Donnerstag, 21.09.2017

Frauen-WM: Deutschland – Japan 0:1

Die Sensation ist perfekt: Außenseiter Japan wirft den Titelfavoriten Deutschland aus dem Turnier. Der Sieg der technisch starken Japanerinnen ist auch Zeichen eines Paradigmenwechsels im Frauenfußball.

Die Aufstellung vor dem Spiel hatte auf beiden Seiten keine Überraschungen parat: Silvia Neid setzte auf ihre bewährte Mannschaft. Das hieß auch, dass Birgit Prinz erneut auf der Bank sitzen musste. Auch das japanische Team konnte aus dem Vollen schöpfen. Sie setzten wie bereits in der Vorrunde auf ein 4-4-2 System, wobei auf der Doppelsechs mit Sawa die Spielmacherin des Teams zu finden war.

Die Japanerinnen sind bei dieser WM eine der technisch stärksten Mannschaften. Im Gegensatz zu manch anderer Frauennationalmannschaft machen sie kaum Fehler bei Annahmen oder Pässen, weswegen ihre Pass- und Ballbesitzquote überdurchschnittlich hoch ist. Sobald der Ball in ihren Reihen kreist, ist es schwer, ihnen diesen wieder wegzunehmen. Ihre Niederlage gegen England zeigte aber auch, dass sie nicht unverwundbar sind: Gegen ein körperbetontes, aggressives Spiel haben die kleinen Spielerinnen Probleme.

An dieser Schraubstelle setzte die deutsche Defensive an: Sowohl das Angriffs- als auch das Mittelfeldpressing waren von hoher Aggressivität wie auch Laufbereitschaft geprägt. So verhinderte man, dass die japanische Offensive in das Aufbauspiel miteinbezogen werden konnte. Die Stürmerinnen waren nur selten am Ball, auch Spielmacherin Sawa kam erst zu Ballkontakten, als sie sich weit in die eigene Hälfte fallen ließ.

Die deutsche Mannschaft spielte damit ihre Hauptstärken aus: Ihre Kondition sowie ihre körperliche Robustheit. Man zwang Japan in viele Zweikämpfe, indem man die Gegnerinnen hart attackierte. Das Pressing, was sich schon im Spiel gegen Frankreich verbessert zeigte, war auch heute wieder ein Positivum.

Obwohl man den Japanerinnen so ihr Offensivspiel kaputt machte, eigene Chancen kreierte man durch Ballgewinne nicht – zu stark waren dafür die Kombinationen der japanischen Verteidigerinnen, die selbst schwierigste Situationen lösen konnten, notfalls mit einem langen, aber dennoch überlegten Ball. Ganz anders die deutschen Frauen, die sobald Japan mal weiter vorne attackierte die Situationen meistens nur mit Körpereinsatz, aber nicht mit Kombinationen lösen konnten. Von der Spielintelligenz her waren die Japanerinnen überlegen.

Dass die deutsche Mannschaft gerade in diesem Bereich Probleme hat, wird an dieser Stelle seit dem Eröffnungsspiel gepredigt. Ihr gesamtes Offensivspiel ist geprägt von einem lähmenden Konservatismus. Die Außenverteidigerinnen gehen nicht mit nach vorne und schaffen keine Überzahlsituationen. Stattdessen kleben sie meistens als Viererkette in der eigenen Hälfte, ins Offensivspiel bringen sie sich meist nur über lang geschlagene Bälle ein.

Die größte Schwachstelle sind jedoch nicht die Außen, da dort wenigstens die agilen Garefrekes und Behringer Wirbel machen. Am meisten drückt der Schuh in der Mittelfeldzentrale: Von dort kommen keine Impulse im Spiel nach vorne. Oben wurde erwähnt, dass die deutsche Mannschaft Sawa gut aus dem Spiel genommen hatte. Niemand würde auf die Idee kommen, zu sagen, der Gegner nähme Laudehr oder Bresonik (sie ging in die Zentrale, nachdem sich Kulig früh verletzte) aus dem Spiel. Die Stärken der beiden sind ihre Zweikämpfe wie auch ihre enorm hohe Laufbereitschaft. Die Abwehr durch geniale Ideen aufzubrechen vermögen sie jedoch nicht.

Der Mangel an zündenden Ideen zieht sich durch das gesamte deutsche Team. Aus dem Spiel hatte Deutschland über die gesamte Spielzeit hinweg keine einzige nennenswerte Chance. Man tat sich mit den zwei dicht stehenden Viererketten der Japanerinnen schwer. Diese egalisierten ihre körperlichen Defizite durch gutes Stellungsspiel, das von hoher Laufbereitschaft geprägt war.

Wenn für die deutsche Mannschaft Chancen entstanden, war es nach Standards. Teilweise hatte man sogar das Gefühl, die deutsche Mannschaft suchte bewusst Ecken und Freistöße. Auf dem Papier klingt das gegen die klein gewachsenen Japanerinnen nach einem guten Rezept. In der Praxis zeigten sie jedoch bereits in der Vorrunde, dass Standartsituationen keineswegs ihre Schwächen sind. Dementsprechend wenige Kopfballchancen kreierten die Deutschen.

Zur Halbzeit stand es nach Torschüssen 5 zu 5. Alarmierender für die deutsche Mannschaft war jedoch, dass Japan eine wesentlich höhere Passgenauigkeit aufwies (78% zu 71%). Gepaart mit der Ballbesitzstatistik (57% zu 43%) manifestiert dies den optischen Eindruck, dass die Japanerinnen in diesem Spiel mehr als ebenbürtig waren – das an sich ist schon eine kleine Sensation.

Diese Situation ist für den zweifachen Weltmeister jedoch keine Neue:  Schon öfters hatte man in den letzten Jahren mit spielerischen Problemen zu kämpfen. Diese Schwächen wurden allerdings immer durch die überragende Kondition wettgemacht, die einige Male den Unterschied ausmachte. Aber hier zeigt sich, wie sehr sich der Frauenfußball verändert hat: Deutschland hat kein Monopol mehr auf die Schlussviertelstunde. Bis zum Ende schenkten sich beide Teams keinen Zentimeter. Es wurde um jeden Ball gefightet.

Ein taktisch geprägtes Spiel war es schon lange nicht mehr. Die Fehlpässe häuften sich, das Pressing lief immer öfter ins Leere. Die Verteidigungsarbeit war noch immer strukturiert, die Angriffsbemühungen schon lange nicht mehr. Nachdem das Spiel nach 90 torlosen Minuten in die Verlängerung ging, hatte man das Gefühl, zwei taumelnden Boxern dabei zuzuschauen, wie sie versuchen, den finalen Lucky Punch zu landen.

Auffällig war zudem, dass Silvia Neid dem Spiel der deutschen Mannschaft mit den Wechseln keinen Schwung bringen konnte. Weder Popp noch Bresonik brachten neuen Schwung ins Spiel. Nicht nur ihre Startaufstellung, sondern auch ihre positionsgebundenen Wechsel waren zu sehr auf Sicherheit bedacht, als dass sie sich positiv auf das Spiel hätten auswirken können.

Genau hier schließt sich der Kreis: Im Gegensatz zu der deutschen Mannschaft hatte Japan an diesem Abend das Wechselglück und auch die individuelle Klasse, um die geniale, spielentscheidende Situation zu kreieren und zu verwerten. Sawa blieb nur einen kurzen Moment unbewacht und schlug einen großartigen Pass in den Lauf der eingewechselten Maruyama (46. Für Nagasato). Diese vollendete den Angriff aus spitzem Winkel (108.).

Danach begann der letzte, verzweifelte Sturmlauf einer dem Ausscheiden entgegenblickenden Mannschaft. Flanke um Flanke fand den Weg in den Strafraum der Japanerinnen – gefährlich wurde keine. Am Ende zeigte die Anzeigetafel das Unglaubliche: Deutschland scheidet im Viertelfinale gegen Japan aus.

Man mag einwerfen, dieser Bericht stelle die deutsche Mannschaft zu negativ dar, schließlich führten sie die Torschussstatistik am Ende mit 24 zu 9 Torschüssen an. Hier muss man sich aber fragen, mit was für einer Qualität von Chancen man es hier zu tun hat. Es gab keine nennenswert herausgespielte Chance, fast sämtliche Situationen waren mal mehr, meistens weniger gefährliche Kopfbälle nach Standartsituationen. Silvia Neids Offensivkonzept baute nur auf hohe Bälle.

Dies reicht allerdings nicht mehr, um im Frauenfußball punkten zu können. Eine Mannschaft, die einzig auf die deutschen Tugenden Kampf, Laufbereitschaft und Kopfballstärke aufbaut, kann dem Turnier nicht mehr seinen Stempel aufdrücken. Dafür haben sich die anderen Nationen körperlich wie auch technisch zu sehr weiterentwickelt. Gegen Frankreich ging diese Rechnung noch auf, Japan hielt jedoch kämpferisch energisch entgegen und war spielerisch schlicht und ergreifend besser.

Das japanische Team wird spätestens jetzt bei vielen Beobachtern auf der Favoritenliste ganz weit oben auftauchen. Sie verkörpern einen neuen Frauenfußball, der nicht auf Athletik, sondern auf Kombinationsstärke und eine stringente Taktik setzt. Die Debatte um die Zukunft der deutschen Frauennationalmannschaft dürfte mit dieser Niederlage hingegen begonnen haben.

kune 10. Juli 2011 um 08:56

Das ist eine exzellente Zusammenfassung und unterscheidet sich wohltuend vom Rest der Presse. Ich denke, dass die vielen Erfolge der letzten Jahre ein Umdenken im deutschen Lager verhindert hat. Es irritiert schon, dass so einfache Dinge wie Flachpässe nicht konsequent umgesetzt werden. Wenn man das mit schnellen Umschaltspiel kombiniert, sollte man wieder an die alten Erfolge anknüpfen können.

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B. Hologa 10. Juli 2011 um 08:56

Schön, wie das wort „kreieren“ einzug in die Fußballberichterstattung erhalten hat 🙂
Gibt es Zahlen zu der Fehlpassqoute beider Teams?
Die war gestern ja wirklich erschreckend.
Ich denke auch, hier wird sich im Frauenfußball auch für die Deutschen etwas wesentliches ändern. Wie auch bei den Männern geschehen, werden sie in Zukunft nicht mehr alleine auf die sog. deutschen Tugenden wie Laufbereitschaft und physische Stärke setzen können, sondern müssen ihr Offensivspiel variantenreicher gestalten und technisch zulegen.

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Hoppala 10. Juli 2011 um 08:13

Es kam wir so vor wie die deutschen Herren 2000. Vielleicht findet nun ein Spielsystemwechsel statt, vielleicht musste man rausfliegen um zu erkennen das man anders spielen muss. Zudem war Okoyimo auf der Spielmacherposition völlig überfordert und hat kaum einen Ball sauber angenommen. Auf dem Niveau kann das nicht sein. Spielintelligenz war keine auszumachen, kein Schnittstellenpass, häufig verschleppte Angriffe. Man kann es nur als verdient bezeichnen. Der ultimate Siegeswille war nicht zu spüren, ich denke die Mannschaft sah sich schon im Halbfinale.

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uczen 10. Juli 2011 um 07:56

Wirklich sehr treffend. Nachdem ich mich gestern das erste Mal wirklich mit der WM auseinandergesetzt habe und zunächst von den Französinnen angetan war haben mich die deutschen Damen in Folge wirklich erschreckt. Vollkommen ohne Alternativmöglichkeiten, einzig und allein Physis als Grundlage des Spiels, mit dem Credo von x Bällen wird schon irgendeiner mal den Weg ins Tor finden. Ob Frau Neid daraus dies Schlüsse ziehen wird? Ich weiß es nicht, zumindest wirkt es, als ob sie dafür alles, was sie unter erfolgreichem Fußball versteht über den Haufen werfen müsste. Was die Spielerinnen angeht fand ich Okoyino da Mbabi z.T. ganz erfrischend, auch Simone Laudehr hat zumindest den ein oder anderen Alternativversuch gemacht, aber eine Inka Grings, Melanie Behringer und Kerstin Garefrekes sind für mich der Inbegriff der im Artikel beschriebenen Spielanlage. Und Alexandra Popp wurde in die Philosophie auch noch reingeboren, ohne dass sie jetzt nach ihrer Einwechslung die Klasse einer Thiney zeigen konnte.
So Schade es der Stimmung wegen sein mag, ein Sieg für die Zukunft des Frauenfußballs war es in meinen Augen gestern definitiv.

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datschge 10. Juli 2011 um 00:41

Gute Zusammenfassung. Etwas schade, dass damit der Gastgeber raus ist, aber die Japanerinnen haben es sich wirklich verdient. Sehr schöne Vorbereitung und Tor. Bleibt nur zu hoffen, dass Neid die richtigen Schlüsse daraus zieht und alle genannten Schwachpunkte angeht.

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datschge 17. Juli 2011 um 21:51

Hochverdienter Weltmeister. Besser kann man nicht zeigen, dass man mit guter Technik und Taktik mithalten kann.

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