Die strategisch perfekte Konstellation

1:0

Die Schweden werfen die Schweiz aus dem Turnier, weil sich im vorletzten Achtelfinale von Anfang an eine Partie entwickelte, in der die Skandinavier strategisch im Vorteil waren.

Wer hätte das gedacht? Die Schweden stehen im Viertelfinale dieser Weltmeisterschaft. In der Begegnung gegen die Schweiz traten die Skandinavier gewohnt souverän im Spiel gegen den Ball auf und stehen deshalb zurecht unter den letzten acht Mannschaften. Das Wesentliche zum Spiel im Überblick:

  • Die Schweiz hatte von Anfang an hohe Ballbesitzanteile. Zwar sicherten die Eidgenossen schwedische Konter aufgrund der eigenen Struktur im Spiel mit Ball gut ab, kamen selbst aber kaum in gute Abschlusspositionen.
  • Im Gegensatz zu den Schweizern verlegten sich die Schweden auf die gewohnte Herangehensweise im Spiel gegen den Ball: Ein sauberes und konsequentes 4-4-2-Mittelfeldpressing.
  • Chancen erarbeiteten sich die Schweden zumeist nach langen Zuspielen in die letzte Linie und gewonnenen zweiten Bällen. Für konsequente Durchschlagskraft sorgte diese Art der Herangehensweise zwar auch nicht, ein Haufen (Halb-)Chancen kam aber dennoch zusammen.

Die Schweiz mit dem Ball: Lange Phasen der Ballzirkulation und Horizontalverlagerungen als stilistisches Mittel

Aufstellungen und Offensivmuster

Prägend für das Schweizer Spiel mit Ball, das aus einer 4-2-3-1-Grundordnung heraus erfolgte, waren hohe Ballbesitzanteile und häufig genutzte horizontale Verlagerungen

Im Aufbau kippte Behrami situativ oder über längere Phasen zwischen die beiden Innenverteidiger ab und stellte so gegen Schwedens Doppelspitze eine Überzahl in der ersten Aufbaulinie her. Die nutzten das gewohnte 4-4-2-Mittelfeldpressing mit hoher Sauberkeit in den Abläufen – und schoben situativ ins Angriffspressing durch, wenn sich die Möglichkeit ergab. Xhaka agierte deshalb im frühen Aufbau genauso wie Behrami ebenfalls oft außerhalb des gegnerischen Defensivblocks, orientierte sich dabei anfangs meist in den linken Halbraum neben den schwedischen Stürmern und versuchte sich ansonsten zwischen den Linien freizulaufen. Im späteren Verlauf des ersten Durchgangs kippte Xhaka dann zumeist in den rechten Halbraum ab.

Entsprechend rückten die beiden Außenverteidiger Lang und Rodriguez früh ins zweite Drittel nach vorne, um dort die Breite im Spiel herzustellen. Dass beide nicht weiter nach vorne rückten, lag zum einen daran, dass sie die Bindung an den Aufbau halten wollten. Zum anderen wollten die Schweizer im Übergangsspiel durch aufrückende Läufe Dynamiken auf den Außen erzeugen. In der Regel wählten die beiden Flügelspieler Shaqiri und Zuber eine eingerückte Grundposition. Entsprechend ergaben sich vor den Außenverteidigern Räume, die man nach Verlagerungen immer wieder anspielen konnte.

Auf der linken Seite startete Zuber nach diesen Verlagerungen immer wieder aus dem Halbraum diagonal hinter die Abwehr. Auf der rechten Seite war Shaqiri im tiefen Aufbau und im letzten Drittel aber auch immer wieder am Flügel zu finden. Im Aufbau kam es deshalb manchmal vor, dass Lang auf der eigentlichen Position eines rechten Halbverteidigers agierte, während Shaqiri am Flügel die Breite gab. Lang rückte in diesen Situationen im Stile eines falschen Außenverteidigers im Halbraum auf und konnte Shaqiri mit Tempo vorderlaufen. Der Ex-Bayern-Spieler fokussierte sich zu Beginn eher auf Zuspiele in die Mitte, im späteren Spielverlauf in den entsprechenden Situationen aber immer mehr auf gegnerschlagende Dribblings.

Mitte der ersten Halbzeit beschränkte Xhaka sein Abkippen dann wie angesprochen eher auf die rechte Seite, sodass Akanji gegenüber häufiger mit Ball am Fuß in die Räume neben den schwedischen Stürmern stoßen konnte. War das der Fall, orientierte sich Zuber entsprechend weg aus der ersten Linie und versuchte sich auf Lücke anspielbar zu machen, während Rodriguez nach vorne rückte. In der letzten Linie agierte Drmic, und von dort immer wieder auch auf die Außen vor Zehner Dzemaili auswich.

Das Problem der Schweizer: Durch die Grundstruktur im Ballbesitz waren die Verbindungen vom Flügel zur Mitte innerhalb des letzten Drittels relativ flach und nicht immer gegeben. Die Folge: Die Schweden konnten viele Angriffe der Schweizer am Flügel festdrücken und bei Hereingaben zur Mitte körperliche und numerische Vorteile im Zentrum nutzen.

Die Schweden mit dem Ball: Präsenz im letzten Drittel und Ballungen auf rechts für zweite Bälle

In der gewohnten 4-4-2-Grundordnung der Schweden agierten die beiden Innenverteidiger Granqvist und Lindelöf in der Innenverteidigung im Aufbau relativ breit. Als tiefer Sechser spielte Ekdal, während Svensson weiter aufrückte. Auch Ekdal blieb dabei aber in der Regel im gegnerischen Defensivblock. Ansonsten entsprachen die Offensivabläufe den typischen Mustern, wie sie auch schon in der Spielverlagerung WM-Vorschau detailliert beschrieben wurden.

Die Schweden nutzten dabei erste lockende Anspiele auf einen der beiden Innenverteidiger, hatten aber gar kein Interesse daran, das Spiel dauerhaft flach und kontrolliert von hinten heraus zu öffnen. Stattdessen setzten die Skandinavier die kurze Ballzirkulation zumeist nur dazu ein, um die Schweizer anzulocken. Anschließend spielte man schnell Vertikalbälle nach vorne. Denn gegen den Ball nutzten die Schweizer die gewohnte 4-4-2-Grundordnung und interpretierten diese als hohes Mittelfeldpressing, wobei Drmic und Dzemaili die schwedischen Innenverteidiger früh anliefen und bis zu Torwart Olsen durchpressten (womit sie den in der WM Vorschau vorgeschlagenen Plan für das Spiel der Deutschen gegen Schweden in Teilen umsetzten).

Im Offensivspiel der Schweden war die Rechtslastigkeit der langen Flugbälle nach vorne charakteristisch. Dort gab es mit den beiden Sechsern, dem ballnahen Außenverteidiger, dem ballnahen Flügelspieler und den beiden Stürmern immer wieder Ballungen aus mindestens sechs Spielern. In der Regel rückten auch der ballferne Außenverteidiger sowie der ballferne Flügelspieler ein.

Die Chronik der ersten Halbzeit: Die Schweiz im Ballbesitz dominant / Schweden torgefährlicher

Im Spiel mit Ball gelang es den Schweizern aus dem Aufbau konsequent flach nach vorne aufzurücken und die Schweden durch lange Ballbesitzphasen nach hinten zu drängen. In Kombination mit der Tatsache, dass die Schweizer im Umschalten nach Hinten immer mindestens fünf Spieler (zwei Innenverteidiger, zwei Sechser und ein Außenverteidiger bzw. ein eingerückter Flügelspieler) in der Restverteidigung hatten und insgesamt sehr dominant auftraten, führte das zu einer optischen Überlegenheit der Schweizer. Die angesprochenen Probleme der Eidgenossen in der Offensive führten allerdings in Kombination mit der schwedischen Defensivleistung dazu, dass sich nur wenige klare Torchancen für die Schweizer ergaben. Im Gegenteil: In der Offensive waren tatsächlich die Schweden gefährlicher, die viele zweite Bälle einsammelten und meist nach Kurzkombinationen zum Abschluss kamen.

Die Chronik der zweiten Halbzeit: Keine Änderungen an der Statik des Spiels

Mit dem Beginn der zweiten Hälfte machten weder Andersson noch Petkovic von einem personellen Wechsel Gebrauch. Petkovic änderte allerdings die Bewegungsmuster auf der linken Seite: Zuber sollte dort schneller in die letzte Linie rücken und so Räume für Dzemaili blocken, in denen sich jener anschließend auf Lücke im Zwischenlinienraum freilaufen konnte ,und um gleichzeitig die Präsenz in der letzten Linie hochzuhalten. Andersson änderte im Wesentlichen nichts.

Nach etwas mehr als einer Stunde kam es dann zur verdienten Führung der Schweden: Nach einem Doppelpass kam Forsberg am Strafraum frei zum Abschluss – und hatte Glück, dass Akanji den Schuss für Sommer unhaltbar abfälschte. In der 73. Minute reagierte Petkovic dann auf den Rückstand: Embolo kam für Zuber, Seferovic für Dzemaili. Dabei waren beide Wechsel positionsgetreu. Anderson zog in der 82. Minute nach und nutzte die Möglichkeit für seine ersten beiden – ebenfalls positionsgetreuen – Wechsel: Olsson und Kraft kamen für Forsberg und Lustig. In der 90. Minute kam schließlich Thelin für Berg.

Fazit

Mit der Schweiz trafen die Schweden quasi auf den perfekten Gegner – und auch während der Partie selbst entwickelte sich die strategisch perfekte Konstellation für die Skandinavier. Die Eidgenossen sind die nächste Ballbesitzmannschaft, die bei diesem Turnier nach einer eigentlich guten (aber nicht perfekten) Partie die Heimreise antreten muss, weil die eigenen Strukturen im Angriffsspiel, wie bei vielen anderen Ballbesitzteams bei diesem Turnier, nicht für höchste Ansprüche genügen.

Aliou Bob Marley Cisse 4. Juli 2018 um 15:21

Erinnerte mich an Borussia Dortmund-Juventus Turin(Klopp vs. Allegri), als das harte Brot Juventus nahezu jeden Ball, der aus dem Halbfeld oder von der Grundlinie in den Strafraum geflankt wurde, erreichte und Dortmund drei Stunden weiterspielen hätte können, ohne, dass etwas passiert wäre. Das ist echt schwer italienisch geprägtes Verteidigen und auch kein Zufall, wenn man sich die Zeit seit Andersson am Werk ist, ansieht. Dennoch verstehe ich nicht warum die Schweiz gegen die schwedische Lufthoheit soviel hohes Spiel versuchte und den spielerischen Vorteil nicht von Beginn an ausspielte.
Seit ihr eigentlich der Meinung, dass dieser Erfolg auch mit Ibra Cadabra möglich gewesen wäre, oder, dass genau sein Fernsein ein Grund für die neue schwedische Blütezeit ist?

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kalleleo 4. Juli 2018 um 11:55

Denke mal, Schweden wird einen sehr aehnlichen Ansatz auch gegen England runterspielen. Da bei der englischen Mannschaft auch eher Ballbesitzfokus vorherrscht, wird sich da wohl eine Abwehrschlacht wie gegen Deutschland entwickeln. Bleibt abzuwarten ob England dann auch das noetige Glueck auf seiner Seite hat oder Schweden sich ins HF mauern kann.

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Peda 4. Juli 2018 um 11:23

„Die Eidgenossen sind die nächste Ballbesitzmannschaft, die bei diesem Turnier nach einer eigentlich guten (aber nicht perfekten) Partie die Heimreise antreten muss, weil die eigenen Strukturen im Angriffsspiel, wie bei vielen anderen Ballbesitzteams bei diesem Turnier, nicht für höchste Ansprüche genügen.“

sad, but true. Fußball macht so keinen Spaß!

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