Three Lions erlegen Wales in letzter Minute

England gegen Wales ist eines der interessantesten Spiele dieser EURO-Gruppenphase. Beide Teams haben am ersten Spieltag – und bisweilen schon in der Qualifikation – überzeugen können, dazu kommt natürlich eine gewisse Derbystimmung bei diesem Aufeinandertreffen auf. Das Spiel selbst enttäuschte nicht.

Wales startet mit flexiblem Pressing

Grundformationen

Grundformationen

Schon in den ersten drei Minuten zeigte Wales, wieso sie für Kollege MR eine der interessantesten Mannschaften bei dieser EURO darstellen. Direkt zu Spielbeginn kreierten sie flexibel durch die Mannorientierung unterschiedlichste Staffelungen; ob 5-2-3, 5-3-2, 3-4-3(-0) oder sogar 3-4-1-2 und 3-1-4-2. Ursächlich waren zwar die Mannorientierungen, doch Wales spielte diese nicht stupide, sondern übergab Gegenspieler gut zum nächsten Mitspieler oder in den Raum und löste sich auch oft von nichtanspielbaren Gegenspielern, um den Raum zu sichern.

Dazu waren die Rollen von Ramsey und den Flügelverteidigern interessant. Anfangs pendelte Ramsey zwischen einer raumfüllenden Rolle im Mittelfeld und einer unterstützenden Funktion in der vorderen Reihe. Insbesondere rückte er situativ auf freie Anspielstationen neben Bale und Robson-Kanu heraus. Die Flügelverteidiger wiederum variierten ihre Position je nach Situation. Standen die Außenverteidiger Englands tief, gingen sie zwar mit, aber blieben in der gleichen Linie wie das eigene Mittelfeld. Selbst wenn Englands Außenverteidiger sich dann tiefer positionierten, dann lösten sie die Mannorientierung auf und spielte zurückhaltender. Damit wollte man wohl auch die Sechser nicht zum Abdecken zu großer Räume zwingen und war auch gewappnet zum Doppeln der Flügelstürmer Englands bei längeren Pässen auf diese.

Nach der Anfangsphase spielte man aber verstärkt im 5-4-1; Ramsey und Bale (oder auch Robson-Kanu stattdessen) ließen sich zurückfallen, obgleich alle vier Mittelfeldspieler situativ herausrücken und sich höher positionieren konnten. Besonders Ledley fand sich auffällig oft in einer anderen Zone und presste sehr flexibel. Das 5-4-1/5-3-2 ging auch mit einer tieferen Staffelung im Pressing einher. England wurde nämlich langsam die dominantere Mannschaft.

Aufbauprobleme und Rhythmusvorteile

Ideal war das Aufbauspiel der Three Lions trotz Schussüberlegenheit und annährend 70% Ballbesitz zur Halbzeit nicht. So waren Dier und Rose leicht problematisch in der Spieleröffnung. Besonders Dier ließ sich anfangs zu weit und unpassend zurückfallen. Häufig pendelte er zu sehr in Richtung von einem der Innenverteidiger, spielte kaum Pässe ins Mittelfeld und fiel auch ohne Grund zurück. Später verbesserte sich dies.

Wales wurde sukzessive nach hinten gedrängt, insbesondere Walker und Lallana konnten auf der rechten Seite einige Male kombinativ den Ball nach vorne bringen sowie sich auch für die folgenden Aktionen anbieten. Die leicht abnehmende Intensität Wales‘ half England ebenfalls. Am wichtigsten war jedoch der Rhythmusvorteil, den England hatte.

Wales wurde in dieser Partie nämlich etwas „englisch“. Wohl aufgrund der Angst vor Ballverlusten und des durchaus guten Pressings der Engländer spielten sie Abstöße kaum noch kurz heraus, sondern nutzten immer wieder lange Bälle von Hennessey nach vorne, wo sich Ramsey, Bale und Robson-Kanu eng aneinander positionierten, während die Mittelfeldreihe dahinter auf den zweiten Ball gehen sollte. Das funktionierte jedoch nur bedingt.

Das (seltene) 3-4-3-0 der Anfangsphase bei Wales.

Das (seltene) 3-4-3-0 der Anfangsphase bei Wales.

Diese Suche nach zweiten Bällen nach Abstößen und darauffolgenden höheren Kombinationen führte öfters zu Ballverlusten in höheren Zonen und Ballbesitz für England sowie sogar einzelnen Konterattacken. Einige Male spielte Wales sogar nach erfolgreichen Ballbehauptungen in höheren Zonen aufgrund des englischen Pressings gezwungermaßen zurück und wurde von England zurückgedrängt, bevor Hennessey abermals den langen Ball spielte.

Erst später zeigte Wales wieder vermehrt – wenn auch nach wie vor nicht konstant wie in der Qualifikation – ein konstruktives, durchaus gutes Ballbesitzspiel. In diesen Phasen schaffte man es, zumindest als auch England weniger intensiv presste, den Ball laufen zu lassen und gleichwertig zu agieren. Ein Freistoßdistanztreffer durch Gareth Bale sorgte auch dank der guten Defensivleistung sogar für die Führung zur Halbzeit und zwang Hodgson zur Umstellung.

Rooney lebt auf

Gleich zwei Wechsel gab es zur Pause. Für Kane und Sterling wurden Sturridge und Vardy eingewechselt. Dadurch wurde Lallana auf die andere Seite geschoben, Sturridge gab einen präsenten und weit einrückenden rechten Flügelstürmer, der sich immer wieder in Richtung Sturmzentrum orientierte. Wichtig war aber auch die Veränderung Rooneys. Alle seine vier Dribblings kamen in der zweiten Halbzeit, dazu hatte er keinen Ballverlust am Ball mehr. Sein sehr gutes Bewegungsspiel wurde nun fokussierter eingebunden. Immer wieder konnte er den Ball im Mittelfeldzentrum erhalten, verteilte ihn geschickt und war auch wegen seines guten Freilaufverhaltens schwierig abzudecken.

Neben Rooney und der etwas veränderten Personalwahl war aber die stetig abnehmende Intensität und Pressinghöhe Wales‘ ein enorm wichtiger Faktor. Die Waliser kamen kaum noch aus der eigenen Hälfte heraus, zeigten kein gutes Pressing mehr und schafften es auch nicht, Entlastungsangriffe zu fahren. Dabei hätte es hierfür durchaus die Möglichkeit gegeben, da England im weiteren Spielverlauf immer weniger Gegenpressing betrieb; die Flügelstürmer (später noch Rashford für Lallana) spielten sehr offensiv und hoch, das eigentliche 4-1-4-1 wurde nun endgültig zum 4-3-3. Desweiteren wirkte England etwas erschöpft und eben sehr offensivorientiert.

Bale und Co. konnten jedoch kaum den Ball im Umschaltspiel behaupten und es gab sehr viele Ballverluste. 14:4 Schüsse für England in der zweiten Halbzeit waren die Folge dieses entstehenden Dauerdrucks Englands, von dem sich Wales nicht befreien konnte. Neben physischen und taktischen Faktoren war auch die strategische Spielanlage nicht ideal. Das 5-4-1 wurde in der zweiten Hälfte fast konstant betrieben, nach Balleroberungen gab es aber deswegen kaum Passoptionen nach vorne. Selbst wenn einzelne Spieler in offene Räume angespielt werden konnten, so hatten sie zu wenig Unterstützung für erfolgreiche Folgeaktionen.

Rooney am Ball gegen Wales' 5-4-1. Ausreichend Raum und ein paar Spielzüge nach Verlagerungen sorgen für druckvolle Präsenz.

Rooney am Ball gegen Wales‘ 5-4-1. Ausreichend Raum und ein paar Spielzüge nach Verlagerungen sorgen für druckvolle Präsenz.

England wiederum konnte unter Druck fast immer zurückspielen, hatte Rooney und Dier knapp vor dem Mittelfeld Wales‘ positioniert und konnte dadurch auch effektiv die Seite wechseln. Zwar ging über die linke Seite wegen Roses schwacher Leistung wenig, Walker brach jedoch einige Male durch und auch in der Mitte gab es einzelne gute Kombinationen. Herausrückbewegungen der Defensive Wales‘ führten wiederum zu simplen Rückpässen auf die Innenverteidiger und schnelle Pässe nach vorne. Diese Mischung war die Ursache, wieso aus einer marginalen Überlegenheit der Engländer in der ersten Halbzeit eine souveräne, dominante Leistung in der zweiten Spielhälfte wurde (2.1 zu 0.4 Expected Goals nach Statistikanalyst Michael Caley), welche vom späten Siegestreffer noch belohnt wurde. Wales‘ Umstellung auf das System aus dem ersten Spiel – inkl. gleichem Personal – mit Bales als Mittelstürmer zahlte sich wiederum nicht mehr aus.

Fazit

Eines der besseren Spiele bei dieser EURO. Wales begann gut, bereitete England im Spiel gegen den Ball Probleme, hatte allerdings kaum Chancen. Bales Tor führte sie allerdings mit einer unerwarteten Führung in die Kabine. England reagierte allerdings gut, spielte deutlich dominanter und präsenter, während Wales‘ defensivere Ausrichtung im 5-4-1 kaum zu Entlastungsangriffen führte. Mit zwei Toren in der zweiten Halbzeit – davon einem Tor in den Schlussminuten – konnte sich England jedoch noch mit einem Sieg aus der Affäre ziehen.

Todti 17. Juni 2016 um 05:49

Mich hat das Spiel ein wenig traurig gestimmt, da Wales, wie im Artikel beschrieben, leider nicht zu längeren Ballzirkulationen kam. Das war schon frustrierend.

Während der zweiten Halbzeit kam mir Dier ziemlich redundant vor, da er einfach kein guter Ballverteiler ist und sein Fähigkeitenprofil nicht wirklich gebraucht wurde. Wenn es ein K.O.-Spiel gewesen wäre, hätte ich mir gut einen Wechsel Dier-Wilshere mit einem Verschieben von Rooney ins defensive Mittelfeld vorstellen können. Die Absicherung im Falle, dass Wales doch mal einen Angriff durchbringen könnte, hätte Rooney vermutlich nicht gewährleisten können, aber das Risiko wäre es möglicherweise Wert gewesen. (Bzw. ich hätte das Experiment einfach gerne gesehen.) Er war ja sowieso der primäre Ballverteiler bzw. die einleitende Person und ohne Dier neben ihm, aber dafür mit einem technisch-kombinativ stärkeren Spieler vor ihm zwischen den Linien, hätte man möglicherweise früher in der Mitte durchbrechen können. Ich fand es schon bezeichnend, dass das 2:1 nach dem gefühlt ersten Doppelpass durch den Halbraum gefallen ist, auch wenn natürlich ein wenig Glück dabei war.
Irgendwie sowas hier: http://lineupbuilder.com/2014/custom/?sk=b96v

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Bernhard 16. Juni 2016 um 22:08

Rooney, der kompletteste Spieler jemals. <3

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Todti 17. Juni 2016 um 05:30

<3

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Truu 16. Juni 2016 um 19:35

Ich möchte gerne auf den ausgezeichneten Artikel des Autors dieses Artikels http://spielverlagerung.de/2015/02/23/das-3-6-1-ein-logischer-schritt/ zurück kommen und eine simple Frage in den Raum stellen:

Mich hat es sehr überrascht, dass Wales trotz der relativen Kompaktheit (die Engländer kamen kaum in der 14-er Raum) so verwundbar war. Lag es daran, dass die drei nominell offensiven Spieler die Angriffe nicht weit genug zur Seite schoben, oder dass die 5-er Kette einen Spieler zuviel beschaeftigte, so dass der eine Spieler im zentralen Mittelfeld fehlte? Zudem haette so ein 3-6-1 hier Abhilfe schaffen koennen, zumal die englischen Stürmer sehr zentral spielten?

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