Tradition, Tapetenwechsel, Tabellenführer – MH

2:3

Der FC Schalke steht als Tabellenerster kurz vor dem Aufstieg in die Bundesliga. Hier findet ihr eine Analyse des im Gegensatz zur Hinrunde deutlich veränderten Schalker Spielstils anhand des Topspiels gegen den zweitplatzierten Paderborn.

In dieser Analyse wird Paderborn in Anbetracht der Leistungen unter Trainer Ralf Kettemann zu kurz kommen. Da Schalkes neuer Spielstil jedoch so interessant ist, muss hier fast schon zwangsläufig der Fokus der Analyse liegen. Schalke startete in der Hinrunde noch aus einem 5-2-3 Pressingsystem. Ziel war es, den Gegner dauerhaft unter maximalen Druck zu setzen und dadurch das Spiel so zu verändern, dass die eigenen Spieler ihre Stärken möglichst gut ausspielen können. Vorab: daran hat sich nichts geändert.

Die Grundlagen des Schalker Erfolgs liegen auch weiterhin im Pressing Fußball. Auch wenn sich die Grundformation geändert hat, sind die Abläufe noch immer ähnlich. So wurden beispielsweise untypischerweise die drei vorderen Stürmer des 5-2-3 im Pressing zentral eingesetzt, ohne Breitenbesetzung. Das ist in der jetzigen Ausgangsstaffelung, dem 4-3-3, interessanterweise exakt gleich. Allerdings gibt es große Veränderungen im Ballbesitz. Anteile daran dürfte mit Sicherheit auch Co-Trainer und Spielverlagerungs-Autor Adin Osmanbasic haben. Während Schalke in der Hinrunde kaum Gegentore kassierte, häufig knapp zu Null gewann und gleichzeitig wenig Ballbesitz hatte, verzeichneten sie gegen Paderborn 55% Ballbesitz, lagen 0:2 hinten und gewannen dennoch 3:2. Dabei fehlt der eigentlich wichtigste Spieler und Winterneuzugang Edin Dzeko verletzte. Der Wechsel des Spielstils dürfte auch durch ihn bedingt sein, um ihn bestmöglich einzusetzen, dennoch ist Schalke auch ohne ihn erfolgreich.

Paderborn startete aus einem nominellen 5-2-3 / 3-5-2. Allerdings veränderte sich diese Staffelung im Spielaufbau stark, um das Schalker Pressing aus dem 4-3-3 unter möglichst große Herausforderungen zu stellen.

Hohes Schalker Pressing

Wie bereits erwähnt, startete Schalke auch im Pressing aus einem 4-3-3 System. Im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften sucht Schalke nicht sofort die komplette Manndeckung über das ganze Feld. Stattdessen versucht Schalke, hybrid zu pressen, indem raumorientiert auf eine Seite verschoben wird, um dort die Manndeckungen zu suchen und gleichzeitig durch die Überzahl die wichtigsten Passwege schließen zu können. Der Vorteil und der Nachteil dieser Variante sind offensichtlich. Die Überzahl im Pressing verursacht deutlich höheren Druck beim Gegner, die Tiefe kann besser abgesichert werden und Ballgewinne können einfacher erzeugt werden. Gleichzeitig kann der Gegner durch Verlagerungen auf die andere Seite gefährlich werden. Im Idealfall bietet sich diese Möglichkeit allerdings gar nicht, da der Druck auf den Ballführenden dauerhaft so groß ist.

Paderborn baute nicht aus dem nominellen 5-3-2 auf. Stattdessen wurde mithilfe des Torhüters eine flache 5er Kette gebildet. Die flachen Außenverteidigerpositionen besetzten auf links Außenverteidiger Sticker und auf rechts der äußere Innenverteidiger Scheller. Zentral wurde zunächst mit einem Sechser und 2 Achtern aufgebaut. Das änderte sich allerdings innerhalb der ersten Minuten hin zu 2 Sechsern und einem nach links versetzten 10er im Halbraum. In vorderster Reihe rückte der eigentliche Stürmer Müller auf die linke Außenbahn und der eigentliche Außenverteidiger Curda auf die rechte Außenbahn. Stürmer Marino agierte zumeist halbrechts versetzt, da er sich somit fallenlassen konnte. Folglich ergab sich im Spielaufbau Paderborns eine 5(TW)-2-1-3 Staffelung mit dem nach links versetzten 10er und dem nach rechts versetzten Stürmer. Sobald sich Stürmer Marino fallenließ, ergab sich folglich eine 1-4(=5)-2-2-2 Staffelung.

Paderborns Aufbau im asymmetrischen 5-2-1-3 / 5-2-2-2 anstelle des nominellen 1-5-3-2 stellt die Achter von Schalke vor lange Laufwege im Pressing.

Wie presste Schalke diesen Aufbau und weshalb baute Paderborn so auf? Da ich in dieser Saison zu wenige Spiele von Paderborn gesehen habe, kann ich das nicht mit endgültiger Sicherheit beantworten. Sehr wahrscheinlich baut Paderborn nicht immer so auf, da der Aufbau eigentlich sehr gut auf das Schalker Pressing abgestimmt war. Mehr dazu gleich.

Schalkes Pressing aus dem 4-3-3 ist, wie bereits erwähnt, dahingehend besonders, dass es hybrid ist und nicht auf eine reine Form der Manndeckung setzt. Ebenso ist es dahingehend besonders, als dass die drei vorderen Spieler zentral positioniert sind. Der Fokus des Pressings liegt damit zunächst in der Sicherung des Zentrums. Auch die drei Mittelfeldspieler sowie die vier Verteidiger sind sehr zentral gestaffelt. Die hohen Außenspieler Paderborns wurden dann logischerweise ballnah durch die jeweiligen Außenverteidiger aufgenommen und die gesamte letzte Kette der Schalker schob durch. Dabei blieb die letzte Kette zumeist in der Tiefe, um diese abzusichern. Mindestens einer der Innenverteidiger bildete somit immer eine +1 Überzahl auf der letzten Kette. Der andere Innenverteidiger konnte auf dem Sprung zu 10er Bilbija oder dem sich fallenlassenden Stürmer Marino bleiben.

Normalerweise wurden diese beiden Paderborner Spieler durch Schalkes Sechser Schallenberg aufgenommen, indem er zwischen beiden pendelte und den jeweils ballnahen Spieler übernahm, sodass sich der ballnahe Innenverteidiger nach Übergabe auf die Absicherung der Tiefe konzentrieren konnte. Bemerkenswert ist, dass nicht etwa die zentral positionierten Stürmer, sondern die Achter der Schalker die flach positionierten Außenverteidiger Paderborns pressten. Folglich befanden sich die besonders laufstarken Achter Aouchiche und El-Faouzi auf dem Sprung zwischen den Zentrumsspielern Paderborns und den flachen Außenverteidigern. Dadurch konnten auch sie ballnah auf den jeweiligen Außenverteidiger schieben und der ballferne Spieler einen Zentrumsspieler aufnehmen, indem er ebenfalls auf die ballnahe Seite verschob.

Die drei vorderen Spieler haben primär die Aufgabe der Sicherung des Zentrums durch Deckungsschatten. Während zumeist der ballnahe Stürmer Druck auf den Ballführenden Innenverteidiger ausübt und dabei bei Rückpass auf den Torwart auf diesen durchpresst, setzt sich Sylla je nach Bewegung der gegnerischen Sechser etwas nach hinten ab, um einen dauerhaften Deckungsschatten auf den ballnahen Sechser zu erzeugen. Gleichzeitig bleibt der ballferne Stürmer auf dem Sprung zwischen ballfernem Innenverteidiger und ballfernem Sechser. Die Rolle der Stürmer ist essentiell für das Pressing der Schalker. Sie müssen dafür sorgen, dass die zentrale Überzahl des Gegners nicht ausgespielt werden kann, indem die Passwege verschlossen werden. Dazu sind die leichten Höhenversetzungen zur Absicherung im Anlaufen optimal. Gleichzeitig müssen sie Druck auf den Ballführenden ausüben.

Die Schalker Pressingabläufe und Verschiebemuster aus der 4-3-3 Ausgangsstaffelung. Die vorderen Stürmer erzeugen Deckungsschatten auf die gegnerischen Zentrumsspieler.

Bemerkenswert ist zudem das Verhalten der nach einem vertikalen/diagonalen Pass überspielten Spieler der Schalker – zumeist die Achter und Stürmer. Sobald diese überspielt sind, pressen sie sofort zurück, um den Raum des Ballführenden zu verknappen, Passoptionen zu schließen und sorgen damit für einen erhöhten Druck, sodass keine Verlagerungen der Seite zustande kommen können, für die das Schalker Pressing schließlich besonders anfällig ist. Diese Bewegungen der überspielten Pressingspieler sind beispielsweise bei Bayern Münchens manndeckendem Pressing ebenfalls zu beobachten. Streng genommen wird hier von der eigentlichen Manndeckung abgewichen, was zentral dafür ist, um Druck zu erhöhen und die Wahrscheinlichkeit einer Balleroberung im 1gg1 zu erhöhen. Es ist eines der kleinen Elemente, die für den hohen Erfolg des Schalker und Münchners Pressing sorgen.

Wie bereits angedeutet, war Paderborns Spielaufbau mutmaßlich auf Schalkes Pressing abgestimmt. Die beiden 10er des 1-4-2-2-2 (Bilbija und Stürmer Marino) sollten für Konflikte bei den Innenverteidigern der Schalker sorgen. Da primär der Fokus auf der Tiefenabsicherung liegt, wurden sie vor die Zwickmühle zwischen Rausschieben und jener Tiefenabsicherung gestellt. Tatsächlich löste Schalke das Problem mithilfe von Übergaben zwischen den Innenverteidigern und Sechser Schallenberg ziemlich gut. Insbesondere die flach positionierten Außenverteidiger Paderborns sorgten zudem für sehr weite Laufwege der Achter von Schalke. Zum einen wurden die Achter dadurch aus dem Zentrum gezogen und zum anderen mussten die Achter nach Verlagerung über den Torwart sehr weite Distanzen zurücklegen, da sie schließlich immer auf die ballnahe Seite schoben, um die eigentliche Unterzahl im Zentrum auszugleichen.

Dennoch konnte Paderborn davon kaum profitieren, da sie zu selten den diagonalen Pass ins Zentrum finden konnten. Eine möglicherweise hilfreiche Variante hierzu hätte sein können, die eigenen Sechser in einem bestimmten Moment hochziehen zu lassen, um die Stürmer dahingehend zu provozieren, die langen Laufwege nicht mitzugehen. Interessant wäre dann gewesen, ob die Schalker Achter weiterhin die Außenverteidiger pressen und die zentralen Stürmer sich weiterhin an den Sechsern orientieren – schließlich hätte das zu sehr langen, gegenläufigen Bewegungen durch Schalker Stürmer und Achter geführt. Möglicherweise hätte man dadurch zudem den Raum unmittelbar vor der Abwehr überladen können und leichter das Zentrum gefunden. Aus einer Überladung lassen sich schließlich leichter Mittel kreieren, die gegen Manndeckungen besonders hilfreich sind, da sie aufgrund der geringen Abständen zwischen allen Spielern Zuordnungsprobleme provozieren.

Trotz des durchaus sehr effektiven Pressings von Schalke schaffte es Paderborn, sich immer mal wieder aus diesem zu befreien. Insbesondere Abstöße wurden mehrfach schnell ausgeführt, sodass Schalke noch nicht in die Pressingabläufe aus der gewohnten Struktur finden konnte. Den meisten erfolgreich ausgeführten Spielzügen Paderborns ging allerdings der Gewinn eines zweiten Balles oder eines doppelten Umschaltmoments zuvor. Auch wenn Schalke diese Situationen eigentlich erfolgreich pressten und Ballgewinne verzeichneten, wurde im zweiten oder dritten Ball ein entscheidender Zweikampf verloren, weshalb Paderborn wiederum umschalten konnte.

Paderborn suchte in diesen Situationen des „umkämpften Balles“ immer wieder sehr schnell die Verlagerung, um über die ballferne Seite die großen Räume zu nutzen und zu „kontern“. Dazu passend entstand aus einem ähnlichen Moment das 2:0 für Paderborn, indem ausnahmsweise der Paderborner Sechser im Rücken der Schalker Stürmer gefunden werden konnte. In der Folge entstand dennoch eine eigentlich aussichtsreiche Pressingsituation, da Schalke unter anderem eine +1 Überzahl in der Tiefe hatte, als auch der Raum verknappt wurde und man durch die Manndeckung eng am Gegenspieler war.

Schalker Ballbesitzwandel

Während Schalke in der Hinrunde in Ballbesitz kaum Möglichkeiten kreierten konnte und wollte, sind Ballbesitzphasen in der Rückrunde zu einem entscheidenden Aspekt des Offensivspiels geworden. Die Umstellung von 5-2-3 mit drei engen Stürmern auf 4-3-3 ebenfalls mit drei engen Stürmern hat sich offensichtlich gelohnt.

Paderborn verteidigte gegen den Ball aus einer 5-3-2 Staffelung. Durch diese wird ein besonderer Fokus auf das Verteidigen des Zentrums gesetzt, was in Anbetracht des Schalker Zentrumsfokus im Ballbesitzspiel auch durchaus sehr sinnvoll ist. Während Paderborn vor allem innerhalb der ersten 20 – 30 Minuten immer wieder den Übergang aus blockendem Verhalten in pressendes Verhalten auf Höhe der Mittellinie schaffte, änderte sich das aufgrund einer Schalker Umstellung nach dem 2:0 für Paderborn.

Schalke baut im 4-3-3 mit einem Sechser und zwei Achtern auf. Insbesondere sobald der Gegner ins Pressing übergeht, lässt sich El-Faouzi, rechter Achter, auf die 6er Position fallen, sodass ein 2-2 Aufbau bzw. 4-2 Aufbau gemeinsam mit den Außenverteidigern entsteht. Presst der Gegner nicht, schiebt El-Faouzi auf die Zehner Position und es entsteht ein 4-1-4-1 mit vier zentralen Zehnern. Dadurch dass die vorderen drei Stürmer zentral positioniert sind, sind die Außenverteidiger die einzigen Breitengeber, was eine große Besonderheit darstellt. Da die Außenverteidiger ungefähr auf Höhe der Sechser positioniert sind und nicht hochschieben, gibt es keinen Breitengeber auf Höhe der letzten Linie, was bei fast allen anderen Mannschaften im Profifußball zurzeit der Standard ist.

Das führt allerdings auch dazu, dass die Außenverteidiger häufiger das Zentrum suchen, wo sich die Schalker Zielspieler, die Stürmer und Achter, aufhalten. Dadurch entstehen häufig sogenannte „inside diagonalen“ Pässe, die zum Kombinieren einladen. Schließlich kann aus einer Diagonalen eine Vielzahl an Optionen für den Ballempfänger kreiert werden, die für den Gegner schwer zu verteidigen sind. Paderborn hatte den Plan, jene Pässe zu verhindern. Indem sich die Achter oder alternativ die Außenverteidiger der 5er Kette zentraler positionierten, liefen sie im Pressing die Schalker Verteidiger auch diagonal aus dem Zentrum an, was einen Deckungsschatten auf den Passweg ins Zentrum erzeugte. Schalke tat sich somit schwer aus dem 4-2 Aufbau das Zentrum zu finden.

Die Paderborner Achter oder (hier) Außenverteidiger pressen die Schalker Außenverteidiger mit Deckungsschatten auf das überladene Zentrum. Aus dem 4-1 bzw. mit El-Faouzi 4-2 Aufbau findet Schalke zu selten den freien Passweg ins Zentrum.

Das änderte sich ungefähr nach dem 2:0 Treffer für Paderborn. In der Folge ließ sich Sechser Schallenberg immer wieder zwischen die Innenverteidiger fallen und El-Faouzi bildete den einzigen Sechser. Die Staffelung lässt sich am besten als 3-1-3-1 -w2 (wide 2 = Außenverteidiger, die in der Höhe variierten, jedoch zumeist eher flach waren) beschreiben mit Sylla als vorderster Stürmer und dem linken Achter Aouchiche als einer der drei Zehner. Das führte dazu, dass die beiden Paderborner Stürmer nicht mehr so effektiv den Aufbau pressen konnten, da immer wieder einer der beiden äußeren Innenverteidiger oder sogar Schallenberg frei andribbeln konnten. Dadurch musste Schalke nicht unbedingt über die Außenverteidiger sondern konnte auch über die Halbverteidiger Pässe ins Zentrum in die Überladung suchen, von wo aus Schalke weiter kombinieren konnte. Bemerkbar wurde die Veränderung auch dadurch, dass Paderborn kaum noch ins Mittelfeldpressing kam, sondern sich weiter fallenlassen musste.

Dass Schalke mit drei Stürmern spielt, bedeutet allerdings nicht, dass sich alle drei dauerhaft auf der letzten Kette befinden. Im Gegenteil zu vielen anderen Mannschaften, die versuchen die letzte Kette zu überladen, positioniert sich zunächst ausschließlich der zentrale Stürmer Sylla auf Höhe der letzten Kette. Die beiden anderen Stürmer befinden sich im Zwischenkettenrau zwischen gegnerischen Sechsern und der letzten Kette. Zusätzlich befinden sich insbesondere Achter Aouchiche aber auch Achter El-Faouzi zu Beginn des Spiels in diesem Zwischenkettenraum zentral vor den Innenverteidigern. Da Schalke allerdings einen der Zehner zurückzog, um überhaupt mithilfe des abgekippten Sechsers Schallenberg das Zentrum zu finden, blieben in diesem Fall noch drei Zehner übrig, die sich im Zwischenkettenraum befanden. Es entstand besagtes 3-1-3-1-w2 als Augangsstaffelung.

Schalke stellt auf einen 3-1 Aufbau um und schafft es dadurch häufiger die Überladung im Zwischenkettenraum vor der gegnerischen Abwehrkette auszuspielen.

Dabei waren die Bewegungen der zentralen Zielspieler sehr gut aufeinander abgestimmt. Insbesondere im Moment des Andribbelns einer der Innenverteidiger wurden beispielsweise gegenläufige Bewegungen erzeugt, indem die äußeren Stürmer jeweils diagonal nach Außen die Tiefe suchten und der zentrale Stürmer Sylla entgegen kam. Ebenso kam es vor, dass zunächst der ballnahe Stürmer in Richtung der Außenbahn die Tiefe suchte und kurz darauf zeitversetzt der zweite Stürmer ebenfalls die Tiefe suchte. Die kurze Zeitversetzung hat in der Regel einen Dynamikvorteil für den Stürmer im Gegensatz zum Innenverteidiger zur Folge, da die Verteidigungskette zunächst in die Tiefe mitgeht, kurz stehenbleibt und dann wieder beschleunigen muss.

Immer wieder waren aus der Überladung ausgehende Tiefenläufe zu beobachten, die den Gegner auseinanderziehen sollten und dafür sorgten, dass das kompakte Zentrum bespielbar blieb. Die Überladung eignet sich auch deshalb sehr gut zum Auseinanderziehen des Gegners, da einfacher und unvorhersehbarer gruppentaktische Läufe gestartet werden können. Schließlich ist aufgrund der geringen Abstände auch die Reaktionszeit der Verteidiger deutlich kürzer. Zudem sind enge Abstände deutlich besser, um schnell miteinander kombinieren zu können. Einfachere Rotationen zwischen Mitspielern und kürzere Reaktionszeiten für die Verteidigung sind ebenfalls Faktoren, die das Kombinieren in engen Räumen weniger vorhersehbar für die Verteidigung gestalten.

Um allerdings überhaupt in diese Räume zu kommen, waren mehrfache Seitenverlagerungen zu beobachten, die dazu dienten, den Passweg ins Zentrum zu öffnen. Häufig waren auch deshalb Bewegungen des ballnahen Stürmers nach Außen zu sehen, der dadurch ebenfalls Räume ins Zentrum öffnete. Ebenso diesem Zweck dienten die selteneren abkippenden Bewegungen von Aouchiche oder El-Faouzi. Das Tor zum 2:2 entstand dementsprechend aus einer solchen Ballbesitzphase. Nach mehreren Seitenverlagerungen öffnete sich der Passweg diagonal ins Zentrum vor der gegnerischen Abwehrkette, wo gegenläufige Tiefenbewegungen zu beobachten waren. Paderborn bekam zu dieser Spielphase kaum noch Druck auf den Ballführenden. Durch eine diagonale Weiterleitung wurde Sylla hinter der Abwehr gefunden, von wo aus das Tor schlussendlich entstand.

Hier findet ihr einen kurzen Ausschnitt des Tors zum 2:2 im Video.

Organisiertes Chaos

Nach Ballgewinn sucht Schalke grundsätzlich sehr schnell die Tiefe, was gleichzeitig wiederum zu häufigeren Ballverlusten sowie vermehrt zu doppelten Umschaltsituationen führt. Ballbesitzphasen wechseln sich somit mit doppelten oder dreifachen schnellen Umschaltsituationen ab. Durch den wechselnden Spielrhythmus werden die gegnerischen Spieler vor unterschiedlichste Herausforderungen gestellt. Gerade dieser Aspekt erschwert es dem Gegner, sich nachhaltig auf das Schalker Ballbesitzspiel einzustellen.

Eine große Stärke von Schalke liegt darin, dass sie in Pressing und Umschaltsituationen Vorteile gegenüber ihren Gegnern haben. Die Spielweise mit dauerhaftem Gegenpressing und dem sofortigen Suchen der Tiefe nach Ballgewinn sorgt dazu passend dafür, dass häufiger solche Situationen entstehen, die den Fähigkeiten der Schalker Spieler entsprechen. Insbesondere bemerkbar wird das in Folge von Einwürfen oder Freistößen in der gegnerischen Hälfte, da Schalke im Gegensatz zu den meisten anderen Mannschaften in diesen Situationen kaum die Spiel beruhigende eigene Ballbesitzphase sucht oder eine kontrollierte Ballbesitzphase durch den Gegner zulässt, um in ein blockendes Verteidigen überzugehen. Stattdessen wird durch die mehrfachen aufeinanderfolgenden Umschaltsituationen und das aggressive Pressing bewusst kontrolliertes Chaos erzeugt, welches stark an die Spielweise von Bournemouth unter Iraola erinnert.

“It looks chaotic, but we know exactly what to do. It’s just chaos for the opposition. Because they think, ‘Fucking hell, they’re playing with 13, because this guy pressed me, this guy joined and this guy was closing back the pitch.’ It’s chaos, but it’s organised chaos.” – Miron Muslic in The Times: How Miron Muslic restored lost soul of fallen giants Schalke

Fazit

Schalke kann das Spitzenspiel gegen Paderborn auch aufgrund der veränderten Spielweise noch drehen. Dabei zeigen sie, wie Ballbesitzfußball mit Pressingspielern funktionieren kann, ohne die eigene Identität zu verlieren. Das Schalker Spiel zeichnet sich auch weiterhin durch eine hohe Intensität, erfolgreiches Pressing und häufige Zweikämpfe durch Umschaltsituationen aus. Gepaart wird das mit einer sehr modernen Art des Ballbesitzfußballs, welche insbesondere in den Überladungen im Zentrum vor der gegnerischen Abwehrkette nicht auf reine positionistische Elemente setzt. Stattdessen werden die eigenen Spieler bewusst in Positionen gebracht, von denen ausgehend sie bestmöglich miteinander interagieren können. Damit ist Schalke dem Revierderby in der nächsten Saison verdientermaßen einen Schritt näher gekommen.

Autor: MH ist Fußball-Aficionado von Herzen. Seine Wohnung gleicht einer Fußball-Bibliothek in deren Regalen Bücher über die großen Taktiker von Rinus Michels bis Pep Guardiola stehen. Das Buch von Spielverlagerung.de fehlt hier natürlich nicht. Für MH ist Fußball nicht nur ein Spiel. Es ist ein Lebensgefühl. Auf X ist er unter Mh_sv5 zu finden, auf LinkedIn ebenso.

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