Bayerns Formationswirrwarr gegen Herthas Zugriffslosigkeit

hertha-neu0:1bayern

Die Bayern gewannen mit 1:0 in Berlin und überzeugten dabei vor allem in der ersten Halbzeit, weil ihre fluide Spielweise gegen Luhukays Mannorientierungen gute Wechselwirkungen erzeugte. Im zweiten Durchgang passte sich die Hertha an die Münchner Spielweise an und konnte das Spiel ausgeglichener gestalten.

Bayern mit Raute oder irgendeiner anderen Formation

Bayerns Offensivabläufe gegen Herthas Defensivkonzept

Bayerns Offensivabläufe gegen Herthas Defensivkonzept

Als die Aufstellung vor dem Spiel bekanntgegeben wurde, konnte man fast schon ahnen, dass die Münchner in Berlin wohl anders als in den vorhergegangenen Spielen auflaufen würden. Und tatsächlich: Guardiola überraschte mit einer 4-3-1-2 / 4-3-3-Formation, in der Arjen Robben auf der Zehnerposition agierte.

Der Niederländer pendelte dabei immer wieder zwischen Sturmzentrum und den beiden Halbräumen, in die er sich oftmals herausfallen ließ, um dort angespielt zu werden. Mit Götze auf der rechten Acht gab es dabei hin und wieder gegengleiche Bewegungen, wobei der Ex-Dortmunder und Frank Ribery zunächst primäre Aufgaben im Spielaufbau und der Ballzirkulation im zweiten Drittel zu erfüllen hatten. Unterstützt wurden beide dabei von Xabi Alonso als tiefstem Mittelfeldspieler, der selten abkippte, aber doch deutlich tiefer als Ribery und Götze spielte.

Die erwähnten, zurückfallenden Bewegungen Robbens aus dem Zehnerraum waren dabei meistens lückenfüllender, raumbesetzender und verbindender Natur. In Aufbausituationen, in denen er im Zehnerraum sowieso nicht anspielbar gewesen wäre, besetzte er den hohen Achterraum, den Frank Ribery durch sein eigenes Zurückfallen öffnete.

Im Gegensatz zu Ribery, der eher passorientierter agierte, war Mario Götze auf der zweiten Achterposition deutlich antreibender in seinen Aktionen. Immer wieder zeigte er kleine raumgreifende Dribblings und visierte Engstellen an, um das Spiel anschließend wieder zu öffnen.

Die Bayern fokussierten sich im ersten Durchgang vor allem darauf die Mitte zu überladen, um anschließend Durchbrüche in den flügelnahen Halbräumen zu generieren. Aus diesem Grund banden sowohl Lewandowski als auch Müller oftmals beide Innenverteidiger um Herthas Viererkette horizontal zu stauchen, sodass Bernat und Rafinha immer wieder vertikale Zuspiele den Flügel herunter erhalten konnten. Müller und Lewandowski interpretierten ihre Rollen allerdings nicht stur auf das Sturmzentrum fixiert, sondern wichen immer wieder auf die Seiten aus oder ließen sich aus der Sturmspitze in den Zwischenlinienraum zurückfallen, wenn Arjen Robben aufrückte.

Generell nutzten die Bayern vor allem mittellange Verlagerungen auf die Flügel um dort entweder einen aufgerückten Außenverteidiger oder ausweichenden Flügelspieler anzuspielen und ein Verschieben der Hertha zu erzwingen. Gegen die Verschiebebewegung versuchte man dann in die Formation der alten Dame hineinzuspielen.

Typische Szene der Anfangsphase: Götze lässt sich in den Halbraum fallen und entzieht sich so seinem direkten Gegenspieler Skjelbred. Rafinha ist aufgerückt, gibt Breite und bindet damit Schulz bzw. verhindert dessen Heranschieben an Thomas Müller. Götze hat deshalb mehrere Möglichkeiten zur Spielfortsetzung: Neben dem Raum am Flügel ist auch der Müller zwischen den Linien anspielbar. Weil beiden aber später eine sinnvolle Option zur Spielfortsetzung fehlen würde, bricht er den Angriff ab und Bayern kann ohne Druck von neuem aufbauen.

Typische Szene der Anfangsphase: Götze lässt sich in den Halbraum fallen und entzieht sich so seinem direkten Gegenspieler Skjelbred. Rafinha ist aufgerückt, gibt Breite und bindet damit Schulz bzw. verhindert dessen Heranschieben an Thomas Müller. Götze hat deshalb mehrere Möglichkeiten zur Spielfortsetzung: Neben dem Raum am Flügel ist auch der Müller zwischen den Linien anspielbar. Weil beiden aber später eine sinnvolle Option zur Spielfortsetzung fehlen würde, bricht er den Angriff ab und Bayern kann ohne Druck von neuem aufbauen.

Dabei positionierten sich die beiden Außenverteidiger nicht prinzipiell hoch, sondern schoben erst in späteren Angriffsphasen mit nach vorne, um im zweiten Drittel die Breite zu geben. Neben der Unterstützung der Ballzirkulation zeigten sie auch oftmals vertikale Läufe in die Tiefe, die es so auch von Thomas Müller oder Robert Lewandowski gab.

Gründe für die Münchner Überlegenheit zu Spielbeginn

Typisch für die Hertha unter Jos Luhukay ist eine sehr mannorientierte Spielweise gegen den Ball, die gegen viele Bundesligagegner auch gut funktioniert. Gegen den FC Bayern offenbarte die 4-4-2/4-4-1-1-Formation der Hertha, als Form eines tiefen Mittelfeldpressing interpretiert, aber so ihre Probleme.

So entwickelte man durch diese Spielweise z.B. kaum Zugriff im Zentrum ohne dabei gleichzeitig instabil zu werden. Die Räume neben Stocker und Schieber nutzen vor allem Ribery und Götze, indem sie dorthin zurückfielen, sich so dem direkten Zugriff ihrer Gegenspieler entzogen und dort spielmachend wirkten. Ebenfalls ergaben sich immer wieder Zuordnungsprobleme bezüglich der zurückfallenden oder nachstoßenden Spieler aus dem bzw. ins Sturmzentrum.

Zur fehlenden Präsenz in den tiefen Halbräumen beim Münchner Spielaufbau kam, dass die Hertha auch im späteren Spielverlauf kaum Zugriff auf diese Zonen bekam, weil Ben-Hatira und Beerens mit ihren Gegenspielern Bernat und Rafinha mitrückten, sodass sich teilweise Staffelungen mit sechs Mann auf der hintersten Herthaner Abwehrlinie ergaben. Bayern konnte die selbst geschaffenen Zonen in den Halbräumen dann in der Regel gut für die Spielfortsetzung nutzen und kam dort auch immer wieder gut ins Gegenpressing. Weil die Berliner insgesamt zu flach gestaffelt waren, ergaben sich auch kaum einmal aussichtsreiche Kontersituationen, die man über nachrückende Spieler hätte finalisieren können.

Bayerns mangelnde gruppentaktische Sauberkeit und Abstimmung verhindern eine erhöhte Chancenqualität

Neben gruppentaktisch sauberen und passenden Abläufen gab es auch weniger gute Szenen, was vermutlich vor allem an der formativen Umstellung lag. Sauber ausgeführt waren z.B. raumöffnende Rochaden für Arjen Robben im rechten Halbraum. Nach Verlagerungen auf den breiten und hohen Rafinha zeigte Mario Götze immer wieder Vertikalsprints, mit denen er Skjelbred nach hinten zog und so Raum für den zurückfallenden Arjen Robben schuf.

Weniger sauber ausgeführt waren die vielen Kombinationen durch das Zentrum. Hier erzeugte man selbst oft zu flache und enge Offensivstaffelungen. Dadurch war man gezwungen viele Situationen am Stück durchzuspielen und hatte oftmals nicht die Möglichkeit verzögernde Elemente durch kurze Dribblings oder ähnliches einzubauen, die der Situationsdynamik hin und wieder förderlich gewesen wären.

Bezüglich eines Gesamtfazits für die erste Hälfte lässt sich vielleicht sagen, dass die Bayern bis zum Torabschluss absolut dominant auftraten und sehr passend gegen Herthas Defensivkonzept eingestellt waren. Beim Kreieren der Abschlüsse fehlte ihnen dann allerdings etwas die Sauberkeit im Bewegungsspiel, sodass sie zwar zu vielen Abschlüssen kamen, diese allerdings meistens unter Druck und aus ungünstigen Abschlusswinkeln stattfanden. Nichtdestotrotz waren die Ansätze und der generelle Kombinationsfokus gut gewählt, gut ausgeführt und überzeugend.

Verbesserungen zur Pause: Hertha schließt den Sechserraum

Zur Halbzeit passte Luhukay das Defensivverhalten seiner Mannschaft an und stellte gegen den Ball auf ein klares 4-4-1-1 um. Durch den hängend agierenden Ben-Hatira – er und Stocker hatten ab etwa der 30. Minute Positionen getauscht – sollte den Bayern der horizontale Passweg über den Sechserraum versperrt werden, den diese vor dem Wechsel verstärkt genutzt hatte, um zu verlagern.

Dazu gab es ebenfalls weniger Herausrückbewegungen der Sechser, stattdessen arbeitete man verstärkt mit isolierenden Elementen am Flügel. Gerade gegen Arjen Robben, der schon vor der Pause mit Götze die Positionen getauscht hatte, war das recht effektiv. Mussten die Bayern dann neu aufbauen und aus hohen Räumen am Flügel zurückspielen, zeigte die Hertha ein gutes Nachrückverhalten.

Die höhere Grundposition der beiden Stürmer hatte hier wiederum einen das Spiel in der Horizontalen teilenden Effekt und wirkte sich auch positiv auf das eigene Konterspiel aus, das jetzt mit besserem Timing und nicht mehr zu linear vorgetragen werden musste.

In der 60. Minute brachte Luhukay Kalou und Ronny für Schieber und Ben-Hatira, womit ein verstärkter Flügel- und Flankenfokus einherging. Sowohl Schulz als auch Ndjeng wurden offensiv aktiver und der Hertha gelang es immer wieder zu Halbchancen zu kommen, ohne sich allerdings wirklich hochkarätige Tormöglichkeiten zu erspielen. Ein Treffer sollte nicht mehr fallen.

Fazit

Die Bayern dominierten in der ersten Halbzeit einen unpassend eingestellten Gegner, der nach der Pause – und phasenweise schon davor – verbessert auftrat. Weil Luhukay in der Halbzeit sinnvolle Anpassungen traf, schaffte es die Hertha im zweiten Durchgang defensiv kompakter und auch nach Umschaltaktionen gefährlich zu sein.

Auf Seiten des deutschen Meisters experimentierte Guardiola wieder einmal ein bisschen und stellte seine Mannschaft aber ähnlich ein, wie im letzten Aufeinandertreffen zwischen beiden Mannschaften. Dabei zeigte das Team grundlegend ähnliche und auch erfolgsstabile Muster im Aufbau wie in den Partien, in denen man im 4-1-4-1 /4-3-3 agierte. Lediglich die Offensivabläufe waren stark verändert und gruppentaktisch teilweise nicht optimal ausgeführt, profitierten aber von ihrem Überraschungsmoment.

Anmerkung für alle Hertha Fans: Mir ist bewusst, dass dieser Artikel sehr stark auf die Spielweise des FC Bayern München eingeht, während er die Berliner etwas vernachlässigt. Als Begründung sei angemerkt, dass es bei Spielen der Bayern, in denen diese sehr dominant auftreten, oftmals schwierig ist, auf mehr als die gegnerische Defensivspielweise einzugehen, weil es schlichtweg kaum verwertbare und repräsentative Szenen gibt.

olligrand 4. Dezember 2014 um 01:03

Gute und interessante Analyse zum Spiel der Bayern gegen die defensiv wie üblich sehr mannorientierte Spielweise der Hertha. Was mir aus Hertha Sicht in der ersten Hälfte noch aufgefallen ist und Fragen bei mir hinterlassen hat, weil so noch nie in einem Spiel gesehen: Warum war die Anweisung an Kraft jeden Abschlag auf links auf Ben Hatira mit Gegenspieler Rafinha zu Schlagen bei gleichzeitigem verschieben fast aller Hertha Spieler und dem Folgen der Bayern-Gegenspieler, so dass ein Ameisenhaufen links im Bereich der Mittellinie entstand. Diente das mehr der Unterbindung des Spielaufbaus nach Rückeroberung der Bayern oder hat man sich erhofft irgendwann mal glücklich dort im Getümmel durchzubrechen?
Generell so mein Eindruck aus Hertha Sicht hat man Rafinhna relativ häufig (absichtlich oder aufgrund der Dominanz der Bayern) blank in der Manndeckung gelassen. Mir erschien fast so, als wenn dies so gewollt war, um den Spielaufbau über den vermeintlich „schwächsten“ Außenbahnspieler der Bayern zu forcieren. Vielleicht war dies aber nur meine Wahrnehmung aus Hertha-Sicht. Und aus Hertha Sicht bleibt auch noch zu erwähnen, dass die komplett neuformierte Abwehr aus 3 „gelernten“ Mittelfeldspielern seine Sache so schlecht nicht gemacht, wobei man auch sagen muss, dass Bayern schon in Dortmund Manier die Chancen versemmelt hat.

Antworten

Dr. Acula 2. Dezember 2014 um 00:02

finde die Analyse sehr interessant.
Schon im letzten Artikel habt ihr den Begriff Bayerns „Undefinierbarkeit“ gebraucht, diesmal ist es Bayerns (…)Wirrwarr.. Ich habe das Gefühl, guardiola experimentiert z.Z. noch mehr als üblich.. Gründe könnten sein: Fehlendes Spieler Material durch Verletzungen (–> er ist gezwungen zu Experimentieren, hat aber auch einen guten Grund dazu).. Oder auch die komfortable Situation in der Bundesliga, die das erlaubt ..
Ich habe in den letzten Wochen eh das Gefühl dass guardiola etwas anders spielen lässt als er es eigtl geplant hat (in seiner Biographie und sonst wird ja betont dass er immer schon früher plant was er der Mannschaft zu welchem Zeitpunkt beibringen will).. Insbesondere die lang andauernde Verletzung von Thiago ist ihm glaub ein Dorn im Auge, das spricht Herr Perarnau im Interview auch so an.. Auch lahms und alabas, beides sehr intelligente Spieler, Fehlen ist bemerkbar.. Ich bin mir zml sicher, er würde mit allen Spielern ein 3-4-3/3-3-4 Spielen lassen mit Thiago und alaba als achter und lahm als ein sechser.. Aber naja: hätte hätte Fahrrad Kette
PS: Robbens bzw riberys Positionierung als Zehner findet im Buch auch kurz eine Erwähnung

Antworten

Raptor 1. Dezember 2014 um 22:30

Wie wird die „Sicherheit“ von Ribery auf der neuen Position mit den neuen Aufgaben gesehen?
Glaube das er für Spiele in der KO-Phase dort zu leichtsinnig ist.

Antworten

HK 2. Dezember 2014 um 09:14

Ribery macht das wirklich gut und das ist ein interessantes Experiment. Ich glaube aber auch, dass das zu einem großen Teil der aktuellen Personalsituation geschuldet ist.
Momentan muss Guardiola sich was basteln um alle fünf Offensivcracks im Team zu haben, da ihm ja fast nichts anderes übrig bleibt.

Mit einem erweiterten Kader sehe ich in den CL-Spielen auch wieder eine andere Formation und Aufgabe für Ribery.

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*