Türchen 1: Rogério Ceni

Als Torwart hat Rogério Ceni in seiner langen Karriere weit über 100 Pflichtspieltore erzielt. Oft gehörte er zu den wichtigsten Freistoßschützen seines Teams. Wie riskant ist es, wenn Torhüter Standards treten?

Foto: Alexandre Schneider/Getty Images

Wenige Situationen gehören so klar zu den klassischsten Vorstellungen von Risiko im Fußball wie die, dass ein Torwart weit von seinem eigenen Tor entfernt ist. Den Keeper in der letzten Minute der Nachspielzeit in den gegnerischen Strafraum zu beordern, um den einen entscheidenden Treffer zu erzwingen, bedeutet häufig die letzte Stufe des „All-In“. Wenn der Torwart sich tief in der gegnerischen Hälfte aufhält, ist das natürlich quasi immer riskant, aber nie gleich riskant: Es kommt auf die jeweilige Spielsituation an.

Die Spannbreite an möglichen Konstellationen ist groß. Eine legendäre Szene des abgelaufenen Jahrzehnts war Manuel Neuers Gegenpressingausflug bei einer Heimniederlage gegen Leverkusen 2012. Im Anschluss an eine Ecke blieb er vorne, als die Bayern den Ball noch einmal um den tiefstehenden gegnerischen Block herumspielten, und versuchte ihn schließlich nahe des linken Strafraumecks sofort zurückzuerobern, als er zwischenzeitlich verloren zu gehen drohte.

Der Torwart am gegnerischen Strafraum

Im Vergleich mit vielen anderen Ausflügen von Torhütern in gegnerische Strafräume trug Neuers Aktion im Verhältnis ein geringeres Risiko. Die Gefahr, überspielt zu werden, bestand prinzipiell die gesamte Zeit über, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich eintrat, ließ sich beeinflussen und ließ sich reduzieren – nicht zuletzt durch den Keeper selbst. Das weite mannschaftliche Aufrücken machte den Raum ohnehin sehr kompakt und die Wege am Ball kurz. Leverkusener Befreiungsversuche konnten die Münchener quasi mit einem Spieler Überzahl attackieren: Neuer verstärkte die Absicherung.

Neuers Gegenpressing gegen Leverkusen 2012

So sank die Wahrscheinlichkeit, dass kontrollierte Bälle bzw. sogar überhaupt Bälle durchkamen, und in der Folge jene, dass der Gegner auf das leere Tor würde schießen können. Ein kurzes Gedankenspiel sei an dieser Stelle nur angerissen: Wenn der Torwart bei Ballbesitz – wie das gesamte Kollektiv – konstant am gegnerischen Strafraum agieren und man in der Ausführung eine theoretisch – praktisch kaum erreichbare – Maximalqualität erreichen würde, wäre ein solches Verhalten kaum noch ein Risiko. Theoretisch könnte eine brutale Mannschaft mit einem nominell derart risikoreichen Stil viel risikoärmer agieren als zahlreiche Teams, deren Ausrichtung problemlos als normal eingestuft würde.

Ob eine hypothetische Einbindung des Torhüters in Strafraumnähe oder das verzweifelte Aufrücken für die letzte Standardsituation des Spiels: Inmitten dieser Spannweite macht der Kontext in mehrerlei Hinsicht einen Unterschied aus. Wenn der Keeper weit außerhalb seines eigenen Sechzehners agiert, ist es von Interesse und auch für das Risiko wichtig, ob die Einbindung länger andauert, nur punktuell oder einmalig auftritt. Zudem stellt sich die Frage, ob der Torhüter sich während des laufenden Spiels vorne einschaltet oder auf das Signal eines ruhenden Balles nach vorne geht.

Der Torwart als Standardschütze

Obwohl Standards theoretisch in diesem Fall nicht die zwingend sicherere Variante sind, geht die große Mehrheit der Auftritte von Keepern im Umkreis des gegnerischen Tores auf eben jenes Szenario zurück. Neben den klassischen Schlussphasen-Ausflügen gehört dazu auch das Phänomen des Torhüters als Standardschützen. Es ist demgegenüber viel seltener, aber seine Protagonisten sind nicht minder bekannt. Hans-Jörg Butt wurde Teil diverser Bundesliga-Rückblicke, weil er häufig die Elfmeter für sein Team schoss. Daneben erinnert man sich an Torhüter, die zu direkten Freistößen antraten – manchmal hauptsächlich deshalb.

(Photo by Alexandre Schneider/Getty Images)

Einer dieser schillernden und stets umstrittenen Figuren ist der Brasilianer Rogério Ceni. Über zwei Dekaden lang spielte er bei São Paulo FC, wurde nach einiger Zeit Kapitän und schließlich zu einer der größten Vereinsikonen, gewann dort mehrere nationale und internationale Titel. Sein Eintrag im Guiness-Buch vermerkt über ihn: Er ist der Keeper mit den meisten Pflichtspieltoren weltweit, insgesamt 129 zwischen 1997 und 2015, davon fast genauso viele per direktem Freistoß wie per Elfmeter. Unabdingbare Voraussetzung dafür war eine gute Schusstechnik: Konkret konnte Rogério Ceni einen sehr sauberen Effet entwickeln, prinzipiell auch bei kürzeren Anläufen.

Es gab und gibt viele Beobachter, die sich bei Rogério Ceni oder vergleichbaren Beispielen wie etwa dem Paraguayer José Luis Chilavert frag(t)en: Muss zwingend ein Torhüter Freistöße schießen? Im Grundsatz lohnt sich dieses Vorgehen erst ab dem Moment, in dem die Chance, dass genau dieser Schütze einen möglichst gefährlichen und effektiven Abschluss verspricht, überwiegt gegenüber der Gefahr, die durch das verlassene eigene Tor gegeben ist. Exakt messen lässt sich dies nicht, nur schätzen. Bei einem solch außergewöhnlichen Schützen wie Rogério Ceni könnte man prinzipiell zu der Einordnung gelangen, dass seine Qualität den Aufwand rechtfertigte.

Würde man bei der Einschätzung der Erfolgschance aber mit einbeziehen, welche Steigerung er gegenüber dem potentiell zweitbesten Freistoßkandidaten aus seinem Team bedeutete, dürfte es fast zweifelhaft sein, dass sich daraus ein „günstiges“ Risikoverhältnis ergäbe. Umgekehrt könnte man argumentieren, selbst eine „schlechtere“ Relation sei bis zu einem gewissen Grad akzeptabel und aufzurechnen mit der Wahrscheinlichkeit, mit der ein Fehlschuss eine tatsächlich verwertbare Konter- oder Abschlussposition für den Gegner verursache.

Ruhende Bälle als besondere Spielsituation für Risiko

Einerseits entsteht gerade durch den Charakter des Freistoßes als Standardsituation ein besonderes Risiko. Während der Ball ruht, haben beide Mannschaften die Möglichkeit, die Szenerie zu beobachten und sich vorzubereiten. Der Gegner kann also strategisch wichtige Schlüsselräume und vielversprechende Schusspositionen ausmachen und gezielt besetzen. Schießt der Torwart den Freistoß direkt, erfolgt unmittelbar mit dem Wiederbeginn des laufenden Spiels eine Abschlusssituation – also eine Situation, die eigentlich besonders empfänglich für einen Ballbesitzwechsel ist.

Das Leder kann erstens schnell ins Aus gehen. Zweitens ist es möglich, sich durch gute Positionierungen im Kampf um den Abpraller Vorteile zu verschaffen. Insgesamt bleibt es bei diesem einen möglichen Startbonus. Im laufenden Spiel tritt ein etwaiger Dynamikvorteil aus der vorigen Situation als weiterer Faktor hinzu, doch dieser fällt im Anschluss an einen ruhenden Ball weg. Daher bleiben die Unterschiede zwischen den Teams im Duell um die Abpraller also kleiner, die Kräfteverhältnisse im Durchschnitt näher an 50-50-Werten als sonst. Dies führt rein statistisch dazu, dass die Wahrscheinlichkeit des Ballhaltens geringer ist – und jene eines Ballbesitzwechsels also höher wird.

Eigentlich müsste es also sehr risikoreich sein, wenn man als Torwart einen Freistoß schießt. Das hypothetische Gedankenspiel in die Gegenrichtung würde wiederum lauten: Man müsste einfach ein solch exzellenter Schütze sein, der 99 von 100 oder sogar 100 von 100 Versuchen verwandelt, und könnte so das Risiko ausschalten. In diesem Fall gehört das Trainieren der Treffsicherheit bei Freistößen zu sehr schwierigen Aufgaben. Wenn man den Ball aber zuverlässig in Richtung Tor zu bringen vermag, stellt sich die Lage schnell anders dar – selbst bei geringer Torquote. Man muss möglichst gut sicherstellen, dass auch Schüsse, die keinen Treffer bringen, zumindest sehr nah zum gegnerischen Gehäuse gelangen – und damit weit entfernt vom eigenen.

Andererseits sind also nicht verwandelte Freistöße letztlich doch gar nicht so enorm gefährlich, wie es sich im ersten Moment anfühlt. Es gibt wenige Szenarien, wie der Ball ins Tor gehen kann, und es gibt viele, wie er nicht ins Tor gehen kann – von diesen wiederum bedeuten viele aus Sicht des Torwarts ein akzeptables Ergebnis insoweit, dass sich zumindest das eingegangene Risiko nicht entfaltet: Der Schuss könnte direkt oder nach einer Berührung durch andere Spieler ins Aus gehen – und fast jeder Ausball bringt Zeit, damit der Keeper zurück zum eigenen Kasten eilen kann.

Der gegnerische Torwart könnte den Versuch ins Feld abwehren, aber dann müssen seine Mitspieler den Ball sichern, vernünftig weiterspielen und einen weiten Weg überbrücken. Selbst im „Worst-Case“-Szenario, dem Schuss in die Mauer, gibt es zumindest statistisch mehr Möglichkeiten, in denen der Gegner nichts daraus machen kann, als solche, in denen das Leder so zu ihm springt, dass er zu einem zeitnahen Abschluss kommen würde. In jedem Fall wäre das Risiko aber – unabhängig wie hoch man es einschätzt – präsent und akut.

Rogério Ceni zwischen tiefer Positionsfindung und seltener hoher Torwartkette

Ohne eine besondere Schusstechnik hätte Rogério Ceni seine prominente Rolle als Standardschütze nicht ausfüllen können – schon gar nicht in der erfolgreichen und legendenbildenden Art, wie er es tat. Das Unspektakuläre daran: Hauptsächlich zeichneten sich seine Abschlüsse durch hohe Sauberkeit aus, durch einen scharfen, aber sauberen Effet. Aus diesem Grund funktionierte seine spezielle Schusstechnik selbst aus wenig dynamischen Situationen heraus gut – ideal also für Standards. Ansonsten war Rogério Ceni spielerisch für einen Torwart überdurchschnittlich gut, aber innerhalb dieser Zunft kein außergewöhnlicher Techniker.

Rogério Cenis langsam dribbelnder „Ballvortrag“ in seiner Einbindung 2007: Aus der Dreierkette rückte einer der beiden Halbverteidiger nach vorne auf den Flügel und überließ dem Keeper seinen Platz.

Er wirkte nicht in irgendeiner Form „natürlicher“ als ein etwaiger zusätzlicher Feldspieler als es bei anderen (pro-)aktiv mitspielenden Keepern der Fall war und ist. Genauer gesagt wäre an dieser Stelle eigentlich zu definieren, inwiefern man Rogério Ceni – jenseits der Standards – als „proaktiv“ einzuordnen hätte. Oftmals gestaltete sich seine Positionsfindung recht tief und mitunter fast konservativ. Er verließ selten den eigenen Strafraum, wenn sein Team sich in Ballbesitz befand. Das änderte sich am ehesten bei hohem und stabilen mannschaftlichen Aufrücken: Wenn die Kollegen sich länger in der gegnerischen Hälfte festgesetzt hatten, rückte Rogério Ceni weiter auf – dann teilweise sogar gleich in eine hohe Torwartkette.

Innerhalb seines Strafraums bewegte er sich eher inkonstant weiträumig, um Bälle zu fordern. In den Übergangszonen – also den Bereichen zwischen dem eigenen Sechzehner und etwaigen hohen Torwartketten – lief er sich kaum frei. Alternativ dribbelte Rogério Ceni gegen tiefstehende Gegner den offenen Raum vor sich an und trug das Leder langsam selbst nach vorne – statt regelmäßig in den mannschaftlichen Ballbesitzvortrag einbezogen zu werden. Quantitativ gesehen führte das dazu, dass er in manchen Phasen seiner Karriere häufiger im zweiten Felddrittel den Ball am Fuß hatte als im ersten.

Individuelle Ballverteilung statt Ausspielen der Torwartkette

Mitte der 200er-Jahre wurde es typisch bei São Paulo FC, ihn als sichere Anspielstation zu nutzen, wenn sich im gegnerischen Mittelfeldpressing ein Zugriffsversuch anzubahnen begann. Die Mannschaft band ihren Torwart betonter für die Rückzirkulation ein. Das kam dem Stil Rogério Cenis entgegen: Selbst eine hohe Torwartkette wurde mit ihm kaum über eine dynamische Ballzirkulation und seine ergänzende Einbindung in dieselbe ausgespielt. Stattdessen nutzte er aufgerückte Positionen überwiegend selbst für die individuelle Ballverteilung und einzelne punktuelle Verlagerungen, die weitere Vorrückmomente schaffen sollten (siehe Grafik oben: In einer solchen Position ließ er den Ball selten laufen).

Solche Aktionen erhielten zumeist ein höheres Gewicht als seine mannschaftliche Einbindung. Das Potential, mit der hohen Torwartkette nachhaltig einen effektiven „11. Feldspieler“ zu schaffen, kam in dieser Form nicht zur Entfaltung. Typischerweise spielte Rogério Ceni seine Aktionen in aufgerückten Positionen ruhig aus. Mehrfaches kurzes Vorlegen des Balles, um mit diesen vielen kleinen Kontakten in die richtige Position zu kommen, waren seine wichtigste Stärke (siehe Grafik oben). Manchmal stoppt er bewusst ab und stand mit dem Ball am Fuß.

Innerhalb eines Angriffs spielte er nicht so viele Pässe zusammen mit seinen Nebenleuten hin und her, sondern fiel eher mit einem einzelnen entscheidenden Zuspiel auf. Genau diesen Ball bereitete er also gut und aufmerksam vor. Bei den kurzen Kontakt beobachte er zuverlässig auch die weitere Umgebung, schaute in kurzen Abständen hoch: Dies war ein vorteilhafter Begleiteffekt der besonderen „Sorge“, die er als Torwart beibehalten musste. Dank jener Vorbereitung schuf sich Rogério Ceni passendere Winkel für seine bevorzugten Flugbälle. Vor allem zielte er Pässe in Ausweichräume auf Freilaufbewegungen zwischen gegnerische Linien.

Diese Spielweise erreichte in den erfolgreichsten Jahren seiner Karriere um 2006 herum bei São Paulo, vor allem unter Muricy Ramalho, auch stilistisch einen Höhepunkt, weil sie damals der mannschaftlichen Ausführung besonders entsprach. In einer breit aufgefächerten Grundformation mit vielen raumgreifenden pendelnden Läufen kam sie gut zum Tragen. Wenn Rogério Ceni mit Ball am Fuß – wie er es manchmal auch in tiefen Zonen tat – abwartete, diente dies dazu, gezielt einen Gegenspieler herauszulocken und genau in dem Moment den weiten Pass zu schlagen. Für zweite Bälle bedeutete das theoretisch einfachere Möglichkeiten auf eine numerische Überzahl.

Jenseits des technischen Bereichs verfügte Rogério Ceni über ein geschicktes Raumgefühl. Er schätzte nicht nur die Abstände bei eigenen Positionierungen recht sauber ein, sondern erkannte meistens passend, welche Bewegungsmöglichkeiten für seine nächsten Mitspieler realistisch waren. Das machte sich beispielsweise bei Rückpässen in seinen Strafraum bzw. in tiefen Positionen bezahlt: Ruhig achtete er auf die Bewegungen „seiner“ Verteidiger vor ihm.

Tigres gegen São Paulo 2012: Nach einem Rückpass stellen die zwei durchlaufenden Gegenspieler die zentralen Anspielstationen in den Deckungsschatten. Rogério Ceni öffnet das Spiel mit einem Lupfer in den Raum nach links und lässt sich hier nicht zu einem weiten Schlag verleiten. Dafür bewegt er sich kaum aus seiner Position heraus.

Gegen durchlaufende Gegner öffnete er das Spiel häufig sehr gut wieder kurz. Im eigenen Sechzehner kam dieses Auflösen von Drucksituationen, gewissermaßen von „False-Pressing“ durch einzelne Gegenspieler, aus der Rückwärtsbewegung häufiger vor als Initiativen, gegen ein hohes Zustellen von hinten heraus aufzubauen. Wiederum sammelte Rogério Ceni also mehr Ballkontakte aus reagierenden Momenten als aus der strukturellen Teilnahme am tiefen Ballbesitzspiel.

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