Szenenanalyse: Warum die diagonale Leiter so effektiv ist – SR
Italien scheint unter Roberto Mancini einen neuen Weg zu gehen. Im frühen Spielaufbau folgen sie Positionsspiel-Prinzipien. Aber je höher sie sich das Feld hinaufbewegen, desto relationistischer werden sie. Dies führte zu einer Szene, in der sie einmal quer durch den türkischen Block hindurchschnitten und so zum 2:0 treffen konnten. In dieser Analyse wird das Prinzip der „diagonalen Leiter“ genauer untersucht und wieso es so gefährlich sein kann.
Der Ablauf

Faggioli hat den Ball, und kann aufgrund des unsauberen Pressingwinkels von Özcan auf Tonali spielen. Italien hat auf der linken Seite ein 4gg.3-Überzahl.
Die Türkei presste in dieser Partie aus einem 4-4-2 heraus. Da die Italiener in einem 4-3-3 spielten, versuchten die Stürmer der Türkei, den alleinigen Sechser, meistens Tonali, abzudecken. Das garantierte ihnen eine +1-Absicherung in der letzten Kette. Doch was ist, wenn die Stürmer nicht nach hinten pressten bzw. die Passwege nicht abdeckten? Dann hatte Italien eine Überzahl auf dem Feld. Beim Herausverteidigen von Demiral: Die Spielrichtung der Italiener ist nicht vertikal. Dadurch wird der Pressingwinkel nicht horizontal, sondern seitlich und ist deshalb viel schwächer. Der ähnliche Effekt ist bei horizontalen Verlagerungen. Diese sind aber meistens nicht so gefährlich, da der Raumgewinn viel geringer ist. Bei der Diagonalität ist dieser viel höher und deshalb so verheerend. Genau dies war beim 2:0 der Fall. Tonali kippte dabei neben die Innenverteidiger ab. So wurde er, als er im Ballbesitz war, zögerlich von Özcan gepresst, der den linken Halbraum so öffnete. Tonali und Fagioli spielen einen Doppelpass. Währenddessen startet Frattesi einen Lauf in die Tiefe und zieht so Kökcü mit sich. Der linke Halbraum und das Zentrum werden so noch weiter geöffnet. Esposito startet einen Bogenlauf in den geöffneten Halbraum, Raspadori ist so frei im Zentrum.

Tonali wird von Özcan gepresst. Faggioli wird per Ablage gefunden. Frattesi zieht Kökcu aus dem Zentrum.
Esposito startet seinen Lauf aus dem Sichtwinkel von Celik, der dadurch einen Momentum-Nachteil hat. Er ist auch unsicher, ob er Espositos Lauf aufnehmen sollte, da er gegen Esposito und Fagioli in 2-gegen-1-Unterzahl stehen würde. Die beiden spielen ebenfalls einen Doppelpass. Sofort nach seinem Abspiel startet Fagioli in die Tiefe und zieht Celik mit sich. Esposito ist frei im Halbraum, dadurch sieht er viel, ohne risikoreich gepresst werden zu können. Er hat auch den Ball auf seinem starken rechten Fuss und somit eine perfekte diagonale Anbindung ins Zentrum, wo Rapadori allein steht und entgegenkommt. Das türkische Zentrum ist komplett offen.

Das Zentrum ist aufgezogen. Raspadori hat sehr viel Platz steht seitlich und kann den Ball vor Demiral besser schützen (und es gibt zustäzlich Raumgewinn!).
Beim Pass von Esposito auf Raspadori springt Demiral auf ihn heraus. Seine Pressingdistanz ist dabei etwas lang. Er kommt nicht in den Zweikampf. Bei der Folgebewegung hat Raspadori einen Vorteil. Er muss sich viel weniger drehen, um sich in die Spielrichtung zu bewegen, dabei hat er den Ball immer im Blick – ein Vorteil der Diagonalität: Durch den diagonalen Pass muss sich Raspadori weniger drehen und hat mehr im Blick. Ausserdem ist der Pressingwinkel von Demiral aufgrund der Körperausrichtung von Raspadori seitlich, deshalb ist seine Wahrscheinlichkeit, den Ball zu erobern, viel kleiner. Ein ähnlicher Effekt ist bei horizontalen Verlagerungen zu beobachten, wo Spieler seitlich zur Spielrichtung stehen. Diese sind aber meistens nicht so gefährlich, da der Raumgewinn viel geringer bzw. kaum vorhanden ist. Bei der Diagonalität ist dieser viel höher, da die Pässe oder die Bewegungen trotzdem in die Spielrichtung gehen. Demiral dreht sich entgegen seines Momentums in Richtung Ball auf und verliert Raspadori aus den Augen.

Italien spielt One-Touch-auf Raspadori zurück. Alle türkischen Spieler kollabieren in Richtung Zentrum, auch Uzun und Elmali, und vergessen so Kayode in ihrem Rücken.
Italien spielt die Szene dann im höchsten Tempo aus (One-Touch-Fussball, richtig vorbereitet, ist unverteilbar). Fagioli spielt den Pass direkt auf Esposito, der auf Raspadori ablegt. Interessant ist, dass alle italienischen Spieler Rechtsfüsser sind. Sie können so den Gegner mit ihrem Rücken fernhalten und haben dennoch durch die Fussausrichtung eine diagonale Fortsetzungsmöglichkeit.
Nun geschieht etwas Interessantes. Die Ablage von Esposito ist ebenfalls diagonal. Raspadori kann den Ball so in seinem Laufweg direkt aufnehmen. Währenddessen kollabieren Uzun und Elmali in die Mitte, um den Raum dort zu schützen. Dabei verlieren sie Kayode aus dem Sichtfeld – sie können ihn so nicht abdecken. Raspadori spielt den Pass auf Kayode, der zum Abschluss kommt. Bayindir hält stark, doch Frattesi muss den Abpraller nur noch einschieben.
Lösung gegen das Problem
Dass diese diagonale Leiter so gut gegen die Türkei funktioniert hat, hat die Ursache, dass die aktuellen defensiven Systeme nicht gegen Diagonalität ausgelegt sind. Dies wird augenscheinlich, wenn einem bewusst wird, dass Kökcü oder Uzun und Elmali nie diagonal nach hinten scannen, sondern auf den Ball, frontal und seitlich, und den Raum oder die Gegenspieler nicht diagonal abdeckten.(Dies war auch eine Ursache zwischen Barcelona und Racing Santander. Lustig, dass das bei Diagonalen Verlagerungen häufiger auftritt.) Die Spieler, die der Schlüssel für diese diagonale Leiter sind, tauchen nicht in ihrer Entscheidungsfindung auf, da sie überhaupt nicht wahrgenommen wurden. Was zu falschen Entscheidungen führen kann. Das mangelnde Scannen führt auch dazu, dass die Spieler hinter ihnen plötzlich eine Verantwortung für die Diagonalspieler erhalten, obwohl ihre Ausgangslage nicht ideal dafür ist (siehe Demiral und Raspadori). Es kann auch zu Kommunikationsproblemen führen, wie bei Uzun und Elmali, die beide dann auf Raspadori rausrücken und sich niemand mehr für Kayode verantwortlich fühlt.
Was also nützt, ist diagonales Scannen in den Rücken. Dann wissen die Spieler, wo ihre Gegenspieler sind, und können bessere Entscheidungen treffen. Oder auch Coaching von den Mitspielern, die die Diagonalspieler sehen.

Kökcu scannt in seinem Rücken, übernimmt Raspadori und Demiral Frattesi. Dadurch wäre die Mitte gesichert und Italien könnte das Spiel nicht diagonal fortsetzten. Eine Verlagerung auf die rechte Seite wäre nicht mehr so einfach.
Auch ein Grund ist, dass die diagonale Leiter üblicherweise von einer Seite durch das Zentrum auf die andere Seite führt. Deshalb kollabieren die meisten Gegenspieler in Richtung Mitte, auch die ursprünglich ballfernen. Dadurch wird der ursprünglich ballferne Raum noch grösser und durch die Gegenbewegung (der Ball bewegt sich diagonal weg vom Zentrum, die Gegenspieler diagonal ins Zentrum) entwickelt sich der Raum schneller und wird so schneller überbrückt.
Das es überhaupt zur diagonalen Verlagerung kommen konnte, verdankt Italien einem weiteren Relationistischen Aspekt: extremen Überladungen. Moderne Systeme sind nicht auf diese Vorbereitet und wissen nicht wie auf diese reagieren. Dadurch werden falsche Entscheidungen getroffen und/oder irgendwo wird viel Raum oder ein Spieler frei. Aufgrund der starken Überladung der linken Seite, und der stark ballorientierten Bewegung von Raspadori, war bei Italien dann beides der Fall.
Fazit
Alles in allem ist Italien einer der spannendsten Nationalmannschaften bzgl. Relationismus. Dies zeigte sich bei diesem Spiel, wo die Nerazurri die Türkei mit 4:1 schlugen. Man darf gespannt sein, wie Mancini die Mannschaft weiter entwickelt.
SR ist fasziniert vom Fussball und dessen Funktionsweise. Er will die Mechanismen der schönsten Nebensache der Welt ergründen und ist immer offen für Feedback und Diskussionen.
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