Bundesliga-Topspiel: Wölfinnen offensiv ohne Biss, Bayern effizient

Ein langer Freistoß und eine anschließende Bogenlampe reichte Bayern München, um im Spitzenspiel gegen den VfL Wolfsburg die drei Punkte an der Grünwalder Straße zu behalten. Die Spielerinnen von Cheftrainer Thomas Wörle sahen allerdings über weite Teile der Partie unterlegen aus. Wolfsburg konnte jedoch die Feldvorteile nicht effektiv nutzen.

2015-09-11_Bayern-Wolfsburg_Grundformation

Zwischen Däbritz und Evans, Goeßling und Bussaglia, Popp und Bachmann sowie zwischen Behringer und Leupolz gab es ständige Seitenwechsel.

Grundformationen

Beim Gastgeber aus München lief die bestmögliche Startelf auf, wobei einige Spielerinnen verletzungsbedingt nicht zur Verfügung standen – darunter Angreiferin Lena Lotzen sowie die spanische Spielmacherin Vero Boquete. Wie bereits in den beiden vorangegangenen Bundesligapartien agierte Bayern aus einer 3-4-2-1-Grundformation heraus. Im Vergleich zum 2:0-Sieg beim 1. FC Köln musste lediglich Laura Feiersinger zugunsten der talentierten Mittelfeldspielerin Melanie Leupolz weichen. Sie gesellte sich erwartungsgemäß an die Seite von Melanie Behringer auf der Doppelsechs. Beide bildeten den Dreh- und Angelpunkt im Aufbauspiel von Bayern.

Jenes wollte der VfL Wolfsburg möglichst früh eindämmen und Cheftrainer Ralf Kellermann setzte seinerseits auf eine Dreierabwehrreihe in einer recht fluiden 3-4-3-Formation. Der FIFA Trainer des Jahres 2014 schloss sich damit in dieser Saison einem Trend an, wonach die Top-Teams der Bundesliga zunehmend auf Dreierketten und entsprechende Abwehrmechanismen setzen. (Eine kurze Übersicht zur Kadersituation bei den Meisterschaftskandidaten hat übrigens Jolle auf Miasanrot veröffentlicht.)

Erste Halbzeit

In der konkreten Ausführung gab es in diesem Spiel zwischen beiden Teams einige Unterschiede. Die bayerische Dreierabwehrreihe fächerte meist breit auf und beide Flügelläuferinnen schoben in diesen Momenten bereits ein Stück weit nach vorn. In der Regel sollten die ersten Vorwärtspässe direkt bei Behringer oder Leupolz landen, wobei Erstere zumeist ein paar Meter nach hinten fiel.

Allerdings presste Wolfsburg aggressiv und schuf mit den drei vorderen Angreiferinnen eine Gleichzahlsituation. Das schnelle Herausrücken der Niedersachsen und die klaren Zuordnungen forcierten mehrmals schnelle Aufbaupässe von Münchener Seite, die dann oftmals nach außen auf eine der beiden Flügelläuferinnen ging. Gerade Leonie Maier bewies im Anschluss einmal mehr, dass sie von der Außenbahn spielgestalterisch tätig sein kann. Ihre einrückenden Läufe und ihr insgesamt flexibles Bewegungsmuster gaben den Bayern auch in dieser Partie Möglichkeiten, um den Ball in die vorderen Reihen zu spielen.

Allerdings bestimmte Wolfsburg zunächst die Anfangsphase. Der Spielaufbau war keine Augenweide, aber die Gäste konnten sich in der Regel präzise auf die Flügel kombinieren oder Lena Goeßling im Loch hinter den drei Angreiferinnen der Bayern anspielen. Die vordersten Akteurinnen der Gastgeber versuchten im Pressing beispielsweise Babett Peter zu doppeln, wobei Mittelstürmerin Vivianne Miedema den Passweg zu Nilla Fischer zustellen wollte, während Sara Däbritz im Bogen in den Rücken von Peter lief. Es blieb jedoch bei einzelnen Unternehmungen dieser Art.

Die anfängliche Dominanz der Wolfsburger wurde nicht nur vom präzisen Aufbauspiel sowie dem aggressiven Angriffspressing begünstigt, sondern auch die herausrückenden Bewegungen von Goeßling hatten zumindest in den ersten zwanzig Minuten ihren Effekt. Gegen den Ball lief sie meist direkt Leupolz an, um entsprechende Drehungen der Münchnerin zu verhindern. Offensiv schob Goeßling teilweise bis auf den linken Flügel vor und schuf in dieser Form kurze Überladungen.

Insgesamt war Wolfsburg anfänglich sehr stark auf die linke Seite fokussiert. Die Mechanismen der Abwehrreihe gaben hierbei klare Hinweise. Denn zumeist waren die drei nominellen Verteidigerinnen etwas nach links verschoben. Noëlle Maritz rückte als linke Halbverteidigerin weit nach außen und unternahm auch viele attackierende Läufe, wodurch wiederum Lara Dickenmann mehr Möglichkeiten sah, sich freier im zweiten und letzten Drittel zu bewegen. Während also Maritz aktiver am Angriffsspiel teilnahm und die linke Seite verstärkte, sicherte Fischer rechts ab.

Hinzu kam das Laufpensum der rechten Flügelläuferin Anna Blässe, die gegen den Ball nicht nur als Rechtsverteidigerin agierte, sondern zudem aufgrund ihrer Präsenz weiter vorn im Verlaufe der Partie immer mehr Ballkontakte hatte. Allerdings lief Blässe nicht nur auf Schienen die Außenbahn auf und ab. Die 28-Jährige zog im Offensivdrittel immer wieder nach innen und sorgte so für ein kurzzeitiges Zuordnungsproblem in der Bayern-Defensive.

So positiv diese Ansätze auch wirkten, Wolfsburg hatte erhebliche Probleme die Dominanz am Ball in effektive Torabschlüsse umzumünzen. Im fluiden 3-4-3 der Niedersachsen mangelte es vor allem an Verbindungen in der Angriffsreihe. Julia Simic blieb meist auf der halbrechten Position, während Alexandra Popp und Ramona Bachmann immer wieder rochierten. Popps Ausweichen auf die linke Seite hatte aber keinen nennenswerten Effekt, obwohl die deutsche Nationalstürmerin mit ihrer physischen Präsenz immer wieder den Ball behaupten konnte. Aber es mangelte schlichtweg an Verbindungen ins Zentrum. Die Bayern konnten durch cleveres Verhalten der Halb- sowie der Flügelverteidigerin die Passwege nach innen zustellen.

Alles in allem war es eine zerfahrene Partie. Da sich beide Grundformationen komplett spiegelten und beispielsweise auf Seiten Wolfsburgs die ausweichenden Läufe und ständigen Rochaden nicht perfekt abgestimmt schienen, neutralisierte man sich nach rund einer halben Stunde. Viele Zweikämpfe und unklare Szenen prägten das Bild.

Beim 0:0 blieb es trotzdem nicht. Denn in der 36. Minute segelte ein langer Freistoß, den Behringer trat, von halblinks in Richtung des zweiten Pfostens. Dort ließ sich Wolfsburgs rechte Halbverteidigerin Fischer von Münchens rechter Halbverteidigerin Caroline Abbé überspringen. Die Kopfballbogenlampe landete hinter Almuth Schult im Gehäuse der Gäste.

Bis zur Halbzeitpause übernahm Wolfsburg einmal mehr das Kommando. Interessant war dabei nicht nur die Torchance von Julia Simic, die gerade noch von Viktoria Schnaderbeck im Rücken der bereits geschlagenen Torfrau Tinja-Riikka Korpela abgewehrt wurde. Viel spannender war ein Vorstoß von Fischer in der 43. Minute. Denn die schwedische Verteidigerin lief dabei im rechten Halbraum mit Ball bis ins letzte Drittel. Eine kurze Umformung in diesem Duell der Spiegelformationen mit spürbarer Auswirkung.

Zweite Halbzeit

Doch schlussendlich ging Wolfsburg mit einem Rückstand in die Kabine. Kellermann reagierte während der Pause auf die Strukturprobleme in der Sturmreihe, indem er die Belgierin Tessa Wullaert für Simic einwechselte. Simic blieb, von der erwähnten Torchance abgesehen, recht blass, da sie in ständigen Pendelbewegungen immer die Verbindungen zum Team suchte, aber des Öfteren in der verdichteten Endverteidigung der Bayern verschwand. Nach der Halbzeitpause verhielt sich Wolfsburg auffällig passiv in der ersten Pressingwelle. Sie blieben bei Drei-gegen-drei-Zuordnungen, aber ließen die Pässe eher durchs Zentrum durchdringen. Dafür schoben Goeßling und Élise Bussaglia rasch in den Rücken der ballempfangenden Mittelfeldspielerinnen, die aufgrund des Drucks meist schnell das Spielgerät weiterleiteten.

Selten konnten die Bayern noch größere Raumgewinne verbuchen. Vielmehr begannen sie zehn Minuten nach der Halbzeitpause, die eigene Spielhälfte zu verbarrikadieren. Immer häufiger stand der amtierende Deutsche Meister in einem 5-4-1, wobei hinter Miedema ein großes Loch klaffte. Folglich spürte Goeßling im Aufbau keinen Druck und konnte den Ball im rechten Halbraum entspannt aufnehmen. Allerdings waren die Passwege zur aufrückenden Bussaglia oder zu Wullaert versperrt. Am ehesten wurde es mit halblangen Bällen – seitlich vorbei an der gegnerischen Doppelsechs – auf die beiden Halbstürmerinnen probiert.

Apropos: Popp hatte in der 66. Minute den Ausgleich auf dem Fuß. Nach einem Ballverlust von Leupolz auf der linken Seite zog Popp diagonal zum Strafraum und traf mit einem strammen Schuss den Pfosten. Die Bayern wussten, dass sie so die Schlussphase nur schwerlich überstehen konnten. Zwanzig Minuten vor dem Ende versuchte Bayern das Gegenpressing wieder zu intensivieren, indem sich die mittlere Reihe bewusst nach vorn bewegte.

Die letzten Minuten waren dann von den klassischen Wechseln geprägt. Kellermann brachte für Maritz die Angreiferin Synne Jensen. Die Norwegerin kam vornehmlich über links, wobei Dickenmann in die Abwehr rückte. Wörle seinerseits reagierte mit der Auswechslung von Miedema. Für sie betrat Verteidigerin Carina Wenninger das Feld. Die bereits zuvor eingewechselte Nicole Rolser lauerte zusammen mit Lisa Evans in der Endphase der Partie verstärkt auf Konter und diese bekamen sie auch. Denn Wolfsburg löste quasi die Verteidigung des Restfeldes auf. Lediglich Peter, Fischer und mit Abstrichen Dickenmann blieben hinten zurück und mussten dann einige Angriffe abwehren. Ein Tor erzielte keines der beiden Teams mehr.

Was sollte sonst noch erwähnt werden?

  • Mit Evans und Däbritz hatten die Bayern ein interessantes Halbstürmerpärchen. Beide tauschten unablässig die Positionen. Während sie auf der linken Seite eher die Wege nach außen und damit womöglich in den Rücken von Blässe suchten, fokussierte das Pendant halbrechts auf kürzere Pässe und Kombinationsaufbau.
  • Bei den ganzen Positionswechseln zwischen Dickenmann, Bussaglia, Bachmann, Popp und Simic konnte man doch recht schnell die Übersicht verlieren.
  • Goeßling war einmal mehr die Schaltzentrale der Wolfsburgerinnen. Allerdings musste die 29-Jährige sehr viele Bälle über das Feld schleppen und war tendenziell zu tief positioniert mit zunehmender Spielzeit.

Fazit

Erneut konnte der VfL Wolfsburg auswärts bei einem direkten Meisterschaftskonkurrenten keinen Sieg einfahren. Kellermanns Team wirkte vielleicht überlegen, aber blieb in vielen Fällen harmlos. Als dann noch die Kräfte schwanden, wurde ein Ausgleichstreffer immer unwahrscheinlicher. Bayern München hingegen profitierte vom schwachen Verteidigungsverhalten im Anschluss an den Behringer-Freistoß. Ansonsten bleibt zum Deutschen Meister nur zu sagen, dass sie sich zunächst recht bissig in den Zweikämpfen verhielten, später immer passiver wurden und zum Schluss die Lücken bei Wolfsburg durch rasante Dribblings und Steilpässe bespielten.

Ludwig 13. September 2015 um 12:09

Ich würde das Interesse nicht an der Anzahl der Kommentarte festmachen. Persönlich habe ich keine offenen Fragen nach der Lektüre. Mangel an Kommentaren kann so auch bedeuten, dass es eben nichts mehr zu sagen gibt, was über ein schlichtes Bedürfnis nach Mitteilung hinaus geht. Ich lese die Analysen jedenfalls gerne. Kann ich was lernen.

Antworten

football-women.com 13. September 2015 um 10:27

1. Letztes Stichwort User-Interesse: S. dazu auch die Anzahl der Kommentare hier 😉
2. Danke und sehr schön, dass es trotzdem etwas gibt
3. Falls Interesse: Sonntag 11.00 live hr3, berlin3: FFC-Frankfurt – Turbine Potsdam
4. Ein alternativer Spielberichtsvergleich und mehr zum Frauenfussball:
http://football-women.com/2015/09/12/bayern-munchen-vfl-wolfsburg/

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