Türchen 4: Michael Carrick

In dem Spiel, in dem er mit seinem Team den größten Erfolg seiner Karriere erringen sollte, rief Michael Carrick eine seiner Top-Leistungen ab. Oft fand er dabei die richtigen Momente, um noch etwas mehr Vertikalität als sonst einzubringen.

Es war der Höhepunkt der Jahre der Premier League: In Moskau stieg im Mai 2008 das rein-englische Champions-League-Finale zwischen Manchester United und Chelsea, das damit nach mehreren Saisons großer Investitionen schließlich den angestrebten Einzug ins Endspiel erreicht hatte. Dieses Duell der Ligakonkurrenten elektrisierte und versprach eine intensive, temporeiche Schlacht zu werden. Mittendrin war Michael Carrick, keiner der Hauptdarsteller, aber wie auch in den Folgejahren enorm wertvoll für die „Red Devils“ von Sir Alex Ferguson – und in diesem entscheidenden Match mit einer starken Leistung.

In vielerlei Hinsicht war es erst einmal ein Spiel, in dem Carrick viele der Dinge gut machte, die ihn stets auszeichneten: Er bewegte sich geschickt im Zentrum des Feldes, verteilte die Bälle (rational) und zeigte eine gute Nutzung von Schulterblicken. In erster Linie definiert er sich schließlich zunächst einmal über Konstanz und Zuverlässigkeit. In den unmittelbaren Jahren danach wurde der defensive Mittelfeldmann einer der „most sung unsung heroes“ im Spitzenfußball, gewissermaßen gemeinhin anerkannt in genau dieser Position des Unterschätzten. Das Zitat, er könnte für Barcelona spielen, machte die Runde und trifft seinen Stil auch recht gut. Kluger Passgeber und Ankerstation – so wäre eine knappe Charakterisierung möglich.

Geschicktes Mittelfeldspiel und strategische Feinjustierung

Gegen die robusten „Blues“ bekam es United in jenem Finale im Mittelfeld mit den geballten Allrounder-Qualitäten einer Doppel-Acht aus Michael Ballack und Frank Lampard zu tun. Aus dem 4-3-3 der Mannschaft von Avram Grant spielten die beiden sehr weiträumig herausrückend. Sie versuchten United im defensiven Zentrum oft mannorientiert zuzustellen. Dieser konsequente, vergleichsweise systematisch umgesetzte Stil in seiner Großräumigkeit wurde dahinter von Claude Makelele als Sechser abgesichert.

Im Zusammenspiel mit Nebenmann Paul Scholes versuchte Carrick anzukurbeln und über zügige, stringente Angriffseinleitungen das Herausrücken der gegnerischen Achter zu bespielen. Den beiden Sechsern gelang es recht gut, sich häufiger auch enger aneinander zu formieren, um Chelsea in den vorderen Linien kleinräumiger in die Verteidigung zu zwingen und dadurch die Wege für deren (umliegende) Spieler zu verlängern. Nach Rückpässen aus der Zirkulation oder bei abgebrochenen Aktionen bestach Carrick meist mit guter Erstorientierung, um dem unmittelbaren, das Kollektiv in diesen Momenten anleitenden Nachrücken von Chelseas Achtern kurz zu entweichen und so die Lage zu entzerren.

Die enge Staffelung von Uniteds Sechsern untereinander gegen das Herausrücken der gegnerischen Achter öffnet mehr Raum. Carrick entscheidet sich dann für einen sehr ambitionierten Vertikalpass auf Rooneys Rückstoß knapp neben Malouda vorbei, den auch nur ein Mitspieler einer solchen Güteklasse hätte festmachen können. Anschließend startet er einen sehr flüssigen Übergang in den Vorstoß in die größeren Lücken zwischen Achtern und Sechserraum.

Carrick passte in diesem Finale sein Spiel an jene Umstände an. Aus der Ballverteilung heraus wählte er direkter die Übergänge nach vorne. Sein Passspiel funktionierte dynamikforcierender als gewöhnlich: Normalerweise wählte er die offensivere Entscheidung dann, wenn viel Druck herrschte und die Situation aufgelöst werden musste oder wenn er erkannte, dass in einer jeweiligen Dynamikkonstellation der Pass in den Lauf oder auf eine Positionierung im Zwischenraum gut möglich war – also primär dynamiknutzend. Hier wiederum gestaltete sich dementsprechend in etwaigen Folgesituationen auch Carricks Freilaufverhalten noch etwas häufiger raumgreifend als sonst.

In dieser Szene läuft sich Carrick sehr engagiert in den Raum hinter Ballack und Lampard frei, um Scholes eine Option zu geben. Dieser löst die Situation aber schon mit einem sehenswerten Außenristpass auf Rooney. Durch Carricks Bewegung hat dieser aber wiederum die Möglichkeit, auf den Sechser abzulegen. Für einen kurzen Moment wäre die Gelegenheit zur Folgefortsetzung der Szene weiter in die Spitze möglich gewesen, in der Abstimmung zwischen individueller und gruppentaktischer Ebene bekamen die Akteure sie aber nicht schnell genug genutzt. Mit einem weiteren kurzen Doppelpass entziehen sich Rooney und Carrick der Rückzugsbewegung von Ballack und Co., die wieder hinter den Ball kommen.

Unmittelbar danach hat Carrick also wieder beide Achter Chelseas in seiner Nähe. Er scheint sich aber sehr bewusst, dass der Raum im Zentrum dahinter weiter genutzt werden könnte. Er dribbelt kurz schräg nach hinten an, um Rooney Zeit zu geben, sich aus dem Deckungsschatten zu lösen, und Lampard auch etwas wegzulocken, der dadurch zudem unterbewusst leicht aus dem Zugriffsfokus zu gehen scheint. Auch der anschließende, leicht abknickende Kurzpass auf Rooney ist im Ergebnis dann wieder sehr stark. Wichtig zeigt sich hier zudem die einrückende Bewegung von Hargreaves, der Makelele beschäftigt.

Die Dosierung beim Zusatz

Teilweise wurde sein Spiel schon zu attackierend nach vorne oder etwas zu früh vertikal: Das bezog sich gar nicht einmal auf mögliche Probleme bei der (technischen) Umsetzung von Aktionen, denn in dieser Begegnung legte Carrick besonders hohe Grazilität in Bewegungsabläufen und Koordination an den Tag, auch bei eigentlich nicht unbedingt ganz seinem Naturell entsprechenden Aktionen.

Das Timing und die räumliche Einbindung in offensiven Vorstößen etwa waren oftmals harmonisch und hätten bei einer noch kompletteren Anlage Uniteds, beispielsweise in den Rückverbindungen vom Flügel, viel bewirken können. Für solche Momente konnte Carrick seine typischen kleinräumigen Schrittfolgen und Verzögerungen nutzen, die stets ein zentrales Signum seines Spiels insgesamt waren.

Eine etwas zu offensiv werdende Tendenz betraf vielmehr die Entscheidungsfindung selbst, die einzelne schwächere Momente aufwies. Teilweise lag das daran, dass Carrick innerhalb von vertikalen Aktionen doch lieber wieder etwas Zug hinaus zu nehmen wollen schien, beispielsweise die Bewegung in den Raum nicht konsequent zu Ende führte und recht früh über den – dann meist in der Abstimmung sensiblen – Vorwärtspass aufzulösen versuchte.

Andererseits kamen in dieser Ausrichtung einige seiner Schwachpunkte weniger zum Tragen: Manchmal hatte Carrick im kleinräumigen Detail Probleme mit den Anschlusspositionierungen oder neigte zu übermäßig anspruchsvoll zu verarbeitenden Pässen. In solchen Situationen, in denen das primär hätte auftreten können, befand er sich quantitativ in diesem Finale unterdurchschnittlich selten.

Herausforderungen gegen Chelseas Physis

Das raumgreifende und robuste Zentrum des Gegners war eine Herausforderung für United. Im Mittelfeld fand Carrick dafür insgesamt eine ganz gute Grundbalance zwischen explosivem, zugriffsorientiertem Herausrücken auf einzelne Gegenspieler, mit dem Ferguson wohl die mannschaftliche Intensität hochtreiben wollte, und dem Bezug zur Ausgangsstaffelung und anderen Referenzpunkten. Vereinzelt verteidigte der Sechser zwar bei guter Grundposition etwas unkompakt in den Abständen nach hinten.

Allerdings hatte Carrick in diesem Spiel eher die Rolle des in erster Instanz herausrückenden Akteurs und konnte die Angriffsverläufe der Londoner aus der diagonalen Bewegung aus dem Mittelfeldband heraus – zumal im Zusammenwirken mit der Mischrolle von Hargreaves – einige Male gut auf die Seite zwingen und so weiter vom Tor weg schieben. Durch großen, mitunter etwas unkoordinierten und oft auch von Improvisation getragenen Einsatz in der Rückzugsbewegung half Carrick schließlich entscheidend mit, dass sein Team die Endverteidigung recht gut meisterte, so schwierig sie war gegen die Wucht und die Physis im gegnerischen Repertoire für die letzten Angriffsphasen.

Gute Vorbereitung macht den Passgeber

Ein Hauptpunkt in Carricks Stil bildete stets das einleitende Passspiel vertikal in Lücken oder diagonal in Zwischenräume. Auch in dieser Begegnung konnte er auf diese Weise einiges bewirken und bereitete mehrere der besten United-Angriffe vor. Mit Fortgang der Partie veränderte sich dafür die Konstellation: In Uniteds rechtem Halbraum schob zunehmend Malouda tiefer mit hinter Lampard ein, dafür standen die „Blues“ in den ersten Linien etwas zurückgezogener und gaben diese Räume eher preis. Wenn Carrick gegen solche tieferen Mittelfeldstaffelungen eröffnete, spielten seine „trippelnden“ Schritte und kleinen Verzögerungen in der Ballführung eine wichtige Rolle. So versuchte er, sich bessere Situationen zu schaffen, beispielsweise die Passwinkel zu verändern.

Eines der besten Beispiele war diese Fast-Großchance in der Verlängerung. In der Entstehung ist zunächst Carrick am Ball vor der Mittelfeldlinie in einer sehr klaren, sauberen Ausgangssituation. Er bewegt sich sehr langsam nach vorne, legt sich das Leder immer nochmal leicht anders vor, macht also etwas Druck und beobachtet ansonsten die Staffelung. Ballack rückte minimal weiter vor, Makelele musste sich zwischen den Bewegungen von Tévez und Giggs zunehmend zwischen zwei Gegenspielern ausrichten.

Letztlich fand Carrick das kurze Zeitfenster, genau als sich Makelele bei einer kleinen Drehbewegung im Rückwärtsgang etwas zu sehr zu Tévez orientierte und auch Malouda den Passweg nicht mehr ganz schließen konnte. So überspielte Carrick mit einem Vertikalpass vier bzw. fünf Mann und Giggs kam im Zwischenlinienraum frei.

Gegen ein tiefer gestaffeltes Chelsea konnte Carrick auch mal andribbeln und dann die Bereiche zwischen den Linien anvisieren, hier in einer anderen Szene. Dadurch dass Giggs gut eine Vorwärtsbewegung startet, wird Lampard nach hinten gezwungen und es bietet sich nach vorne mehr Raum für Carrick.

Alsbald Chelsea sich tiefer staffelte, wurde es für United zudem wichtiger, erst einmal Ballbesitz zu haben und das Leder gut laufen lassen zu können. An einer strukturierten Umsetzung dessen beteiligte sich Carrick als typischer Ballverteiler. Dementsprechend spielte er speziell in der zweiten Halbzeit wiederum zurückhaltender, stärker auf die Kontrolle fokussiert. Mit seinen kurzen Verzögerungen vor anschließenden Richtungswechseln war er wichtig, um bei Rückpässen im ballnahen Halbraum gegen einzelne Herausrückbewegungen eines gegnerischen Achters und das Nachschieben Drogbas bessere Chancen zu haben, diese fintierend zu „falschen“ Schritten bringen zu können.

So ließen sich möglicherweise neue Querpasswege öffnen, ohne komplett über den ballnahen Innenverteidiger neu verlagern zu müssen. Diese Qualitäten in der Ballsicherung halfen zudem, wenn Chelsea situativ mit einigen Spielern in höheres Pressing aufzurücken bzw. lokal kurz Druck zu machen versuchte. Nicht wenige der guten Szenen Carricks in dieser Begegnung waren lehrbuchartig für gutes Sechser-Spiel – vor zehn Jahren hatte das nochmals mehr Wert und Wirkung als heute. Insbesondere die Orientierung während der Ballführung gestaltete sich mehrmals äußerst sinn- und treffend ertragvoll.

Carrick holt sich schräg vor den Innenverteidigern den Ball ab. Er bewegt sich dann sehr gut diagonal, da er so vor Drogba kreuzt und diesen – ebenso wie Ballack – etwas weiter nach halbrechts mitzieht. Dadurch wird sein eigener Ausweichweg zurück nach links geöffnet, quasi die Alternativoption, auf die er letztlich auch zurückgreift. Da auch Lampard etwas einrückt, bekommt Chelseas Mittelfeld den Passweg mittig zwischen den Achtern hindurch auf den diagonal einlaufenden Tévez noch rechtzeitig zugedeckt. Zudem rückt Terry sehr weiträumig heraus. Da Makelele sich an Cristiano Ronaldo orientiert hatte, ist der Das zügige Andribbeln Carricks hatte darauf hingedeutet, dass er prinzipiell Tévez hatte in den größeren Raum im Mittelfeld in Szene setzen wollen, da Makelele sich an Cristiano Ronaldo orientiert hatte. Als sich das nicht mehr stabil umzusetzen lassen scheint, dreht Carrick nach links ab und findet dafür einen ziemlich guten Moment.

Die Ausführung ist nicht ganz optimal, zudem rutscht er leicht weg, kommt durch die verbesserte Ausgangslage aber nicht in Gefahr, wieder unmittelbar unter Druck zu geraten. Nachdem er sich also etwas gelöst hat und wieder im aufrechten Lauf ist, folgt sehr zügig fast aus einem Fluss der Anschlusspass mit links durch den offenen Halbraum auf den sich anbietenden Giggs. Grundsätzlich ist das intuitiv keine so unnatürliche Sache, direkt aus der Fortsetzung der Bewegung heraus das Zuspiel anzubringen, zumal etwa die Einbindung des Außenverteidigers gerade nicht machbar ist. Womöglich hätte es aber auch einige Partien gegeben, in denen Carrick eher noch einmal kurz das Leder gestoppt und (sich) neu positioniert hätte.

Fazit

Zwar war es keine Partie, in der Carrick absolut herausragte, denn United machte nicht nur mannschaftlich insgesamt ein gutes Spiel, auch viele andere einzelne Akteure lieferten starke Leistungen ab. Vielmehr fügte sich Carrick genau darin gut ein und fand eine passende Mischung zwischen seiner eher zurückhaltend-unterstützenden Grundrolle und dem Einbringen von Dominanz.

Was dabei sein Spiel „dennoch“ zu einer herausragenden Einzelleistung machte, war das im Gesamtpaket starke Dynamikgefühl. Ganz allgemein entwickelt jede Partie ihre besondere Dynamik und für jeden Akteur auf dem Platz ist es jeweils eine Aufgabe oder Herausforderung, seinen eigenen persönlichen individuellen Rhythmus und Stil mit größtmöglicher Effektivität in Relation dazu zu bringen.

Selbst taktisch und strategisch brillanten Einzelkönnern gelingt das nicht immer gleich gut. In diesem Endspiel stellte sich Carrick insgesamt gut auf die Charakteristik ein und passte sich – etwa durch stärkere Vertikalität – recht natürlich daran an. Punktuell schien ihn das auch mal leicht hektischer werden zu lassen, wenn er etwa Aktionen sehr schnell umsetzte, deren Ausführung ohne große Konsequenzen auch noch eine halbe Sekunde oder eine Bewegungsfortsetzung hätte warten können. Insgesamt jedoch war der Fall Carricks in diesem Finale ein Beispiel für ein besonders feines Dynamikgefühl einer konkreten Begegnung im Speziellen.

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