Türchen 10: Jack Wilshere

1,72m dribbelnde Pressingresistenz mit einer kleinen Sternstunde gegen die große Mannschaft jener Jahre.

Manchmal gibt es diese Partien, bei denen man davon spricht, dass in ihnen vor allem der Stern eines Spielers aufgegangen ist. Im Februar 2011 war dies im Emirates Stadium zu London mal wieder der Fall – bzw. etwas anders: Das Match sorgte nachhaltig für das ganz helle Leuchten einer bereits vielversprechend schimmernden englischen Fußballhoffnung, die dies letztlich nicht so würde einlösen können.

Jack Wilsheres Auftritt im Champions-League-Achtelfinale gegen Barcelona ist vielen, vor allem auf der Insel, in Erinnerung geblieben. Eine starke Saison und spätestens ein denkwürdiges 5:0 im Clásico hatte dem späteren Titelträger bereits zu jenem Zeitpunkt eine kleine Sonderstellung, fast eine Aura des Mystischen verschafft und ihn gewissermaßen zum festesten Referenzpunkt des Fußball-Gesprächs gemacht. Diesem Gegner sollte Arsenal in jenem Hinspiel schließlich, nach einer furiosen Schlussphase, sogar eine Niederlage beibringen. Das Ergebnis verstärkte nochmals den einprägsamen Eindruck, den ein 19-jähriger Nachwuchsmann über die 90 Minuten hinweg hinterließ: Jack Wilshere fegte dribbelnd durch die katalanischen Ballbesitzkünstler, aus den tiefen Aufbauzonen durch die eigene Hälfte, oder aus dem Mittelfeld bis in Strafraumnähe.

Im Team von Arsene Wenger spielte Wilshere im defensiven Mittelfeld an der Seite von Alex Song und hinter Cesc Fábregas. Grundsätzlich sollte er die Verbindungen nach vorne übernehmen, insgesamt dürfte er mit seiner Wendigkeit und daraus intensiven, hartnäckigen Spielweise auch als Gegengewicht zu den kleingewachsenen Technikern im gegnerischen Zentrum vorgesehen gewesen sein.

Pressingresistenz auch gegen diagonalen Zugriff und Gegenpressing

Mit seiner Pressingresistenz war Wilshere für Arsenal von enormem Wert. Die Dominanz der Katalanen beruhte auch darauf, dass sie in den seltenen Momenten, in denen sie nicht den Ball hatten, intensiver nachsetzen konnten und häufig auch nachsetzten, um diesen schnell wieder zurückzuerobern. Während ihrer langen Ballbesitzzeiten schonten sie den physischen Laufaufwand dafür. Wenn man sie schlagen wollte, gehörte es zu den entscheidenden Schlüsseln, selbst länger das Leder halten zu können und mit dieser Grundlage nicht auf Einzelmomente angewiesen zu sein. Der junge Wilshere und dessen starke Leistung ließen Arsenals Aussichten in diesem Bereich erheblich ansteigen.

Zu jener Zeit war Guardiolas Barcelona eine der ersten Mannschaften, die ganz systematisch diagonale Pressingbewegungen eines Außenstürmers aus ballfernen Zonen in die erste Linie hinein nutzte. Auf diese Weise erzeugten sie ein einfaches, handliches und ökonomisches Muster, um ohne den allergrößten Aufwand Druckaufbau und Raumverknappung zusammenzubringen. Häufig ließ sich dadurch auch mehr Druck suggerieren als eigentlich unmittelbar vorhanden – zumindest für eine kurze Phase. Diese reichte im höheren Pressing gegen viele Mannschaften bereits, um vorschnelle lange Bälle zu generieren. In Guardiolas Bayern-Zeit sollte ein ähnlicher Mechanismus viel Effekt haben.

Mit Villa und vor allem Pedro hatte Barca damals zwei Spieler, die dies auch im Mittelfeldpressing als individuelle Ergänzungsaktionen sehr gut einzubringen vermochten. In dieser Partie gegen Arsenal geschahen solche plötzlichen, explosiven Diagonalsprints insbesondere bei Halbraumverlagerungen ins defensive Mittelfeld – auch mehrmals gegen Wilshere. Die Aktionen hätten potentiell hochwertige Ballgewinne für die Katalanen bringen können, der junge Zentrumsspieler entwich diesen Zugriffsvorbereitungen jedoch und bewahrte sein Team davor. Für Arsenal bedeutete das eine äußerst wertvolle Erleichterung, Barca machte dadurch mehrmals dynamische Wege umsonst und verlor ein mögliches Schlüsselelement.

Wilshere wird nach Querpass von Pedro aus dem Rücken attackiert, auch Xavi und Busquets schieben mit zu. Im letzten Moment kann Wilshere das Leder aber mit einer zusätzlichen Berührung mit Außenrist zu Koscielny zurückspielen.

Aufrückmöglichkeiten nach Ballsicherung

Im Aufbauspiel bewegte sich Song recht ausweichend und Wilshere besetzte teilweise alleine die Verbindungszonen. Er streifte umtriebig durch diese Räume und suchte nach Lücken innerhalb der 4-1-4-1-haften Mittelfeldstruktur der Katalanen. Eher selten dribbelten die Innenverteidiger gegen den zurückhaltenden Messi an, nahmen vielmehr recht früh eine sich bietende Vertikalpassmöglichkeit wahr, auch wenn sie selbst noch etwas Platz gehabt hätten. Bei schnellem Neuaufbau – wenn Barca zuvor Angriffe aufgrund zu geringer Offensivpräsenz nicht hatte durchbringen und dann nach dessen Scheitern auch nicht so klar ins Gegenpressing hatte gehen können – kam das besonders zur Geltung und verschaffte Wilshere etwas mehr Vorbereitungszeit.

Generell wog dieser insgesamt gut ab, wenn er das Leder nach vorne mitnehmen und eher ins Tempo übergehen konnte und wann er es besser nach hinten sicherte. Dank schneller Drehungen und währenddessen explosiver Ballführung kam er gegen die Rückzugsbewegung des Barca-Mittelfelds oft wieder heraus. Die Regelmäßigkeit solcher Szenen legte eine gewisse Fokussierung auf das Grundmuster nahe, ob eher aus der Dynamik des Spiels heraus oder größer geplant. Letztlich befand sich der Ball zwar wieder bei den Innenverteidigern Arsenals, aber nun eben einige Meter weiter vorne: Es waren Momente, in denen Barcelona sich zurückziehen musste und die Gastgeber sicher zum Aufrücken kamen.

Dem Pressing entweichen: Vorbereitung, Umsetzung, Fortsetzung

In einigen dieser verschiedenen Szenen zeigte sich Wilsheres (Vor-)Orientierung gar nicht unbedingt immer so sauber. Wenn er in Situationen frühzeitig bestimmte Dynamikmöglichkeiten antizipierte und sich dementsprechend im Vorhinein positionierte, fand er ein passendes Gespür für die „Zusammensetzung“ der Szenen und bereitete das sorgsam vor: Er begab sich dann in gute diagonale Orientierung zum Spielfeldraum und nutzte Umblickaktionen gezielter. War er statt solcher geplanter Konstellationen jedoch – grob gesagt – gerade einfach „frei“ im Mittelfeld, vernachlässigte er diese Sauberkeit auch häufiger.

Mehrere kleine Details sorgten dafür, dass Wilshere selbst in solchen Momenten noch recht oft über die technische und koordinative Umsetzung dem gegnerischen Druck entkam: Erstens zeichneten sich seine Drehungen nicht einfach durch besonders hohe Wendigkeit aus, er konnte sie enorm abrupt – quasi in „eckigen“ Bewegungsmustern – ausführen, verlor dabei vergleichsweise wenig Dynamik. Das stand zweitens mit starker Explosivität konkret in der ersten Beschleunigung von Bewegungen in Verbindung. Drittens schließlich beherrschte er koordinativ anspruchsvolle Bewegungsfolgen mit dem Außenrist, teilweise fast schon außerhalb der eigentlichen Grunddynamik.

Eine ähnliche Szene wie oben: Hier Barcelona eigentlich in der Rückwärtsbewegung, Pedro geht dann aber bogenförmig in den Pressingmoment über.

Wilshere scheint das zunächst nicht ausreichend wahrgenommen zu haben und nimmt das Leder mit dem ersten Kontakt suboptimal diagonal auf seinen starken Fuß mit, also in Pedros Zugriffsrichtung hinein. Mit einer schnellen Zwischenbewegung kann er dann aber nochmal abrupt abknicken und kommt vorne am Gegenspieler vorbei, um dann danach den ausweichenden Fábregas einzusetzen.

Dadurch konnte Wilshere das Leder oft überraschend nochmal aus dem beinahe erfolgten gegnerischen Zugriff wegspielen und ins Dribbling mitnehmen. So entwickelte er einen in dieser Begegnung prägenden Nadelspieler-Effekt, indem er Gegner anzog, aus der möglichen Pressingsituation herausbrach und so anderswo Raum für die Mitspieler geschaffen wurde. In der Fortsetzung solcher Szenen zeigte Wilshere zudem die notwendige Konsequenz darin, druckvolle und oft raumgreifende Dribblings anzuschließen, die nochmals in andere Räume hinein weiterzogen. Sein in dieser Begegnung oftmals hervorragender Dynamikbezug für solche Übergänge speziell in der vertikalen Folge machte den Wow-Effekt seiner später oft erinnerten Highlight-Szenen aus.

Stark hier, wie Wilshere die Dynamikmöglichkeit der Szene entgegengesetzt zur Passrichtung aufnimmt und den dortigen Raum diagonal mit einem konsequent angesetzten Dribbling attackiert.

Letztlich ist es dann wieder eine gute Außenristnutzung, mit der er das Leder durch die Lücke zwischen Xavi und Busquets hindurchspielt.

Durchwachsen, aber herausragend

Auf der allein persönlich-individuellen Ebene war Wilsheres Spiel auch an diesem speziellen Champions-League-Abend noch weit entfernt von optimal – für einen damals 19-jährigen Jungspund auch nur erwartbar. Seine Positionsfindung im und am Sechserraum gestaltete sich strategisch nicht so sauber und klar: Mehrmals bot er sich unpassend so an, dass er für kurze Herausrückbewegungen Xavis oder Iniestas zu leicht zuzustellen war. Fiel er in solchen Situationen nicht ganz als Anspielstation weg, sondern brachte sich unnötig in Druckmomente, konnte er das Leder zwar oft noch sichern, aber keinen großen Effekt mehr aus der Szene herausholen und nur den weiten Rückpass anschließen. Auch in späteren Jahren sollte die strategische Ausgewogenheit ein Problem bleiben, das sich zu Wilsheres unglücklicher Verletzungsmisere hinzugesellte.

Auch im Passspiel zeigte sich Wilsheres Entscheidungsfindung wechselhaft. Ähnlich wie im tieferen Freilaufverhalten machte sich bemerkbar, dass seine Bewusstheit für Aktionen in einigen „Handlungsfeldern“ noch nicht allzu geschärft war. So verlangte er gelegentlich mit überambitionierten Zuspielen den Kollegen unnötigen Aufwand ab oder brachte sie in ungünstige Situationen. Doch auch wenn sein Spiel für sich genommen noch durchwachsen daher kam: Wie viel er mit den guten Aktionen auf der mannschaftsdienlichen Ebene quasi für die Mannschaftsleistung leistete, war das herausragende Moment. Kaum ein anderer Spieler auf dem Feld machte in seinem Einwirken auf die Begegnung so viel aus.

In dieser Szene antizipiert Wilshere sehr früh die Situation, begibt sich in den passenden Winkel und beobachtet gut die umliegenden Spieler. So kann er sich sehr günstig in den Pass von Djourou hineindrehen und direkt in die Folgebewegung mitnehmen, lässt sogar gegen einen Spieler wie Busquets dessen Zugriffsfindung auf der Innenbahn verpuffen. Insgesamt stellt sich Wilshere in dieser Szene frühzeitig auf den Einsatz eines solchen raumgreifenden, das Pressing überbrückenden Dribblings ein. Er passt sich gut der Dynamik an und kommt so letztlich auch zwischen Busquets und Xavi hindurch in den Vorwärtslauf. Der anschließende Pass auf Fábregas folgt dann jedoch etwas spät.

Ein letztes, individuell wichtiges Element bildeten seine vertikalen, zielstrebigen, mutigen Dribblings in den Raum hinein schließlich gerade im Anschluss an lose Bälle, wo er dadurch einfach sehr direkt in Anschlussaktionen kam. Das machte Barca wiederum einige potentielle Zugriffsmomente streitig und nahm ihnen entsprechend Präsenz(anteile) ab, während es gleichzeitig Arsenal nach vorne brachte. Teilweise gelangten die „Gunners“ so auch auch in mannschaftlich von den Katalanen gut gesicherte Räume, die sie sonst nicht so hätten anvisieren können. Dafür fehlte es ihnen – zumal aufgrund einiger vorsichtigerer Phasen – an der strukturellen Klarheit in den Offensivlinien, die sonst eine Grundlage für das starke, so aber nicht wirklich zu aktivierende gruppentaktische Potential hätte bilden können. Wiederum sorgte der gute Dynamikbezug Wilsheres in der konsequenten Raumnutzung für herausragende Momente. Diese Partie gegen Barcelona wird ein kleines monumentales Zeugnis für sein Potential bleiben.

tobit 10. Dezember 2018 um 21:20

Wilshere war damals echt genial. Instabil (körperlich, aber auch in den Aktionen auf dem Feld) aber schön. Ist bis heute in seiner Lässigkeit/Leichtigkeit nur von ganz wenigen erreicht worden (vielleicht auch, weil er einer der ersten wirklich pressingresistenten Spieler außerhalb Barcelonas war, den ich gesehen habe).

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Marlene Dietrich 10. Dezember 2018 um 08:05

Fein geschriebener Artikel, danke.

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