Der FC Liverpool 77 bis 85 – Das englische Flaggschiff erobert Europa!

Am 25. Mai 1977 hatte sein Verein schon einen langen Weg hinter sich und als Emlyn Hughes den Pokal der Landesmeister in den Himmel von Rom reckte, hätte das auch der Schlusspunkt einer Erfolgsgeschichte sein können. Gegründet 1892 als Abspaltung vom FC Everton hatten der FC Liverpool, nach dem Wiederaufstieg in die erste Liga Anfang der 60er Jahre, bis 1974 unter Bill Shankly drei Meisterschaften und einen UEFA Pokal gewonnen. Doch anstatt nach dem Triumph im Europacup die Füße hoch zu legen, wurde weiter der Liverpooler Weg beschritten und die erfolgreichste englische Fußballmannschaft aller Zeiten geformt.

Zurück zum Landesmeisterfinale 1977: Liverpool hatte an dem Abend in Rom Borussia Mönchengladbach mit 3:1 geschlagen und sich selbst auf den Fußball-Thron Europas gesetzt. Ausgerechnet gegen Gladbach, die schon 1973 in den UEFA Cup Finalspielen besiegt wurden.

Taktische Ausrichtung vom FC Liverpool gegen Borussia Mönchengladbach im Landesmeisterfinale 1977.

Die Engländer waren durch Terry McDermott in Führung gegangen. Besonders Kevin Keegan hatte seinen Gegenspieler Berti Vogts über das halbe Feld hinter sich her gezogen. Vogts besucht später die Siegesfeier um Keegan zu seiner Leistung zu gratulieren.

Obwohl Gladbach keine Kontrolle über das Spiel bekam, waren sie durch Konter gefährlich. Allan Simonsen konnte nach der Pause ausgleichen und Liverpools Torwart Ray Clemence musste danach noch gegen Uli Stielike retten. Dann versenkte Tommy Smith in seinem 599. Spiel für Liverpool einen Eckball per Kopf im Tor. Vogts musste noch Keegan foulen, damit Phil Neal einen Elfmeter zum 3:1 Endstand verwandeln konnte.

Eigentlich wäre dieser Titel das perfekte Ende einer Ära gewesen. Keegan wechselte nach Hamburg. Verteidiger Tommy Smith wollte zurücktreten, was er dann aber um ein Jahr verschob. Aber vielleicht sollten wir zuerst schauen, wo diese Ära ihren Anfang nahm.

Die Idee vom „pass and move“

Am 4. November 1973 verlor Liverpool in der zweiten Runde des Europapokals zuhause gegen Roter Stern Belgrad. Bill Shanklys Mannschaft hatte im selben Jahr zwar den UEFA Pokal gewonnen, dennoch waren die Probleme gegen Mannschaften vom Kontinent nicht von der Hand zu weisen. Bill Shankly, seit 1959 Trainer an der Merseyside, war sich im Klaren, dass sich etwas ändern musste und er hatte keine Skrupel zu tun, was nötig war.

Am nächsten Tag traf sich Shankly mit seinen Co-Trainern Bob Paisley und Joe Fagan im „Boot Room“. Dazu kamen Ronnie Moran, Tom Saunders und Reuben Bennet, alle in der Jugendarbeit oder als Trainer bei Liverpool beschäftigt. Der Boot Room war ein Nebenraum im Kabinentrakt von Anfield, in dem sich die Trainer in lockerer Atmosphäre, bei einem Bier oder Whiskey, zur Spiel-Nachbesprechung trafen.

Die Frage war, warum der englische Meister auf dem Kontinent so viele Probleme hatte. Und die Lösung lag in der Geduld, die selbst mittelmäßige Mannschaften vom Kontinent hatten, wenn es um den Spielaufbau ging. Auf der Insel war ein Verteidiger genau das: Verteidiger. Fußballspielen mit dem Ball war sekundär. Die Engländer trugen den Ball schnell Richtung gegnerisches Tor. Doch Shankly hatte in Europa anderen Fußball gesehen: Kurzpassspiel. Europäische Mannschaften bauten ihre Angriffe geduldiger auf. Diese Ballsicherheit sorgte für weniger leichtfertige Ballverluste, die der Gegner, die Liverpool, nutzen konnte.

Spieler südeuropäischer Mannschaften spielten sich den Ball zu, ohne dabei schnell den Raum zum gegnerischen Tor zu überbrücken. Ihr Ziel war es den Ball zu halten, den Gegner zu beschäftigen und im richtigen Augenblick die Lücke zu finden. Shankly wollte seiner Mannschaft auch einen neuen Stil verpassen, basierend auf den Beobachtungen europäischer Gegner. Dafür brauchte es aber Spieler, die den Ball kontrollieren und passen konnten, auch in der Abwehr.

Das Spiel von Liverpool wurde also umgestellt. Im Training wurden Passübungen dem Torabschluss vorgezogen. Die Spieler mussten jetzt als Anspielstationen für den ballführenden Spieler bereitstehen. Ballkontrolle, Pass und erneut Anbieten wurden zu wichtigen Bestandteilen des Liverpooler Spiels, noch heute als „pass and move“ bekannt.

Bill Shankly zog sich 1974 schließlich in den Ruhestand zurück. Dieser Schritt löste blankes Entsetzen aus, denn Shankly brachte den Erfolg in den Verein und ohne Shankly, so war sich jeder sicher, würde die erfolgreiche Zeit ein Ende finden. Die Idee vom Passspiel wurde erst einige Monate im Verein umgesetzt, wie sollte der neue Stil einen Trainerwechsel überstehen?

Doch Liverpool Vereinführung ernannte mit Bob Paisley einen Mann aus Shanklys Trainerstab zum neuen Chef. Dieser Schritt, den Nachfolger im eigenen Verein zu suchen, wurde in den nächsten Jahrzehnten wiederholt und stellte eine kontinuierliche Entwicklung des Stils und des Kaders, sowie ein Zusammengehörigkeitsgefühl im Verein sicher. Wenige Wochen nach Shanklys Rücktritt wurde also der ruhige Paisley als Nachfolger bekannt gegeben. Paisley war in den 40er Jahren als Spieler Meister mit Liverpool geworden und seit 20 Jahren Trainer im Verein.

Die anfängliche Befürchtung, dass den Reds ein paar magere Jahre bevorstehen sollten, stellte sich ein Jahrzehnt nach Shanklys Rücktritt als unbegründet heraus. Ganz im Gegenteil, dem Verein standen goldene Jahre bevor.

 Mit Variabilität zum Erfolg

Auf dem Papier sieht zunächst alles nach einem 4-4-2 aus. Doch Papier täuscht, besonders wenn es um Formationen im Fußball geht. Zum Beispiel im Viertelfinale 1977 in St. Etienne: Es fehlte Kevin Keegan. John Toshack stand im Sturmzentrum, Steve Heighway links neben ihm. Aber eigentlich stand der Ire Heighway nicht im Sturm sondern auf dem linken Flügel, und den rechten Mittelfeldspieler Jimmy Case zog es immer wieder nach vorne und in die Mitte. Liverpool spielte in Frankreich ein eher zurückhaltendes 4-5-1. Wobei McDermott, Ian Callaghan und der linke Mittelfeldspieler Ray Kennedy sich ums Zentrum kümmerten. Liverpool war in der Lage, seine Angriffsformation dem Gegner und den Bedürfnissen anzupassen.

Die 1:0 Führung gegen Gladbach 1977: Die Stürmer Heighway und Keegan zogen die Manndecker der Borussia auf die Außenbahn. Die Verteidiger im Zentrum konzentrierten sich auf den ballführenden Spieler und Vogts stößt zu spät in den Strafraum um McDermott zu stoppen.

In der zweiten Halbzeit dagegen spielte Heighway vermehrt rechts und Case noch zentraler. Dass Liverpool, durch ein Tor nach einem Eckball, mit 0:1 verlor sei hier nur am Rande erwähnt, denn das Spiel an der Anfield Road  wurde mit 3:1 gewonnen. Die Abwehr war mit Neal, Smith, Hughes und Joey Jones dieselbe, aber Keegan war in der Startelf. Diesmal war Angriffsfußball angesagt: 4-3-3. Toshack halbrechts, Heighway Linksaußen und Keegan in seiner freien Rolle dazwischen, oder dahinter, oder einfach überall. Diese beiden Spiele zeigen, wie Liverpool in der Lage war in der Offensive zu variieren, von Spiel zu Spiel, aber auch in einem Spiel.

John Toshack und Kevin Keegan waren das Sturmduo der 70er Jahre. Der Waliser Toshack war schon im Alter von 16 Jahren Profi bei Cardiff City geworden. Er war der Targetman, der sich gegen Gegner mit körperbetonter Spielweise und im Kopfballspiel behaupten konnte. Keegan profitierte so von Ablagen seines Sturmpartners. Die Kombination aus Toshack und dem lauf- und arbeitsfreudigen Keegan brachte ihnen den Spitznamen „Batman and Robin“ ein.

Keegan eröffnete im Rückspiel auch den Torreigen, nach einer kurz ausgeführten Ecke dribbelt er ein wenig in Richtung Strafraum und schlenzt den Ball ins lange Eck. St. Etienne kam noch durch einen wunderschönen Weitschuss zum Ausgleich. Doch Liverpool legte, angefeuert von den eigenen Fans, nach. Neil spielte den Ball nach vorne auf Toshack, der ließ im Strafraum abtropfen und Ray Kennedy schloss aus zentraler Position ab. In der 84. Minute erlief der eingewechselte David Fairclough einen langen Ball und versenkte ihn im Tor. Fairclough flippte aus, die Fans auf the Kop auch.

Gegen St. Etienne: Toshack und Keegan kreuzten vor dem Einwurf wodurch Keegan zwei Verteidiger auf sich zog. Toshack legte dann das Zuspiel von Neal auf den nachrückenden Kennedy ab, der zum 2-1 traf.

Das Triple wäre 1977 sogar drin gewesen, doch im FA Cup Finale machte Manchester United einen Strich durch die Rechung. Toshack hatte sich verletzt und fiel für den Saisonendspurt aus (er musste einige Monate später seine Karriere als Spieler beenden). Beim ersten Gegentor war die Abstimmung in der Verteidigung schlecht und der Gegner rutschte samt Ball durch. Der zwischenzeitliche Ausgleich war zum einen eine technische Meisterleistung von Case, zum anderen ein typischer Spielzug von Liverpool. Jones spielte einen langen Pass von der Position des linken Verteidigers auf Case, der an der Strafraumgrenze den Ball mit dem Rücken zum Tor annehmen musste. Das machte er mit dem rechten Oberschenkel so geschickt, dass er den Ball mitnehmen konnte, sich links herum drehte und das Leder rechts oben am Torwart vorbei zimmerte. Kurz danach schaffte es Smith nicht im Strafraum zu klären und United sorgte für den Endstand.

Positiv für Trainer Paisley war die Leistung vom eingewechselten Veteran Ian Callaghan, der dann im besagten Europa Cup Finale gegen Gladbach von Beginn an ran durfte. David Johnson musste dafür auf die Bank, um die Gladbacher Manndeckung durcheinander zu bringen, setzte Paisley auf Stürmer, die nach Außen zogen und Mittelfeldspieler, die in die Spitze stießen.

Der zweite Streich

Dass das Jahr 1977 nicht das Ende, sondern erst der Anfang einer englischen Dominanz im europäischen Fußball sein sollte, wusste natürlich niemand. Der Abgang vom Ausnahmespieler Keegan musste kompensiert werden. Der Schotte Kenny Dalglish wurde von Celtic Glasgow verpflichtet. Heute haben die Liverpooler Fans ihren King Kenny gekrönt, er ist mittlerweile zum zweiten Mal Trainer in Liverpool. Damals war noch nicht klar, dass mit ihm das Team noch homogener werden sollte.

Nottingham Forest holte unter Trainer Brian Clough als Aufsteiger den Titel. Liverpool wurde Zweiter, mit sieben Punkten Rückstand (in der Zwei-Punkte Zählweise). Sie waren nicht schlechter gewesen als im Vorjahr: gleiche Punktausbeute, eine bessere Tordifferenz, aber keine Meisterschaft.

Aber es blieb ja noch der Europapokal der Landesmeister. Dynamo Dresden wurde in der zweiten Runde zuhause mit 5:1 abgefertigt, das Viertelfinale gegen Benfica Lissabon im Heimspiel mit 4:1 entschieden. Im Halbfinale wurden wieder die Gladbacher bezwungen und im Finale wartete Ernst Happels FC Brügge. Wieder ein Team gegen das man schon den UEFA Pokal gewonnen hatte.

In Wembley stand Liverpool mit dem Selbstbewusstsein eines Titelverteidigers. Fairclough in der vordersten Angriffsreihe, hinter ihm Dalglish. Brügge dagegen hatte zu viel Respekt und trat passiv auf. Ray Kennedy, McDermott und Case sorgten mit Läufen in den Strafraum für Gefahr, doch die Reds schlampten bei der Chancenverwertung. Erst in der 64. Minute überlistete Dalglish mit einem Lupfer den Brügger Torwart Birger Jensen, nachdem Graeme Souness ihn unter Bedrängnis freigespielt hatte.

Phil Thompson, jetzt Verteidiger für Smith (der sich den Zeh gebrochen hatte als ihm eine Spitzhacke auf den Fuß gefallen war), lobte Jahre später noch Dalglishs Intelligenz Jensen zu überlupfen, nachdem dieser einige Chancen vereitelt hatte indem er sich vor die Stürmer geschmissen hatte. Thompson musste noch einmal auf der Linie retten, dann war die Titelverteidigung in trockenen Tüchern. Emlyn Hughes konnte zum zweiten Mal den Pokal in den Himmel strecken.

Der Stil

Will man Liverpools Stil zu der Zeit beschreiben, dass trifft es am besten das Wort: Passsicherheit. Fernsehreporter brachten manchmal den Spruch: „Wenn Sie ein Schwarz-Weiß-Gerät besitzen: Liverpool ist die Mannschaft mit dem Ball.“

Basis der Liverpooler Stils war eine passsichere Innenverteidigung. Der Ball wanderte in der Viererkette von Mann zu Mann bis die Lücke für den Pass nach vorne gefunden wurde. Die Angreifer und Mittelfeldspieler versuchten durch Ablagen oder direktes Spiel das Tempo zu erhöhen. Dazu war ein beliebtes Mittel hinter die Abwehr zu passen, besonders auf die Außen. Ein Spieler machte oft den Raum frei damit ein anderer hineinstoßen konnte.

Phil Neal ging von der rechten Außenverteidigerposition ins Mittelfeld, auch in zentrale Positionen. Der linke Verteidiger war zunächst eine schwächer besetzte Position, mit der Verpflichtung von Alan Kennedy 1978 wurde dieser Umstand behoben. Neben dem offensiven Neal auf rechts ging jetzt auch der linke Verteidiger regelmäßig die Linie entlang.

Aus der Viererkette eine Dreierkette zu machen war nichts Ungewöhnliches. Sogar die Innenverteidiger stießen in einigen Spielen vor. So wurden Überzahlsituationen im Mittelfeld erzeugt. Trotzdem war die Mannschaft auch immer auf Absicherung der einzelnen Positionen bedacht.

Das Mittelfeld bestand aus einem offensiven Rechtsaußen und drei zentraleren Mittelfeldspielern. Die linke Seite wurde in der Regel vom Außenverteidiger und einem Stürmer beackert. Von den Mittelfeldspielern bildete einer die Absicherung und gab den anderen die Möglichkeit, bis in den Strafraum vorzurücken. Durch das Einschieben vom linken Mittelfeldspieler ins Zentrum und vom rechten Mittelfeldspieler in die Spitze hatten die Außenverteidiger Platz für Vorstöße.

Die Stürmer wechselten häufig die Positionen und wichen auf die freien Flügel aus. Ihre Aufgabe war es, als Anspielstation für lange Pässe oder hohe Bälle zu dienen und diese dann abzulegen, oder Räume für nachrückende Mittelfeldspieler zu schaffen. Oft positionierte sich ein Stürmer auch auf der Außenbahn, unterstütze so in der Defensive das Mittelfeld oder war bei Balleroberungen als Anspielstation für den Konter verfügbar. Aus einem 4-4-2 konnte durch Verschieben der Spieler ein  5er-Mittelfeld oder ein 4-3-3 gemacht werden.

Spieler wie Keegan, Dalglish oder Case waren extrem lauffreudig, in der Offensive wie auch in der Balleroberung. Die Innenverteidiger ließen dem Gegner in der Luft kaum eine Chance, aber durch kompaktes Spiel im Zentrum musste der Gegner entweder über die Flügel oder mit Kontern zum Erfolg kommen. Dabei versuchte Liverpool, schon den Spielaufbau zu stören und im Mittelfeld den Ball zu erobern.

Steve Heighway beschrieb die 78er Mannschaft als uneigennützig, die Spieler seien bereit gewesen, einen kleinen Teil von sich aufzugeben, zum Wohl der Gruppe.

Zwei magere Jahre in Europa und Titel Nummer drei

Nach dem zweiten Titel in Europa dachte man tatsächlich, Liverpool würde Ajax Amsterdam und die Bayern beerben und den Titel ein drittes Mal holen. Die Zeichen standen gut, denn es tummelten sich viele Leichtgewichte in der Auslosung für die Saison 1978/79.

Doch das Los entschied auf Nottingham Forest. Ein Desaster. Nicht Progres Niedercorn. Nicht die Grasshoppers aus Zürich. Nein, der neue Angstgegner, der sich den nationalen Titel gesichert hatte.

Die Geschichte von Nottingham Forest soll hier nicht im Mittelpunkt stehen, nur so viel: Dieser Verein hat mehr Landesmeistertitel als nationale Meisterschaften. Nach der Meisterschaft 1978 versauten die „Tricky Trees“ (oder auch die „Reds“, aber das führt nur zu Verwirrungen) dem Titelverteidiger schon in Runde eins die Saison in Europa. Eine 0:2 Niederlage im City Ground konnten Dalglish und Co. zuhause nicht wettmachen.

In der Liga stellten die Reds von der Merseyside aber wieder die alte Ordnung her und fuhren den elften Titel ein. Nach 42 Spieltagen standen 30 Siege in den Statistiken. Kenny Dalglish schoss 21 Tore und die Zeit von David Fairclough neigte sich dem Ende entgegen. Einem langsamen Ende, er blieb bis 1983 im Verein, spielte aber kaum noch eine Rolle für die Startelf. In der Liga konnte man sich gegen Nottingham immerhin revanchieren.

Ein Jahr später verteidigte Liverpool den nationalen Titel knapp vor Manchester United. Den englischen Pokal hatten die Reds übrigens seit 1974 nicht mehr gewonnen.

Wenn eine Erstrundenniederlage gegen Nottingham schon schmerzt, welche Pein verursacht dann erst das Ausscheiden aus dem Europapokal gegen Dinamo Tiflis im Oktober 1979? In Summe 2:4. Da Forest den europäischen Titel verteidigte, wenden wir uns lieber gleich der nächsten Saison zu und die begann im internationalen Vergleich mit einem Paukenschlag: 10:1 im heimischen Stadion. Gegen den Giganten Oulus Palloseura aus Finnland. Endlich war die erste Runde wieder überstanden.

Danach wurde der FC Aberdeen in Summe mit 5:0 erledigt. Das Rückspiel vor heimischen Fans war ein Fußballfest. Fiel das erste Tor noch durch einen Spieler der Schotten, war das 2:0 durch den rechten Verteidiger Neal ein Traumtor. Thompson spielte über 25 Meter auf Dalglish, der vor dem Strafraum wartete. Dalglish, mit dem Rücken zum Tor, lenkte den Ball mit seinem rechten Fuß per Hackentrick direkt in den Strafraum. Dort kam Phil Neal angerauscht, der sich schon vor dem Pass von Thompson von der rechten Außenlinie im Mittelfeld auf den Weg gemacht hatte. Der Rest war Formsache.

Dalglish leitete einen typischen Pass von Thompson per Hacke weiter auf den Außenverteidiger Neal, der das 2-0 gegen Aberdeen erzielt.

Beim 3:0 ging zuerst eine Flanke an die Latte bevor Dalglish einköpfen konnte. Das vierte Tor war ein Konter über neun Stationen! Johnson hatte den Ball links nach vorne getragen, dann gab es ein paar Pässe, einen Doppelpass und ein kurzes Dribbling, alles direkt vor dem Strafraum des Gegners, ehe Hansen das wohl einfachste Tor seiner Karriere schoss. Im Viertelfinale hieß das Opfer ZSKA Sofia und wurde zu hause mit 5:1 vom Platz gefegt.

Erst die Münchner Bayern waren ein knappe Angelegenheit. Das mag daran gelegen haben, dass die Engländer über die Saison einige Ausfälle zu beklagen hatte. McDermott kugelte sich auch noch den Daumen aus, trotzdem ermauerten sich die Bayern nur ein 0:0. Oder, immerhin! Liverpool hatte ja Aberdeen und Sofia aus dem Stadion geschossen. In München kam Liverpool aber zu einem 1:1 und stand endlich wieder im Finale.

In Paris traf man auf Real Madrid, die mit Uli Stielike einen Spieler vom einstigen Lieblingsgegner der Engländer in den Reihen hatten. In der ersten Hälfte startete Liverpool zurückhaltender, teilweise im 4-5-1. Ab dem Seitenwechsel machten sie aber mehr Tempo, Neal zog es immer wieder ins Mittelfeld, Sammy Lee dagegen regelmäßig in die Spitze. Trotzdem mussten sie bis zur 82. Minute warten, ehe Alan Kennedy nach einem Einwurf in den Strafraum zog, ein Spanier trat am Ball vorbei und Kennedy bezwang Madrids Tormann Agustín Rodríguez.

Liverpools taktische Ausrichtung im Landesmeisterfinale von 1981. Madrids Formation und Positionswechsel sind vereinfacht dargestellt.

Nicht immer konnten die Reds ihre Gegner kontrollieren und zum Teil dominieren wie sie es im Europapokal taten. In der Meisterschaft wurde man 1981 nur Fünfter und im Weltpokalfinale im Dezember in Tokio filetierte Zico die Liverpooler Verteidigung. Die Jungs aus England machten den Eindruck, sie würden noch im Flieger sitzen.

 Der Umbruch

Anfang der 80er baute Paisley die Mannschaft langsam um. Ray Clemence wurde nach weit über 600 Spielen im Tor 1981 durch Bruce Grobbelaar ersetzt, der ebenfalls über 600 Pflichtspiele für Liverpool absolvieren sollte. In der Abwehr stieß im selben Jahr Mark Lawrenson dazu. Nach achtzehn Jahren in der ersten Mannschaft hatte Ian Callaghan schon 1978 den Verein verlassen, bis heute ist er Rekordspieler mit über 800 Pflichtspielen für Liverpool. Anfang der 80er ersetzten Sammy Lee und Ronnie Whelan die Stammkräfte Jimmy Case und Ray Kennedy. Für den Sturm wurde 1980 das Talent Ian Rush verpflichtet, der mit Dalglish ein neues Traumduo bildete und noch immer Liverpools Rekordtorschütze ist.

Die Mannschaft bestand nun aus einer Achse gestandener Spieler, gebildet von Neal, Alan Kennedy, Hansen, Kapitän Souness und Dalglish, verfeinert mit Spielern wie Whelan, Lee und Rush. Trotz dieser Umbaumaßnahmen konnte Liverpool seinen Stil beibehalten und blies erneut zum Angriff auf den europäischen Thron.

Mit neuem Kapitän zu alten Ufern

Bob Paisley trat 1983 nach neun Jahren mit sechs Meisterschaften, drei Siegen bei den Landesmeistern und einem UEFA Pokal Triumph zurück. Seinen Posten übernahm Joe Fagan, wie Paisley schon eine Ewigkeit im Verein. Bis 1990 holte Liverpool regelmäßig die englische Meisterschaft, zunächst in Wechsel mit dem FC Everton und danach mit dem FC Arsenal. Und nachdem Aston Villa und der Hamburger SV sich den Europapokal sicherten, konnte Fagan sein Team zweimal ins Finale führen.

Aufstellungen des Landesmeister Viertelfinals 1984 zwischen Liverpool und Benfica.

1984 schaltete man Odense BK und Athletic Bilbao aus, ehe im Viertelfinale Benfica Lissabon wartete. Zuhause machte Liverpool viel Druck, konnte in der ersten Hälfte aber kein Treffer erzielen. Zur zweiten Halbzeit brachte Fagan Dalglish für Robinson und machte aus dem 4-3-1-2 ein 4-4-2 mit Johnson auf dem linken Flügel. Johnson leitet dann auch den Führungstreffer von Rush nach einer Flanke von Kennedy ein. Im Rückspiel wurde dann klar mit 4:1 gewonnen.

Im Halbfinale setzte man sich gegen Dinamo Bukarest nur aufgrund der Auswärtstorregel durch. Und im Finale wurde es noch enger, obwohl die Römer im eigenen Stadion schwach spielten, musste nach einem Unentschieden das Elfmeter-schießen über den Titelträger entscheiden. Im Spiel hatte Phil Neal sein Team in Führung gebracht, aber Roberto Pruzzo konnte noch vor der Pause ausgleichen. Im Elfmeterschießen versagten zwei Italienern die Nerven, und die Römer verloren mit 2:4.

Das Landesmeisterfinale ein Jahr später war die fünfte Teilnahme in neun Jahren für Liverpool. Seit dem Pokalsiegerwettbewerb 1966, als man Borussia Dortmund unterlag wurde jeder Titel in Europa gewonnen, wenn man erstmal das Finale erreicht hatte. Der 29. Mai 1985 sollte aber als einer der schwärzesten Tage des europäischen Fußballs in die Geschichte eingehen. Daher folgt hier auch keine Aufzählung von Spielsituationen, möglichen Fehlentscheidungen oder taktischen Ausrichtungen. Liverpool bekam es mit Platinis Juventus Turin zu tun, beide Mannschaften hatten problemlos das Finale erreicht, doch Fußball wurde an diesem Tag zur Nebensache.

Der Traum endet als Alptraum

Die englischen Fans waren in Europa mehr berüchtigt als berühmt und auch Italiener waren keine Kinder von Traurigkeit. Doch was sich im Heysel Stadion in Brüssel abspielte, hatte in diesem Ausmaß niemand vorausgesehen.

Welche Fangruppe mehr provoziert hatte, ist schwer nachzuvollziehen. Fakt ist, dass im Block Z eigentlich neutrale Fans sitzen sollten, trotzdem saßen dort viele Tifosi. Im direkt daneben liegenden Block X waren die Liverpoolfans untergebracht. Es flogen Leuchtraketen und Steine. Schließlich versuchten die englischen Fans Block Z zu stürmen. Der Zaun war schnell durchbrochen und die 120 Polizisten waren nicht in der Lage etwas auszurichten (nach Aussage von Lois Wouters, Präsident des belgischen Verbandes). Der Großteil der Belgier und Italiener im Block Z versuchte zu fliehen. Auf dem Weg nach unten stießen sie auf eine Mauer, die dem Druck der Panik nicht standhielt.

39 Menschen verloren ihr Leben. 454 Menschen wurden an diesem Tag verletzt. Das deutsche Fernsehen übertrug die Tragödie, die Katastrophe von Heysel, zwangsläufig live, das Spiel danach nicht. Trotz des Chaos und des Leids wurde die Partie mit Verspätung angepfiffen. Spieler beider Mannschaften hatten sich dagegen ausgesprochen, doch die Offiziellen befürchteten eine noch größere Panik bei einer Absage.

Bei einer solchen Katastrophe tritt das Versagen gleich mehrfach zu Tage. Laxe Einlasskontrollen, keine ausreichende Trennung der Fangruppen, ein marodes und ungeeignetes Stadion, zu wenig Polizei und alkoholisierte Fans, besser: Hooligans, im Stadion waren die größten Fehler.

Michel Platini, Torschütze im Finale, sagte später: „In diesem Stadion hat der Fußball seine Unschuld verloren. Du kommst nach Heysel, und all deine Träume zerbrechen.“

Als sportliche Konsequenz von Heysel wurden englische Vereine für fünf Jahre von UEFA Wettbewerben ausgeschlossen, zumindest für die nächste Saison hätte die FA eh keinen Verein nominiert. Liverpool blieb sogar für sieben Jahre in der Verbannung. Die englische Vorherrschaft in Europa endete damit von einem Jahr aufs nächste. Joe Fagan legte sein Amt als Cheftrainer 1985 nieder und Kenny Dalglish übernahm als Spielertrainer. Liverpools Traum von Europa, der in einem fensterlosen Raum im Kabinentrakt von Anfield seinen Anfang hatte, endete etwa zwölf Jahre später als Alptraum in Brüssel.

Was bleibt

Liverpool schaffte es in den 70ern einen für ein englisches Team untypischen Stil zu entwerfen. Die Idee von überlegtem Fußball mit technisch beschlagenen Verteidigern, die Idee vom „Pass and Move“ wurde zu einem kontrollieren Angriffsfußball ausgebaut. Mit dieser Spielweise dominierte der FC Liverpool Europas größten Vereinswettbewerb bis in die Mitte der 80er Jahre.

Bill Shankly und Bob Paisley erfanden das Gegenstück zum „Kick and Rush“ und die Reds konnten damit zur erfolgreichsten Vereinsmannschaft seit Real Madrid aufsteigen. Keiner Mannschaft zuvor gelang ein Generationenwechsel ohne Qualitätsverlust. Die großen Serien von Ajax und den Bayern hielten drei Spielzeiten. Obwohl Liverpool den Titel nur einmal verteidigen konnte, erreichten Sie zwischen 1977 und 1985 fünfmal das Finale der Landesmeister und konnten den Titel viermal gewinnen.

Gleichzeitig spaltete sich die Heimat des Fußballs in den technischen Stil von Liverpool oder dem ebenso zurückhaltenden Nottingham Forest von Brian Clough und der Ansicht, dass zwischen Balleroberung und Torabschluss immer so wenige Ballberührungen wie möglich erfolgen müssten. Die eine Seite vertraute den Fähigkeiten der Spieler den Ball zu behaupten, die andere Seite deutete Statistiken falsch.

Von der großen Liverpooler Mannschaft der 70er und 80er Jahre wurden einige Spieler zu erfolgreichen Trainern. Kenny Dalglish und Graeme Souness trainierten beide die Reds und Kevin Keegan machte sich einen Namen bei Newcastle, Fulham und Manchester City. John Toshack trainierte unter anderem Real Madrid.

Der Einfluss von Shankly und Paisley ist noch heute bei vielen englischen Spitzenteams zu erkennen.

Phil 17. April 2015 um 03:09

Bin leider erst jetzt darauf gestoßen, aber echt Spitze mal detailliertere Informationen zu meinem Lieblingsverein zu lesen. Leider lange vor meiner Zeit :p
Aber unter Rodgers geht es (hoffentlich) wieder bergauf. YNWA!

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Sven 22. Juni 2012 um 11:27

Sehr interessanter Abriss aus der Hochzeit der Reds:

Hier mal ein evtl. ergänzender Text, als es vor 3 Jahren dem Verein fast „an den Kragen ging“:

http://www.freitag.de/autoren/der-arme-berliner/fc-liverpool-wie-heuschrecken-den-blick-aufs-wesentliche-verklaren

Die sportliche Krise der Reds, gemessen an der einstigen Dominanz, dauert ja schon über 20 Jahre, wurde nur 2001, 2005 und zum Teil auch 2009 durch kurzfristige Höhenflüge übertünscht.
Und auch in 2012 hat der Sieg im Liga-Cup vielen Fans leider die rosarote Brille wieder vor die Augen gehalten.
Nimmt man mal die in Liverpool verhassten Mancs als Maßstab für sportlichen Erfolg seit 20 Jahren im englischen Fussball, dann kommt man v.a. auf eine Person zu sprechen, die uns sportlich zu schaffen macht: SAF. Auch wenn es einem als Reds-Fan missfällt, aber der Verein hatte mit ihm ein nachhaltiges sportliches Konzept (Nachwuchsarbeit !!!!), bot ihm ein geduldiges Umfeld, und natürlich auch Glück bei seinen Transfers.
Was war bei den Reds in den 90er? Häufiger Wechsel bei den Teammanagern und damit auch keine Nachhaltigkeit in vielen sportlichen Bereichen. Insbesondere die Amtszeit von Souness ist mir da schlechter Erinnerung.
Während die Mancs sich in den 90er ganz massiv zu einer globalen Marke aufbauten und in Übersee der unbestrittene englische Marktführer inzwischen sind, schlief man in Liverpool jahrelang den Traum vergangener Triumphe. Diese verlorene Zeit fangen wir gerade an aufzuholen.
Dazu hat sich das sozial-ökonomische Umfeld in Liverpool seit Mitte der 80 er weit abgekoppelt vom den in der verbotenen Stadt.
Und dann, anfangs der 00er Jahre, als sie in Houllier endlich wieder einen Anfield-taugliches Konzept hatten (v.a. was die Integration eigener Talente in den Profikader anbetrifft) hatten die Reds auch viel Pech, wenn man das krankheitsbedingte Ende von Houllier betrachtet.
Danach brach die“spanische Phase“ mit Benitez an, mit einzelnen sportlichen Höhenflügen, aber eben nicht zwingend in der Logik der Team-Entwicklung davor. Als die Spanier wieder weg waren (beginnend mit dem Weggang von Xabi Alonso) brach die „Armada “ wieder ein, bis sogar deren Chef Benitez ging. Aber Benitez hatte den Mut, unbequeme Sachen auch öffentlich auszusprechen: das man mit dem Potential des Vereins keine 38-Spiele-Meisterschaft gewinnen kann, sondern sich auf die Pokalwettbewerbe konzentrieren sollte. Als er es trotzdem, auf öffentlichem Druck, 2009 versuchte, saugte er die Ressourcen des Teams völlig aus. Danach kam dann nicht mehr viel: Scheitern in der Gruppenphase der CL usw.
Danach ging es ab ins Mittelfeld der PL.
Wie verblendet man in großen Fan-Kreisen der Reds die glorreiche Geschichte 1:1 in die Gegenwart projeziert, konnte man dann am Schaffen und Gewährenlassen der Vereins-Ikone Dalglish als Trainer seit Januar 2011 sehen. Nicht nur die Erfolge blieben aus, das Team zeigte immer mehr uninspirierten Fussball (man muss sich dazu mal das Finale im Carling-Cup 2012 gegen Cardiff anschauen und die ersten 60 Minuten im FA-Cup-Finale gegen Chelsea!), ohne Leidenschaft und Kampf. Und das trotz fast 100 Millionen Transferausgaben, die Dalglish für neue Spieler ausgab. Waren vorher die ehemaligen Vereinsbesitzer Hicks und Gillet das Feindbild der fans und der einzige Grund für den Niedergang des Klubs, sah man nun zunehmende Ratlosigkeit im Umfeld des Vereins. Erst spät, fast schon zu spät, setzte sich dann auch bei den traditionalistischsten Fans endlich die Erkenntnis durch, dass neben der messias-ähnlich verehrten Ikone Dalglish das gesamte Vereinsmanagement nicht mehr den hohen Ansprüchen genügte, die man an den FC Liverpool richtet. Die neuen Besitzer aus Boston räumten dann auch knallhart in den Chefetagen auf und ließen kein Stein auf dem anderen. Erst ging der Sportdirektor Comolli, dan der Trainer Dalglish, dann ein weiteres Dutzend leitender Angestellter. Nichts war mehr „champions-league-reif“. Scouting, Nachwuchsarbeit, Transferpolitik.
man darf gespannt sein, ob der Neuanfang mit Brendan Rodgers gelingt. Jedenfalls haben die Besitzer ihm zeit gegeben, ein neues Team aufzubauen.

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HW 5. Juli 2012 um 22:45

Mensch, nach so langer Zeit macht sich noch jemand die Mühe hier zu kommentieren.

Vielleicht sollte ich den Artikel mal überarbeiten … oder ich investiere Zeit in ein paar andere Artikel. Ideen sind vorhanden.

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baryern 6. Mai 2012 um 18:24

Könntet ihr vielleicht eine Analyse über den FC Chelsea der Jahre 2004-2006 machen? Das wäre mit Sicherheit sehr interessant.

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RM 6. Mai 2012 um 19:41

Ist – neben sehr vielen anderen – geplant! Allerdings sind wir durch das Tagesgeschäft, die anstehende EM und ähnliches über das Jahr sehr eingenommen – positiver Aspekt: es wird in den nächsten Jahren sicherlich nicht an Ideen mangeln!

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maverick.91 6. Mai 2012 um 21:56

da kommt vorfreude auf!!

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MG532 23. August 2011 um 20:49

Sehr schöne Abhandlung über die Reds. Als alter Borusse muss ich aber darauf bestehen, dass unser Torwart Kneib hieß.

Schönen Abend und weiter so!

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HW 24. August 2011 um 01:52

thx, ist gefixt.

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Vanye 23. August 2011 um 13:34

Danke für die zusätzlichen Erklärungen. Ich denke jetzt habe ich besser verstanden, wie die Mannschaft damals funktioniert hat und die Formationsbeispiele sind mir jetzt auch klarer.

„Inverting the Pyramid“ lese ich auch gerade, deswegen kam mir der Abschnitt mit dem Boot Room sehr bekannt vor.:) Ich fände es übrigens interessant, wenn ihr von Zeit zu Zeit auch Buchempfehlungen geben könntet. Gerade bei Trainerbiographien würde es mich interessieren, welche eine Vision aufzeigen und über bloße Anekdotensammlungen hinausgehen.

Wenn die Abwehr damals Probleme mit hohen Bällen hatte, sollte das doch bei Mannschaften, die heutzutage ähnlich hoch stehen, um viel Ballbesitz zu kreieren, auch so sein. Als Gegner bräuchte man dann „nur“ Spieler, die auch in Bedrängnis einen präzisen langen Ball spielen können und eintrainierte Laufwege nach Balleroberung, damit man nicht lange schauen muss, bevor der Pass gespielt wird.

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HW 24. August 2011 um 02:20

Hughes, Hansen und Co. waren schon recht Kopfballstark. Trotzdem ist eine hoch stehende Abwehr immer anfällig für solche Bälle. Die Torleute sind früher auch nicht gerade aus dem Tor gerannt wie sie es heute machen.

Buchempfehlungen, die Idee gebe ich an meine Kollegen weiter. Von Biografien lass ich meist die Finger. Hab noch keine Trainer oder Spieler Bio gelesen. Liegt daran, dass ich selten Biografien lese.
Vielleicht sollten wir aber eher eine Umfrage machen welche Bücher die Leser empfehlen würden.

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Vanye 23. August 2011 um 08:26

Als ich Mitte der Achtziger alt genug war, mich für Fußball zu interessieren, hatte ich Heysel gerade verpasst, um es bewußt mitzuerleben und die lange Sperre der englischen Klubs war für mich zu dem Zeitpunkt normal. Trotzdem lag gerade damals immer noch der Glanz des FC Liverpool in der Luft und deswegen war es spannend hier zu lesen, wie es dazu gekommen ist.

Vom taktischen Verständnis war der Artikel für mich leider weniger aufschlussreich als z.B. der Artikel über Barcelona. Da ich mich noch nicht seit Jahren mit Fussballtaktik beschäftige, eigentlich bin ich erst durch spielverlagerung.de dazu gekommen ;), waren für mich die Abbildungen der Spielzüge eher verwirrend. Zum Beispiel die zweite Abbildung (die nicht im Text erklärt wird): Rennt Callaghan dem geschossenen Ball zu Heighway hinterher? ist die gestrichelte Linie ein Dribbling (sonst waren gestrichelten Linien Rotationen von Spielern)? Laufen Heighway, Neal und Mc Dermott auf die gleiche Stelle zu?
Vielleicht wären hier die animierten GIFs ganz nett, die ich schon bei anderen Beiträgen gesehen habe.

Auch zur Taktik wird in den ersten Absätzen wenig gesagt, sondern meisten nur die Tore beschrieben und es steht da mehr das Einzelkönnen der Spieler im Vordergrund. Zum Beispiel wenn ein Tor durch einen langen Pass und eine glänzende Annahme und Torschuss fällt, obwohl doch das Ballhalten das Merkmal des neuen Spiels war. Der neun Stationen Konter Stück für Stück aufgedröselt mit Bildern wäre vielleicht ideal dafür gewesen, leider wird er nur kurz erwähnt.

Im Absatz „Der Stil“ wird das System dann besser erklärt, leider dort dann ohne Abbildungen. Allgemein hätte mich dann vor allem interessiert, was der Unterschied zum Ballbesitzspiel von Holland in den 70ern oder Barcelona heute ist. War dieses Spiel ,mit den langen Bällen zum richtigen Zeitpunkt, die Antwort auf den totalen Fußball mit seiner hochstehenden Abwehr? Auch die Nachteile des Stils hätten hier noch mehr herausgearbeitet werden können, gerade am Beispiel der verlorenen Spiele im Europapokal.

Die zwei, drei Beispiele klingen jetzt kritischer als ich es klingen lassen will. Ich habe viel über die Geschichte von Liverpool erfahren und warum damals, als ich angefangen habe, Fußball bewußt zu verfolgen, Liverpool als Nonplusultra galt, aber vom taktischen Standpunkt weiß ich leider noch nicht so genau, wie die Liverpooler Mannschaft hier in die Entwicklung in den Achtzigern passt.

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HW 23. August 2011 um 10:48

Vielan Dank für die Anregungen.
Zur zweiten Grafik: Die gestrichelte Linie ist ein Dribbling. Es handelt sich um einen Spielzug und nicht um eine Formationsbeschreibung. Vielleicht sollten wird dab aber noch mal etwas deutlicher machen.

Bei Spielzügen ist auch immer die Klasse der Spieler wichtig, ohne entsprechende Technik der Spieler hat ein Spielzug geringere Aussichten auf Erfolg. Ich wollte auch darstellen, dass die Mannschaft nicht nur taktisch etwas bestimmtes gemacht hat, sondern eben auch gute Fußball in den eigenen Reihen hatte. Viele Leute kennen dieses große Team nicht und da ist eine allgemeinee Einführung meiner Meinung nach angebracht und keine rein taktische Analyse.

Zum Stil: Zum einen war dieser Stil für England ein wichtiger Schritt. In „Inverting the Pyramid“ von Jonathan Wilson wird berschrieben, wie zur gleichen Zeit in der FA eine andere Richtung eingeschlagen wurde. Durch statistische Auswertungen (wobei da auch ein paar falsche Schlüsse gezogen wurden) wurde ermittelt, dass u.a. eine hoher Prozentsatz von Toren nach Spielzügen mit drei oder weniger Pässen fielen. Daraus wurde gefolgert, dass einfach nur sofort nach vorne gepasst werden sollte um viele soche Spielzüge zu erzeugen (und um möglichst oft und früh zu schießen, egal von wo).
Liverpool hatte aber mit dem abwartenderen Stil Erfolg.

Zur Abgrenzung zu Ajax oder Barca. Der totale Fußball von Ajax basiert ja auf exelenten Technikern, Positionswechseln, Pass- und Ballbesitzspiel (und durch den Einfluss von Happel bei Feyenoord auch Pressing). Barca ist mir dem Einfluss von Michels und Cruijff eine Weiterentwicklung dieses Stils, die moderne Form davon.
Ajax Spieler von damals sagen immer, die hätten noch ein paar Jahre den Europa Cup gewonnen, wenn die Mannschaft zusammen geblieben wäre, und das ist zumindest sehr wahrscheinlich.

Liverpool führte (aus Sicht des englischen Fußballs) die Ballsicherheit in der Abwehr ein. Wie dargestellt verschoben auch einige Spieler, wie z.B. Neal ins Mittelfeld. Aber das war natürlich kein totaler Fußball.
Dazu passten die Engländer ihre Offensivformation den Gegner an. Gegen Gladbach war es eine taktische Anweisung, dass die Stürmer breit spielten um die Manndeckung aus dem Zentrum zu siehen (wie bei der zweiten Grafik dem 1:0 in besagten Finale). Gegen St. Etienne wurde Auswärts fast 4-5-1 gespielt, in anderen Spielen 4-3-3, 4-4-1-1.
Die Basis war immer die Abwehrkette und zwei oder drei Mittelfeldspieler (Souness, McDermott usw.). Der Angriff wurde aber auf den Gegner abgestimmt (zumindest in Europa). Ein Stilmittel waren Pässe nach vorne, die gleich wieder kurz zurück gelegt wurden (sehr klassisch, sieht man heute noch). Es gab aber auch Kombinationen über außen.

Leider bekommt man nicht zu jedem Spiel gutes Videomaterial. Dazu sind die Kameraeinstellung noch anders (man sieht weniger vom Feld) und statistische Daten wie heute gibt es auch nicht.

Die Nachteile des Stils: Zum Teil waren die Außenverteidiger sehr offensiv, das konnte zur Anfälligkeit für Konter führen. Gegen Flamengo spielte Zico einen Pass über die hoch stehende Abwehr zum 1:0 und zerschnitt (wieder die hohe Abwehr) vor dem 3:0 mit einem diagonalen Pass. In Europa habe ich aber selten gesehen, dass die Abwehr so vorgeführt wurde.
Gegen Manchester United (1:2 Cup Finale 77) gabs einen hohen, langen Ball über die Abwehr und einen Angriff über rechts) aber das Spiel müsste ich mir nochmal ansehen. Die hohe Abwehr konnte also zum Problem werden, gerade bei Kontern. Deswegen hatte Gladbach auch Chancen im Landesmeisterfinale, sie waren auf Konterspiel eingestellt. Brügge dagegen war wie das Reh im Scheinwerferlicht.

Wer Liverpool nicht mag, der sollte sich das Spiel um den Weltpokal gegen Flamengo anschauen. Als Fan dann eher das 4:0 gegen Aberdee, das hatte was von Barcas 5:0 gegen Real im November.

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Paul 22. August 2011 um 13:48

Sehr interessant. Aber im Vergleich der Videos war der Sieg 1977 doch sehr glücklich. Gladbach mindestens ebenbürtig, aber mit miesem Torwart und Abschluss.
Tor nach Eckball und Elfmeter zeugen auch nicht von spielerischer Dominanz.

Ganz anders dann gegen Brügge. Es scheint sehr dominant zu sein. Torwartleistung dort überragend, wäre aber um ein Haar schief gegangen, weil es auf der Gegenseite anders aussah.

Nunja aber die Videos zeigen das Spiel nur in Ausschnitten und es muss natürlich nichts über den ganzen Spielverlauf hinweg bedeuten.

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HW 22. August 2011 um 15:09

Gladbach hatte wirklich einige gute Chancen und das Spiel hätte durch Tore der Gladbacher vielleicht auch kippen können. Ich habe aber das ganze Spiel gesehen und Liverpool war dominanter und hat verdient gewonnen.

Wie du richtig bemerkst war es ein Jahr später wesentlich klarer, aber der Ball wollte nicht ins Tor. Und dann hat Brügge diese eine riesen Chance, die auf der Linie geklärt werden muss.

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False9 22. August 2011 um 11:27

Wow, was ein Artikel! In der Liebe zum Detail und Ausführlichkeit echt herausragend.
Was Heysel angeht: in Fever Pitch heisst es bei Nick Hornby, dass das „Rennen“ der Liverpool Hools kein echter, sondern nur ein simulierter Angriff war (was es keinesfalls besser macht), und die Panik bei den Italienern dadurch verstärkt wurde, dass sie dieses „Ritual“ der Engländer nicht kannten. Irgendwie ist Liverpool neben den großen Erfolgen und dem tollen Fussball auch zu dem Club mit den beiden größten Fankatastrophen geworden (Heysel und Hillsborough), die jede auf ihre Art und Weise den englischen Fussball für immer veränderten…

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