Türchen 14: Jan Rosenthal

Während wir bei den meisten Spielern im Kalender über ein ganz bestimmtes System sprechen, haben wir hinter Türchen 14 einen Spieler, der – zumindest potentiell – in fast allen seinen Mannschaften ein Systemträger gewesen ist.

Jan Rosenthal hatte leider aufgrund vieler Verletzungsprobleme nicht die große Karriere, die seine Fähigkeiten hergegeben hätten. Seine Glanzzeit war wohl beim SC Freiburg, wo er als Doppelspitze mit Max Kruse in der Saison 2012/13 Platz 5 erreichte und erst am letzten Spieltag die Qualifikation für die Champions League verpasste. Zudem spielte Rosenthal in der Bundesliga für Frankfurt, Darmstadt und seinem Jugendverein Hannover, kam auf genau 200 Bundesliga-Partien und traf in diesen 24 Mal, dazu 18 Vorlagen.

In seiner ersten Saison als 20-Jähriger für Hannover kam er auf 29 Partien mit 6 Toren und 3 Vorlagen. Durch Verletzungen und andere Problemchen gelang es ihm nie, diese Marke zu übertreffen; nie mehr kam er auf mehr als 25 Spiele. In der angesprochenen 12/13-Saison gelangen ihm 4 Tore und 4 Vorlagen in nur 20 Spielen, ein Fingerzeig auf sein Potential.

Systemträger als Strukturgeber

Tore und Vorlagen waren aber nicht Rosenthals primäre Funktion in seinen Mannschaften. Er war eine Art deutsche Version von Henrikh Mkhitaryan; nicht ganz so stark in athletischen und technischen Belangen, aber mit einem ähnlichen Spielverständnis, einem ähnlichen Stil und der gleichen Vielseitigkeit. Er konnte auf allen Offensivpositionen spielen und spielte alle auf seine eigene Weise prägend.

Rosenthal war ein Spieler, der in allen Phasen über seine Positionierung, sein Spiel ohne den Ball kam. Viele assoziieren „Spiel ohne den Ball“ mit Aufwand, mit Quantität, doch bei Rosenthal ging es dabei vor allem um Qualität: Das Timing von Läufen, die Entscheidung, auf welche Weise die Situation am besten zu beeinflussen ist, die permanente Präzision in der Positionsfindung für Umschaltmomente, die Antizipation für Freilaufbewegungen, das Gespür dafür, wie seine Position und seine Bewegung der Mannschaft um ihm herum helfen konnte.

Er konnte für Breite und für Tiefe sorgen, doch am herausragendsten war seine Anpassungsfähig in zentralen Räumen. Er sorgte hervorragend für Verbindungen zwischen Mitspielern, gab Passoptionen, wenn es notwendig war, stellte Überzahl her, bewegte sich enorm geschickt außerhalb des gegnerischen Sichtfelds. Kurz gesagt, schuf er die ganze Zeit bessere Optionen für seine Mansnchaft und nahm außerdem dem Gegner die besten Optionen.

Rosenthal dominiert das Zentrum gegen einen überlegenen Gegner.

Auch im Pressingverhalten war er äußerst aktiv, intelligent und zudem laufstark. Er nutzte seinen Deckungsschatten durchgängig sehr sauber und bewusst, er traf gute Entscheidungen, wann dem Gegner welche Option abzuschneiden war, machte dabei auch unorthodoxe Bewegungen, wie etwa bewusst das (kontrollierte) Zentrum zu öffnen, um gefährlichere Rückpässe oder Verlagerungen zu unterbinden.

Im Adventskalender 2016 hatten wir beispielsweise mal eine Partie zwischen Klopps Dortmund und Robin Dutts Freiburg analysiert, in der Rosenthal eine ganz wichtige Rolle hatte und die Breisgauer zwischenzeitlich fast im Alleingang zurück ins Spiel brachte.

Mal mehr, mal weniger integraler Bestandteil des Systems

Wie sehr Rosenthal zum Kernstück seiner Mannschaft wurde, lag primär an seinem Standing. Auch wenn er eher von seinem Trainer als Ergänzungsspieler behandelt wurde, konnte er im Spiel immer andeuten, welche immense Hilfe er für seine Mannschaft sein kann. Bemerkenswert etwa seine erste Saison bei Eintracht, in der er nur auf auf 845 Spielminuten kam. Nach seiner Verletzung früh in der Saison hatte die Eintracht eine Serie von zehn sieglosen Spielen, in denen er nicht oder nur eingewechselt spielte. Mit seiner Rückkehr in die Startelf gab es einen Auswärtssieg bei Leverkusen (zu dem Zeitpunkt 2. Platz) und dann 7 Punkte aus 3 Spielen. Ebenfalls auffällig war ein Sieg mit Darmstadt gegen den BVB, nach einer Phase mit nur einem Punkt aus elf Spielen.

Rosenthal in seiner wohl stärksten Saison

Doch mit regelmäßigeren Einsätzen konnte er diesen Einfluss konstanter und besser abgestimmt ausüben. In der besagten Freiburger Saison konnte er 18 Spiele von Beginn machen, von diesen gewann Freiburg 10. Aus den restlichen 16 Partien holten die Breisgauer nur 4 Siege; und damit genau halb so viele Punkte aus fast gleich vielen Spielen. Das hatte natürlich auch mit der Wechselwirkung mit Max Kruse zu tun, der ähnlich flexibel, aber viel präsenter spielt; so hatte Freiburg quasi eine Doppelspitze für alle Situationen und konnte aus einem nominell statischen 4-4-2 ein unheimlich vielseitiges, kreatives System erschaffen.

Diese gut eingebundene Rolle hatte Rosenthal später nicht mehr. Die Trainer nutzten seine Vielseitigkeit eher, um mit ihm Lücken im Kader zu stopfen, nicht um eine flexible, strukturierte Spielweise aufzuziehen. Ein Problem, welches sehr komplette Spieler häufiger haben: Dadurch, dass sie keinem klassischen Positionsprofil hundertprozentig entsprechen, werden sie auf keiner Position als herausragend gesehen. Das verbesserte Zusammenspiel, welches sie der Mannschaft bieten können, wird indes unterschätzt oder übersehen oder ist schlichtweg so nicht gewollt.

Immer wieder kleine Vorteile erschaffen

Das liegt auch daran, dass ein Spieler wie Rosenthal permanent, mit zahlreichen Aktionen relativ unauffällig Einfluss auf das Spiel nimmt, anstatt selten, punktuell, aber dafür sehr auffällig. Viele Beobachter merken sich nur ein paar Aktionen eines Spielers, viele übersehen auch kleine Vorteile. Eine optimale Positionierung im Umschaltspiel sieht dann im Einzelfall auch schnell mal nach Glück aus.

So wurde aus Jan Rosenthal leider nur ein vermeintlich durchschnittlicher Bundesligaspieler, der mal andeutete, dass er zu viel mehr fähig gewesen wäre, der aber bei wenigen Beobachtern einen all zu nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben dürfte, obwohl er quasi seine gesamte Karriere im deutschen Oberhaus verbrachte. Das ist schade; war er doch ein Spielertyp, der auch ein großes Vorbild für Offensivspieler sein könnte.

tobit 15. Dezember 2021 um 19:43

Endlich mal ein Treffer mit einem Hipstertip. Vielen Dank für den Artikel zu diesem wundervollen Spieler.

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