Türchen 1: Alphonso Davies

Beim amtierenden deutschen Meister ist Alphonso Davies in dieser Saison fast schon zu einer festen Größe als Linksverteidiger avanciert.

Vor etwa zehn Jahren hatten die Münchener Bayern wahrscheinlich zuletzt so große quantitative Personalnöte wie in Phasen der aktuellen Saison. Gerade auf den nominellen Defensivpositionen wurde die Spielerdecke des deutschen Meisters bei einigen Ausfällen dünn und die Auswahlmöglichkeiten etwa für die Besetzung der Viererkette sanken. Nachdem mit zunehmend kontinuierlichem Erfolg die Kaderbreite zur Mitte der Dekade immer komfortabler hatte gestaltet werden können, ging die Entwicklung seitdem langsam, aber konstant wieder in die andere Richtung: Die Tendenz zeigte auf die Verschlankung hin.

Nun ergaben sich in der laufenden Spielzeit vereinzelt etwas größere personelle Probleme. Genauso wie solche Konstellationen ihre Schwierigkeiten mit sich bringen können, bedeuten sie gleichzeitig aber fast immer auch ihre Chancen: Es bieten sich Möglichkeiten für Akteure aus der „zweiten Reihe“ und/oder Nachwuchskräfte aus der eigenen Jugend. Zwischenzeitlich hatte sich schon in der Sommervorbereitung einmal ein Neuzugang aus der vorausgegangenen Wintertransferperiode zu einem Gewinner eben jener Vorbereitung aufgeschwungen: Der kanadische Youngster Alphonso Davies glänzte unter anderem beim traditionellen Audi Cup in der Allianz-Arena. Danach blieb es zunächst etwas ruhiger um den Offensivdribbler.

Davies´ Weg zum Linksverteidiger

Im Zuge einiger Verletzungsfälle wurde Davies aber schließlich doch wieder ins Team gespült – nicht nur erhielt er überhaupt Einsatzminuten, sondern zunehmend auch als Mitglied der Startelf. Gegen Union Berlin kam er Ende Oktober nach längerer Zeit direkt von Beginn zum Einsatz. In jener Partie musste Davies, im Kontext jener personellen Engpässe, die Position des Linksverteidigers bekleiden – wieder. Genau diese hatte er auch bei den überzeugenden Auftritten in der Sommervorbereitung eingenommen. Der Eindruck, der sich damals abgezeichnet hatte, bestätigte sich: Als Linksverteidiger stellt Davies eine ernsthafte Option für die Münchener dar, auch schon kontinuierlicher innerhalb längerer Phasen einer Saison.

Seither stand der Youngster in jeder Partie seines Teams von Anfang an auf dem Rasen. Dass Davies aus einer längerfristigen Betrachtung bei den Bayern als ein auch dominant agierender Flügelstürmer würde eine größere Rolle spielen können, schien fraglich: Zu groß waren seine Probleme mit dem Timing in kleine Freiräume in Strafraumnähe, zu unfokussiert und zu wenig tororientiert seine grundlegenden Bewegungsmuster, selbst für die besondere Konstellation, dass die vergangene Hinrunde seine erste Zeit bei einem ausländischen Klub war und er diese ohne große Vorbereitung spielte.

Eine funktionierende Einbindung

Im Vergleich machte bereits genau die Phase in diesem Sommer schon deutlich, dass Davies als Linksverteidiger beim FC Bayern wesentlich besser passen dürfte als als Offensivspieler, und in jener Konstellation auch eine insgesamt gute Perspektive haben könnte. Nicht nur hat er ein recht gutes Gespür für Absicherung, sondern vor allem eine gerade in der Kurzstrecke auf den ersten Metern starke Rückzugsbewegung. Das kommt insbesondere auf einer aufrückenden Position als Außenverteidiger zum Tragen, auf der man in unmittelbaren Umkreis direkt große Räume covern muss.

Ähnlich hilft dies Davies auch bei eigenem Ballbesitz, wenn er gegen einen zurückgezogenen oder im Umschalten (noch) nicht kompakten Gegner erst einmal Raum überbrücken und den Ball treiben kann. In dieser Rolle entwickelt er viel Effektivität, wenngleich das weitere Andribbeln klarer auf eine gegnerische Defensivlinie und einen konkreten Gegenspieler zu noch etwas wechselhaft erfolgt. Häufiger fehlte es Davies dafür neben der letzten Sauberkeit gerade daran, den Übergang mit der notwendigen Direktheit zu gestalten. Ausgerechnet bei der Niederlage in Frankfurt gelang ihm dies in der langen Unterzahl besser, als er einige vielversprechende 2gegen1-Szenen nach Verlagerungen gegen die Mannorientierungen der Eintracht einleitete.

Individuelle Entwicklungen

In diesem Zusammenhang stellte sein Auftritt in dieser Begegnung zudem ein Beispiel dafür da, inwieweit er die Wahl eines jeweils passenden Winkels für das Andribbeln in den Raum im Anschluss an die Seitenwechsel zunehmend günstiger abschätzt. So spielen kleine, grundlegende individuelle Weiterentwicklungen eine Rolle für den doch recht steilen Aufstieg seiner persönlichen Hinrunde. Allgemeinen wirkt sich bereits die mittlerweile verbesserte Einschätzung, welchen Winkel es zu einem Zuspiel einzunehmen gelte, ebenfalls auf andere Bereiche aus. Dazu gehört in dieser Konstellation außerdem etwa der First Touch, den Davies – nicht zuletzt auf dieser Grundlage – über den Verlauf des Jahres wesentlich verbessert hat und so auch verbessern konnte.

Allerdings traten seine Probleme zuvor auch hauptsächlich bei An- und Mitnahmen mit dem jeweils dem Passgeber nahen Fuß auf – eine Situation, in die ein Linksfuß als Linksaußen und insbesondere als Linksverteidiger seltener kommt als vom rechten Flügel aus. Zuspiele von rechts kann Davies mit links in seiner Position in der Kette sehr einfach nach vorne mitnehmen; die Thematik dürfte also über das technische Element hinaus auch eine der Vorbewegung gewesen sein. Trotzdem ist die Entwicklung gewichtig: Zudem nimmt Davies mittlerweile viele Bälle gut mit links nach innen mit, hat in der Folge auch ein kontrolliertes Gefühl für das eigene Passspiel und etwa die Passgewichtung dabei.

Fazit

Insgesamt liegt Alphonso Davies die Linksverteidigerposition beim FC Bayern. Sein Bewegungsspiel passt gut zu den üblichen Abläufen und Alltagsherausforderungen für die äußeren Akteure der Abwehrkette. Einige typische Grundlagen(situationen) vermag er über geschickte gruppentaktische Verhaltensmuster zu bewältigen, so etwa die Umsetzung von Hinter- oder Vorderlaufen in klassischen Pärchenbildungen am Flügel.

Im Detail mag er im Stellungsspiel noch gewisse Probleme haben, übrigens nicht nur gegen, sondern auch mit dem Ball, wo er ballfern gut einrückt, aber teilweise fast zu weit, und auch fast etwas zu hoch anschließt. Vor allem ist es aber das Gefühl für die Absicherung und das mitunter große Ausmaß an davon betroffenen Räumen, das die Aufstellung des jungen Perspektivspielers auf einer nominell ungewohnten Position zu einer insgesamt gelungenen Maßnahme macht.

Jan 6. Dezember 2019 um 12:56

Habe den Artikel erst jetzt gelesen, schade, dass die Artikel nicht mehr bei Twitter geteilt werden 😉
Habe ganz vergessen, dass wieder Adventskalendar-Zeit ist…
Haltet ihr es für unwahrscheinlich, dass Davies weiter vorne den Durchbruch auch schaffen kann? Er hat ja schon ziemlich gute Dribbling-Werte und ist in Kanada ja auch zu einigen Torbeteiligungen gekommen. Im Artikel klingt das ja schon recht pessimistisch diesbezüglich. Denkt ihr seine aktuellen Schwächen sind schwierig abzustellen?

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AG 7. Dezember 2019 um 08:54

Er ist erst 19, da ist also noch viel möglich. Wichtig ist aber vor allem, dass er spielt, damit er sich weiterentwickeln kann, und wenn das als Linksverteidiger ist 😉

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