Cesare Prandelli – Ein steiniger Weg zum Nationaltrainer

Er gilt als einer der großen Taktiker der Fußballwelt. Dennoch ist Cesare Prandelli hierzulande kein allzu bekannter Trainer. Dieser Artikel erschien als kleines, kompaktes Trainerporträt in unserer EM-Vorschau 2012:

Seine Bekanntheit hält sich in Deutschland in Grenzen, obwohl er 2010 den Bayern unter van Gaal mit Außenseiter Florenz in der Champions League beinahe ein Bein gestellt hätte – und es in gewisser Weise auch tat. Seine Formation sollte für die Bundesligatrainer in den nachfolgenden Spielen eine Art Schlüssel zum Knacken der Bayern darstellen. Unter anderem sprach Dieter Hecking nach Nürnbergs Punktgewinn davon, dass er sich am System des italienischen Trainerkollegen orientiert hatte. Ansonsten ist der italienische „commissario tecnico“ in Deutschland ein unbeschriebenes Blatt. Schuld daran mag seine wenig hervorstechende Spielerkarriere sein.

Prandellis Weg zum Trainer

Geboren wurde der italienische Nationaltrainer am 19. August 1957 in Orzinuovi. Der Lombarde begann auch im Norden Italiens seine Karriere,  in der Jugend beim US Cremonese erlernte er das Fußballspielen im zentralen Mittelfeld. Mit nur 17 Jahren gab er sein Debüt in der dritten italienischen Liga, welche sie in der Saison 1976/77 gewinnen konnten. Der damit verbundene Aufstieg in die Serie B sollte die ideale Plattform für den jungen Achter darstellen.

Nach einer weiteren Saison wechselte er eine Etage höher zu Atalanta Bergamo, wo er sich auf Anhieb einen Stammplatz sichern konnte. Aufgrund seines Potenzials wurde er im Sommer 1979 von Juventus gekauft und pendelte dort in den kommenden Jahren zwischen Bank und Stammplatz; in 138 Spielen traf er zwei Mal. Drei Scudetti und ein nationaler Pokal gesellten sich zu drei europäischen Trophäen, zum Einsatz kam er allerdings nur im Finale des Meisterpokals 1985 – der Tragödie von Heysel.

Diese sollte Charakter und Einstellung Prandellis nachhaltig beeinflussen, nach dem aufgrund von Ausschreitungen unterbrochenen Qualifikationsspiel gegen Serbien fühlte er sich sogar unangenehm daran erinnert. Als Trainer vertritt er den Standpunkt, dass die Sicherheit über allem steht; „Fans“, welche sich durch Gewalttaten im Stadion strafbar gemacht haben, sollten prinzipiell ein lebenslanges Stadionverbot erhalten. Auch wegen seiner Attitüde, Trainer und Spieler sollten als Vorbilder vorangehen, gilt er als Gentleman.

Angeblich soll er nach den beiden Vorkommnissen sogar über ein Karriereende nachgedacht haben. In seiner Zeit als Spieler sorgte die Katastrophe zumindest für eine Rückkehr ins weniger glamouröse Bergamo. Dort ließ er seine Karriere ausklingen und übernahm diverse Jugendmannschaften Atalantas. Sieben Jahre (1990 – 1997) arbeitete er mit dem Nachwuchs der Lombarden, 1993/94 übernahm er für eine halbe Saison erfolglos den Posten des Interimstrainers.

Rückschläge und Achtungserfolge – die Trainerkarriere Prandellis

Ebenso verlief sein erster Job als Cheftrainer eines Vereins. Sein Ruf als hervorragender Jugendtrainer brachte ihn bei US Lecce auf den vakanten Trainerposten. Schon im Januar 1998 wurde er allerdings entlassen, sein Nachfolger Angelo Pereni konnte den Abstieg dennoch nicht verhindern.

Nur kurze Zeit später versuchte er sich bei Hellas Verona in der Seria B und stieg sofort auf. In der Folgesaison etablierten sich die Gelbblauen mit einem guten neunten Platz in der Serie A. Auch seine Zeit in Venedig 2000/01 verlief positiv. Mit den meisten erzielten Toren stiegen sie als Tabellenvierter in die Serie A auf; nach einem schwachen Saisonstart erhielt Prandelli jedoch die Kündigung. Ohne ihn stiegen die Venezianer wieder ab und finden sich nach finanziellen Problemen aktuell nur noch in der vierten Liga wieder. Gleichzeitig kam ein Angebot von Parma herein, deren Trainerstuhl als Schleudersitz galt.

Prandelli war der vierte Trainer in der  Saison 2001/02 und sollte bis 2004 bei dem schlafenden Riesen bleiben (acht Titel von 1992 bis 2002), der, trotz zahlreicher Stareinkäufe Ende der 90er-Jahre, nach der Jahrtausendwende mit Abstiegsängsten zu kämpfen hatte. Unter Sportdirektor Arrigo Sacchi schafften sie es, ihre Kosten zu reduzieren und das Team dennoch in höhere Tabellengefilde zu führen.

Sie gehörten wieder zu den „sette sorelle“ (sieben Schwestern, die Topteams der 90er-Jahre in Italien) – doch der Einbruch und finanzielle Kollaps kam aufgrund des Parmalatskandals 2004. Der Schuldenabbau konnte nicht schnell genug in Einklang mit den sportlichen Zielen gebracht werden und Prandelli verließ das sinkende Schiff. Er wurde vom AS Rom eingestellt, die Beziehung sollte allerdings unter keinem glücklichen Stern stehen.

Der im Jahr 2001 diagnostizierte Brustkrebs bei seiner Frau verschlimmerte sich und Prandelli nahm sich eine Auszeit vom Fußball. Er kündigte seinen Vertrag und blieb in der Saison ohne Beschäftigung in der Fußballbranche. Ende November 2007 verstarb sie schließlich. Im Alter von 25 Jahren hatte er Manuela Caffi geheiratet, die er sieben Jahre zuvor in seiner Heimatstadt kennengelernt hatte. Sie schenkte ihm zwei Kinder, Carolina und Nicolò, welcher aktuell Fitnesstrainer beim FC Parma ist. Im Jahr 2010 fand er sein privates Glück bei Novella Bennini, der ehemaligen Lebensgefährtin eines bekannten italienischen Finanzmanagers, wieder.

Fiorentina unter Prandelli

Fiorentina unter Prandelli

Nach seiner Auszeit wurde Prandelli Trainer in Florenz. Die Saison 2004/05 beendeten sie mit einem Punkt vor dem Vorletzten aus Brescia punktegleich mit Bologna und Parma. Diese beiden Vereine mussten in die Relegation, während sich die Toskanen knapp retten konnten. Bereits in der ersten Saison unter Prandelli sollte sich allerdings alles verändern. Am Ende standen sie auf Platz vier und somit auf einem CL-Platz, wegen des Calciopoli-Skandals wurde sie jedoch auf den neunten Tabellenplatz herabgestuft.

Die folgende Saison begannen sie mit 15 Minuspunkten – dennoch konnten sie sich im oberen Drittel etablieren und wurden punktgleich hinter Palermo Sechster. Ohne die abgezogenen Punkte wären sie sogar auf Platz drei, zwei Punkte hinter Vizemeister AS Rom, gelandet. Diese hypothetischen 73 Punkte sollten die beste Saison unter Prandelli darstellen. Aber sie konnten sich in den nächsten zwei Jahren jeweils für einen CL-Platz qualifizieren und lediglich in der Saison 2009/10, Prandellis letzter, landeten sie wieder im Mittelfeld. In dieser Saison überholte er Fulvio Bernardini als den langjährigsten Trainer in der Klubgeschichte der Viola und schied nur knapp gegen den späteren CL-Finalisten Bayern München aus. Ein großes Handicap in der Saison war die Dopingsperre Adrian Mutus, des Schlüsselspielers in Prandellis System.

Der Kopf der Squadra Azzurra

Wenige Monate später wechselte Prandelli zum italienischen Verband und wurde Nationalcoach Italiens. Als Nachfolger des Weltmeisters Marcello Lippi stand ihm eine große Aufgabe bevor, die relativ schwach begann: mit einer 0:1-Niederlage gegen die Elfenbeinküste.

Unter seiner bisherigen Ägide gewannen die Hellblauen übrigens nur drei von zehn Freundschaftsspielen, fünf gingen verloren. Dies liegt hauptsächlich daran, dass den Spielern in solchen Situationen oft die Konzentration fehlt und Prandelli die Spiele zum Experimentieren nutzt. In der EM-Qualifikation hingegen überzeugten sie durchgehend, ebenso wie beim 2:0-Freundschaftsspielsieg gegen den amtierenden Welt- und Europameister Spanien. Pro Qualifikationsspiel schossen sie zwar nur elf Mal aufs Tor des Gegners (was den elften von vierzehn Plätzen aller qualifizierten Teams bedeutet), kassierten allerdings auch kaum Tore. Dies geschah aber keineswegs, weil Prandelli sich der klassischen italienischen Tugend des Defensivfußballs bedient hätte. Im Gegenteil: die Italiener ließen Ball und Gegner laufen, konzentrierten sich im Offensivbereich lieber auf qualitativ wertvolle Torversuche.

Und hinten ließen sie nichts anbrennen: nur 0,2 Gegentore pro Spiel sowie 26 Punkte aus zehn Spielen bedeuteten jeweils italienischen Rekord. Die Punktezahl wurde ohnehin nur von WM-Finalist Niederlande (27) und dem EM-Favoriten aus Deutschland (30) überboten. Doch die Änderungen Prandellis bezogen sich nicht nur auf das Geschehen auf dem Platz. In gewisser Weise führte er das ganzheitliche Führungsprinzip in die italienische Nationalmannschaft ein.

Seiner Meinung zufolge kommen Fans und Land an erster Stelle, weswegen er unbedingt deren angeknackste Beziehung zur Nationalmannschaft restaurieren wollte. Darum führte er einen „Ethikkodex“ ein, welchen jeder Spieler einhalten musste. Dieser sieht unter anderem vorbildliches Verhalten auf und neben dem Platz vor. Sogar auf Klubebene sind die Spieler nicht vor Prandellis Augen geschützt. Dies mussten bereits Daniele de Rossi und Mario Balotelli spüren, als sie wegen Verfehlungen in ihren Vereinen nicht zur Nationalmannschaft berufen wurden. Simone Farina, ein weitgehend unbekannter Außenverteidiger aus der Serie B, durfte hingegen aufgrund vorbildlichen Verhaltens drei Tage bei der Nationalmannschaft mittrainieren. Er war Hauptankläger, Zeuge und einer der Bestechungsverweigerer bei einem neuerlichen Skandal der italienischen Liga im Jahre 2011.

Vor der Europameisterschaft werden die Italiener weiterhin ihre positive Image-Kampagne betreiben. Sie besuchen geschlossen das ehemalige Konzentrationslager in Auschwitz und sehen sich dabei als Vertreter des teilweise noch immer stark rechts geprägten Italiens. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Marcelo Lippi, welcher Balotelli angeblich wegen dessen Hautfarbe keine Chance bieten wollte, positioniert sich Prandelli klar gegen jegliche Formen des Rassismus.

Auch gegen Homophobie äußerte er sich bereits in Interviews. Allerdings ist er nicht nur der nette Gentleman aus dem Fernsehen, der Trainer der Squadra kann auch anders. So kritisierte er die italienische Politik aufgrund fadenscheiniger Versprechungen und ihren mangelnden Investitionen in den italienischen Fußball beziehungsweise seiner Infrastruktur in Form moderner Stadien und bespielbarer Plätze. Er legte sich ebenfalls mit der gesamten Liga an, als er einen Kurzlehrgang für die Nationalmannschaft im April einforderte – und ihn nach längerer Diskussion auch bekam. Wichtig für ihn war die Festigung der neuen italienischen Spielphilosophie.

Der Erneuerer

Laut eigener Aussage orientiert er sich am Spiel des FC Barcelona. Kurzpassspiel, Dominanz und ein offensivgeprägter Spielstil dienen aber nicht nur dem Eigennutz. Vielmehr gehört es zu dem ganzheitlichen Prinzip, mit welchem er die Fans wieder zur Nationalmannschaft „zurückholen“ will. Deswegen sucht er auch den schmalen Pfad zwischen Selbstbewusstsein („Natürlich können wir Europameister werden, ich halte uns für gut genug“) und Zugeständnissen an die Konkurrenz, seien es vermeintliche Fußballzwerge wie Slowenien und Kroatien, die er lobt und stark redet, oder der große Gegner aus Deutschland, welchen er als EM-Favoriten sieht.

Gleichzeitig fordert er eine verstärkte Jugendarbeit, da in seinen Augen die Mannschaften zu sehr auf Legionäre setzen, die talentierten Jungspielern aus der Heimat die Zukunft verbauen. Hier sieht er weitere positive Impulse aus Deutschland. Dort agieren die Vereine „weniger vorschnell und geben mehr Zeit, welche jeder für seine Entwicklung benötigt“. Hierbei verlangt er eine wissenschaftliche Vorgehensweise – welche nun dank Arrigo Sacchi als Kopf der Jugendförderung beginnt. Für ein umfassenderes Scouting, Regelveränderungen in den Spielen der Jugendmannschaften sowie modernere Spielsysteme soll er intern bereits Wort eingelegt haben.

Anders als manche Trainerkollegen in Italien praktiziert Prandelli mit seinen Mannschaften eine Viererkette. Bereits in den Neunzigern bei Hellas Verona ließ er vorzugsweise im 4-4-2 spielen, wobei er teilweise mit einer Dreierkette und einem 4-5-1 experimentierte. Beim AC Parma spielte er zu Beginn sogar in einem 4-3-3, stellte dies dann auf das einfachere 4-4-2 um. In der zweiten Saison (2003/04) wurde schließlich das 4-2-3-1 zum Standardsystem, welches sich heute im gesamten modernen Fußball als die primär genutzte Formation etabliert hat.

Seiner Flexibilität tat dies keinen Abbruch, beim AC Florenz erreichte sie sogar ihren vorläufigen Höhepunkt. In 190 Serie-A-Partien nutzte er bei einem Drittel der Partien ein 4-2-3-1 oder ein 4-3-3, zu je einem Sechstel eine Tannenbaumformation, die Raute und die flache Vier, jeweils Varianten des 4-4-2. Die restlichen Systeme waren Experimente mit drei Stürmern oder einem stark aufgerückten Mittelfeld, ob mit einer Dreierkette hinter zwei Stürmern oder gar einer Viererkette hinter einem Mittelstürmer. Dies zeigt, wie flexibel der Trainer und Taktiker Prandelli ist. Nicht nur wegen seiner Vorreiterrolle beim 4-2-3-1 ist er in Italien als Wissenschaftler des Fußballs verschrien.

Es wird interessant sein zu sehen, welche Formation er für die anstehende Europameisterschaft wählt. Zurzeit präferiert er die Raute, wobei auch eine flache Vier und das 4-3-3 als Alternativen gelten. Allerdings dürfte die Zahlenkombination gar nicht so wichtig sein – entscheidend ist, dass die Null steht und trotzdem nach vorne gespielt wird.

Mittlerweile sind zwei Jahre vergangen. Wir hoffen, dass wir uns seitdem sprachlich weiterentwickelt haben und unsere Artikel noch detaillierter und präziser sind, wenngleich ein SV-Autor nach eigener Einschätzung seinen Zenit bereits im Herbst 2011 erreicht haben soll…

Die Entwicklung der Italiener und natürlich auch Prandellis seit 2012 kann man in unserer aktuellen WM-Vorschau nachlesen. Neben einer kleinen Werbung für unsere WM-Vorschau wollten wir mit der Re-Publikation dieses Artikels auf unserer Seite aber auch einem unterschätzten Taktiker Tribut zollen. 

NanLei 26. Juli 2014 um 08:57

Jetzt Galatasaray Istanbul nach der Absage von Thomas Tuchel. Vielleicht kann er die Türken zum zweiten Europa League Titel nach mehr als zehn Jahren führen. Der letzte Uefa Cup Erfolg war gegen Arsenal mit zwei toten Leeds Fans. Ohne Drogba und mit Snijder Wesley als eine Art Andrea Pirlo

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juventino 9. Juni 2014 um 20:32

Tolles Portrait! Freut mich sehr, dass noch ein kleines Appetithäppchen zu Italien kommt, fand es schade, dass es keinen zusätzlichen Bericht zu ihnen gab in der WM-Vorschau (abgesehen davon, dass Italien, abgesehen von Pirlo, die langweiligsten Spielerbeschreibungen hat. Psychologische Kriegsführung?)

An dieser Stelle natürlich auch wieder grosses Lob an die tolle Vorschau, unglaublich was ihr aus dem Ärmel zaubert. Weiter so! Ihr seid Der Daniel Baier der Fussball-Berichtserstattung.

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blub 8. Juni 2014 um 23:10

Der Witz mit dem Zenit im Herbst 2011 wird a) langsam alt und b) ist es nur halb so witzig wenn der gleiche Text 2 Zeilen weiter in der Autorenbeschreibung steht.

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CE 8. Juni 2014 um 23:17

Tut mir leid. Das geht hier auf meine und nicht auf RMs Kappe. 😉

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