Teamanalyse Belgien
Nach der Goldenen Generation tritt der „ewige Geheimfavorit“ Belgien mit einem neu formierten Team an. Nur wenige der großen Namen wie Kevin de Bruyne und der kurzfristig wieder nominierte Romelu Lukaku sind übrig geblieben, dafür viele interessante Spieler dazu gekommen. Auf fast allen Positionen sind die Belgier mit zwei Spielern auf meistens grundsolide internationalem Niveau besetzt.
Genauso ausgeglichen wie im personellen Bereich verhält sich es sich bei der mannschaftlichen Struktur. Rudi Garcias Team funktioniert als stabiles Kollektiv. Die Belgier laufen dementsprechend wenig Gefahr, ein überraschend frühes Scheitern zu erleiden wie noch bei der letzten WM, und sind ein guter Viertelfinal-Kandidat, aber in der Spitze dürfte es auch kaum für mehr reichen. Dafür fehlen dem belgischen Team die letzte Aggressivität und Qualität im Angriffspressing und die feinen Details beim Herausspielen unter Druck, wenn der Gegner hoch anläuft. Beides dürfte gerade im späteren Turnierverlauf gegen die Top-Mannschaften besonders wichtig werden, während Belgien für die ersten Begegnungen der WM und vergleichbare Gegner gut aufgestellt ist.
Prunkstück des belgischen Teams ist das Mittelfeldzentrum, wo Rudi Garcia in seiner Trainerkarriere stets auf Kontrolle gesetzt hat. Mit dem neuen Kapitän Youri Tielemans und den beiden Altstars Kevin de Bruyne sowie – nur möglicherweise – Axel Witsel tummelt sich dort besondere individuelle Klasse und Erfahrung.
Grundsolides Positionsspiel und Flügeldribblings

Belgiens Ballbesitzstruktur im Zweieraufbau
Bei eigenem Ballbesitz organisiert sich Garcias Team grundsätzlich in einer 3-4-3- oder alternativ einer 2-3-2-3/2-3-5-Grundstruktur – also zwei der besonders erprobten Offensivformationen des Weltfußballs. Der mögliche Dreieraufbau entsteht durch zentrales Abkippen des Sechsers zwischen die Innenverteidiger. Vor allem in dieser Konstellation sind die beiden anderen Mittelfeldakteure in Ballbesitz überwiegend flach eingebunden, also primär in der Ballverteilung und -zirkulation, ohne größere Offensivbewegungen. Dies fügt sich grundsätzlich in eine Tradition früherer Garcia-Mannschaften ein, bringt die Qualitäten von Tielemans und de Bruyne im Angriffsdrittel aber nicht vollends zur Geltung.

Belgiens Dreieraufbau am Beispiel des Testspiels gegen Mexiko
In beiden Aufbaustrukturen kann der jeweilige Linksverteidiger diagonal in den Halbraum rücken, so dass der Flügelspieler vor ihm als klarer Breitengeber agiert. Insbesondere Brightons Newcomer Maxim de Cuyper macht davon Gebrauch, bewegt sich dynamisch zwischen seitlichen und inneren Feldbereichen. Generell verfolgen die Belgier gemäß einer klaren Positionsstruktur das Prinzip, möglichst einen Breitengeber pro Seite zu haben. Auf dem rechten Flügel übernimmt häufiger der hohe oder halbhohe Außenverteidiger diese Aufgabe als der Offensivmann. Gerade bei einer Aufstellung von Dodi Lukebakio anstelle von Leandro Trossard oder Alexis Saelemaekers als Rechtsaußen wäre eine breite Aufstellung auch auf dieser Seite vorteilhaft, damit Lukebakio im Dribbling nach innen ziehen kann.

Diagonalball vor einem Tor im Testspiel gegen die USA
Schließlich strahlen die Belgier über 1gg1-Aktionen ihrer Flügelstürmer und etwaige Kombinationen, die diese initiieren, bisher die größte Gefahr aus – zumal vor dem Hintergrund der (noch?) geringen Tiefe, die aus dem Mittelfeld ausgeht. Zum einen vermag Belgien solche Momente recht zuverlässig innerhalb der eigenen Ballbesitzphasen aus aggressiven Disgonalbällen heraufzubeschwören. So kam das Team im März gegen die USA zu einem klaren Testspielsieg, ebenso wie bei der Turniergeneralprobe kürzlich gegen Tunesien. Gegen die Tunesier gingen von den Mittelfeldspielern zudem bereits deutlich mehr ergänzende Tiefenbewegungen aus, insbesondere in Person von Tielemans, der bei fast jedem (Flügel-)Angriff den Sechzehner mit attackierte. Zum anderen kommen die Dribblings der Flügelstürmer, gerade aus breiten Ausgangspositionen, aus Umschaltmomenten zum Tragen, dank der guten Grundqualität des belgischen Teams und insbesondere ihres routinierten Mittelfelds bei diesen Transitionen. Etwaige Konterangriffe nutzen die Belgier sehr direkt aus, um ihre Flügeldribbler in Temposituationen zu bringen, die nicht positionell aus den Halbräumen agieren müssen, sondern aus Defensivpositionen heraus tief starten können. Diese Umschaltqualität ist diejenige Stärke der Belgier, die gerade in späteren Turnierphasen erst so richtig aufblühen könnte.
Sauberkeit im Mittelfeldpressing
Passend zur eigenen Konterstärke setzen die Belgier vergleichsweise häufig auf ein höheres Mittelfeldpressing. Sie zielen also nicht nur unbedingt auf die ganz hohen Ballgewinne, sondern lassen den Gegner ein Stück aufrücken, um idealerweise seinen Rücken attackieren zu können. Dafür organisiert sich Belgien in einer 4-4-2-Anorndung, indem de Bruyne aus dem Mittelfeld nach vorne geht und als zweite Spitze verschiebt.
In dieser klassischen und traditionellen Defensivformation kann das Team nicht allzu viel Druck machen, spielt die Struktur aber sehr kompakt und sauber aus. Vor allem das horizontale Durchschieben der Kette zur Ballseite erfolgt sehr weit, angesichts der insgesamt defensivorientierten Ausführung mitunter zu weit, da für gegnerische Verlagerungen anfällig. Selbst die im Gesamtbild überdurchschnittliche Sauberkeit bewahrt das 4-4-2 der Belgier gegen ein hochwertiges Ballbesitzspiel nicht davor, dass der Gegner den Zwischenlinienraum attackieren kann. Im Test gegen den spielstarken Mit-Gastgeber aus Mexiko beispielsweise liefen die Belgier über viele Phasen hinterher.
Baustellen bei eigenem und gegnerischem Angriffspressing
Gegen kleinere Gegner und beispielsweise auch in der Gruppenphase sollte diese Defensivspielweise für die Belgier dennoch genügen, für die weiteren KO-Runden aber letztlich zu wenig sein. Um einen ganz großen Wurf zu landen, müsste Belgien das eigene Angriffspressing nicht nur in der Quantität intensivieren, sondern darüber hinaus auch in der Qualität verbessern.
Grundsätzlich greifen die Belgier in den gelegentlichen Momenten ihres hohen Anlaufens nur selten zu den im Weltfußball gerade so verbreiteten 1gegen1-Zuordnungen. Dennoch versuchen sie aber symmetrisch zu pressen, was in den zentralen Bereichen mitunter zu Problemen führt. Gegen eine 4-1-Aufbaustruktur beispielsweise starten sie mehr mit einem 4-2-4- denn mit einem 4-1-3-2-Pressing, weil einer der eigenen Sechser nur in einer sehr angedeuteten Sprungposition zum gegnerischen Sechser steht.

Hypothetische Situation bei 4-2-4-haftem Anlaufen
Das bedeutet, dass der nicht auslösende Stürmer zunächst mittig den Sechser mit schließen muss anstatt sich frühzeitig zum anderen Innenverteidiger orientieren zu können. Gerade wenn der Gegner den Abstoß über den Torwart mit kurzer Passdistanz ausführt und direkt auf diesen zurück klatschen lässt, wird diese Problematik für Belgien akut. Der ballferne Innenverteidiger erhält dadurch nach einem Querpass recht viel Zeit zum An- und teilweise Überdribbeln der ersten Reihe.
Neben dem eigenen Angriffspressing ist zudem die Phase des hohen gegnerischen Anlaufens eine Baustelle bei den Belgiern. Unter hohem Druck kommen häufig alle drei Mittelfeldspieler flach entgegen. In den resultierenden 4-3-Staffelungen haben sie aber kaum effektive Passwinkel zueinander und auch keine Verbindung zu den Offensivakteuren. Zugleich sind auf der jeweils ballfernen Seite gleich drei oder vier Mannschaftskollegen gänzlich aus der Situation heraus isoliert. In solchen Fällen bleiben meist nur improvisierte und ambitionierte Lösungsversuche in Unterzahl auf kleinem Raum zusammen mit dem ballnahen Außenverteidiger.

Unterschiedliche Einbindungen von de Bruyne gegen hohes gegnerisches Pressing im Vergleich
Etwas bessere Aussichten hat das Herausspielen der Belgier in einer asymmetrischen Anordnung des Mittelfelds, die in einigen Partien bereits auftrat. Wenn Tielemans mit dem defensivsten Mittelfeldkollegen eine Doppel-Sechs bildet und de Bruyne einen der beiden Halbräume in einer höheren Linie besetzt, verbessert sich zumindest auf der jeweiligen Seite die Tiefenstaffelung und die Anzahl der lokalen Optionen. Praktisch gesehen gewinnt Belgien in der betroffenen Feldzonen einen Spieler „hinzu“, da dort sowohl de Bruyne als auch einer seiner Mitspieler agieren.
Fazit
Ein Team der großen systematischen Überraschungen und Anpassungen sind die Belgier nicht gerade, am ehesten mittels der personellen Komponente. Da der Kader auf vielen Positionen so ausgeglichen und auch breit aufgestellt ist, kann Garcia mit Wechseln in der Startaufstellung oder im laufenden Spiel bereits für große Veränderungen sorgen. Auf den zentralen Positionen beispielsweise bringt Aston Villas Amadou Onana vermehrt lockende Effekte ins Spiel ein, weil er vor Pässen die Gegenspieler oft möglichst nah an sich heranrücken lässt, bevor er seine Aktion ausführt, so dass er seinen Mitspielern mehr Raum verschafft. Unmittelbar vor Turnierbeginn scheint er die Nase vor Witsel zu haben, um neben Tielemans und de Bruyne aufzulaufen. Nicolas Raskin von den Rangers aus Glasgow wiederum ist vor allem ein besonderer Aktivitätsspieler für die Sechser- oder Achterposition, der entweder gegen radikale Manndeckung oder bei Rückständen wertvoll sein kann.
Überhaupt könnte die neue personelle Auffrischung ein großer und heimlicher Vorteil für Belgien werden. Das gilt im Vergleich zu den vorigen Turnieren gerade für die Viererkette, der man in den letzten Jahren das Alter und damit eingehend manche Mobilitätsprobleme angemerkt hatte. Die neuen Gesichter der Belgier auf den Abwehrpositionen machen einen vielversprechenden wie entwicklungsfähigen Eindruck und bringen zusätzliche Dynamik mit, die zumal in Umschaltmomenten ein etwas riskanteres Verhalten ermöglichen kann. Bespielseise ist Innenverteidiger Koni de Winter von Milan in den ersten Aktionen sehr flink und verfügt zugleich über ein gutes Timing bei seinen Aktionen in Ballbesitz, indem er vor Vertikalpässen oft geschickt verzögert.
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