auch als 4-2-2-2 gelesen werden kann. Darüber hinaus lassen sich weitere Parallelen zu England erkennen. Kroatiens Außenverteidiger rücken ein, während die Flügelspieler konstant in der Breite stehen und so Platz im Zentrum schaffen. Das kroatische Pendant zu Elliot Anderson ist Mateo Kovacic, der als alleiniger Sechser vor den Innenverteidigern spielt und das Spiel aufbaut; in seiner Nähe befindet sich Luka Modric, der vertikal und horizontal versetzt steht und sich konstant bewegt, um anspielbar zu sein. Im Gegensatz zu England lässt Dalic eine Doppelspitze spielen, die im letzten Test aus Budimir und Kramaric bestand. Die Dynamik zwischen den beiden ist wohl das effektivste Mittel im Offensivspiel der Kroaten. Kramaric halblinks und Budimir halbrechts sind in der Vertikalen konstant in Bewegung, sie stehen de facto nie auf einer Linie. Lässt sich der eine fallen, geht der andere tief; insbesondere Kramaric bewegt sich viel und ist für seine Gegenspieler kaum zu greifen. Auch Kroatien greift zu Halbraum-Tiefenläufen der Außenverteidiger, um Platz für seine Flügelspieler im Eins-gegen-eins zu schaffen. Durch eine situativ enge Staffelung der Doppelspitze und die beiden dribbelstarken Flügel Perisic und Pasalic in der Breite überlädt Kroatien die letzte Linie und kommt, wie in der 89. Minute durch einen 3rd-Man-Run des Achters in die Tiefe, zu einer Großchance.
Gegen den Ball presst Kroatien bei gegnerischen Abstößen konstant und kompromisslos Mann-gegen-Mann. Im Spielfluss wandelt sich dies zu einem hohen, mannorientierten Gegen- und Angriffspressing. Hierbei rückt einer der Außenverteidiger in die letzte Kette ein, um mit drei Mann abzusichern. Nach Ballgewinn schaltet Kroatien schnell und vertikal um, indem die Flügel nach Möglichkeit in der Tiefe angespielt werden.
Probleme könnte Dalic’ Elf vor allem gegen England bekommen. Modric’ altersbedingte athletische Defizite machten sich bereits gegen Slowenien bemerkbar, wo er Schwierigkeiten hatte, in der Rückwärtsbewegung mit den schnellen Ballvorträgen der slowenischen Mittelfeldspieler mitzuhalten. Bellingham und Rice dürften daraus noch mehr Kapital schlagen können. Kroatiens vorrückende Außenverteidiger und die daraus folgende Zwei-Mann-Absicherung könnten bei Ballverlust zu Durchbrüchen der vertikal startenden englischen Flügel führen; diese werden durch Kanes hervorragende Bälle in die Tiefe noch gefährlicher. Umgekehrt sichert England auf ähnliche Weise ab, was wiederum Räume für Perisic und Pasalic eröffnen kann.
Alles in allem sind die Kroaten nach England die Mannschaft mit der besten Chance auf ein garantiertes Weiterkommen, wenngleich sie einige Schwächen haben, die durchaus dazu führen könnten, dass das Turnier im schlimmsten Fall, wie bei der EM 2024, mit einem Gruppenaus endet.
Ghana
Ghanas sportlicher Misserfolg der letzten Jahre schlägt sich in einer sehr schlechten Form nieder. Das einzig Positive: Mit Neu-Trainer Carlos Queiroz verlor das Team noch nicht. In seinem einzigen Spiel bisher schaffte es Ghana ein 1:1 Unentschieden gegen Wales zu erringen, trotz des Fehlens von Superstar Antoine Semenyo.
Queiroz stellt sein Team in einem 4-4-1-1 auf. Aus dieser Grundordnung verteidigen die Westafrikaner. Im eigenen Ballbesitz wird daraus ein 2-4-4 bzw. ein 4-4-2, je nachdem, auf welcher Höhe sich die Außenverteidiger positionieren. Diese stehen in der Breite, während im Zentrum die Doppelsechs das Spiel aufbaut. Die beiden Flügelspieler stehen ebenfalls in der Breite, ziehen jedoch, sobald sie angespielt werden, sofort in die Mitte. Sie tun dies insbesondere in Umschaltsituationen, so fiel auch ihr Tor in Minute 66 gegen Wales; Nuamahs überragendes Dribbling an drei Spielern vorbei ist hierbei besonders hervorzuheben. Antoine Semenyo fungiert als eine Art Zielspieler auf dem rechten Flügel; oft wird er angespielt und mit der Aufgabe betraut, die schwierigsten Bälle produktiv zu verarbeiten, was ihm häufig gelingt.
Werden sie bei eigenem Abstoß hoch gepresst, so wählen sie den langen Schlag nach vorne auf ihre Flügel. Ghana ist recht passiv gegen den Ball; sie spielen kein Angriffs- sondern Mittelfeldpressing und auch nach Ballverlust gehen sie nicht so stark ins Gegenpressing wie andere Mannschaften, sondern fokussieren sich darauf schnellstmöglich in ihre defensive Ordnung zu fallen. Gegen sehr starke Gegner wird aus dem 4-4-1-1 Mid-Block oft ein 5-4-1 Low-Block.
Probleme könnte Ghana in den Schnittstellen seiner Viererkette bekommen. Sie sind anfällig für Tiefenläufe des Gegners in diese Räume, da sie Schwierigkeiten haben, die entsprechenden Gegenspieler aufzunehmen. Kroatien und insbesondere England sind durch ihre häufigen Tiefenläufe aus dem Halbraum in der Lage, daraus Kapital zu schlagen. Zugleich spielt die Neigung der ghanaischen Flügelspieler, in Umschaltsituationen direkt in die Mitte zu ziehen, England und Kroatien in die Karten, da die Schwäche beider Teams in der Tiefenverteidigung auf dem Flügel so gar nicht erst angegriffen wird.
Ghana ist der klare Underdog der Gruppe, jedoch haben sie mit Semenyo und Nuamah gute Einzelspieler, die Spiele im Alleingang entscheiden können. Ein garantiertes Weiterkommen ist nach aktuellem Stand unwahrscheinlich, jedoch ist ein Ticket für die KO-Phase als einer der 8 besten Gruppen-Dritten im Bereich des Möglichen.
Panama
Obwohl Panama im Vergleich zu Ghana die bessere Mannschaft ist, war es eine bewusste Entscheidung, die Mittelamerikaner als Letztes vorzustellen. Panama ist unter Trainer Christiansen nämlich taktisch versierter, als man im ersten Moment annehmen würde. Sie spielen ein 3-4-3 im eigenen Ballbesitz, das als 3-Box-3 umgesetzt wird. Carlos Harvey ist hierbei als wichtigster Spieler Panamas hervorzuheben. Im tiefen Spielaufbau gibt er den alleinigen Sechser im 3+1-Aufbau; unterstützt wird er von seinem Pivot-Partner, der bei Bedarf neben ihn rückt. Ebenfalls zentral für das Angriffsspiel ist der mitspielende Neuner, der allein im Sturm agiert. Mit gutem Link-up-Play und Dreieckskombinationen schafft man es, Situationen auf engem Raum aufzulösen und durch einen Seitenwechsel auf den freien Mann Eins-gegen-eins-Duelle zu forcieren.
Gegen den Ball fällt Panama in einen kompakten 5-4-1-Mid- bzw. -Low-Block, der versucht, dem Gegner keinen Platz zwischen den Linien zu lassen. Nur bei gegnerischem Abstoß stellt Panama hoch Mann-gegen-Mann zu; abgesehen davon belässt man es bei einem ball- und raumorientierten Mittelfeldpressing. Gewinnen sie den Ball, bespielen sie die bereits angesprochene Schwachstelle der Engländer und Kroaten: die Tiefensicherung auf den Flügeln; Panamas Flügelspieler suchen so den Durchbruch hinter die Kette. Ein mögliches Problem für die Mittelamerikaner könnte ironischerweise ein Mangel an Kompaktheit werden. Zwar halten sie den Raum zwischen den Ketten zu Beginn des Spiels sehr eng und machen es dem Gegner schwer, dort aufzudrehen, doch die intensive Spielweise und das kräftezehrende Verteidigen führen dazu, dass ihnen in der Schlussphase die Körner fehlen, um diesen Raum geschlossen zu halten. Ghanas diagonale Flügeldribblings ins Zentrum, Kroatiens mobiler Kramaric und das Achterpaar der Engländer können das bestrafen und daraus Tormöglichkeiten erzeugen.
Summa summarum ist Panama der heißeste Anwärter auf Platz 3, wenngleich sowohl ein zweiter Platz als auch ein Ausscheiden als Gruppenletzter denkbar ist. Entscheidend für den Erfolg der Mittelamerikaner dürften zwei Faktoren sein: wie konsequent sie Kroatiens Schwächen im Umschaltspiel nach Ballverlust bestrafen und ob sie ihre eigenen Probleme in der Schlussphase, das Enghalten der Zwischenlinienräume, in den Griff bekommen.
Fazit
Die eingangs postulierte „offensichtliche“ Reihenfolge der Gruppenplatzierung ist auch die Vorhersage dieser Gruppenvorschau. Jedoch liegen die Chancen auf ein Weiterkommen zwischen Kroatien, Ghana und Panama wesentlich näher beieinander, als es die Weltranglistenplatzierungen vermuten lassen. England wird als mit Abstand bestes Team der Gruppe und einer der Top-Favoriten auf den WM-Titel höchstwahrscheinlich die Gruppe gewinnen. Kroatien hat mit seiner hohen individuellen Qualität ebenfalls gute Chancen auf ein Weiterkommen. Panama maximiert mittels guter gruppentaktischer Elemente seine individuelle Qualität und ist, trotz schwächerer Einzelspieler in der Spitze als Ghana, Favorit auf Platz 3. Für Ghana bleibt zu hoffen, dass sie ihren positiven Mini-Trend unter Queiroz fortsetzen und es schaffen, ihre Topspieler um Semenyo so gut wie möglich in Szene zu setzen.




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