Arsenal steckt fest

1:0

Das North-London-Derby war trotz der Neuzugänge Mkhitaryan, Aubameyang – sowie einem scheinbar knappen Ergebnis – eine ganz klare Angelegenheit. Mit überlegenem Positionsspiel und cleverem Pressing konnten die Spurs ihre Vorherrschaft im Norden Londons festigen.

Grundformationen

Wengers Respekt vor den Spurs

Der Einstand von Aubameyang und Mkhitaryan verlief in der Vorwoche noch nach Maß: mit 5:1 wurde der FC Everton abgefertigt. Mkhitaryan glänzte dabei mit drei Torvorlagen, sein Kollege Aubameyang traf einmal. Bei vielen Fans der Gunners keimte so etwas wie Hoffnung auf. Die Saison war bislang eher zum Vergessen: keine Champions-League Teilnahme, im FA-Cup gegen Nottingham klar mit 1:4 ausgeschieden, in der Premier League nur der sechste Platz – das Ganze auch noch mit vier Punkten Rückstand auf den Erzrivalen Tottenham Hotspurs.

Die Spurs hingegen konnten auf eine stolze Serie von elf Spielen ohne Niederlage zurückblicken und wollten mit einem Sieg gegen Arsenal den Vorsprung weiter ausbauen. Um dieses Ziel zu erreichen, brachte Mauricio Pochettino, im Vergleich zum 2:0 Sieg gegen Newport im FA-Cup, gleich zehn neue Spieler welche unter der Woche noch geschont wurden. Nur Heung-Min Son durfte erneut von Beginn weg ran.

Wenger hingegen betonte vor der Partie wiederholt wie wichtig dieses Derby für seine Mannschaft sein würde. Dementsprechend respektvoll wählte der Arsenal-Manager seine Startelf. Özil rückte auf die halbrechte Position in der Offensive, dahinter agierten mit Xhaka, Elneny und Wilshire drei Spieler zentral dahinter. Dabei war überraschenderweise Elneny der sowohl zentralste, als auch tiefste Spieler im zentralen Mittelfeld des Gunners.

Schwaches Pressing bei Arsenal…

Die Herangehensweise der Gunners war dann auch, entsprechend der Wengers Ankündigung, von großer Vorsicht und Zurückhaltung geprägt. Vor allem gegen den Ball standen die Mannen von Arsène Wenger oft sehr tief und ließen sich von den Hausherren sukzessive nach hinten drängen. Dabei war es jedoch nicht so, dass Arsenal von Beginn an den Bus hinten parkte.

In der ersten Phase des gegnerischen Spielaufbaus wurde durchaus auch höher gepresst. Das hohe Pressing wurde jedoch objektiv gesehen schlichtweg sehr schlecht umgesetzt. An vorderster Front wählte Aubameyang zwar immer wieder kluge Bogenläufe um Davinson Sanchez auf der rechten Seite anzulaufen, diese Läufe wurden vom Rest der Mannschaft jedoch fast durchwegs schlecht eingebunden. Das Pressing der Gunners bestand zu einem Großteil aus vogelwilden, mannnorientierten Läufen von Wilshere, Elneny und Xhaka. Alle drei Mittelfeldspieler verließen ihre Position extrem weiträumig, um den Gegner zu verfolgen. Gegen die variablen Spurs war dies definitiv der falsche Ansatz, vor allem Eriksen, Alli und Son konnten immer wieder sehr große Lücken ins Pressing von Arsenal „erlaufen“, indem sie sich geschickt von ihren Bewachern abkoppelten.

Die Gäste wurden in ihrem hohen Pressing dadurch recht rasch überspielt und waren in weiterer Folge gezwungen sich kollektiv nach hinten fallen zu lassen. Hierbei sei erwähnt, dass die Spieler von Arsène Wenger sich nicht zweimal bitten lassen mussten, um das hohe Pressing abzubuchen und sich an den eigenen Sechzehner zu verschanzen – kaum wurde man im Pressing überspielt, ging man in ein tiefes 4-5-1 über.

Dadurch konnten die Spurs schnell viel Raum überspielen und rückten oft mit allen zehn Feldspielern in die Hälfte der Gunners. Wenn Tottenham einmal den Ball sauber in die gegnerische Hälfte bringen konnte, hatte man einen bemerkenswerten Fokus auf die Absicherung dieser Angriffe. Die Außenverteidiger Davies und Trippier durften nur hochschieben, wenn einer der beiden Sechser sich halblinks bzw. halbrechts abkippen ließ. Es wurde dadurch immer wieder eine falsche Viererkette gebildet, bei der entweder ein Sechser mit einem Außenverteidiger links und rechts von den Innenverteidigung absicherten, oder vereinzelt sogar beide Sechser die Absicherungs-Arbeit übernahmen, wodurch man dann wiederum mit beiden Außenverteidigern sehr offensiv agieren konnte, ohne die Restverteidigung zu schwächen. Durch diesen hohen Absicherungs-Fokus, waren die Spurs auch schnell sehr dominant und rissen das Spiel so an sich. Arsenal wurde konsequent in die eigene Hälfte gedrückt und konnte sich davon auch nicht mehr befreien. Das lag auch daran, dass die Gäste nach Ballgewinnen den Ball fast konsequent wegbolzten.

Auch hier konnte man erneut den Respekt Wengers vor dem Gegner erkennen. Man traute sich schlichtweg nicht, das Gegenpressing der Spurs zu überspielen und versuchte den Ball mit hohen Bällen vermeintlich in Sicherheit zu bringen. Doch statt der erhofften Sicherheit, mussten die Fans der Gunners mitansehen, wie ihre Mannschaft mehr und mehr die Kontrolle verlor und die Spurs mit Fortdauer der Partie immer stärker wurden.

Erschwerend hinzu kam hierbei der bedenkliche Rhythmus der Gunners im Abwehrpressing. Man stand zwar oft sehr am eigenen Sechzehner, presste in dieser tiefen Abwehrstaffelung jedoch sehr kopflos. Vor allem die Vordeck-Bewegungen waren weder gut abgesichert noch gut durchgeführt. Oft waren es plumpe Vertikalläufe auf den Ballführenden, wodurch der Raum im Rücken des Vordeckers frei und der Raum zwischen den Linien entblößt wurde. Die Spurs hatten diese Räume stets stark besetzt und konnten sich im „blinden Winkel“ des herausrückenden Spielers freilaufen, womit die Spurs spielend über die Linien des Gegners kamen.

… starkes Positionsspiel bei Tottenham

Dabei setzte die Mannschaft von Mauricio Pochettino sehr stark auf ihre Eigeninterpretation des Positionsspiels. Höchste Priorität hatte hierbei wie erwähnt die Absicherung der eigenen Angriffe. Dembélé und Dier hielten sich stark zurück, auch die Außenverteidiger Davies und Trippier besetzten nicht kopflos das letzte Drittel, sondern die Angriffe wurden stets behutsam vorbereitet.

Symbolbild für das Positionsspiel von Tottenham. Abwechselnd sichern Dier und Dembelé für die Außenverteidiger Davies und Trippier ab. Son öfter als Breitengeber, Eriksen öfter in der Halbspur/Zentrum.

Dabei waren vor allem die Spielertypen in der Offensive der Spurs entscheidend. Auf der rechten Seite hatte man mit Christian Eriksen einen nominellen Flügelspieler, welcher sich in den Halbräumen viel wohler fühlt als auf der Außenbahn. Dementsprechend oft konnte man Eriksen im rechten Halbraum antreffen. Dies wiederum führte dazu, dass Trippier sich als Rechtsverteidiger immer wieder nach vorne einschaltete und die vakante Rolle als rechter Breitengeber ausfüllen wollte. Damit er das jedoch machen konnte, musste zunächst Eric Dier halbrechts neben die Innenverteidiger abkippen und damit den weiteren Angriff absichern. Auf rechts waren die Bewegungen der Spurs somit zwar gut vorbereitet und die Positionsbesetzungen stets „sauber“ durchgeführt, jedoch konnte man hier noch von vorhersehbaren Offensivbewegungen sprechen. Kippte Dier zu den Innenverteidigern, so rückte sein Pendant Moussa Dembélé eine Reihe nach vorne, meist zwischen Aubameyang und der Mittelfeldreihe von Arsenal.

Auf links gestalteten sich die Positionssagnriffe der Hausherren ein Ticken variabler. Das lag in erster Linie am linken Außenstürmer Heung-Min Son. Der Südkoreaner ist zwar eher der Dribbler und Breitengeber, fühlt sich aber auch in den Halbräumen und im Strafraum bzw. im „Neuner“-Raum sehr wohl. Dementsprechend war Son auf der linken Seite abwechselnd in der Halbspur oder auf Außen anzutreffen. Je nachdem welchen Raum Son besetzte, schaltete sich Davies in die Offensive ein. Nachdem Son als Dribbler öfter an der Seitenlinie stand, rückte Davies dementsprechend oft vorderlaufend in den linken Halbraum ein. Das wiederum natürlich erst wenn Moussa Dembélé seine Position entsprechend abgesichert hat. Nicht selten gingen die Angriffsversuche der Spurs nahtlos von der rechten zur linken Seite über, dabei wurden die Positionen immer wieder sehr flüssig und sauber gewechselt und angepasst. Arsenal hatte dadurch enorme Probleme, den Raum zwischen den Linien zu verteidigen. Gleichzeitig konnten die Spurs dadurch immer wieder die Außen geschickt freispielen.

In der Spitze gab es schließlich große Fluktuation zwischen Dele Alli und Harry Kane. Beide konnten sich häufig mit einem simplen Positionstausch Raum verschaffen. Gleichzeitig muss an dieser Stelle betont werden, welch gutes Gespür beide Nationalteamspieler für den Raum besitzen. Vor allem durch die asymmetrische Spielweise der Außenspieler öffneten sich abwechselnd andere Räume für Alli und Kane. Diese wussten damit bemerkenswert gut umzugehen und auch die seitlich ausweichenden Läufe – vor allem von Alli – destabilisierten die Offensivstaffelung der Gastgeber fast gar nicht.

Mkhitaryan als einziges Mittel gegen die Restfeldverteidigung

Dass die Gunners trotzdem nicht komplett chancenlos waren lag in erster Linie an Henrikh Mkhitaryan. Arsenal musste durch die gewählte Spielanlage zwangsläufig auf Konter setzen und wie eingangs erwähnt war die Restverteidiung der Spurs stets gut organisiert. Da hilft es natürlich sehr einen Mkhitaryan in den eigenen Reihen zu haben, der Strukturen beim Gegner wie kaum ein anderer erkennt und es versteht den Gegner zum Rausrücken zu provozieren. Er zwingt den Gegner dadurch auch oft dazu, sich ballnah zusammenzuziehen, nur um dann im richtigen Moment den Ball abzugeben und damit ballferne Zonen freizuspielen.

Szene nach einer Ecke. Cech pflückt die Flanke von Alli runter und wirft den Ball zu Mkhitaryan, dieser lockt Trippier an und spielt direkt zu Aubameyang. Es folgt eine vielversprechende 2 gegen 2 Situation für Arsenal.

Fazit

Arsenal steckt fest. Trotz teurer Neuzugänge wie Lacazette, Aubameyang und Mkhitaryan (auch wenn dieser streng genommen nichts gekostet hat) ist keinerlei Weiterentwicklung zu erkennen. Auch der „Neuzugangs-Effekt“ von Aubameyang und Mkhitaryan scheint nach nur einem Spiel bereits verpufft. Wenger soll diesen beiden Transfers übrigens auch nicht zugestimmt haben – anscheinend aufgrund der Alterskonstellation der beiden Ex-Dortmunder. Vieles spricht dafür, dass man sich im Sommer vom Trainer-Urgestein trennen wird.

Tottenham hingegen scheint auch im vierten Jahr unter Pochettino noch Fortschritte zu machen. Nachdem man vor allem im 1. Jahr unter Pochettino über das starke (Gegen)Pressing kam, so wurde das Ballbesitzspiel in den letzten Jahren sukzessive weiterentwickelt – trotz namhafter Abgänge wie zuletzt Kyle Walker. Es wird kaum eine Überraschung sein, wenn der St. Totteringham’s Day zum zweiten Mal hintereinander ausbleiben sollte.

Alex 16. Februar 2018 um 07:04

Das Pressing von Arsenal war dermaßen „vogelwild“, dass die Mittelfeldspieler sich laufend beinahe über den Haufen gelaufen hätten. Überall wurden völlig chaotisch Räume aufgerissen. Oft wurde auch unstrukturiert gepresst und dann wieder zurückgezogen. Alles wirkte völlig improvisiert. Das war weder Raum- noch Manndeckung, sondern einfach nur Chaos. Verstehe nicht, wieso Wenger so ein schlechtes Pressing spielen lässt, der ist doch kein Idiot.

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Euler 13. Februar 2018 um 14:08

Bin gespannt wo die Reise hingeht. Die Probleme gegen die Großen sind ja nichts Neues. Bis jetzt haben die guten Ergebnisse gegen die Kleinen aber gereicht, um am Ende recht weit oben zu stehen. Letztes Jahr hat der Punkteschnitt ja noch gestimmt. 4 Andere waren eben noch besser und man war der beste Fünfte seit einiger Zeit. Heuer sieht die Lage anders aus. Die ersten Fünf spielen zwar eine gute Saison, trotzdem ist der Abstand Arsenals eigentlich schon zu groß.

Mal sehen, ob Wenger noch weiter bleibt oder ob man ihm den Abschied nahe legt. Ich denke er hat letztes Jahr, nach dem Pokalsieg, die Chance verpasst mit erhobenem Haupt zu gehen.

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GelsenHandy 13. Februar 2018 um 07:59

An dieser Analyse sieht man mal wieder, was Fußball für ein komisches Spiel sein kann. Es liest sich, als habe Arsenal fast alles falsch gemacht. Doch im Endeffekt vergeigt Lacazette ne 100%-Chance wo er einfach querlegen muss. Dann geht das Spiel 1:1 aus, evtl. wechselt das Momentum nochmal ganz zu Arsenal und die nehem n auf jeden Fall was mit.
Aber wie sagt ein „Experte“ schon so schön… „wäre wäre Fahradkette…“

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koom 13. Februar 2018 um 08:56

Da verstehst du SV falsch. In der Regel werden Spiele unabhängig vom Ergebnis bewertet. Stolpert Arsenal 2 Tore irgendwie rein und gewinnt, dann ist der Artikel ja nicht falsch. Man kann schlecht und unstrukturiert spielen und trotzdem gewinnen. DAS ist ja das, was den Fußball aus macht.

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[email protected] 14. Februar 2018 um 10:12

da hat koom – wie so oft – den nagel auf den kopf getroffen

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kalleleo 12. Februar 2018 um 15:33

Schoene Analyse. War echt bitter anzusehen wie unkoordiniert die Arsenal-Zentralspieler (allen voran Xhaka) teilweise unterwegs waren im Vergleich zum Gegenpart bei den Spurs. Solange Wenger (oder der potenzielle Nachfolger) das nicht abgestellt bekommt, wird Arsenal immer wieder defensiv schwach aussehen gegen gut organisierte Gegner.

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tobit 13. Februar 2018 um 20:21

Was Arsenal am meisten fehlt, ist ein Sechser. Einer, der eben nicht überall auftaucht und mitmacht, sondern seinen Posten hält. Das kann aktuell keiner und ist auch in Wengers Philosophie (glaube ich) nicht so wirklich vorgesehen.
Xhaka hat eigentlich alle Anlagen für einen Sechser – ist nur schlicht „zu blöd“, sie richtig einzusetzen. Der hat ein tolles Passspiel, (manchmal) eine gute Übersicht, ist zweikampf-, lauf- und kopfballstark – aber er läuft halt wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gegend, stellt sich den eigenen Leuten in den Weg oder steht in irgendeinem Deckungsschatten rum. Dazu kommen dann im Kader zwei Box-to-Box-Typen (Ramsey, Elneny) und zwei „Dribbel-Spielmacher“, die fast immer verletzt sind (Santi, Wilshere). Am ehesten konnten da noch Cazorla (der wohl nie wieder sein bestes Niveau erreichen wird) oder (der mittlerweile verkaufte) Coquelin als richtige Sechser spielen. Özil und Mkhi braucht es zwingend offensiver (und Sechser sind die beiden auch nicht), weil man im Lauf der Saison (fast) alle Flügelstürmer abgegeben hat und dafür nur Mkhi gekommen ist.
Mit den ganzen IV (und fehlenden Offensiven) muss man fast schon 3er-Kette spielen, wenn man nicht jeden zum Kontern hinter die AV einladen will. Sowas http://lineupbuilder.com/?sk=g09s fände ich klasse, wird es aber wohl nicht geben. Die halbrechte Offensivposition könnte entweder Iwobi als einrückender, kombinierender „Flügel“stürmer oder Lacazette als gelegentlich mitspielender Neuner besetzen. Entsprechend spielt dann Auba mit Iwobi etwas mehr im Zentrum (beschäftigt auch die gegnerischen IV ein bisschen) und mit Lacazette im vollen „Cristiano-Modus“.

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Kk 15. Februar 2018 um 23:12

Eigentlich hat Xhaka alles, um ein überragender Ankersechser zu sein. Arsenal müsste halt einfach mit einem spielen. Ein Dreiermittelfeld mit nem Ankersechser, nem Boxtoboxer und nem (dribbelnden) Spielmacher sollte eigentlich ganz ordentlich funktionieren, v.a. wenn Ramsey, Xhaka und X spielen. Aber ich habe zz das Gefühl, dass die Rollenverteilung im Zentrum recht diffus und ungenügend definiert ist.

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